Literatur Schöne Lyrik

Sirona
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
Kleinkind.jpg(Pixabay kostenlos)

Ja ein goettlich Wesen ist das Kind
(Fr. Hölderlin)
 
Ja! Ein göttlich Wesen ist das Kind, solang es nicht
in die Chamäleonfarbe des Menschen getaucht ist.
Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön.
 
Der Zwang des Gesetzes und des Schicksales belastet
es nicht ; im Kinde ist Freiheit allein.
In ihm ist Frieden ; es ist noch nicht mit sich selber zerfallen. 
 
Reichtum ist in ihm; es kennt sein Herz,
die Dürftigkeit des Lebens nicht. 
Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts.




 
Roxanna
Roxanna
Mitglied

RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Roxanna
An anderere Stelle gerade eben gehört, das Gedicht wurde dort von der lieben @val eingestellt. Sie ist sicher damit einverstanden, dass es hier noch einmal auftaucht, weil es einfach wunderschöne ist 😄.
 

Einen schönen Feiertag und herzliche Grüße

Roxanna
Sirona
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
deutschland-ein-winterm-rchen-1609.png
Deutschland ein Wintermärchen
Heinrich Heine

 
Mit Vergnügen lese ich immer wieder gern das „Wintermärchen“ von Heine. Da ich eine gebürtige Westfälin bin hat mich dieser Abschnitt besonders berührt:
 

Der lieben Westfalen, womit ich so oft
in Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander ans Herz
und unter die Tische gesunken!
 
Ich habe sie immer so liebgehabt,
Die lieben, guten Westfalen,
ein Volk, so fest, so sicher, so treu,
ganz ohne Gleißen und Prahlen.
 
Wie standen sie prächtig auf der Mensur
mit ihren Löwenherzen!
Es fielen so grade, so ehrlich gemeint,
Freundschaftsbündnis, die Quarten und die Terzen.
  
Sie fechten gut, sie trinken gut,
und wenn sie die Hand dir reichen
zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;
sind sentimentale Eichen.
  
Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,
er segne deine Saaten,
bewahre dich vor Krieg und Ruhm,
vor Helden und Heldentaten.
 
Er schenke deinen Söhnen stets
ein sehr gelindes Examen,
und deine Töchter bringe er hübsch
unter die Haube - Amen!


 

 

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Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
Abend am See.jpg(Pixabay kostenlos)

Abendlied (K. Tucholsky)
 
Auf den Bergen liegt der Schatten,
und der See ist dunkelgrün.
Von den Sechs-Mark-fünfzig-Platten
singt Maria Ivogün…
Horch, die schöne Melodie:
»Tralahü – lahü – lahi!«
Dumpf tönts von der Kegelbahn – – –
Was hast du am Tag getan –?

Hast du einen Brief geschrieben?
Hast du im Büro gepennt?
Hast du Unkeuschheit getrieben?
Nahmst du 10½ Prozent
als Bankier der Industrie…
Tralahü – lahü – lahi –
Singt sie nicht wie Marzipan!
Was hast du am Tag getan?

Hast des Staates du im stillen
dankbar-demutsvoll gedacht?
Hast du Margot Abführpillen,
die sie wollte, mitgebracht?
Dachtest du, wie Hitler schrie…
Tralahü – lahü – lahi –
mit dem bierigen Organ – – –
Was hast du am Tag getan?

Morgen, denkst du, bin ich schlauer.
Morgen fang ichs richtig an.
Jeder – Städter oder Bauer –
ist zur Nacht ein kluger Mann.
Aber welche Ironie –
Tralahü – lahü – lahi –:
Morgen leben alle Leute
egalweg genau wie heute.

Unter dem Pseudonym Theobald Tiger im Jahr 1930
 
 
 
 
Sirona
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
StineAndresen-ca1890.jpg
Gute Nacht
(Stine Andresen)

Weiche Nebelschleier hüllen
ein, was auf der Erde wohnt.
Hoch am Himmel geht die stillen
Bahnen hin der goldne Mond.
In der Ferne
tauchen Sterne
auf und halten treue Wacht.
Gute Nacht!

Leise Schlummerlieder singet
noch das Meer im Abendwind.
Und ins warme Bettchen bringet
jede Mutter nun ihr Kind;
wohl geborgen,
frei von Sorgen,
schlummert's ein, sein Engel wacht,
Gute Nacht!

Süßer Friede! Wollest walten
und beherrschen jedes Herz.
Und in freundlichen Gestalten
schwebet, Träume, erdenwärts,
bis die Sonne
voller Wonne
uns am Morgen wieder lacht.
Gute Nacht!

Alle, die mit bangem Zagen
Stund' um Stunde hingezählt,
die des Tages Last getragen,
die mit Schmerzen sich gequält,
all' ihr Müden
nutzt in Frieden,
einer ist, der für euch wacht.
Gute Nacht!

Daß ein sanfter Schlummer stärke
alle, die zur Ruhe gehn,
um zu neuem Tagewerke
neu gekräftigt aufzustehn.
Mut zum Leben,
Kraft zum Streben
werde Jedem dargebracht.
Gute Nacht!
 
Stine Andresen geb. Jürgens (* 23. Dezember 1849 in Boldixum; † 13. Mai 1927 ebenda) war eine deutsche Schriftstellerin von der Insel Föhr. Ihre Lyrik ist oft auf ihre Heimatinsel bezogen. Neben Gedichten in deutscher Sprache verfasste sie auch einige in nordfriesischer Sprache.

 
 
WurzelFluegel
WurzelFluegel
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von WurzelFluegel
Die Teilung der Erde

»Nehmt hin die Welt!« rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. »Nehmt, sie soll euer sein!
Euch schenk ich sie zum Erb und ewgen Lehen -
Doch teilt euch brüderlich darein!«

Da eilt', was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
Der Junker pirschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
Der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
Der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: »Der Zehente ist mein.«

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern -
Ach! da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn!

»Weh mir! So soll denn ich allein von allen
Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?«
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen
Und warf sich hin vor Jovis Thron.

»Wenn du im Land der Träume dich verweilet«,
Versetzt der Gott, »so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?«
»Ich war«, sprach der Poet, »bei dir.«

Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr -
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
Berauscht, das Irdische verlor!«

»Was tun?« spricht Zeus, »die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben -
So oft du kommst, er soll dir offen sein.«

Schiller

CIMG0411.JPG

abendliche Grüße
WurzelFluegel

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Sirona
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
Kletterrosen.png(Eigenes Foto)

Im Sommer
(Stine Andresen)
 
Im Garten blühn die Rosen
in wundervoller Pracht,
die linden Lüfte kosen
mit ihren Blättern sacht.

In ihren Kelch geschmieget
der bunte Falter ruht,
die fleiß'ge Biene flieget
dahin mit süßem Gut.

Von Blumenduft durchsogen
sind Wiese, Flur und Feld,
des Kornes Aehren wogen,
von Segen reich geschwellt.

Es schmettert ihre Lieder
die Lerche aus den Höh'n
zur blühenden Erde nieder.
O Welt, wie bist du schön!

Es freut im Glanz der Sonne
sich jede Kreatur.
Rings atmet sel'ge Wonne
die lächelnde Natur.

Nun, Menschenherz, werd' munter,
jauchz' auf zum Himmelsdom!
Nun, Menschenleid, geh' unter
im heil'gen Freudenstrom!



 

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