Kriegserinnerungen meines Vaters


Kriegserinnerungen meines Vaters

Udos Blog hat mir durch Karls erneute Zustimmung zu meinem alten Kommentar vielerlei Gedanken durch den Kopf gehen lassen.

Wenn ich die Ahnenforschung meines Vaters, die er – so wie er aussah, überhaupt kein reinrassiger Arier war – vor seiner Heirat mit unserer Mutter abzuliefern hatte, lese, stelle ich fest, dass auch da Vorfahren vo ca. 200 Jahren als „Stolpersteine“ hätten angesehen werden können. Immerhin taucht da in der Liste seiner Vorväterfamiliennamen der Nachname „Sontag“ auf. Solch einen Nachnamen erhielten früher Waisenkinder oder Familien mit jüdischem Hintergrund wählten diesen als deutschen Nachnamen, um sich leichter in die christliche Gemeinschaft eines Ortes einfügen zu können.

Die Großmutter meines Vaters war eine geborene Sontag. Ein Wochentag als Nachname sollte früher oft die jüdische Herkunft für konvertierte Christen „verstecken“. Ob das im Fall meiner Ururgroßmutter von ihren Vorfahren so gewollt war – wer weiß das schon. Aber zumindest wurde meinem Vater nicht die Heiratserlaubnis verweigert ...

Wenn ich darüber nachdenke, was für Fotos mein Vater aus dem 2. Weltkrieg mit nach Hause brachte, sie auch verwahrte, passt das fast im Allgemeinen so gar nicht zu den tatsächlichen Schrecken des Krieges, die Udo Rühl schildert.

Selbstverständlich halte ich Udos Lebensbericht für einen wahren Tatsachenbericht. Die Fotos, die ich „geerbt“ habe, enthalten teilweise sehr schwer erträgliche, festgehaltene Momente, aber es sind auch Fotos dabei, die wohl ein anderes Bild des Krieges zeigen sollen, Momente, die es für die Allgemeinheit der Soldaten eher nicht gab.

und Zuschauer beim Soldaten-Konzert 1941.jpg
Ich weiß ja, dass mein Vater seine Geige heiß geliebt hat, sehr gut spielen konnte und sie mit an die Front nahm. Ob er aber tatsächlich an der Front war, entzieht sich meiner Kenntnis. Vermutlich war die Einheit der Sanitäter, Ärzte, eher hinter der tatsächlichen Front im Einsatz.

OP eines verletzten Kameraden.jpg
Ein Foto zeigt ihn als Sanitäter, der im Hintergrund bei einer Operation an einem verletzten Soldaten zu sehen ist. Allein die Darstellung der OP ist – nach heutigem Wissen – schlimm. Aber vermutlich wurde diesem – deutschen – Verletzten dennoch geholfen. Dass mein Vater auch Befehlen des Armee-Arztes gehorchen musste, wenn ihm dieser verbot, einem vor Schmerzen wimmernden Schwerstverletzten die letzte Stunde mit Schmerzmitteln zu erleichtern, quälte ihn ja bis an sein Lebensendein seinen Träumen!

gebadet wurde in fließenden Gewässern im heißen Sommer 1941.jpg
Heute verstehe ich ein wenig besser, warum im Feldzug in Russland auch Fotos gemacht werden mussten, die eine friedlich, freundliche Zeit – wie auf einem Ausflug – im Krieg!! vortäuschten. Er wird sie unserer Mutter, seiner Frau nach Hause geschickt haben, vielleicht auf Befehl, damit die Angehörigen glauben sollten, den Soldaten an der Front gehe es gut?

Fata Morgana nannte Karl es, vor Moskau.jpg
Auch ein Blick auf das vor dem Fotografen liegende Moskau im Winter zeigt ja kein Kriegsgeschehen. Lediglich ein Foto lässt erahnen, dass der Krieg Grausamkeiten bedeutete. Da liegen russische?? Leichen, Zivilisten, die Fotos hierzu lasse ich lieber weg ...

Russland 1941 Kameraden erweisen den letzten Dienst.jpg
und auf dem nächsten Fotos sind ein Dutzend frischer Gräber mit Holzkreuzen zu sehen, das offensichtlich die „menschliche Seite“ der Deutschen Soldaten im Krieg zeigen soll. Wie diese vermutlich überfallenen Zivilisten zu Tode kamen, geht halt nicht aus den Fotos hervor.

