Ich fühle mich glücklich, einfach rundum.


Ich fühle mich glücklich, einfach rundum. Alles erscheint ausgeglichen, friedlich, was will ich mehr?!

Schon lange habe ich mir gesagt, daß ich keine Wünsche hege, ist doch in aller Bescheidenheit gesehen das Leben für mich nicht sorglos, aber eben befriedigend, von anderer Warte aus sogar gut eingerichtet. Und Träume? Träumen, das heißt: Sehnsüchte produzieren, ihnen nachhängen, sich vielleicht festbeißen, bis man diese beiseite schiebt, weil anscheinend oder scheinbar unerreichbar.

Die Wehwehchen, die mit dem Ältersein und –sein zusammenhängen, wollen eingeordnet sein, es liegt doch ganz an einem selbst ihnen genügende Aufmerksamkeit beizumessen, sich nicht vor ihnen zu fürchten, ihnen nicht jammervoll hinter her zu laufen. Und schon gar nicht sich solche anzulesen oder im Wartezimmer aufzugabeln.

Da heißt es doch „Männer jammern, stöhnen sich was zurecht – das tut man nicht!“ Und was hört man dann? „Er sagt nichts, was ihm fehlt, er geht nicht zum Arzt, dabei sieht man ihm an, daß da was faul ist …“. Na, was soll er denn??

Ich bin jetzt die Hälfte des Jahres – schön gesplittet, schön verteilt – solo. Das kann ich genießen, das kann ich nutzen, das gibt Raum zum Nachdenken über Vergangenes, das Jetzt und vielleicht auch an das, was kommen könnte. Lohnt es sich, alles das, was vor mir liegt, zu versichern?
Krankenversicherung ja, weil das ganz schön ins Geld geht, wenn die Mediziner und Apotheker und die Sanitäter der Meinung sind, ohne sie geht’s nicht mehr.
Sterbeversicherung ja; ich möchte nicht, daß die Kinder auf den Kosten für meine Beseitigung ihr sauer verdientes Geld hinblättern müssen – ich will nichts von den Kindern in Anspruch nehmen, was haben sie denn schon von mir bekommen außer das wenige, bis sie das Haus verließen.
Hausrat und Haftpflicht auch noch, Abdeckung der Problemfälle im Alltag – noch bin ich nicht ausgestiegen aus dem Tagesrhythmus. Und sonst? Für’s Autole, solange es rollt.
Ich denke: das genügt. Von Miete, Strom, Wasser und Hausreinigung will ich nicht sprechen, das hat wohl jeder ganz individuell aufzubringen. Also geht es ans Einrichten dessen, was auf dem Konto bleibt zum Leben, da kann man schlemmern oder behutsam haushalten, Freiheit in eigener Hand.

Ich fühle mich glücklich, einfach rundum.

Doch da ist noch eine Ecke, wo nur Erinnerungen rumflitzen, die so wenig Auffrischung erfahren. Warum eigentlich?

Vier Kinder „habe ich“, besser: vier Kinder können mich ihren Vater schimpfen. Und dann gibt es auch noch vier Enkel. Was ist da los, Alter?! Das klingt so verdächtig, da zu hinterfragen. Ich frage mich: „Soll ich mal kritisch mit mir selbst an das Thema rangehen?“

Zuerst sei gesagt: alle vier Kinder sind gesund und ebenso laut letzter Nachrichten auch die vier Enkel. Ja, und damit ist meine Besorgnis schon wieder beendet. Lehne ich mich nun beruhigt in den Sessel? Nee, diese allgemeine Funkstille ist nicht der Weisheit letzter Schluß. Und dabei ist es doch heute so einfach, mal eben ein Mail loszulassen oder zum Telefon zu greifen. Nur mal so eben ein wenig Zeit anwenden.

Meine Große, die packt’s so ab und an. Die, die als OP-Schwester sehr viel Nachtdienst schiebt, naja, dann muß ich Antwort geben, ob dieses und jenes in punkto Medizin in Ordnung ist, ob die Vorsorge „up to date“ ist, oder es geht mal um einen Rat in punkto BaFög für die Enkelin, Probleme mit dem Internet – manchmal ist mein Wissen also noch gefragt. Irgendwie klammert doch noch etwas seit ich vor fünfzig Jahren das kleine Wesen gleich nach dem ersten Atemzug in die Hände bekam.

Dann kommt meine Nummer zwei. Es tut mir heute noch leid, daß ich zu ihrer Geburt danach vierzehn Tage verstreichen lassen mußte – Lehrgangsende und Versetzung – ehe ich den süßen Strops in meine Arme nehmen konnte. Auf dem Weg gab es Probleme: festgestellte Legasthenie (falsche Vorgehensweise der Lehrerin). Hilfe und Unterstützung seitens der Mutter gab es nicht. Dennoch war ich so stolz auf den Blondschopf, ist er doch heute noch der Techniker, packt an und läßt sich nicht unterkriegen. Drei Kinder, der Älteste beim Bund, die Mittlere im Realschulabschluß, die Jüngste auch gut benotet – die Große hat mir’s zugeflüstert. Da ist eben Funkstille: Beide haben soviel zu tun. Die Kinder finden nicht die Zeit für ‘ne Mail, mir anzuzeigen, daß der Briefumschlag angekommen ist (naja, spare ich mir das Geld). Man hat so wenig Zeit, daß man nicht mal eben den hundert Kilometer entfernt wohnenden „Opa“ (bin ich!) besuchen kann.

Meine Nummer drei: ich muß irgendetwas falsch gemacht haben in der Behandlung meines Sohnes. Kein Wunder: er war drei Jahre alt, als ich den Haushalt verließ. Und wenn dann so unterschiedliche Lebensformen nicht aus-/angesprochen werden können, dann laufen Grüße und Wünsche ins Leere.

Meine Nummer vier: da will ich nicht drüber schreiben, ist sie doch gerade im Master-Examen. An ihr hänge ich doch sehr, aber da gibt es eben manches, was ich als alleinerziehender Vater einmal übersehen/ nicht verstanden hatte.

Komme ich auf das Träumen zurück: ob sie alle acht plus Anhang mal Zeit finden, mich zu besuchen, mich zu umarmen. Ich möchte sie Alle umschlingen, sie streicheln, ihnen zeigen, daß ich sie lieb habe.

ortwin

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