Mit dem Wohnmobil durch Skandinavien. Teil 1 Norwegen


Mit dem Wohnmobil durch Skandinavien. Teil 1 Norwegen
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Diese Reise hatte eine lange Vorgeschichte weil meine Frau ein gestörtes Verhältnis zu Fähren hat. Vor Jahren waren wir schon auf dem Sprung, doch just wie damals in den Nachrichten die seitlich im Wasser liegende Fähre vor der schwedischen Küste gezeigt wurde betrat meine Gemahlin das Wohnzimmer und aus war es. Nun einige Zeit später wollte sie es noch einmal versuchen und über ihren Schatten springen.
 So machte ich mich an die Arbeit um eine Reiseroute auszubaldowern. 

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Nun ist es so, dass unsere Wohnmobilreisen einiges an Vorbereitungen fordern. Eine landschaftlich schöne Strecke sollte es schon sein und natürlich dürfen keine Sehenswürdigkeiten verpasst werden. Es wäre doch fatal, wenn man in nächster Nähe an einem absoluten Highlight vorüberfahren würde. So sind Reiseführer und Karten zu studieren. Reiseberichte zu lesen und in Sprachführern nachzulesen. 
 Viel Arbeit meint man - jedoch liefert diese Art der Vorbereitung schon ein großes Maß an Vorfreude und man kommt Land und Leuten, sozusagen virtuell näher.
Schließlich steht die Reiseroute - die dann meist doch nicht eingehalten wird. 

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Erstes ziel soll Hannoversch Münden sein und es liegt nicht am dortigen Campingplatz, sondern an der Gasversorgung. Ich möchte Kevlar-Gasflaschen mit auf die Reise nehmen, weil diese im hohen Norden problemlos zu tauschen sind. In Bayern sind diese Flaschen technisch nicht zugelassen und drum ist hier die erste Anlaufstelle zum Ausleihen. Im Verlauf der Reise werden wir noch feststellen, dass alles anders und problemloser wie vermutet ist. 

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Natürlich gönnen wir uns einen gemütlichen Dämmerschoppen vor dem Rathaus um ein wenig über die Praxis des Doktors Eisenbart der gleich nebenan seine Kunst angeboten hatte. Schließlich steht sein Geburtshaus auch in Bayern und zwar in Oberviechtach. Dort haben wir auch schon mal eingekehrt - also nicht beim Doktor sondern in der vorzüglichen Eisdiele nebenan. 

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Am nächsten Morgen geht's bei strömendem Regen weiter gen Norden, in Richtung Fehmarn zur Fähre hinüber nach Schweden. Das wird nun die Nagelprobe sein. Gelingt es Traudl ihren Mut in die Realität umzusetzen. Zur Probe aufs Exempel führt unser Weg zum Fährterminal. Das ganze, riesige Areal ist leer. Ein wenig Bammel habe nun auch ich, denn wir sind noch nie mit dem Wohnmobil auf eine Fähre gefahren. Die Dame im Kassenhäuschen nimmt das ganz locker, wie ich nach den Abläufen frage. Dann schauen wir vom Passagiersteig oben dem Treiben eines anlegenden Schiffs noch etwas zu. Schließlich sucht man sich in Burg einen wohlfeilen Stellplatz auf dem Hof des örtlichen Installateurs. Eine Nacht Gnadenfrist und morgen früh geht's dann los, das Abenteuer Fähre.

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 Beim frühmorgendlichen Weg zum Fähranleger beichte ich meine Ängste zum Einchecken auf dem Schiff. Traudl gibt sich noch ganz entspannt, raucht aber schon eine Zigarette nach der anderen und meint, "da brauchst du doch nur hinter den anderen Autos hinterher zu  fahren". Da hat sie recht ,denke ich mir und bin beruhigt. 
 Aber nicht lange. Am riesigen Parkplatz angekommen, bin ich alleine. Kein weiteres Auto weit und breit. So fahre ich vor bis zur Ampel und harre der Dinge, die da kommen werden. Langsam reihen sich weitere Automobile hinter uns ein. Das ist mir nun besonders unangenehm. Hoffentlich bremse ich mit meiner Unwissenheit nicht den gesamten Ablauf.
 Da läuft auch schon die Fähre ein und spukt eine ganze Reihe von PKW's und LKW's aus. Dann schaltet die Ampel vor mir auf grün. Ein Einweiser vom Fährpersonal winkt und ich düse los. Da fuchtelt er wie wild mit den Armen. Also bremse ich abrupt ab. Hupende Autos kurven um mich herum um im Bauch der Fähre zu verschwinden. Da hampelt ein anderer Einweiser herum und bedeutet mir, zu ihm zu fahren. "Wo wollen sie denn hin?", frägt er mich schmunzelnd. Etwas verdattert antworte ich: "Auf die Fähre"! "Das hab ich mir fast gedacht", entgegnet er. "Also los!", ruft er, "nichts wie rauf", sonst fährt das Schiff ohne sie ab. Inzwischen ist mir das Procedere auch klar. PKW aufs obere Parkdeck und unser Mobil zählt scheinbar zu den LKW und muss aufs untere Deck. 
 Durch den ganzen Wirrwarr hat meine Frau ihre Angst vorübergehend vergessen. Schnell verlässt man die Parkzone und eilt hinauf, in den Passagierbereich. Traudl drängt unverzüglich ins Freie, an die Luft. 
 Blauer Himmel und eine ruhige See empfängt uns. Meine Frau kann sogar Lachen und genießt unerwartet entspannt die Überfahrt nach Rödbyhavn. 

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Beim Verlassen des Schiffes klappt alles wie am Schnürchen. Kein Wunder, ich bin ja auch der Letzte hinter den LKW's. Nun durchquert man die Dänische Inselwelt von Lolland, Falster und Själland in strömendem Regen. der Wind peitscht das Wasser an die Scheiben, dass die Scheibenwischer gut zu tun haben. Hoffentlich bessert sich das Wetter zur Überfahrt, nach Schweden hinüber. Den Nerven meiner Frau tut es gut zu Wissen, dass es nur eine sehr kurze Passage von Helsongör, hinüber ins schwedische Helsingborg ist.
 Es regnet nicht mehr so stark, wie unser Mobil in den Bauch der "Aurora von Helsingborg" schlüpft. Vom Wind spürt man auch nicht mehr viel. Das ist allerdings dem Umstand zu verdanken, wir uns im Windschatten des Schiffsrumpfs befinden. Erst einmal suchen wir das Restaurant auf, entfliehen so dem Nieselregen. Dann legt die Fähre ab. Etwas weiter draußen stampft die "Aurora von Helsingborg" schwer in der Dünung. Wer in den Gängen unterwegs ist wird zwischen den Wänden hin und her geworfen. Dabei geht es nicht nur uns Landratten so, sondern auch die Seeleute taumeln herum. Meine Frau klammert sich an die Geländer, dass die Knöchel der Hände weiß hervortreten. Ihr Teint hat auch nachgelassen und tendiert gegen weiß. 
 Dann ist der Spuk vorbei, wie das Schiff zum Anlegen beidreht. Wieder festen Boden unter den Füßen, meint meine Gattin, dass sie nunmehr nichts mehr erschüttern könne. Weit wollen wir heute nicht mehr fahren und suchen den Campingplatz im schwedischen Falkenberg auf. Es regnet immer noch und wir legen einen Ruhetag ein um die Tapferkeit meiner Frau und ihren Geburtstag nachzufeiern. 
 
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 Bei der Abreise gab es dann ein großes Hallo, wie ich nach einer Ansichtskarte von Falkenberg fragte. Weil in unserer Heimatgemeinde auch ein Ortsteil so heißt und ich das auf einer Landkarte am Rezeptions-PC auch noch herzeigen konnte, riss mangels verkäuflichen Exemplaren die freundliche Dame von der Anmeldung eine großformatige Ansichtskarte von der Wand. Sie gab uns zu verstehen, dass der zurückbleibende hässliche, grauweiße Kleberfleck, ihr das Erlebnis wert gewesen sei.    
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Die nächste Station der Tour sollte die alte Festung Fredrikstad, etwas südlich von Oslo sein. Aber erst einmal wollen unsere Pferde an die Tränke. In Varberg weist gut sichtbar ein Schild den Weg zur Tankstelle. Wieder Neuland. Die reich bebilderte Anleitung besagt, dass zuerst die Geldkarte in den Schlitz muss und dann das erhoffte Nass sprudelt. Leider spuken die Zapfsäulen bei mir kein Diesel sondern immer wieder meine Karte aus. Also suche ich beim neben mir tankenden Schweden Hilfe. Doch auch ihm glückt der Tankversuch mit meiner Karte nicht. Da ruft mir Traudl zu, ich solle es doch mit ihrer Sparkassenkarte versuchen. Gesagt, getan - aber wieder gibt es nur die Karte zurück und keinen Sprit. So ein Mist! Doch jetzt entdecke ich ganz hinten auf dem Areal eine Zapfsäule mit Barzahlung an der Kasse. Endlich klappt's und wir können wieder weiter. meine Frau geht der Sache auf den Grund und sie entdeckt im ADAC Führer die Erklärung. Die Tankautomaten hier akzeptieren nur norwegische Karten und keine normalen EC-Karten. Also gleich noch an den nächsten Geldautomaten und einige Kronen gezogen. Das funktioniert ohne Probleme. Nun sind wir auf der sicheren Seite. Also frisch weiter nach Fredrikstad. 
 Ein wenig bang wird den Reisenden, wie sie vor der Brücke am Swinesund die Schilder "150 NOK" bemerken. da reichen dann die geschenkten Kronen nicht, die uns ein Campingnachbar in Falkenberg mit den Worten geschenkt hat: "Was soll ich damit, zu Hause kann ich sie nicht brauchen und umtauschen lohnt nicht!" Wenn unser Barvermögen in Landeswährung nicht reicht, so ist ads auch nicht schlimm, denn hier nimmt man sicher auch Euros. Unsere norwegischen Kronen reichen dann doch, weil die Maut nur 20 NOK kostet, genauso wie es im Führer stand.      


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Am Fuße der Festungsstadt Gamlebyen nimmt uns der örtliche Campingplatz in Empfang. So ist es natürlich sehr praktisch und schnell sind die Stiefel geschnürt um ins mittelalterliche Ambiente einzutauchen.
 Grobes, ausgetretenes Kopfsteinpflaster mit tiefen Spurrillen malträtiert die Gelenke der Wanderer. beim Rundgang. Holzhäuser, Dächer, und Mauerwerk wurden nicht restauriert sondern immer nur fortwährend ausgebessert und repariert. So stellt sich Gamlebyen zwar etwas morbid aber belebt und authentisch dar. Man fühlt sich trotz einzelner Autos irgendwie so, wie damals ums Jahr 1673 herum. 
 Der geschichtliche Ablauf lässt uns schon ein wenig schmunzeln. Frederik II. von Schweden ließ die sternförmige Anlage als sicherste Festung Skandinaviens errichten. Sie fiel aber in den folgenden geschichtlichen Wirren an Norwegen und konnte nie mehr von den anrennenden Schweden und Dänen erobert werden. 
 Heute rennen Touristen an. Uns bleibt die restlose Eroberung verwehrt, weil Sonntag ist und die Läden geschlossen sind. Nur Kunsthandwerker und Trödler bieten ihre Waren, aber auch viel Tand an. 
 Dass sich der Besuch auch an einem Sonntag lohnt, beweisen die vielen norwegischen Besucher. Wir tun es ihnen gleich und wandern hinaus über die Wallanlagen in den Außenbereich. Fünf Kilometer Wanderwege führen durch das riesige Gelände an der Glomma, das sich zur Parkanlage, fast mit englischem Flair gemausert hat. Noch ein paar Fotos geschossen, dann traben wir zurück, an einer wohl nachgebauten Zugbrücke vorbei, heimwärts. 
 Hurtig packt man früh am morgen seine sieben Sachen zusammen um gen Oslo aufzubrechen. An der Toilettenentsorgung fängt mich ein frustrierter älterer Herr aus Norddeutschland ab. Er möchte mir unseren geplanten Trip ausreden. Er käme geradewegs aus Bergen, hätte nur Regenwetter gehabt und auf dem Weg auch noch seinen Rückspiegel im Gegenverkehr eingebüßt. Überhaupt seien Norwegens Straßen so schmal, dass sie schier unbefahrbar wären. Wenn wir gleich umkehren, würden wir uns viel ersparen. 
 nun, bislang waren die Straßen gut und das Wetter ist eben, wie es ist. Uns entmutigt der Herr auf alle Fälle nicht. 