Und dann noch ein paar Aufnahmen, die die „freundliche Seite“ dieses schrecklichen Krieges wohl zeigen sollen: Soldaten, die im warmen sommerlichen Flüsschen baden, die eine kleine Band beim Musizieren zeigen und die übrigen Gruppe beim Zuhören.

Nach dem Bericht von Udo mag ich diese Fotos nun doch ganz anders einstufen. Vermutlich wurden sie befohlen, um in der Heimat das Gutergehen der Frontsoldaten zu demonstrieren!

Wer auch immer diese Aufnahmen 1941 machte: sie entstanden nicht, um gute Erinnerungen festzuhalten …

Ein wenig kann ich inzwischen nachvollziehen, warum mein Vater nie von seinen Kriegserlebnissen erzählte oder gar von den Situationen dieser Fotos und wie sie entstanden. Dafür aber ein wenig besser, weshalb ihn Albträume aus dieser Zeit bis zu seinem Lebensende quälten.

Vor kurzem hatte ich mit meiner jüngeren Schwester ein Gespräch über die sehr frühe Heimkehr unseres Vaters aus dem Krieg. Wir wunderten uns ein wenig darüber, dass sie so kurz nach dem Krieg im März 1947 geboren wurde. Unser Vater muss ja bereits im Sommer 1946 wieder zu Hause gewesen sein. Ich stelle mir vor, dass er – ähnlich wie Udo – sich trotz des Risikos – wie ein Deserteur von Österreich oder Ungarn auf die Flucht nach Hause aufgemacht haben. Meines Wissens wurde er nirgendwo „gefasst“, in Kriegsgefangenschaft, wie seine Brüder, war er nicht, dann wäre er wohl erst eine längere Zeit später wieder zu Hause gewesen, hätte seine krebskranke Frau nicht pflegen können.
 


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Kommentare (3)

Bücherwurm

Ich hatte gestern fast den ganzen Tag in den Aufzeichnungen meines Vaters gelesen. Danach brauchte ich Entspannung, schlug den Laptop auf und fand deinen frisch veröffentlichten Beitrag über deinen Vater vor. Ein merkwürdiger Zufall, das glaubt mir sowieso keiner, ist aber so.
Mein Vater hat seit 1936 nahezu jährlich Tagebücher geschrieben. Sein Kriegstagebuch 1943 wurde ihm an der Ostfront weggenommen. Er geriet in russische Gefangenschaft. Anfang Oktober 1945 wurden er und viele seiner Mitleidenden für einen Heimtransport auserwählt. Er befand sich damals im Lazarett des »OK-Lagers« in Tscheljabinsk. OK bedeutete ohne Kraft. Er war für den russischen Staat als nicht arbeitsfähig eingestuft, vielleicht war das sein Glück.
Nach einem vierwöchigen Zugtransport kam er überglücklich bei seiner Familie (Mutter und Schwester) zuhause an. Gleich am Folgetag begann er, seine Kriegserlebnisse von 1943 bis 1945 aus dem Gedächtnis aufzuschreiben.
Diese Entbehrungen, dieses Leid, im Schützengraben, abstürzende Flugzeuge, Granaten, Gefechte, Gefangenschaft, schwere Krankheiten, das Ungeziefer, der Wille zum Überleben, das starke Heimweh, Hunger und Durst, die Russen, das Sterben, Trauma ... Ich weiß gar nicht, was ich zuerst aufschreiben soll. Das in Sätze zu fassen, geht erst mal nicht. Was musste diese Generation erleiden. Spätere Traumabehandlungen gab es nicht.
Mein Großvater musste an zwei Weltkriegen teilnehmen. Als er nach dem Zweiten zurückkehrte, sprach er ein Jahr lang kein einziges Wort – so wurde es mir berichtet.
Es ist gut, dass du deinen Beitrag geschrieben hast. Was die Fotos besagen, die du hier gepostet hast, wird wohl niemand erklären können. Das ist schade.
Auch in seinem Tagebuch beschrieb mein Vater, dass ein Frontkino kam. Den Schluss des Lustfilms »Ein hoffnungsloser Fall«, der ihn so traurig machte, habe ich mir auf Youtube angesehen, wo der Film selbst in voller Länge zu sehen ist. Die Menschen waren frei und lustig, dass Schiff fuhr in die Welt hinaus ... Es war für ihn eine Welt aus vergangener Zeit.
Liebe Grüße
Brigitte

