Erkenntnis eines Achtjährigen



Mein Enkel ist Legastheniker. Mitbetroffen ist bei ihm wie bei seinem Papa auch das Rechnen, die Dyskalkulie. Er hat aber das Glück, in seiner Mama eine liebevolle Mutter und geduldige „Lehrmeisterin“ an seiner Seite zu haben. Sie hatte schon als Kind mitbekommen, wie viel Übung für ein betroffenes Kind – ihren hochintelligenten Bruder – und wie viel Geduld und Großzügigkeit auch das Kind selber bei immer wiederkehrenden Fehlern brauchte.

Die Sprüche in der Schule seitens der Lehrer, teils lapidar dahingesagt, teils genervt, weil „dieses Kind doch endlich mal begreifen sollte, dass es mehr üben muss!“, gelegentlich auch leicht erbost, was oft zu Mobbing unter den Mitschülern führt oder den Eltern gegenüber: „… irgendwann macht es bei ihm auch „klick“!“ Oder: „Träum nicht, pass besser auf; hier spielt die Musik; üb doch endlich ein wenig mehr, dummer Junge!“ sowohl damals auch teils heutzutage noch sowie das ständig drohende Sitzenbleiben zum Ende eines Schuljahres waren ihr noch sehr gut im Gedächtnis. Mein Sohn hatte die Möglichkeit, durch einmaliges Zuhören grundsätzlich alles behalten zu können und er hat ein fotografisches Gedächtnis. Beides half ihm sehr, dennoch seine Schulzeit ohne eine Klassenwiederholung zu schaffen, schließlich trotz Legasthenie seine Mittlere Reife abzulegen.

Und nun schwebte über ihrem Sohn, meinem Enkel, ebenfalls dieses Menetekel!! Inzwischen ist bekannt, dass nicht diese betroffenen Kinder dumm oder faul sind, sondern dass es am System der Schulen, der Art, wie in Deutschland heute noch an den Schulen gelehrt, gepaukt wird, liegt.

Anfangs las meine Tochter sich in inzwischen doch erhältliche Fachliteratur über Legathenie ein, um ihrem Sohn helfen zu können. Dann entdeckte sie, dass es ihr immer mehr Freude machte, ihrem Kind konkreter zu helfen. Das führte dazu, dass sie sich inzwischen zu Dreiviertel das Diplom zu einer Legasthenie-Trainerin mit Auszeichnung erarbeitet hat. Und so kam es, wie es kommen musste: Dem kleine Bild-Denker wurden nach und nach dank Mamas Hilfe viele Begriffe wie Ordnung, Reihenfolge oder einfach nur die Zahlen, Buchstaben oder beispielsweise dieses Wort ODER deutlich.

Es wird immer noch behauptet, dass Legastheniker nicht einmal das Alphabet aufsagen könnten. Fakt ist, dass es nicht lange dauerte, nachdem er gelernt hatte, sowohl das kleine als auch das große Alphabet mit Knete nachzuarbeiten, das ABC vorwärts und rückwärts aufsagen zu können. 

Wenn man bedenkt, wie viele Worte (ca. 200) ein Kind mit dieser von Geburt an anderen Wahrnehmung, die es nicht verstehen kann, über sich ergehen lassen muss, obwohl es als Bilddenker oft schneller gestellte Aufgaben durchdenkt als seine lernenden, nicht legasthenen Mitschüler, wird diesem „Bilddenker“ lange Zeit ein doppeltes Lernen abverlangt, das Niemand oft bis ins dritte, vierte Schuljahr erkennt oder davon wissen will. Es muss sich eben oft als dumm oder gar als ADHS-Kind hinstellen lassen, als Zappelphilip, der nicht aufpassen kann oder will.

Dabei macht es jeden Menschen nervös, wenn ihm etwas so erklärt wird, dass er es nicht verstehen kann – selbstverständlich gibt es dann bei Jedem von uns nervöse Reaktionen, wenn wir selbst betroffen sind … Seine legasthene Mitschülerin hat das Ergebnis einer Matheaufgaben der Zweitklässler im Kopf fast sofort greifbar. Aber dieses aufzuschreiben – beispielsweise 6 . 6 = 36 – da schreibt sie dann 63, weil sie bei Sechsunddreißig zuerst die Sechs nennt – und schreibt!! Ein richtig typischer Legastheniefehler, den oft sogar die Lehrer/Innen als solchen nicht erkennen (wollen).

Die Wahrnehmung der Buchstaben, der Ziffern sind für einen Bilddenker nur nichts aussagende Hieroglyphen. Es gab sehr viele solche Erkenntnisse, sowohl bei dem Jungen als auch bei seiner Mama. Gerade ist ihm erklärt worden, wie man das (Teil-)Wort VOR oder NACH zu verstehen hat. War sehr wichtig für das Begreifen der Uhrzeit-Benennung oder als Wortteil in einer Geschichte, bei Mathe.