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 Die Staatsstraße "R 110" ist der Favorit für die Weiterfahrt. An ihr liegen sehenswerte Ausgrabungsstätten und Funde aus der Bronzezeit. Diese finden wir nicht und so bleibt die Strecke nur als beschauliche Tour durch norwegisches Bauernland in der Erinnerung.
 die Hauptstadt empfängt die kleine Reisegruppe in Form des eisernen Geldeintreibers an der Straße. Erst nach Entrichtung von 20 Kronen springt die Ampel von Rot auf Grün. Einige Kilometer später wartet der nächste Mauteintreiber. Diesmal allerdings in menschlicher Gestalt und nimmt uns noch einmal 20 Kronen ab. Dann sind wir endlich im Stadtgebiet angekommen und die Beschilderung führt uns zum Campingplatz hinauf. So logiert man hoch über den Dächern Oslos mit beeindruckendem Panorama. 
 Traudl meint, dass sich das Tagesticket für die "Öffentlichen" so spät nicht mehr lohnt und wir die Stadtrunde erst Morgen in Angriff nehmen sollten. Mir ist das auch ganz recht und so wird gefaulenzt. Die Sonne scheint und so nehme ich ein ausgiebiges Sonnenbad. freilich so ausgiebig, dass meine beine feuerrot leuchten und ich mir einen gehörigen Sonnenbrand geholt habe - und das im kühlen Norden!  
 Am nächsten Tag kutschiert uns der Bus Nr. 74 fast direkt bis zum königlichen Schloss. Nach nur wenigen Gehminuten liegt der klassizistische Bau vor den Besuchern.

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Nun hätte die königliche Familie die einmalige Chance, Besucher aus dem oberbayerischen Moosach begrüßen zu dürfen, doch das Interesse scheint nicht sehr groß zu sein, sie kommen aus ihrer 4000 qm Wohnung nicht heraus. Wir dürfen freilich auch nicht hinein, denn der Familiensitz der königlichen Familie ist für uns "gemeines Volk" tabu. 
 Also schlenderten wir wieder hinunter in die Stadt. Hinunter deshalb, weil sich König Karl Johan seine Residenz etwas außerhalb und vor allem auf einem Hügel errichten ließ, um nicht die ärmlichen Arbeiterviertel im Blickfeld zu haben. Allerdings konnte er sein Panorama nicht mehr genießen, da er vor der Fertigstellung des Palastes verstarb.
 Oslo, was soviel heißen soll wie "die Ebene der Götter", wurde von Harald Hardrade 1050 am alten Schiffslandeplatz im Oslofjord gegründet.   
 Mit Domkirche und Bischofssitz war die Stadt lange Zeit kirchlicher Mittelpunkt des Landes, während sich das weltliche Machtzentrum in Bergen befand. Bergen blieb bis 1300 Königssitz, bis König Hakon sich in Oslo die Festung Askershus als neuen Wohnsitz baute. Norwegen geriet schon bald unter dänische Herrschaft und verfiel damit in die Bedeutungslosigkeit. Nach dem großen Stadtbrand 1624 erbaute der dänisch - norwegische König Christian IV. Oslo neu und gab der Stadt, bescheiden wie er war, seinen Namen. Bis 1924 hieß Oslo Christiania. 
 wir sind inzwischen am Innenministerium vorbei hinunter zum ehemaligen Westbahnhof gewandert. Seine Bahnhofsvergangenheit ist dem jugendstilähnlichen Bau kaum zu glauben. heute beherbergt er standesgemäß das nobel Friedenscenter. das Panorama des Hafens bestimmt das Rathaus. An dem roten Klinkerbau scheiden sich die Geister. Für die einen ein Glanzpunkt der Architektur, für die anderen nur das hässlichste Rathaus der Welt. 
 Von der gegenüberliegenden Seite der Bucht stemmt sich die Festung Askershus den Ankömmlingen entgegen. wenigstens war das früher so. Heute liegen im Hafen die großen Passagierliner an und deren betuchte Gäste wird man bestimmt nicht in die Flucht schlagen wollen - wenigstens solange wie deren Taschen noch gefüllt sind. 
 wir erstürmen die Festung im Handstreich. Der Panoramablick über den Hafen animiert mich dazu ein kleines Video mit meiner Kamera zu drehen. Weil ich da sowieso Spezialist bin und mich noch dazu nicht gut mit der Technik des Apparates auskenne, sieht man auf dem Filmchen abwechselnd Hosenbeine, Schuhspitzen, Mauerwerk und Pflastersteine aber nichts vom Hafenambiente. Früher schon geriet ich öfters bei meiner alten A1 Kamera an den Selbstauslöser und blickte dann, weil sich nichts rührte, von vorne ins Objektiv. So gibt es in meinem Archiv eine große Anzahl Dias mit meinem Auge im Großformat. 
 Die Besichtigung der Kirche bleibt uns verwehrt, trotz der Orgelklänge die herausschallen. Die Scharniere der Türen quietschen so laut und hässlich, dass ich mich nicht traue die Zeremonie im Innern des Gotteshauses mit unserem Eindringen zu stören. 
 So wandert man einfach auf der Rückseite der Festung wieder der Stadt zu. Vor dem Parlament wacht, wie daheim in München der Löwe. Dann die Einkaufsmeile entlang hinunter zum Dom. Das ist schließlich die Kirche in der Könige, Prinzessinnen und Prinzen heiraten. Aber wieder Fehlanzeige. Der Dom ist eingerüstet und wird gerade restauriert. Wir suchen die Basarhallen auf um im Schatten der Laubengänge zu den Ostbahnhallen zu laufen, wobei "laufen" bei der schwülen Hitze ziemlich übertrieben ist. Früher duftete es hier nach den Gewürzen des Orients - steht im Reiseführer. Heute dagegen haben sich die Frucht- und Gewürzhändler aus aller Herrenländer in Handyverkäufer und Reisebüros verwandelt. 

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Der Weg war trotzdem nicht umsonst, denn in der Nähe ist die Bushaltestell der Linie 34, die uns wieder zurück zum Campingplatz bringt. Mit klar erkennbaren Auflösungserscheinungen fallen wir zu Hause in die Liegestühle und erheben uns erst wieder, wie ein aufziehendes Gewitter uns mit den ersten Regentropfen vertreibt.
 Das gestrige Gewitter war der Vorbote eines ausgiebigen Landregens, den wir am Morgen genießen dürfen. Der Unterschied zur Dusche im Sanitärbau ist nur, dass dort das Wasser warm ist. Bei diesem Wetter von Museum zu Museum hüpfen ist nicht unser Ding. Also bläst man, wie der Kaffeeduft verflogen ist zum Aufbruch.

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 Das Mobil nimmt die Straße nach Dramen hinaus unter die Räder. Der als sehenswert beschrieben Rokoko Herrenhof etwas abseits gelegen, bekommt uns nicht zu Gesicht. Die Unterführung vor uns versperrt den Zugang. Sie hat nur 2,50 m Durchfahrtshöhe und da passen wir nicht durch. Schließlich ist das Land groß und man muss ja nicht alles gesehen haben. Also zurück und weiter nach Notodden. Hinter dem Ort wartet das sakrale Holzbauwerk, die Kathedrale der Holzkirchen auf uns. Erst das etwas versteckte Hinweisschild "Museum", dann nichts mehr. Aber halt, plötzlich tauchen schwarze Holzschindeln zwischen Birken auf. Jedoch Kathedrale? Etwas skeptisch wird eingeparkt. Endlich bekommen wir das Bauwerk zu Gesicht. Der 24 m lange, 14 m breite und 26 m hohe Holzbau mit seinem dreistufigen Dach macht schon was her, doch im "Hirnkastl" bayerischer Barockfans ist unter "Kathedrale" etwas anderes abgespeichert. Beeindruckende Zimmermannskunst ist das Bauwerk der Stavkirche aber allemal. Übrigens kommt der Ausdruck "Stav" von den senkrecht stehenden Säulen und so wurden ursprünglich die Schiffsmasten bezeichnet. Was Wunder wenn das Volk der Seefahrer und Wikinger auf diese Bauart für Kirchen kommt. 
 Hinterm reich geschnitzten Rahmen des Eingangs sitzt eine Studentin im Trachtenlook, die mir erklärt, dass die Eintrittskarte für das Bauernhausmuseum und die Kirche an der Museumskasse gemeinsam zu lösen seien. Sie sitze nur so hier und wir dürften die Kirche ohne weiteres besichtigen. Schlau werde ich aus diesem Vorgang nicht so recht, aber die 40 bereitgelegten Kronen für den Eintritt verschwinden eilends wieder in der Hosentasche. 
 Im Innern des sakralen Gebäudes riecht es etwas muffig nach feuchtem Holz und Teerimprägnierung. Der Altar stammt von unbekannter Meisterhand. An der Wand Ornamente, Frucht- und Blumenmalereien die auch mehr dem Genre "Naiv" zuzuordnen sind. Heiligenbilder, teilweise aus dem 14. Jahrhundert fielen dieser Übermalung zum Opfer. Beim geschnitzten Bischofsstuhl mit Szenen aus der Sugurdsaga bin ich mir wegen der einfachen Arbeit über dessen Herkunft nicht ganz sicher. Fragen möchte ich aber auch nicht, um die gesparten 40 Kronen nicht noch nachträglich zu gefährden. 