Federstrich

Hallo Uschi,
ich kann dir in deiner Bewertung der Bilder zum Teil zustimmen. Ich habe mich auch mit dem Schicksal meines Onkels an der Ostfront beschäftigt. Dazu gibt es ein veröffentlichtes, detailliertes Tagebuch eines Kameraden quasi "neben ihm" in seiner Einheit, wodurch es möglich war zu begreifen, warum ein Landser an der Ostfront mitunter auch zwei Jahre überleben konnte bevor er fiel, wenn ansonsten seine statistisch darstellbare Überlebenschance bei 20 Minuten lag.
Es gab zwei Seiten des Krieges, die heißen Kampfhandlungen und die Warte- und Konsolidierungszeiten dazwischen. Jeder, der gedient hat, weiß, dass diese Wartezeiten selbst in Friedenszeiten Teil des Soldatenlebens sind.
Gemeinhin - und völlig zu recht - wird der Krieg vor allem in seiner ganzen verbrecherischen Abscheulichkeit gezeigt und damit auf das Wesentliche reduziert und entsprechend eingeordnet. Neben dieser Dringlichkeit gibt es aber auch den Krieg aus der ganz persönlichen Perspektive eines Soldaten. Aus der geht eben hervor, dass es unmöglich ist, dass ein Infanterist 24 Monate lang tagtäglich ununterbrochen an der vordersten Linie im Kampfgeschehen verwickelt sein konnte. So erklärt sich die andere Seite des Krieges, die es gab, geben musste, die aber nicht im Mittelpunkt der Beschäftigung stehen konnte.
In besagten Tagebuch war nachzulesen, dass es auch an der Front, witterungs- und militärstrategisch bedingt, Zeit und Muße gab, um z.B. Kant, Fichte und Nietzsche zu lesen, dass Soldaten im Krieg ins Kino, ins Theater oder tanzen gehen konnten, dass es Kurse mit wissenschaftlichen Vorträgen gab, Sprachen und Gedichte gelernt wurden. In den monatelangen Winterstellungen mancher Verbände gab es in den errichteten Bunkern Aufenthaltsräume mit Büchern und Zeitschriften. So unglaublich das klingen mag, gab es bei all dem zeitweiligen Überlebenskampf auch kürzere Phasen, in denen  das noch unzerstörte Land und die Schönheit der Natur fast mit touristischem Interesse aufgenommen wurden. Die jungen deutschen Soldaten waren nie aus ihrem Dorf, ihrer Stadt herausgekommen und sahen nun z.B. den Kaukasus.
Diese andere Seite des Krieges zeigen auch zwei der Bilder deines Vaters. Dass sie angeordnet wurden, ist aber eher zu bezweifeln. Für die entsprechenden Bilder gab es Propagandabteilungen. Das Begräbnisbild wird eher die Beerdigung gefallener deutscher Soldaten zeigen, nicht die von Zivilisten.
VG, F.

nnamttor44

@Federstrich  
Hallo Federstrich!
Danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Ganz sicher werde ich all diese mir vorliegenden Fotos nicht ganz richtig interpretieren können, denn unser Vater ließ dazu nie ein Wort verlauten. Erlebt habe ich ja die Hitlerzeit nicht, bin Endkriegskind.

Um Deinen letzten Abschnitt zu beantworten: die dazugehörigen Fotos, die ich nicht mit eingestellt habe, zeigen konkret zivile Leichen, die keine Uniformen trugen, Frauen und Männer.

russische Dorfbevölkerung 1941.jpg
Noch ein Foto zuvor gibt es die Aufnahme der ländlichen Bewohner vor Ort. Es ist bedrückend, wenn man hintereinander erst die versammelte kleine Mannschaft sieht, dann ein Dutzend Leichname und danach die Gräber ... Lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu als den, den ich beschrieb.

Kunden warten auf Karl, rasieren, Haare schneiden, Russland 1941.jpg
Aber vielleicht ging es ja auch hinter der Front, wo Sanitäter ihren Dienst versahen, ein wenig anders zu, war es leichter, auch mal Barbierdienste anzubieten. Schließlich hatte man mit meinem Vater ja einen Friseur zum Sani gemacht ...

Ein herzliches Dankeschön für Dein Lesen, Deinen Kommentar sagt

Uschi


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