Als auch die Mama begriff, dass das Benennen einer Ziffer bei ihrem Jungen keinerlei Bild erzeugte, fand sie Möglichkeiten, ihm die richtige Wahrnehmung der Bedeutung einer Ziffer beizubringen. Da waren zehn Wassergläser eine gute Hilfe, um einer Ziffer eine Bedeutung zu geben, die dem bilddenkenden Jungen nun half, das Bild einer Ziffer, einer Zahl nun zu sehen, warum in das randvolle Zehnerglas auch nicht mehr die Menge Eins hineinzugeben möglich war. Der Zehner wäre überschritten, übergelaufen.

Dazu kamen dann – natürlich in der Schule für Mathe sehr wichtig ist – was das kleine Kreuzchen / Pluszeichen, der waagerechte kleine Strich / das Minuszeichen oder die zwei Punkte übereinander, Geteiltzeichen sowie nur ein Punkt, der inzwischen durch ein kleines x ersetzt wird, das Malzeichen zwischen den Ziffern bedeuten. Selbstverständlich konnte er zu dem Zeitpunkt längst an seinen Fingern abzählen. Doch das endet ja bei zehn. Auch fehlte ihm dazu noch die Logik und im zweiten Schuljahr wird ja weiter gerechnet als bis 10, 100 und sogar bis 1000.

Inzwischen geht das zweite Schuljahr zu Ende. Die Corona-Ferien haben meinen Beiden viel Zeit geschenkt, zu Hause die Aufgaben aus der Schule sehr konkret zu bearbeiten. Max schafft es jetzt, seine Hausaufgaben größtenteils allein und mit nur wenigen Fehlern zu machen. Sinnerfassendes Lesen, Schreiben und vor allem Mathe machen ihm inzwischen Spaß. Seine Neugier auf weitere Dinge zu lernen ist groß! Allerdings muss ihm stets die Möglichkeit zugestanden werden, sich erneut zu orientieren, wenn er durch Nichtverständnis einer Aufgabe oder zu viel "Trara" um ihn herum desorientiert wird. Ist das ein Zeichen für Dummheit????

Zur Mathematik gehört eben auch die Logik. Und in dieser Woche hat der Achtjährige begriffen, dass er – auch ohne nachzuzählen mit Hilfe der Finger – über Zehnerzahlen hinweg Minusaufgaben errechnen kann. Er staunte selbst über dieses plötzlich funktionierende Minusrechnen: „Mama, warum kann ich das plötzlich??!!“

„Weil es Dir so langsam gelingt, Dir von der Art des Rechnens ebenfalls Bilder zu machen! Du bist doch ein Bilddenker und wenn Du Dir von einigen Dingen kein Bild vorstellen kannst, gelingt es Dir allenfalls, mit auswendiglernen etwas zu behalten. Verstanden hattest Du es da noch nicht. Jetzt aber hast Du gelernt, ohne Fingerzählen mit Logik zu rechnen: wenn das vorhin so richtig war, ist das bei dieser neuen Aufgabe ähnlich zu sehen, also kommt das … dabei heraus“! Das hast Du Dir nun gemerkt und darum funktioniert das auch bei weiteren Aufgaben, immer wieder besser!“

Da waren die Zwei so richtig glücklich: wieder einen Schritt vorwärts geschafft!!! Auch am Abend gab es vom Sohn dafür noch ein Kuschelstündchen …

Er hat auch inzwischen das Wort ORDNUNG gut verstanden. Wir machen uns davon – jeder in seiner Weise – ein Bild der jeweils eigenen Ordnung und Sauberkeit. Dieses Bild kann sich ein Bilddenker aber nicht machen, denn Ordnung ist nicht als solche vorstellbar. Legastheniker sehen davon kein konkretes Bild.

Plötzlich wunderte sich die Mama, dass ihr Sohn sein Zimmer aufräumt, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Er hatte den Begriff Ordnung für sich bildlich irgendwie entdeckt und nun bildlich im Kopf.

Aussage seines Papas: "… wenn ich diese Hilfen in meiner Kinder- und Schulzeit gehabt hätte, wäre es mir sooo viel besser gegangen!!". Lehrer und Eltern lehnten ihn total ab, er war in ihren Augen dumm, faul! Dabei ist dieser Mann ebenfalls hochintelligent …

Heute ist er glücklich, dass sein Sohn diese Mutter hat, die Papa und Sohn total annimmt, dem Jungen neben ihrem Beruf täglich Hilfe gibt, wie er es braucht, mit viel Verständnis und geduldig mit ihm umgeht.