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Lange bleibt die weltberühmte Kirche von Heddal nicht Thema. Dazu ist die Landschaft am Tinsjö entlang zu beeindruckend. Lieblich geben sich See und Landschaft. Am Ufer liegt die alte Museumsfähre vor Anker. noch ältere Eisenbahnwaggons fristen an Deck ihr kümmerliches Dasein. Dabei hat die Fähre im zweiten Weltkrieg Geschichte geschrieben. 
 Am Ende des Tales lädt ein Rastplatz mit Holzbänken zum Verweilen ein und hoch oben in den Bergen der erste Wasserfall. Freilich namenlos und wenig kläglich scheint das Rinnsal herunter zu plätschern. Aber immerhin unser erster Wasserfall, den wir zu Gesicht bekommen. Schauen wir mal weiter, ob die tosenden Wasserfälle nicht nur in den Werbeprospekten schäumen.
 Die Straße wird kurvig. Es ist vorbei mit lieblich und so. Steil bergauf röchelt der Diesel der Stadt Rjukan entgegen. Verschnaufpause für die Pferdchen gibt's am Rjukanfossen. Der Wasserfall hält nicht, was die Tafeln am Aussichtspunkt versprechen. Die Massen an Schmelzwasser scheinen abhanden gekommen zu sein. Nur Rinnsale ergießen sich über die Felsen. Leider genauso über meine Brille. Der einsetzende Nieselregen entwickelt sich binnen Minuten zum heftigen Schauer. Traudl teilt liebevoll ihren Minischirm mit mir, bis das Auto trockene Zuflucht bietet.   
 Rjukan, die ehemalige Bergwerksstadt verdankt die Berühmtheit ihrer ungünstigen Tallage. Mehrere Monate im Jahr fällt kein Sonnenstrahl in den Ort. Um den Arbeitern dennoch frische Luft und Licht zu bescheren baute die Bergwerksgesellschaft 1928 die Krossobahnen zur Hardanger Vidda hinauf. Man hatte gemerkt, dass Dunkelheit und Mief der Gesundheit der Arbeiterschaft abträglich war. 
 In Rjukan ging 1911, das mit 109 Megawatt größte Wasserkraftwerk der Welt in Betrieb. Die Energie versorgte hauptsächlich das stromfressende Kunstdüngerwerk der Firma Norsk Hydro. 1944 stellte das Werk dann schweres Wasser für die Deutschen her, die dieses Deutriumoxid für die Entwicklung der Atombombe brauchten. Norwegischen Widerstandskämpfern gelang es, die Eisenbahnfähre Hydro mit 100 000 Litern des schweren Wassers im Tinnsjö zu versenken. Hollywood war diese Story sogar einen Film wert.
 So interessant diese Geschichte auch sein mag, wir wollen jetzt hinauf, auf die weite Hochebene, die Hardanger Vidda. Dürftiger Bewuchs und karge steinige Weite schaffen den Eindruck von "verloren sein". Wenn es früher um Sonne und Luft ging, so finden heute dort  gestresste Wanderer Einkehr und Ruhe. 

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Beim "Abstieg" hinunter nach Amot taucht linker Hand am Ufer des Totak ein völlig verlassener Campingplatz auf. Etwas unterhalb dann das nächste Camp mit wehenden Fahnen und gut besucht. Wir möchten aber vor der Nachtruhe noch eine Schleife zur Rabenschlucht und nach Dalen zum Ende des Telemarkkanals ziehen. 
 Fortwährend fällt die Straße hinunter in Richtung Dalen. Dann plötzlich, kaum zu sehen der Pfeil zur Rabenschlucht. Wer diese Abzweigung der Schotterstraße gesehen hat, weiß warum ich diesen Weg nicht gefahren bin. Es ist besser nicht daran zu denken, was bei Gegenverkehr auf dieser vom Regen aufgeweichten, stark abfallenden 2,50 m breiten Schotterpiste passieren könnte. Rückwärts mit dem Reisemobil bergauf - ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn dann der Entgegenkommende auch so ein Spinner mit Wohnmobil ist, dann hieße das warten auf die nächste Trockenperiode oder hoffen auf einen mitfühlenden Traktorchauffeur. Nein Danke! der Taleinschnit dem wir, immer am Wildwasser entlang folgen ist auch so die Reise wert. 
 Dann Dalen. Das Tal mit dem weiten See strahlt Ruhe aus, bis sich die Straße wieder in extremen Kehren bergan zur Stabkirche von Eidsborg windet. Strömender Regen und Zimmermänner auf dem Dach des Kirchleins lassen den Besichtigungstermin platzen. 

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 Zurück in Amot fällt die Entscheidung zu Gunsten des einsamen Campingplatzes am See. Mit allen zusammengekratzten Sprachkenntnissen lässt sich das Schild an der Einfahrt entschlüsseln. Der Besitzer kommt einmal täglich zum kassieren vorbei. Um alles andere möge man sich bitte selber kümmern. Wir wählen unseren Standplatz direkt am See. Strom, Duschen und warmes Wasser sind tatsächlich vorhanden und eine Sunde später kommt ein älterer Herr zum kassieren vorbei. Alles o.k., alles Bestens! Die Mitglieder des örtlichen Kanuclubs setzen noch ihre Boote ein, dann kehrt die totale Ruhe ein. Traudl findet bei einem kleinen Streifzug durch den Wald, neben von Bibern gefällten Bäumen ihre erste, feuerrote Moltebeere. Die Vitaminbombe des Nordens signalisiert ihre Reife allerdings mit gelber Farbe. Sie ist also noch nicht reif und das heißt: "Finger weg!" 
 Auch am Morgen stehen wir immer noch alleine in friedlicher Stille. Solche Plätze für Übernachtungen sind exakt nach unserem Gusto.
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 Abreise bei strahlendem Sonnenschein hinunter zur E 134. Anfangs noch im Tal noch Bauernland. Blühende Blumenwiesen vor satten Nadelwäldern säumen den Weg, bis dieser wieder ansteigt, stetig hinauf zum Haukeligletscher. Nach dem x ten Tunnel, das ganze Land schein unterminiert zu sein, bricht mit Vehemenz die Eisriesenwelt herein.

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Blaugrüne Seen leuchten. Die Schneefelder reichen bis zur Straße heran, laden ein zum Fototermin. Traudl lässt es sich nicht nehmen, mitten im Schneefeld Fotos zu schießen. Auf den freigetauten Flächen recken sich sofort Blütenköpfchen empor, so als ob sie wüssten dass ihnen nicht viel Zeit zum Blühen bleibt und der Sommer nur kurz währt. 
 Plötzlich trifft mich ein Schlag in den Rücken. Ich fahre herum. Das muss ein Troll gewesen sein! Nein, doch nicht! Meine Frau hat mir einen Schneeball verpasst. Na das kriegt sie aber mit Schmackes zurück! Schließlich gibt es noch Erinnerungsfotos mit Schneeball, bevor man sich ins warme, heimelige Auto zurückzieht. So lässt sich die unwirtliche Natur draußen schon komfortabler genießen. 
 Obwohl die Landschaft noch karger ist, wie auf der Vidda, stehen überall am Weg rot gestrichene Wochenendhäuser der Norweger. Vor dem 5 1/2 km langen Haukelitunnel ist die Straße abrupt gesperrt. Nun wird mir klar, was die Schilder unten im Talboden bedeutet haben. Wer norwegisch kann ist also eindeutig im Vorteil, - oder auch nicht. Denn so führt der Weg die alte Passstraße hinauf. 
 Teilweise im ersten Gang meistert das Wägelchen die steilen Serpentinen bis zum 1145 m hoch liegenden Dyrskar hinauf. Fünf oder sechs Meter hohe Schneemauern säumen den Weg. Bäche schießen allenthalben seitwärts herab um sich über die Straße zu ergießen und auf der anderen Seite wieder gurgelnd zu verschwinden. 
Vom höchsten Punkt, der die Wasserscheide zwischen Skagerak und Atlantik bildet, geht es nur noch bergab, hinunter nach Roldal. 
 Die Kirche dort ist als Sehenswürdigkeit in den Reiseführern vermerkt. Weil jedoch Erfahrung klug macht, streichen wir sie schnell aus dem Routenbuch. Und das, obwohl es dort eine Altartafel mit mystischer Erscheinung gibt. Das aus dem Mittelalter stammende Kreuz ließ in der Johannismesse das Blut Christi herabperlen. Besucher rieben sich damit die Gliedmaßen ein und erhofften sich Heilung. Wissenschaftler entzauberten das Mysterium. Was da perlte war nur Kondenswasser, das durch die Körperwärme der Besucher entstand. Weil zu jener Johannismesse viele Pilger kamen, forcierte deren Anwesenheit das Wunder. Nachdem nun alles erforscht war, versank das Kirchlein wieder in der Bedeutungslosigkeit und der Touristenstrom folgt ohne Unterbrechung der RV 13 nach Norden. 
 Die Reisenden erwartet wieder etwas Neues aus der Norwegischen Tunnelküche. der sich im Berg 4,5 km spiralförmig hinaufwindende Roldaltunnel. Oben dann als Belohnung die Aussicht auf die Eismassen des Folgefonn-Gletschers. Dann wieder steil bergab ins Josendal hinunter. Wild sprudelnd und brausend gebärdet sich der Fluss neben der Straße. Urplötzlich stürzt direkt neben uns ein Wasserfall herab. Er taucht so unvermittelt auf, dass Traudl nicht einmal mehr ihren Fotoapparat zücken kann. da rauscht auch schon der nächste Guss herunter. Es rauscht es tobt, es tost, Urgewalt pur. der zweigeteilte Latefoss droht die Straße zu verschlingen. 
 Gleich am Parkplatz, der schließlich zu solch einer Sehenswürdigkeit gehört, ist genau noch das Plätzchen fürs Mobil frei. Nichts, wie schnell rüber gezogen und hinein. Staunend stehen Besucher aus aller Herren Länder vor diesem grandiosen Naturschauspiel. Fotoapparate müssen alles geben um den aahs und oohs ihrer Besitzer gerecht zu werden. Schwerlich ist dieses Ereignis Wasserfall zu beschreiben. Es fehlen die Worte.

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Beim Ausparken machen wir einen Autofahrer glücklich, der sogleich das freie Plätzchen erhascht. Immer weiter folgen die Autos dem schäumenden Wildwasser und dem engen Gebirgstal mit dem dichten Saum von Fichtenwäldern bis sich die Landschaft weitet. Der See, an dem der Weg nun entlangführt täuscht. Es ist das Meer, das sich bis hierher als Sjorfjorden erstreckt. Die Hänge hinauf sind mit Obstbäumen bepflanzt. Gemüseäcker ziehen sich bis an die Ufer des Fjordes hinab. Das Landwirtschaft hier funktioniert zeigen die Stände mit Jordbeeren und Morella längs der Straße. Jordbeeren sagen die Norweger zu den Erdbeeren und Morella zu den tiefschwarz glänzenden Kirschen.
 Nach den bisher reichen Eindrücken von den Wasserfällen streichen wir den Abstecher zum Voringfossen um direkt der Fähre von Bo nach Bu zuzustreben. Damit wird das Etappenziel Bergen immer wahrscheinlicher. 
 Und doch kommt noch ein Wasserfall dazwischen. Unversehens ergießt sich der Steinsdalsfossen schräg voraus den Berg herunter. Der zugehörige Parkplatz liegt nur etwa einen Kilometer von der Hauptstraße entfernt und damit ist Stehenbleiben fast schon ein "Muss". 
 Was soll ich sagen, es rentiert sich. Auf dem Trampelpfad den Hang hinauf kann man unter, oder besser gesagt hinter den stürzenden Wassern hindurchlaufen und das trockenen Fußes. Im Führer als Touristenmagnet erwähnt, ist es jetzt im Juni sehr ruhig und unser Auto steht bis zur Abfahrt fast alleine.
 "Mit dem letzten Tageslicht" kann man hier nicht gut sagen, weil die Sonne ja sehr, sehr spät untergeht, aber knapp vor Torschluss erreicht man die Stadt Bergen und deren Campingplatz. der ist randvoll. Da ist es vorbei mit alleine stehen. Gerade erobern wir noch einen der letzten Fleckchen. Knapp kann man noch die Türen öffnen, ohne das Nachbarauto zu beschädigen. Aber für eine Nacht wird es wohl gehen.
 Bergen, die geschichtsträchtige Stadt, deren Einwohner sich für die wahren Hauptstädter halten. Bergen, die Stadt, die Kaiser Wilhelm regelmäßig zum Jahresurlaub mit seiner Yacht besuchte. Bergen, mit seiner Postkarten Altstadt und Heimathafen der Hurtig-Routen-Flotte. Und Bergen, die "Hauptstadt des Regens". Die vom Meer hertreibenden Wolken verfangen sich in dem Ring aus Bergen, der sich um die Stadt zieht und regnen hier stets ab. Statistisch fallen hier 3000 mm Niederschlag im Jahr. Komisch ist nur, dass ich einige Leute kenne die Bergen schon besucht haben. Jeder erzählt vom sprichwörtlichen Bergener Dauerregen, nur selbst erlebt hat ihn keiner.    
 Am Morgen sind wir schnell auf den Beinen und was soll ich sagen. Es ist frisch und ein stahlblauer Himmel wölbt sich über uns. Zwischen den Bäumen am Rand des Camps blitzt die Sonne hervor. Zugegeben, ich vermisse die "Regenattraktion" nicht und meiner Begleiterin fehlt der Regen auch nicht.

