Der Stammgast

 

Er kam jedes Jahr zweimal bei uns an die Haustür: Am ersten Samstag im Juni und am letzten Mittwoch im Dezember. Seit er vor sieben Jahren zum ersten Mal erschien, gehörte er zum Jahresablauf wie Neujahr und 1.Mai, meine Frau fragte schon immer vorher: »Na, kommt der Hartmut nicht bald?« Und richtig - die Türglocke meldete ihn schon bald darauf an.
     Sein breites Grinsen ließ bei uns immer die Sonne im Hausflur aufgehen. »Hi Buddys«, sagte er so ganz salopp, »da bin ick ma´ wieda, wollt´ mir nur ma´ nach euerm´ Wohlerjehen erkundijen. Allet Okay? Ja ick seh schon, bei Euch is allet in Butta. Bei mir ooch, sonst würd ick ja nich hier stehn, wa?. Ja, ja, det war wieder ´n buntet Jahr, aber ick hab’s überlebt, Un nu bin ick hier!«
        Auch wenn er alles wohl auswendig gelernt hatte - vor unserer Tür klang es immer wie ein Stück aus der Geschichte des Lebens. Er bekam dann seinen Teller mit Suppe, einen Briefumschlag mit einem Schein darin (schon vorher bereitgelegt) Und nach dem Verzehr des Mittagsbrots, das er stets - auch im Winter - auf der Terrasse einnahm, verabschiedete er sich formvollendet von uns, mit einer Verbeugung und einem herzlichen Dank. Dann war er wieder weiter unterwegs, ins Ungewisse,

     Letztens wollte ich ihm noch eine ältere Winter-Lederjacke mit Pelzfütterung schenken, die mir zu eng geworden war. Voller Entsetzen lehnte er diese Gabe ab! Auf mein erstauntes Nachfragen meinte er dann: »Wat soll ick denn damit? Det jloobt mich doch keener, dat ik uff de Waltz bin. Nee, nee, lassen se man, ik bin schon jut gerüstet!«
        Im letzten Juni kam er dann nicht mehr an unsere Tür, auch nicht im Dezember. Wir haben nie erfahren, was mit Hartmut geschehen ist, es ist dabei nicht ganz so einfach, wie es aus der Ferne ansehen mag.
Auch das Leben spielt manches Mal so ein Stück wie Leonard Cohens Hallelujah so ganz nebenbei ...

©by H.C.G.Lux

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Kommentare (2)

Syrdal


Episoden, Lebensgeschehnisse, Schicksale… die sich wie aus dem Nichts ergeben und ebenso wieder vergehen, sich aber oftmals nie aufklären. Es bleibt Nachdenklichkeit und möglichst auch die Gewissheit, zur rechten oder zur jeweils notwendigen Zeit richtig gehandelt zu haben...

..überlegt
Syrdal

Pan

Ja, lieber Syrdal, auch wenn man es nicht immer vorher wissen kann -
ein Aufhören kleiner Aktionen käme mir wie ein Eingeständnis der Hilflosigkeit unserer Menschlichkeit vor. 
grüßt mit nachdenklichem Blick
Horst
 


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