Auch meinem Sohn bleibt bei den Erzählungen per Telefon mit seiner Schwester, was der Neffe gerade verstanden und gemacht hat, oft genug der Mund offen stehen. Er findet sich plötzlich selbst wieder, sieht sich in Situationen, von denen er in seinen bislang 53 Lebensjahren nichts ahnte! Und beide Männer mögen sich plötzlich auch in ihrem Umfeld als das outen, was sie ihr Leben lang waren: Legastheniker!

Wir hoffen alle sehr, dass die für unseren Junior recht frühe Erkenntnis, dass er ein legasthener Junge ist, ihm hilft, nicht erst ab dem fünften Schuljahr dann nur noch mühsam das zusätzlich erlernen muss, was eigentlich bereits im Kindergarten festgestellt und entsprechend beachtet, sehr viel leichter und früh hätte erlernt werden können, nun die Schulzeit hoffentlich besser durchlaufen wid ...
 

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Kommentare (2)

Urseli

Wunderbar....
liebe Uschi.

Du hast Dir viel Mühe gemacht, diesen (liebenden) Kampf einer Mutter
aufzuschreiben.

Ich kenne das, meine beiden Söhne waren Legastheniker.
Beide nicht dumm, oder faul.

Ich habe besonders bei dem ältesten Kämpfe mit dem Lehrer
ausfechten müssen, bis zum Gang zum Stadtschulrat.

Habe erreicht, dass er in eine andere Schule und damit zu einem
anderen Lehrer kam.

Alles paletti.

Ich habe täglich mit den Söhnen geübt.

Die Tochter hatte kein Problem.

Liebe Grüße,

Ursel😊

nnamttor44

@Ursel
Dann weißt Du ja. liebe Ursel, wovon ich schreibe. Einen Kampf mit der Schule konnte ich für meinen Sohn vor ca. 45 Jahren noch nicht austragen. Er wäre wohl ähnlich dem meiner Tochter für ihren Sohn ausgefallen. Ich musste mich noch damit begnügen, durch tägliche, zeitliche 10-Minuten-Sequenzen seine Rechtschreibung mit ihm von einer Fünf im dritten Schuljahr auf eine Drei zum Schulwechsel auf die Orientierungsstufe zu erarbeiten. Dennoch - als er dort wieder zensiert wurde, gab es (bei seinem sehr hohen IQ) dann nur die Zuweisung zur Hauptschule.

Eine Lehrerin erklärte mir, seine Fähigkeiten würden mit Leichtigkeit für ein ordentliches Abi ausreichen. Das aber boykottierten der Deutsch- wie der Englischlehrer!! Mit einer Fünf auf dem Zeugnis, die noch nicht mal den Tatsachen entsprachen, in der Zeugniskonferenz, der ich beiwohnte als Elternvertreterin wurde gesagt, dass er fast auf vier minus stand, aber mit der fünf würde er sich vielleicht mal auf seinen Hosenboden setzen! Damit war sein Sitzenbleiben betoniert. Ich habe ihn von der Realschule auf die Hauptschule umgemeldet, weil er sonst wohl in dem Alter ohne Schulabschluss auf der Straße gestanden wäre.

Meine Tochter hat allerdings nach anfänglicher Skepsis der Lehrerinnen diese und vor allem die Schulleiterin für ihre Arbeit als Legasthenie-Trainerin (hat sie gerade im schriftlichen Bereich mit Auszeichnung hinter sich, der praktische Teil folgt demnächst) begeistert. Auch der Schulleiter der weiterführenden Schule nebenan wurde aufmerksam und interessiert ...

Wenn endlich in dieser Corona-Zeit ihre angebotenen Workshops sowohl für Lehrer als auch für Eltern betroffener Kinder stattfinden können, hofft sie, zumindest an dieser Schule etwas bewirken zu können. Immer noch wollen Schulleiterin und acht Lehrer daran teilnehmen, warten ungeduldig darauf. Das Weitere muss sich dann über die Lehrer in die Umgebung verbreiten.

Unser Bürgermeister war von ihrem Angebot so begeistert, dass er gleich ein Dutzend ihrer Broschüren mitgenommen und in den diversen Schulen und Kindergärten persönlich verteilt hat. Bislang fehlte leider die Möglichkeit, mit Workshops (eben mehrere interessierte Teilnehmer) zu arbeiten, aktiver zu werden.

Es ist unglaublich, was diesbezüglich in den vergangenen 30 Jahren alles entdeckt wurde und seither auch in vielen Ländern geschieht - nur in Deutschland nicht!! Wer auch immer die Verantwortlichen an höheren Stellen sind - sie ziehen es offensichtlich vor, dass unsere Schüler (mindestens 10 % aller Grundschüler) in der Versenkung verschwinden …

Puh, dieses Thema greift mich derzeit so richtig an …

Trotzdem einen 💖lichen Pfingstgruß von

Uschi 


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