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So rollt das Mobil auf der Parkplatzsuche schon am Idyll der Altstadt, den Bryggen vorbei, bevor sich im Schatten der alten Festung Bergenhus der gesuchte Abstellplatz findet. Durch die Festungsanlage spazieren Traudl und ich zurück zu den Bryggen. Schmale, recht sachkundig und schön restaurierte Holzhäuschen drängen sich dicht an dicht. Vom ehemaligen Hanseviertel ist nach dem Großbrand von 1708 nur ein Gebäude im ursprünglichen Zustand erhalten geblieben. Es beherbergt heute das Hansemuseum. Die Hanse verfügte ehemals über so viel Macht, dass im Hanseviertel nicht norwegisches Recht galt sondern Hanserecht. 
 Vorne an der Stirnseite der Kai's beherrscht der Markt das überraschend gemütliche Geschehen. Fischverkauf und Andenkenläden bestreiten den Löwenanteil des Geschäfts. Dazu noch Morella und Jordabeeren und das wars dann auch schon. eigentlich ein Ort zum behaglichen Verweilen. Uns aber drängt es zur Eile. Wir möchten hinauf auf den Floyen, den Hausberg Bergens und vor dem Eingang der Standseilbahn drängen sich die Menschen. Es geht aber dann doch überraschen flott mit dem Aufstieg. 
 Das Panorama auf dem Floyen ist einzigartig. An den Hügeln und Hängen ziehen sich bunte Häuser hinauf. Auf der gegenüber liegenden Seite breitet sich die Stadt zum Meer hin aus. Ins tiefblaue Wasser liegen kleine Inselchen hineingesprenkelt. Kann eine Stadt schöner sein? Wer das Pech hat bei tagelangem Dauerregen hier zu stehen, wird vermutlich anderer Meinung sein.
 Quirliges Leben empfängt die Besucher wieder an der Talstation. Die Bergener genießen wohl das schöne Wetter in vollen Zügen. Auch wir streichen geplante Museumsbesuche ersatzlos. Dafür läuft man noch ein bisschen kreuz und quer durch die Gassen und am Hafen entlang, bevor es uns weitertreibt in Richtung Norden.  

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 Die Schnellstraße trägt uns wirklich schnell hinaus aus der Stadt. Vielleicht etwas zu schnell - wir verfahren uns, sind wieder auf dem gleichen Weg wie gestern bei der Anreise. Das macht aber nichts, weil dieser Umweg die landschaftlich schönere Variante ist. Und so, wie bekanntlich alle Wege nach Rom führen, so führt und dieser nach Voss und weiter zum Aussichtspunkt des Stahlheimhotels. Wer dieser Herr Stahlheim oder eine Frau Stahlheim gewesen ist konnte ich nicht ergründen. Aber das Hotel liegt hoch oben auf einem Felssporn über dem Näröydal. Die Aussichtsterrasse ist für jedermann über die Hotellobby frei zugänglich. 

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 Hundert Meter tief fällt der Fels senkrecht nach unten. Der Blick ins enge Tal ist eigentlich fantastisch, doch wir Norwegenfahrer sind schon so von den fortwährenden landschaftlichen Höhepunkten verwöhnt, dass uns der Platz nur noch ein müdes Lächeln abringt.
 Etwas Eile ist auch geboten, denn vorhin hat ein etwas unfreundlicher Engländer seinen Anspruch auf das gesamte Parkplatzareal geltend gemacht. Es steht schon eine größere Anzahl von Oldtimer- Automobilen am Platz und es sollen wohl noch mehr Teilnehmer dieser Oldtimer-Rally eintreffen. Das Wohnmobil parkt dicht an einer Mauer am Straßenrand. Rundum zig Meter freier Platz. Trotzdem wollte uns der Herr mit dem martialischen Schnauzbart, offenbar auch ein "Rennfahrer", die fünf Minuten für den Ausblick nicht zugestehen. Sein Einspruch hatte bei mir nur mäßigen Erfolg, Doch trotzdem will man's nicht übertreiben und so rollt der Diesel bald steil nach unten um ins Aurland-Tal zu kommen. Die Straße folgt dem Lauf des quirligen Gebirgsbaches. Überall sind Freizeit Aktivitäten im Gange. Kajakfahrer, Angler und sogar ein Gleitschirmflieger packt sein Gerät aus dem Auto.  
 Dann tauchen wir auch schon in die nächsten kilometerlangen Tunnel ein, um in Flam wieder ans Tageslicht zu kommen.

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Weil die Berge schon immer längere Schatten werfen, verzichtet man auf die Fahrt mit der Flam-Bahn. Sie ist die steilste, ohne Zahnräder befahrene Bahnstrecke der Welt und überwindet einen Höhenunterschied von 864 Metern. Faszinierende Aussichten und die Möglichkeit talwärts mit dem Fahrrad zurück zu rauschen machen die Bahn zur Attraktion.
 Wir aber folgen dem Wildbach noch einige Kilometer und finden außerhalb der Stadt, im Campingplatz direkt am Wasser, das ruhige Plätzchen für die Nacht. Weidende Kühe ziehen vorbei und das Plätschern des Baches wiegt uns in den Schlaf. 
 Bis die Sonnenstrahlen am nächsten Morgen den Weg in den engen Taleinschnitt finden, sind wir schon auf Achse hinein ins Aurlandsdal. Bauern nutzen das schöne Wetter um ihre oft nur handtuchbreiten Felder im Talgrund für die Heuernte zu mähen. Dann legt sich ein mächtiger Gebirgsstock quer zum Tal, sperrt die Straßentrasse. Aber wie die Norweger nun mal so sind, haben sie ein Tunnel in den Berg gesprengt. Und was für eins! Zwar ist der Weg teilweise nur einspurig befahrbar, drum ist an der Einfahrt auch eine Ampel montiert, aber dann windet sich die Röhre spiralförmig im Fels nach oben und spukt die Fahrzeuge erst wieder am grandiosen Aussichtspunkt aus. Der Blick ist unbeschreiblich. Rundherum die gewaltigen Felsmassive, die sich im fast schwarzen Wasser des zum schmalen See ausufernden Baches, tief unten spiegeln. Gut, dass es die Digitalkamera gibt. Sonst hätte ich wieder einige Filme weggeknipst wie nix. Erst nach geraumer Zeit können wir uns losreißen um das nächste Erlebnis anzugehen. 

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   Das Schild an der Einfahrt des Aurland-Tunnel löst Erstaunen aus. Ob das stimmt? 25 km irgendwas Tunnellänge? Es stimmt! Die moderne Röhre führt unter dem sich in der Ferne verlierenden Lichterband der Straßenlampen ins unendliche Dunkel. Auf einmal schimmerts von vorne bläulich. Das Blau wird größer, weitet sich zur Grotte und wir durchfahren diese unterirdische Ausweichstelle von der Größe eines Autobahnrastplatzes. Dann umfängt uns wieder das Dunkel der Röhre bis zum nächsten blauen Schimmer. Traudl versucht die Stimmung mit dem Fotoapparat einzufangen. Es gelingt nicht. Manche Autofahrer bleiben in der Grotte zum fotografieren stehen. Ich weiß nicht ob das gestattet ist und trau mich nicht anzuhalten. Ehrfürchtig kann ich vor dieser Leistung der Tunnelbauer nur den Hut ziehen und - gekostet hat die Durchfahrt auch nichts. 
 Dafür heißt's gleich anschließend für die Fähre über den Ardals Fjorden löhnen, die in unserer Karte als mautfreie Straßentrasse eingezeichnet ist. Aber als Entschädigung wartet schließlich die Basilika von Kaupanger als kulturelles Glanzlicht auf uns. 

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 Hoch über dem Fjord erwartet die Stabkirche ihre Besucher. Geschäftig eilt ein Geistlicher mit wehender Soutane über den weiten Friedhof zum Gotteshaus hin. Dort empfängt er uns freundlich, kassiert Eintritt und kontert unseren erstaunten Gesichtsausdruck damit, dass wir ja schließlich eine deutsche Kirchenführung bekommen. Auf den paar Schritten in die Kirche hinein scheint ihm jedoch das Personal abhanden gekommen sein. Als Ersatz für den überraschend, gerade nicht greifbaren Fremdenführer drückt er uns eine ziemlich zerfledderte, fast unlesbare Broschüre in die Hand, die beim Verlassen der Basilika wieder abzugeben ist.
 Im Gotteshaus riecht es ein wenig nach modrigem, alten Holz und alter Farbe.An den Wänden zieht sich das überdimensional gemalte Notenband eines Liedes hin. Sonst gibt es nicht viel zu sehen. Beschrieben ist noch der alte Holzstuhl, der nicht besonders schön ist, aber einem König beim Kirchgang als Sitzgelegenheit gedient hat. Einzig die hölzerne Spitzbogenkonstruktion, die hoch oben die Stäve verbindet, unterscheidet die Bauart von anderen Stabkirchen. Aber so richtig was Besonderes ist nicht zu entdecken. Warum hier das Fotografieren verboten ist, ist nicht gleich erkennbar. Die Erkenntnis kommt erst zutage, wie uns der Soutane-Träger unbedingt seine Bilder und Ansichtskarten aufdrängen möchte. Ich lehne dankend ab und wir genießen lieber im Freien die frische Luft, die vom Fjord heraufweht. 
 Als Belohnung für diesen Kirchgang hat sich unsere kleine Reisegruppe entschieden, dem Sognedal Folkemuseum einen Besuch abzustatten.
 Das ist nun was, ganz nach unserem Gusto. Den Kern der Anlage bildet der Museumsbau. Es dauert eine Weile bis das Eintrittsgeld kassiert wird, weil gerade der Kaffee durchgelaufen ist und die Verkäuferin des integrierten Souvenirshops mit der Tasse in der Hand daherkommt. Das macht aber nichts, denn es gibt viel zu schauen nach Broschüren und Büchern. Wie die Kasse meine EC-Karte wieder ausspuckt, dürfen wir eintreten in das Reich der Vergangenheit. Schneeschuhe, Skier und Schlitten in allen Variationen. Vom einfachen Rodel über herrschaftlich geschnitzte Schlitten bis hin zum groben Transportgerät. ist alles vorhanden. Traudl ist schon an den bemalten Bauernmöbeln und den "guten Stuben" vorbei, wie ich noch ein wenig "Werksspionage" betreibe. "Komm", ruft mir meine Frau zu, "das must du dir anschau'n!" Weihnachtsstuben im Wandel der Jahrhunderte. Die Geschichte rund um das Weihnachtsfest und es ist sogar Spielzeug aus unseren Kindertagen dabei. Klar, dass es dauert bis die Runde fortgesetzt wird. Faszination pur dann im Untergeschoß für mich. Mit altem Werkzeug ausstaffierte Handwerker-Werkstätten. Ein ehemaliges Landhandelsgeschäft und als Krönung die Zahnarztpraxis von etwa 1955. 
 der abgeschabte Lederstuhl, davor die Bohrmaschine mit dem langen Gelenk-Hebelarm und den Umlenkrollen für den Kleinriemenantrieb. Die am Behandlungstisch aufgereihten Folterinstrumente treiben mir immer noch Kälteschauer über den Rücken. Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass mein erstes "Au!" beim Zahnarzt unverzüglich eine saftige "Watschn", also eine Maulschelle, begleitet von einer kräftigen Schimpfkanonade auslöste. Bezeichnenderweise lag die Zahnarztpraxis aus meiner Kinderzeit direkt über der Dorfschmiede. Auf alle Fälle ist mir bis heute der Respekt vor dem Zahnarzt erhalten geblieben. 

