Memorys

Wir lagen nebeneinander im Gras, die Sonne blinzelte durch die Baumkronen der Saalach-Au. „Es ist so schön hier, Ferry. Bäume so wild wie im Urwald, die Saalach so träge und doch strebt sie dem Meer zu. Fast wie am Amazonas”, flüsterte sie.
„Was siehst du sonst noch, Melitta? Träumst du von Papageien? Springen Horden von Klammeraffen durchs Geäst? Schlängeln sich Anakondas durch die Bäume? Wie weit erstreckt sich der Dschungel? Kannst du das Meer sehen?”
„Ach Ferry, ich seh’ noch viel mehr. Wenn wir einmal aus dem Gröbsten raus sind, fahren wir drei zum Amazonas. Die Welt ist schön, die Welt ist bunt, die Welt ist kugelrund …“, summte sie leise vor sich hin.
Ich drehte mich zu ihr hin und zupfte ihr die fliegenden Samen des Löwenzahns aus dem Haar. „Willst du wirklich nach Amerika?“
„Ja, ich will mit dir die Rockys sehen, will nach Alaska und Hawaii. Und nach Afrika, zum Taj Mahal, nach China und nach England, nach Paris, nach Feuerland, nach Mexiko zum Popocatépetl und zum Titicacasee … überall will ich mit dir hin. Und Eisberge möchte ich sehen und Machu Picchu. Und Affenbrotbäume. Und Dattelpalmen.“ Das war ihr Lieblingslied, das kannte ich, es hatte endlos viele Strophen … Melitta schmiegte sich an mich, ergriff meine Hand und spielte mit meinen Fingern. „Und du passt auf mich auf“, haucht sie mir ins Ohr. Dann küßte sie mich.
*
Jetzt sitze ich allein im hohen Gras der Saalach-Au und fahre mit den Händen durch mein Haar. Alle Gedanken sind bei Melitta, Feuerland, Eisberge … und im Himmel bei ihr. Ich bin sicher – sie schaut mir von irgendwo da oben zu. Es ist ein Tag wie damals, drückend schwül, ohne jeden Windhauch. Ich starre in die Baumkronen. Über mir schwebt eine Libelle in der Luft wie ein azurblaues Streichholz. Ich rolle mich auf den Bauch, ziehe Papier und Bleistift aus der Tasche und beginne zu schreiben:

„Liebste Melitta, ohne Dich ist die Welt nur ein Wort. Weißt Du noch, wie stolz wir waren? Auf Martin, unseren Sohn und dem Tag seines ersten Ausflugs im Kinderwagen, mit uns in unseren Urwald? Erinnerst Du Dich an das Durchstreifen und Entdecken dieses kleinen Paradieses, an das Erobern unserer Welt, an das Träumen vom Meer? Singst du noch manchmal unser Lied? „The End“ von Earl Grant. Ich glaube noch immer daran … jeder Fluss strebt dem Meer zu und endet dort sein Spiel, doch die Liebe, die du gibst, ist schöner als ein Traum, denn sie lebt bis ans Ende von Zeit und Raum.
Ich spüre ein Kitzeln an der linken Hand. Ein Käfer erklimmt meinen Handrücken …, bist Du das? Gibst Du mir ein Zeichen? Ich habe keine Ahnung, wo dieser Käfer herkommt und ich weiß auch nicht, wohin er will …, aber ich weiß, wo ich noch hin will mit Dir, ich will so gern nach Feuerland oder nach Alaska. Vielleicht können wir hinter dem Polarlicht die Sterne sehen, mit ein bisschen Glück. Ach Melitta.“


Ich falte den Brief zu einem Schiffchen und setze ihn vorsichtig in den Fluss und starre aufs Wasser. Langsam schippert mein Brief vielleicht bis ins Meer und endet dort sein Spiel.
 


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Kommentare (5)

Muscari


Lieber Ferdinand,

diese melancholische Geschichte unterscheidet sich sehr von all Deinen anderen Erlebnissen. Sie berührt mich sehr, vor allem auch weil ich Deine Empfindungen teilen kann.
Ich danke Dir und grüße Dich herzlich.
Andrea

Eisenwein

@Muscari  
danke für deine Worte, Andrea. Das (mein) Leben ist eben so vielfältig. Manchmal kommt so eine melancholische Stimmung auf.
Liebe Grüße von Ferdinand

Distel1fink7

Danke Eisenwein, dass Du uns Deine Welt, , ,Deine Träume  gezeigt hast.
Es ist sehr berührend.

Gruß vom Distel1fink7

Roxanna

Deine Geschichte, Eisenwein, hat mich sehr angerührt und ich frage mich, zum wievielten Male weiß ich gar nicht mehr, warum uns immer wieder das Liebste genommen wird und wir mit Schmerz zurückbleiben. Der Sinn erschließt sich mir nicht.

Herzlichen Gruß
Brigitte

Eisenwein

@Roxanna  
Darauf, liebe Brigitte, habe ich auch keine Antwort. Manchmal denke ich, der Mensch ist nur zum leiden auf der Welt - und dann kommt der ausgelutschte Satz: "Das Leben geht weiter .” Beides ist richtig und falsch zugleich.

Liebe Grüße
Ferdinand


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