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Unter dem Eindruck der aufkeimenden Erinnerungen treten wir hinaus ins Freigelände. Weit verstreut schmiegen sich die Hütten und Häuser in die hügeligen Blumenwiesen. Faszinierend ist die Dachbedeckung. Blühende Grassoden auf kunstfertig geschälter Birkenrinde dichten und isolieren die Unterkünfte vortrefflich ab. Im Innern ist es ziemlich duster. Die Fenster sind klein. gleichen oft nur Gucklöchern. So sind der alte, hölzerne Wagen und die Strohkörbe in der Kate kaum zu sehen.
Das große, zweigeschoßige Wohnhaus weiter vorne birgt eine architektonische Besonderheit. Die Balken der Geschoßdecke ragen seitlich über die Wände hinaus und sind mit riesigen Keilen gesichert. Dehnt sich nun das Holz der Balken aus, rutschen die Keile nach und spannen die Konstruktion immer wieder aufs neue. Dieser Trick soll das Knarzen der Bodendielen über Jahrhunderte hinweg verhindert haben. 
 Die kleine Knüppelbrücke bringt uns über den Bach, der den gut besetzten Fischteich speist, zum Herrenhaus. Da gibt es Tapeten an den Wänden, Parkettböden und Kannen nebst Töpfen aus Kupfer und Porzellangeschirr, das den Eindruck vom herrschaftlichen Luxus jener Zeit vervollständigt. Dann wieder ein Bauernhof mit gackernden Hühnern, Enten, Gänsen und Ziegen.
 Leider lassen gerade jetzt die tiefhängenden Wolken die ersten Tropfen fallen. Nichts wie Regenschirm heraus, die Schrittgeschwindigkeit erhöht und eilends dem Ausgang zu. Nur der Blick in die Museumsschule muss noch sein, obwohl "Schule" in meiner Erinnerungs-Hitliste gleich nach "Zahnarzt" rangiert. Einfach fantastisch, der geruch nach Bohnerwachs und Ölfarbe. Auch sonst deckt sich das Bild des Klassenzimmers ziemlich genau mit der Erinnerung. Obwohl - ohne die Lehrer von damals verklärt sich alles mehr ins liebliche.
Eben, wie es zu schütten anfängt, huschen wir gerade noch einigermaßen trocken ins Auto.
 Ohne Angelzeug interessiert mich der Aröyelv, einer der bekanntesten Lachsflüsse des Landes am Weg nicht besonders. Auch der Abzweig nach Solvorn, von wo aus Bootstouren zur Stabkirche von Urnes möglich sind, erregt nach den Erfahrungen in Kaupanger bei uns keine besondere Neugier mehr. Überlegenswert wäre vielleicht der Bootsausflug zum Feigumfoss - doch die Entscheidung fällt dann doch zur Weiterfahrt am Lustrafjord entlang. 
 Der Regen hat aufgehört. Es ist diesig und doch ist die Luft in ein eigenartiges Licht getaucht. Das Licht kommt vom Fjord, der in einem eigenartigen grün-türkisem Schimmer leuchtet. Zu allem Überfluss spiegeln sich in dieser Farbpalette noch die herabstürzenden Wasser des 293 Meter hohen Feigumfoss. Diese gigantische Sinfonie der Natur gebietet Einhalt neben der kleinen Dorfkirche am Wegrand. 

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 Viel Konzentration erfordert die Weiterfahrt. Immer wieder lenken fantastische Panoramen vom Verkehr ab. Überaus überraschend zeigt sich für uns auch die Vegetation am Straßenrand und die Hänge hinauf. Himbeer- und Brombeerplantagen, dazwischen Erdbeerfelder und weiter oben Kirsch- und Apfelbäume rütteln am vorgefassten Bild vom unwirtlichen Norden. 
 Ein besonderes Schauspiel, zu dem die kleine, teils mautpflichtige Stichstraße von Hafslo aus führt, scheint mir zu beschwerlich. Vom Ende der Straße kann man zum Jostedalsbreen wandern. Das ist hier nicht nur irgendein Gletscher sondern das Aufeinanderstoßen der drei Gletscherfälle Thor, Odin und Loke bieten an dieser Stelle das eindrucksvollste Eisschauspiel Europas. Weil ich aber nicht sehr gut zu Fuß bin muss ich mir die Attraktion abschminken. Die zweistündige Wanderung mit Gletscherführung traue ich mir nicht mehr zu.  
 So bleiben wir auf der Hauptstraße bis zum Ende des Lustratales. Das klare, glatte Wasser am Talschluss spiegelt Häuser und Landschaft in einer Weise, dass Spiegelbild und Original kaum noch zu unterscheiden sind. Hinter den letzten Häusern von Skjolden steigt die Straße dann, dem Bett des quirlig herabsprudelnden Bergbaches folgend, stetig bergan. Das scheint die ideale Trainingsstrecke für die Kondition bolzende Gruppe von Sommerskiläufern zu sein, die wir eben überholen. Mit kräftigen Stockschüben gleiten sie bergauf. Dann wird es noch extremer. Die als schönste Passstrecke Norwegens gerühmte Trasse geht in 12 % Steigung über, um auf einer Distanz von elf Kilometern, eine Höhendifferenz von 900 Metern zu überwinden. Spaßeshalber sage ich grinsend zu Traudl: "Da werden sich die Sportler wohl die Zähne ausbeißen, aber wenigstens haben sie beim Umkehren eine flotte Abfahrt ins Tal vor sich." Uns nehmen jedoch gleich wieder die herrlichen Ausblicke, voraus ins Gebirgspanorama und zurück auf dem immer kleiner werdenden, jetzt dunkelblau heraufleuchtenden Fjord gefangen. Kaum zu glauben, dass sich sein Wasser fast zweihundert Kilometer von der Küste aus bis hierher schlängelt. Uns haben die zurückliegenden Kilometer, von Meeresniveau aus geradezu ins Hochgebirge katapultiert. Ein wenig verweilt man am Aussichtspunkt an der Straße, genießt noch einmal die Aussicht und albert ein wenig im angrenzenden Schneefeld herum. Schade dass der angrenzende Wendeplatz der Straßenmeisterei gesperrt ist. Da hätte man gut die Nacht verbringen können. Sicher wird sich auf der Weiterfahrt noch was ergeben. Ein- zwei Kilometer bergwärts lugt plötzlich seitwärts ein kleines Plateau zwischen zwei Schneefeldern hervor. Das wär's! Ich steige aus um die Zufahrt zu ergründen denn es führen grobstollige Reifenspuren den Hügel hinauf. Vermutlich war vor kurzem ein Arbeitstrupp der Elektrizitätsversorger mit ihrem Unimog zur nahen Stromleitung unterwegs. Just in dem Moment rast der Erste der Skilangläufer mit hohem Tempo an mir vorbei. In kurzem Abstand folgt der Rest der Gruppe. Etwas weiter oben wartet der Zeitnehmer mit der Stoppuhr. Fragen mag ich ihn nicht und nehme einfach an, dass hier die Nationalmannschaft trainiert. "Oder", meint meine Frau, "es ist ein Dopingversuch." "Oder eventuell beides" denk ich mir.
 Unser Plateau besitzt keine Wendemöglichkeit, also geht's nur rückwärts hinauf. Nach mehreren versuchen gelingt das Vorhaben. Das Mobil steht abseits der Straße inmitten der grandiosen Natur am murmelnden Schmelzwasserbächlein. Leider trübt der Geruch der überstrapazierten Kupplung etwas die Beschaulichkeit. So stinkt's noch die nächste halbe Stunde gewaltig nach verbranntem Material.
 Es ist schon spät, aber immer noch taghell. Die schneebedeckten Gipfel und Bergkuppen liegen immer noch strahlendem Sonnenlicht. Vögel tummeln sich in den Krautweiden, die sich Feldern gleich die Hänge hinab ziehen. Allerdings hat das Schmelzwasser die karge, geröllübersäte Fläche direkt neben uns in tiefen Morast verwandelt. Hoffentlich verfügt die "Zufahrt" morgen früh noch über genügend Standfestigkeit.
 Erst gegen 22:30 Uhr geht die Sonne hinter den Ausläufern des Jostedalsbreen-Nationalpark unter. Fast berauscht bleiben wir im Dämmerlicht zurück, bis wir schließlich die Betten aufsuchen. So ein exponierter Schlafplatz wurde uns noch nie zu Teil.

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Sind es die Erlebnisse oder ist es das Dämmerlicht, das mich nicht richtig schlafen lassen? Auf alle Fälle erlebe ich den Sonnenaufgang um 2:30 Uhr schon wieder mit dem Fotoapparat im Anschlag. Erst blitzen die Flanken der 2000er des Jotunheimen-Nationalparks im gleißenden Licht der Morgensonne, bevor sich auch die tiefer liegenden Gipfel in das Spiel von Licht und Schatten einschalten. 
 Irgendwann schlüpfe ich wieder ins Bett. Es dauert bis die Füße wieder auf Normaltemperatur kommen, denn um ja nichts zu verpassen bin ich gleich in den Sandalen raus auf das nunmehr tief gefrorene Matschfeld. Da fällt mir auf, dass vom Rauschen des Bächleins nur noch ein leises Murmeln geblieben ist. Die Kälte hat aber auch eine gute Seite. Um die Tragfähigkeit des Weges brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen. 

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 Von frisch gebrühtem Kaffee gestärkt biegt man gegen Acht in die Landstraße ein. Noch ein letzter Hügel und die ganze Schönheit des Jotunheimen liegt direkt voraus. Das Auto rollt auf Brücken über tiefgefrorene Seen dahin. Meterhohe Schneewände säumen die Straße und dahinter erhebt sich die Gebirgskette des Nationalparks. Seitwärts, unterhalb der Straße taucht eine Berghütte auf. Drumherum, weit in die Landschaft hineingestreut liegen Bergsteigerzelte. Sie markieren den Anfang des Aufstieges zum 2469 Meter hohen Galdhopiggen. Wir lieben es da schon ein wenig wärmer und sind froh, wie uns die Route talwärts dem Frühling entgegenführt. Bald säumen blühende Hänge die Straße und über die Felsabbrüche stürzen Wasserfälle hernieder. Schafe wärmen sich auf dem Asphalt. Schnell erkennt man, dass hier die Schafe Hausrecht haben. es gibt keine Zäune oder Pferche und auch kein Schäfer lässt sich blicken. Die Woll-Lieferanten laufen völlig frei herum, so dass nur gegenseitige Rücksichtnahme zählt. Im Klartext heißt das, eben warten bis sich die Tiere bequemen den Weg zu räumen. Für uns überhaupt kein Problem, weil wir nicht in Eile und zudem Tiere gewöhnt sind. Vor einigen Jahren hatten wir ja selbst noch 50 Schafe am Hof.
 So zuckelt das Mobil gemütlich Lom entgegen. Auf einmal taucht links drüben, im Hofraum eines Bauerngehöftes die riesige Sagasäule auf. Leider finde ich die Zufahrt nicht, was sich aber eher als zweitrangig erweist, weil sich das Gehöft als das Dreisterne Elveseter Hotel entpuppt. Dazu stellt der mit 33 Metern Höhe, als höchste Säule der Welt deklarierte Pfeiler zwar die Geschichte Norwegens zwischen dem 9. und dem 19. Jahrhundert dar, soll aber laut Beschreibung recht martialisch und nicht besonders schön sein. Die Säule sollte ursprünglich vor dem Osloer Storting aufgestellt werden, ging wegen Querelen in Privatbesitz über und dient seit 1992 als touristische Attraktion für Hotel und Gegend.
 Das Tal weitet sich, das wild schäumende Bächlein, das uns aus dem Hochgebirge heraus begleitet hat breitet sich zum trägen Fluss aus. Voraus schält sich die Stabkirche Lom's aus dem Dunst. Der Ort selbst besteht aus massiven Holzhäusern mit eher sprödem Charme. So attraktiv ist Lom aber doch, dass ich die Abzweigung übersehe und man so ein gutes Viertelstündchen ganz entspannt am Vaga Vatnet entlang rollt. 
 Traudl traut dem Frieden nicht so recht und kontrolliert die Übereinstimmung von Wirklichkeit und Karte genau bis feststeht: "Wir müssen zurück nach Lom!" Damit gibt es aber den Einblick in die besondere landwirtschaftliche Situation des Landstriches. Die Bäche um Lom sind zu länglichen Seen angestaut um das wertvolle Nass zur Bewässerung der Felder zur Verfügung zu haben. Schier unglaublich für uns, dass wir uns in einer der niederschlagsärmsten Gegenden Norwegens befinden und ohne künstliche Bewässerung Landwirtschaft hier überhaupt nicht möglich wäre.
 Das Ottatal, immer den Ottafluss entlang nimmt man die nächste Superattraktion langsam ins Visier - den Geirangerfjord. Da verkümmern, fast ungerechterweise die schäumenden Stromschnellen und Katarakte der Otta am Wegrand zur Normalität. Doch in den Gedanken haben sich schon die bekannten Bilder von Geiranger festgesetzt. Allerdings bin ich schon noch so weit Herr meiner Sinne, den kleinen Umweg über die landschaftlich schöne, leider jedoch auch sehr exponierte  Strecke zum Wintersportort Styrn, nicht mit der Hauptstraße zu tauschen. Der Weg ist für Gespanne ganzjährig gesperrt und sogar im Sommer nicht immer schneefrei, so dass dem ungestümen Entdeckermut die Sicherheit Einhalt gebietet. Aber auch die R 15 windet sich stetig bergauf bis das Asphaltband wieder von eisbedeckten Seen und weiten Schneefeldern flankiert ist. Etwas weiter vorn rückt eine Berghütte ins Blickfeld. Der ungewohnte Verkehrstrubel drumherum irritiert etwas bis sich der Platz für den kurzen Orientierungstopp findet. Eigentlich muss der rechts steil bergauf führende, einspurige Weg die Mautstraße zum Dalsnibba sein. Dort soll die Touris die ultimative Aussicht auf den Fjord erwarten, wenn sie denn Platz finden in der drängelnden Menschenmenge. Mir ist die Straße eh nicht geheuer und so beschließt die Crew sich die Maut zu sparen und auf ein anderes Plätzchen mit schöner Aussicht zu hoffen. Die Ausblicke bieten sich dann doch noch auf dem Weg nach Geiranger hinunter von den Kehren der R15 aus.        

010 Geirangerfjord.jpgWie bestellt liegt sogar fotogen ein Kreuzfahrtschiff vor Anker. Nur mit dem Foto klappt es nicht, der Verkehr ist einfach zu dicht. Das erste Foto gelingt erst am Ortsanfang. Geiranger selbst, mit seinen an der Straße entlang aufgereihten Häuser gibt nicht viel her. Trotzdem schieben sich Menschen aus aller Herren Länder in Massen durch Andenkenläden und Ort. Verständlich, wenn man bedenkt dass so ein Kreuzfahrtschiff schnell mal 3000 Touristen ausspuckt. 
 Freilich, die Lage am Fjord, eingerahmt von Felsmassiven rundherum ist fantastisch. Darum geht es auf der Adlerstraße auch gleich wieder steil bergauf. 
 Wenn nicht hier, wo dann soll der Spruch "der Weg ist das Ziel" stimmen. Die letzten 24 Kilometer Straße wurden 1900 auf der Weltausstellung in Paris als Meisterwerk der Straßenbaukunst preisgekrönt.
 Der Teil der aus Geiranger hinausführt und den wir jetzt befahren, nennt sich Adlerstraße und wurde 1952 eröffnet. Kehren mit nur 13 Metern Durchmesser bringen uns hinauf auf 625 Meter über dem Meer und auf den Aussichtspunkt, der den Besuchern einen spektakulären Ausblick über das Panorama des Fjords beschert. Der starke Touristenansturm scheint noch nicht statt zu finden. Parkplätze sind reichlich vorhanden und wir Schaulustige finden ohne Gedrängel ganz vorne die besten Fotoplätze. 
 Da weht mir der Wind Wortfetzen mit bayerischem Slang von zwei Motorradfahrern ins Ohr. So kommt man schnell ins Gespräch. Sie stammen aus dem oberbayerischen Weilheim und sind über Finnland und Nordkap hierher gefahren. Auch sie sind begeistert vom Panorama. Kein Wunder es ist der erste Sonnentag ihrer Tour. Tausende Kilometer durch schlechtes Wetter mit Dauerregen, Nebel und Kälte liegen hinter ihnen. Jetzt wollen sie erst einmal einen Tag Pause mit Schifffahrt im Fjord machen, um wenigstens noch ein bisschen was vom zauberhaften Norwegen zu erhaschen. Viel Zeit bleibt den beiden Bikern nicht mehr, ihr Urlaub neigt sich dem Ende zu.
 Wir verabschieden uns um die Adlerstraße wieder unter die Räder zu nehmen. Einfach ist das nicht. Die Steigung in den Kurven bringt beim Anfahren die Räder immer wieder kurz zum Durchdrehen. Erneutes Anfahren ist mehrmals von Nöten, denn die entgegenkommenden Reisebusse scheren sich nicht um Vorfahrtregeln am Berg und fahren uns direkt vor den Bug um in stoischer Ruhe zu warten bis ich zurücksetze. Die Aktion dauert etwas, weil wir inzwischen auch schon einige PKW's im "Schlepp" haben. Gut dass wenigstens die Straße trocken ist. Ich mag nicht daran denken, wie die Sache mit dem etwas hecklastig beladenen Auto und den pfeifenden Reifen bei schmierigem, nassen Straßenbelag wäre.
 Es läuft aber trotzdem alles Glatt und als Belohnung wartet auf der kargen Hochebene der stille, fast verwunschen da liegende See von Eidebru. An seinem zauberhaften Ufer gibt es die verdiente Mittagsrast. Kraft tanken ist angesagt. Es wartet nämlich noch ein Höhepunkt auf uns. Das ist nicht die kleine Fährfahrt über den nächsten Fjord, an dessen Ufern sogar Aprikosen und Pfirsiche gedeihen. Auch nicht die wiederum grandiose Gebirgslandschaft der Norddalkomune, obwohl sich hier Bergsteiger in den Felsen tummeln, Wanderer und Sonnenanbeter Bachufer und Wiesen bevölkern. Nein, es ist der Trollstiegen.

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Der Trollstiegen ist der nächste Superlativ des Straßenbaus. Die Straße ist in eine fast senkrecht abfallende Felswand gesprengt. 11 Kehren, manche mit nur zehn Metern Durchmesser und bis zu 12 % Gefälle. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen stürzt sich in der Mitte der Wand der Stigfoss herunter. Grundsätzlich verschwände das Wasser fotogen unter der Straßenbrücke, jedoch nicht, wenn im Frühjahr viel Wasser herunterkommt. Dann ist es besser die Fenster geschlossen zu halten, sonst kann schnell ein eiskalter Schwall ins Auto schwappen.

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Diesmal haben wir Glück. Der Bus vor uns putzt den Weg in gewohnter Manier vom Verkehr  frei. So kann die Crew entspannt, ohne jegliche Rangiererei die Talfahrt und die grandiose Aussicht ins Tal hinaus genießen.
 Kaum unten angekommen, fällt die Straße nur mehr sacht ab, dem Moldefjord zu. Dort wartet die Passage zur Rosenstadt Molde hinüber, auf uns. Inzwischen sind die Fährfahrten selbstverständlich geworden, fast kleine Erholungspausen zum Genießen. Freilich verwöhnt uns, eigentlich schon seit Bergen das schöne Wetter und damit die spiegelglatte See. Traudl, als Rosenliebhaberin freut sich zwar schon auf die Rosenstadt des Nordens, ist aber doch eher etwas skeptisch. So dreht man gleich einmal eine "Dorfrunde" durch die kleine Stadt. Und siehe da, es gibt die Gärtnerei mit Rosenzucht und es gibt auch Rosenstauden in manchen Vorgärten. Zum Highlight , dem einhundert Quadratmeter großen Rosengarten auf dem Rathaus haben wir es dann gar nicht mehr geschafft. Molde ist von unserer Vorstellung einer Rosenstadt zu weit entfernt. Das schönste florale Exemplar rankt sich an einer Straßenlaterne im Zentrum empor und ist aus Schmiedeeisen. 
 Da bricht man die Exkursion schnell ab. Zum Einen aus Enttäuschung, zum Anderen um wenigstens das letzte Plätzchen am dichtbesetzten Campingplatz zu ergattern. Versöhnlich stimmt dann nach der Vesper der Abendspaziergang am Meer entlang, mit Blick auf die Schneebedeckten Gipfel hinterm Fjord die die tiefstehende Sonne in leuchtendes orange taucht. 
 Aufgrund der gestrigen Erfahrungen wird die Streichung des geplanten Besuchstages für Molde nicht einmal diskutiert, sondern nach dem Frühstück schnell aufgeräumt und zum Aufbruch geblasen.

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Trondheim soll der nächste Fixpunkt der Reise sein. Weil die Atlantikstraße, auf der die zahlreichen Brücken zwischen den Inseln den Eindruck vermitteln sollen durchs Meer zu fahren, nur ein Reiseführer als sehenswert einstuft und die dortige 70 Meter lange Trollkiche, eine dreihallige Höhle nur mit einem längeren Fußmarsch zu erreichen ist, entscheidet sich die Reiseleitung für die Route auf der Europastraße 39. Kein schlechter Griff, denn die Trasse ist vielleicht nicht so spektakulär aber durchaus von landschaftlichem Reiz geprägt.

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Dunkle Wälder, Blumenwiesen, stille Seen mit weiten, weißen Seerosenteppichen lassen die Fahrt zum puren Genuss werden. Brücken bieten schöne Aussichten, Seeluft spendieren die Fährpassagen, nur den Tunnels kann ich, außer schnellem Vorwärtskommen nichts positives abgewinnen. Weil die Verkehrsdichte eher spärlich ist trifft man recht locker in Trondheim ein.. Sogar ein bewachter Parkplatz wartet fast im Zentrum der Stadt auf uns. Reisender was willst du mehr?
 Knappe 150 000 Einwohner scheinen nicht viel, trotzdem ist Trondheim, das auch als die "historische Hauptstadt" des Landes bezeichnet wird, die drittgrößte Stadt des Landes. Allein schon der Name strahlt die Faszination für Nordlicht und Mitternachtssonne aus.
 Gegründet hat den Ort Olav Tryggvason im Jahr 997 auf der Halbinsel im Mündungsdelta des Nid-Flusses unter dem Namen Nidaros. Zwar ließ Tryggvarson bereits einen Königshof errichten, doch der richtige Aufschwung setzte erst mit König Olav dem Heiligen ein. Er einte das Reich und setzte die Christianisierung des Landes mit grausamen Schlachten und unter  großem Blutvergießen durch. Wie weit die Institution Kirche und der von ihr gepredigte Glaube von Nächstenliebe und Vergebung auseinander liegen, zeigt die Heiligsprechung Olavs nach dessen angerichteten Massakern. 
 der Sage nach fiel Olav II. in der Schlacht bei Stiklestad gegen aufständische Bauern. Im Umfeld seiner Ruhestätte soll es im Anschluss zu unerklärlichen Wundern gekommen sein und wie dann, nach einem Jahr die Leiche fast unversehrt ausgegraben wurde, stand dem Kult um seine Verehrung nichts mehr im Wege.
 Den ersten Teil der später immer wieder erweiterten Kirche errichtete Olav Kyrre über dem Grab Olavs des II. Pilgerströme aus ganz Europa zogen nach Nidaros und machten die Stadt zur reichen Metropole. Der Olavs Kult nahm solche Ausmaße an, dass sogar in Rom Kirchen dem heiligen Olav geweiht wurden. Nidaros avancierte zum Bischofssitz mit bischöflichem Palais und allem was dazu gehört. Die Auswirkungen verdeutlicht die geschichtliche Anmerkung. dass die Stadt die damals 10 000 Einwohner zählte, damit größer wie Kristianstad, das heutige Oslo war.
 Erst die Reformation beendete den Aufschwung abrupt. Dänische Besatzer entführten den Sarg Olavs. Der Bischofssitz versank in Bedeutungslosigkeit, genau so wie Nidaros, das den dänischen Namen Trondheim erhielt. Zurück kam der Aufschwung erst wieder im 19. Jahrhundert, als Trondheim zum Zentrum des Holzhandels aufstieg.

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   Mit diesem Wissen um die geschichtlichen Wirren vergangener Tage stehen wir jetzt am Parkplatz. Zwischen den Bäumen voraus lugen die Spitzen der Türme des Domes hervor. Wohin wird nun für Traudl und mich der erste Weg führen? Keine Frage, natürlich zum Dom! 
 Welch ein gewaltiges Bauwerk. das hat nichts zu tun mit den kleinen Stabkirchen auf dem Land. Nicht nur weil es gemauert und nicht aus Holz ist, nein auch die Ausmaße sind beeindruckend. Dann erst die westliche Fassade, über und über geschmückt mit Statuen von Heiligen, Adeligen und der Geistlichkeit. Kunstvolle, bunte Glasfenster erhellen den Innenraum, indem sich spätromanische und gotische Elemente finden. Diesen Dom hätten wir nach unseren bisherigen Erfahrungen im Norden nicht vermutet. Freilich haben uns die Reiseunterlagen vorab schon informiert, so dass die Überraschung nicht allzu groß ist. Zudem ist der Nidaros Dom die Krönungskirche der norwegischen Könige.
 Knirschenden Schrittes überquert man den Kies des Vorplatzes hinüber zum bischöflichen Palais. Das ist zwar der nördlichste Profanbau Europas, aber von außen eben nur ein aus Stein gemauertes, schmuckloses Wirtschaftsgebäude. Ungewöhnlich dagegen der fast festungsmäßige Umschluss des Hofes. In diesem Areal müssen die 1983 gänzlich abgebrannten Speicherhäuser gestanden haben. Heute beherbergt das Palais den prunkvollen Rittersaal, den die Stadt für festliche Anlässe nutzt und das anschließende Museumszentrum. Ob das Palais heute noch der Wohnsitz des Bischofs ist und wenn für welchen, kann ich nicht in Erfahrung bringen, denn das Bistum Trondheim ist seit geraumer Zeit mit einem Katholischen und einem evangelischen Bischof ausgestattet. 
 Wir brauchen nicht mehr durch ein kleines Tor zu schlüpfen um zum Fluss zu kommen. Ein stück Mauer fehlt. Dafür signalisiert die breite Treppe zum Nidelv hinunter Freiheit und Öffnung. So kann der Zwei-Mann Reisetrupp gut durch den Park und an den Gestaden des Nidelv entlang flanieren. Vom Hügel des rechtsseitigen Ufers leuchten die Mauern der Festung Kristiansen herunter. Ihr einziger Höhepunkt ist die grandiose Aussicht über die Stadt, die uns den kilometerlangen Umweg nicht wert zu sein scheint. Faszinierend dagegen die Gamle Bybrua, die hölzerne Brücke in fast japanischem anmutendem Baustil mit der schönsten Aussicht auf die bunten, hölzernen Speicherhäuser an beiden Flußufern. Auch ein Motiv, das so manche Postkarte ziert. Auf der Landseite offenbaren dann die Speicher ihr wahres Innenleben. Heute beherbergen sie Kaffees, Restaurants und Geschäfte.
 Wir schlendern gemächlich weiter, tun es den Trondheimern gleich, die den Park bevölkern. Wie das Flair wieder städtischer wird, wendet sich unser Spaziergang dem Zentrum, dem Marktplatz zu. Dort läuft das Leben etwas quirliger zwischen den riesigen, zweigeschoßigen Holzhäusern ab. Darunter der gelbe Bau des größten nordeuropäischen Holzhauses. Die 140 Zimmer des Stiftsgarden dienten der Königsfamilie bei deren Besuchen als Residenz. Gehört hat dem König das Gebäude freilich nicht. Es entsprang der Rivalität zwischen den Damen der Trondheimer Society. Um die anderen Damen zu übertrumpfen ließ die reiche Witwe Cecilie Schöller 1770 diesen Palast errichten. 
 von weitem grüßt schon Olav Tryggvason von der hohen Säule inmitten des Torget, des Marktplatzes herunter. Wenige, moderne Fassaden am Platz stören das Ensemble ein wenig, aber nur kurzzeitig. Denn Traudl und ich tauchen ein um uns durch mehr Kitsch wie Kunst an den Marktständen vorbei treiben zu lassen. 
 Der Parkplatz ist bei unserer Rückkehr rappelvoll, so dass das Ausparken Probleme machen könnte. Aber es ist sowieso erst einmal Zeit für eine Lagebesprechung. Es stehen die Übernachtung draußen auf der Halbinsel vor der Stadt, mit morgigen Museumsbesuchen oder noch ein wenig "Strecke machen" am Trondheimfjorden entlang zur Debatte. Die regionalen Ausstellungen sind für Fremdlinge oft nicht besonders interessant, aber hier heißt es gut abwägen, weil Trondheim sehr geschichtsträchtig ist. Allerdings ist mit Dom, Bischofssitz und Zentrum schon ein gerüttelt Maß Kultur auf uns eingestürmt und dazu kommt noch, dass wir beide nicht die großen Geschichtsfreaks sind. Nach einigem für und wider geht der Trend zu "genug Kultur getankt" und zur Weiterfahrt. Just in dem Moment parkt der große Van vor dem Wohnmobil umständlich aus und ich packe die Gelegenheit beim Schopf und ziehe sofort und bequem nach. 
 Schnell verschwinden die letzten Häuser und der Flughafen der Stadt im Rückspiegel. das Mobil nimmt die E 6, die Schlagader des Landes wieder unter die Räder. Sie ist zwar mautpflichtig, das Mautsystem für Fremde nicht immer leicht durchschaubar, doch es lässt sich angenehm reisen auf ihr. So habe ich bislang einige Male die LKW-Maut berappt, bis mich eindeutige Schilder aufklären. Da hilft alles lamentieren nichts mehr, das Geld ist weg. 
 Entschädigend wirkt die Landschaft. Wenn die Meinung herrscht: "Wer auf der E 6 reist, fährt an Norwegen vorbei", so kann ich das nicht bestätigen. Wenigstens hier nicht.
 Die Straße folgt der Uferlinie des Trondheimfjordes. Aber was heißt hier Fjord? Mit seinen Ausmaßen von über 100 Kilometern Länge und einer Breite von oft über 15 Kilometern gleicht er einem Binnenmeer. An seiner nördlichen Spitze, im Industriezentrum Steinkjer biegen wir wieder ab in Richtung offenes Meer. Es gäbe zwar in der Nähe noch ein Schlachtfeld mit zugehöriger Olav-Gedenkstätte zu besichtigen, dazu noch einen alten Samenversammlungsplatz und steinzeitliche Felszeichnungen die vielleicht einen Stopp wert wären, doch wie gesagt, und reichts für heute mit Kultur und so. 
 Auf der Nebenstraße hinter Namos, dem Ort mit der weltgrößten, in einen Berg gesprengten Schwimmhalle, verpasse ich die Abzweigung, so dass der Weg nicht zum Meer sondern durch saftige Weiden mit glücklichen Kühen, vorbei an großen Gehöften hinein ins hügelige Bergland führt. Das ist das Schöne an langen Wohnmobilreisen, wenn man mal einen kleinen Landstrich auslässt, kommt nie der Gedanke auf etwas verpasst zu haben.
 In der Nähe des 1036 Meter hohen Heilhornet, eines von Wanderern stark frequentierten, markanten Berges finden sich neben der Straße immer wieder weite, spärlich bewachsene Kiesflächen, die normalerweise vermutlich der Holzlagerung dienen. Den ebensten dieser Plätze erwählt man zur Nachtlagerstätte. Bei genauer Inspektion gewahre ich ganz hinten am Waldrand den grünen Bus eines österreichischen Pärchens, der wie ins Gebüsch geduckt, kaum zu sehen ist. da hat sich ein sehr ruhiges beschauliches Fleckchen zur Übernachtung gefunden.
 Der sprudelnde Bach unterhalb der Böschung singt uns mit seiner eintönigen Melodie in den Schlaf. In der Nacht finden leider heimkehrende Discobesucher ihren Spaß daran, uns mit lautem Gehupe aus dem Schlaf zu schrecken. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob die Huperei uns oder den jungen Norwegern gilt, die etwas seitlich von uns den Heimweg noch zum zärtlichen Tete-a-tete nutzen. 
 In aller Herrgottsfrühe reißt mich Türenschlagen aus dem Schlaf. Vorsichtig hinterm Vorhang herausgelugt, erklärt sich der Lärm. Fischer bahnen sich vom Bach herauf den Weg durchs Gebüsch. Sie palavern noch kurz mit den Leuten vom zweiten Auto, bevor sie sich, ohne uns zu beachten, aus dem Staub machen. 
 Ich schlüpfe schnell noch einmal in die Federn um noch eine kleine Mütze Schlaf zu nehmen. Das passiert dann jedoch ziemlich ausgiebig. Erst zarter Kaffeeduft der meine Nase umschmeichelt, erweckt mich wieder zum Leben. 
 Kurz noch den Österreichern zugewunken, die auch gerade im Begriff sind abzufahren, dann hat uns die Straße wieder. 

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 Aber nicht lange, denn man möchte mit der Fähre auf die Halbinsel Sömna übersetzen. Je näher Brönneysund rückt, desto gespannter schweift der Blick aufs Meer hinaus zur Nachbarinsel. Irgendwo dort draußen muss der Torghatten, der sagenumwobene Hutberg auftauchen. sehen lässt er sich dann erst vom Scheitelpunkt der mächtigen Brücke über den Sund. Markant liegt er im Meer, wie Hut mit Krempe. Nur vom Wichtigsten, vom Loch im Berg ist nichts zu sehen. Da muss man wohl näher ran. Auf den kleinen Sträßchen tastet sich das Mobil langsam vorwärts bis zum Parkplatz auf der Hutkrempe.
 Zu sehen ist zwar immer noch nichts, aber wir wollen ja sowieso hinauf und das Loch durchqueren. 
 Das wird eine schweißtreibende Angelegenheit. Das Thermometer zeigt 30 Grad plus - im Schatten! Wenn mir das früher jemand erzählt hätte, dass man knapp unterhalb des Polarkreises solche Verhältnisse antreffen kann, den hätte ich glattweg für verrückt erklärt.
 Der Aufstieg geht ja noch. Da kreisen die Gedanken noch um die Sagengestalten. Um den Hestmannen, den Pferdemann, der das Mädchen Lekamöya beim Baden beobachtete und daraufhin heiß begehrte. Wie nun der Hestmannen wild heran stürmte, flüchtete das Mädchen zutiefst erschrocken und der wilde Bursch fühlte sich verstoßen. Da schleuderte er aus Rache einen Pfeil nach dem Mädchen. Jedoch Sömna, der Nachbarkönig sah die Bedrohung und warf seinen Hut in die Flugbahn des Pfeiles. Das Mädchen war gerettet. Nur der Hut hatte ein gewaltiges Loch. Just in dem Moment ging die Sonne auf und ließ alles zu Stein erstarren. Gut, das ist die Kurzform der Geschichte. Da haben noch Könige und Prinzessinnen ihre Hand im Spiel, die alle zu Stein erstarrten und den umliegenden Inseln ihre Namen gaben. 
 Schweißtriefend, Schritt für Schritt erklimmen Traudl und ich Meter für Meter an Höhe. Aus dem Berg dringen immer wieder unheimliche Töne. Erst oben am Eingang der gewaltigen Halle lichtet sich das Geheimnis. Da hat sich eine Musikgruppe fotogen vor Kameras plaziert und gibt archaische Töne zum Besten, - wenn man so will. Und doch passen die wilden Burschen mit ihren wilden Liedern in diesen urweltlichen Rahmen. 

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Wie mag da erst der Pfeil des Hestermannen ausgesehen haben. Das Loch ist 169 Meter lang, mit einem Durchmesser von 25 Metern und liegt 112 Meter über dem Meer.
 Fast traurig stimmt die wissenschaftliche Erklärung zum Phänomen. Während der letzten Eiszeit drückte der Eispanzer die Landmasse so tief hinunter bis das heutige Loch auf Meeresniveau lag und so ausgespült werden konnte. Nach dem Rückzug der Gletscher tauchte das Land wieder auf und zurück blieb das unerklärliche Loch. Man kanns drehen und wenden, wie man will, die Sage ist um vieles schöner.
 Kaum zurück von der Exkursion, reiße ich mir das vom Schweiß triefende T-Shirt herunter um sogleich die Ration eisgekühler Getränke aus dem Kühlschrank zu plündern. Diese schwüle Hitze ist mörderisch. 
 Es dauert bis die Lebensgeister wieder geweckt sind und der Diesel wieder brummt, aber nur um im Schatten der großen Brücke noch einmal Rast zu halten. Da ist Traudl in ihrem Element. Als Blumenliebhaberin fasziniert sie das auf der Kiesbank weit verstreut wachsende Knabenkraut. Frachtschiffe und Schlepper schieben sich behäbig vorbei. Weit hinten hängt ein Wohnmobilist seine Angel ins Wasser. Alles strahlt Ruhe aus und doch nähern wir uns der nächsten Attraktion. 

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 Langsam macht man sich auf den Weg, die 550 Meter lange Brücke hinauf. Oben angekommen genießen wir die Aussicht übers Meer zum Torghatten und auf der anderen Seite die Stadt mit ihren bunten Häusern. Und da ist noch etwas. Ganz weit hinten liegt das Schiff der Hurtigruten. Etwas verspätet löst sich der Dampfer vom Kai und fährt geradewegs auf uns zu. je näher er kommt, desto gewaltiger wirken seine Ausmaße. Er scheint die Häuser seitlich des kleinen Meeresarmes geradezu zur Seite zu drücken um sich dann unter der Brücke, zum Greifen nah, durch zu quetschen. Die Menschen unten auf den Decks winken uns zu. da plärre ich hinunter: "Wo sind die Bayern?" Tatsächlich fuchteln drei oder vier heftig mit den Armen herum und rufen:" Do san ma!" Dann verschwinden sie auch schon wieder. Der Liner zieht seine Spur ins Wasser, immer weiter weg, am Torghatten vorbei ins offene Meer hinaus. Da stellt sich ein wenig Wehmut ein. Aber auch wir wollen noch weiter, weiter nach Norden.

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 Der nächste Fixpunkt der Reise ist Bodö, Brückenkopf für den Sprung auf die Lofoten. Wir könnten den direkten Weg am Meer entlang nehmen, doch der ist gespickt mit zum Teil langen Fährpassagen, die auch richtig Geld kosten. So fällt die Entscheidung wieder einmal zu Gunsten der E 06. Also quer zurück durchs Land. Aber in Norwegen ist "durchs Land" auch immer am Wasser. Den Velfjorden entlang, dann durch die Berge und weiter, hart am Ufer des Tosenforden längs. Voraus flattern plötzlich rechts im Wald die Fahnen  des Fischer-Campingplatzes. Sogar, übrigens das erste Mal von uns in Norwegen entdeckt, gibt es gleich am Eingang ein extra Areal für Reisemobile. Also alles Bestens! Nur die Saison hat hier noch nicht richtig begonnen. Wenige der in Norwegen üblichen Campinghütten sind von Lachsanglern belegt. Nur ein, allerdings peinlich sauberer Waschraum ist aufgesperrt. Sogar Seife und Shampoo stehen zum Gebrauch parat. Und trotzdem spüren wir, mit Touris rechnet man noch nicht. Nur eine Hand voll Fischer sitzen Abends am Feuer zusammen.
 Wir unterhalten uns recht flott, nachdem sie mich zum Tisch gewunken haben. Der "norwegische" Fischer entpuppt sich als schwedischer Urlauber, der eigentlich Deutscher ist. Seit dreißig Jahren ist er mit einer Schwedin verheiratet und seit der Zeit in Schweden beheimatet. Da hat das deutsche Nummernschild Heimatgefühle geweckt und uns ein interessantes Plauderstündchen beschert. 

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Der frühe Morgen sieht uns schon recht bald unterwegs. Auf der E 06 ist vom in den Reiseführern beschriebenen, dichten Verkehr immer noch nichts zu sehen. Aber vermutlich sind unsere deutschen Verhältnisse mit den hiesigen Gegebenheiten nicht vergleichbar. So habe ich Muße, Berge, Wälder und traumhafte Seen während der Fahrt zu genießen. Beeindruckend ist die Wildheit des Landes. Die in Stromschnellen schäumenden Bäche und Flüsse. Die Äste der typischen Nordlandfichten, die durch die erduldete, jahrelange Schneelast der Winter arg zerzaust nach unten modelliert sind und als Einfassung des Panoramas dazu vor glasklarem blauen Himmel die Berge mit gleißend weißen Schneekappen. Herausgerissen aus dem Traum wird der Reisende nur durch die Städte. Mosjöen mit Aluminiumhütte und Textilfabrikation toppt später nur noch Mo i Rana mit der größten Stahlkocherei des Landes. 
 Nicht weil die Stadt mit ihren rußgeschwärzten Häusern so schön ist, stoppt das Mobil in der nächsten Kehre. Nein, der entgegenkommende Lastwagen hat bergauf die Kurve nicht gekriegt, ist schräg über die Fahrbahnen geschlittert und liegt nun mit eingedrücktem Dach am Berghang. Der Trucker begutachtet unverletzt sein Malheur. Geistesabwesend dreht er am oben liegenden Rad des umgekippten Aufliegers, während die Insassen zweier PKW ungläubig die Blechschäden an ihren Karossen begutachten. Da kommt man erst ins Grübeln. Nur ein paar Minuten und er hätte uns abgeschossen. 
Der Unfall zwingt zur Zwangspause. Aber zur Zwangspause mit dem schönsten Stadtblick. Und Mo i Rana zeigt sich von hier oben recht fotogen. Der Ort ist förmlich hin gebettet an die Gestade des Ranafjorden., flankiert von Hügeln und Bergen. Da liegt die Vermutung nahe, dass vielleicht die Aussicht der Auslöser des Unfalles war. 
 bloß ein paar Kilometer hinter Moi Rana führt die kleine Seitenstraße zum Svartisen Gletscher. Für Touristen fast ein Muss. Die Eismassen des Gletschers winden sich den Berg herab um dann in den Svartisenvatnet zu stürzen. Boote bringen die Besucher über den See und setzen sie zu geführten Eiswanderungen ab. 200 Höhlen und Grotten befinden sich im Berg. Darunter sogar eine beleuchtete Eisgrotte. Nur haben die Götter vor dieses Naturschauspiel mehrstündige Wanderungen gesetzt. Also nichts für mich! Gut, die Schifffahrt ließe sich schon machen, aber wenn, dann möchte ich auch die Eisriesenwelt hautnah erleben. Also lassen wir dieses Naturschauspiel im wahrsten Sinne des Wortes, links liegen und streben dem Polarkreis zu. Von ihm erwarten wir nicht viel, weil er wohl nicht zu sehen sein wird und weil wir ihm bei der Reisevorbereitung auch keine Beachtung geschenkt haben.  
 Völlig abrupt ändert sich die Landschaft. Nur wenige Höhenmeter bergwärts wechseln die Wiesen in lichten Wald mit Krüppelbirken über. Unsere Vorstellung von Wald müssen wir auch neu definieren. Die Bäume warten mit einem Stammdurchmesser von höchstens 5 Zentimetern auf. Sie stehen so weit auseinander, dass man locker mit dem LKW durchfahren könnte, wenn da nicht der Waldboden mit Geröllhalden und Gesteinsbrocken übersät wäre.

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Die Birken sind teilweise erst im Begriff auszutreiben. Dadurch erscheinen ganze Waldflächen schwarz, fast wie verbrannt zwischen dem hellen Grün der frischen Blätter. 
Ungebärdig bahnt sich neben dem Fahrweg ein Gebirgsbach sprudelnd und rauschend den Weg ins Tal. Diese Symbiose aus Kargheit, frischem Leben und Wildnis ist von solch herber Schönheit, dass wir am Rastplatz halt machen, um uns ein wenig verzaubern zu lassen, bevor es weiter hinauf zum Saltfjell geht. Hinauf mag etwas übertrieben wirken bei den paar Höhenmetern die es zu überwinden gilt. 
 Und die nächste Überraschung folgt unverzüglich. Keine Bäume mehr. Nur die irgendwann in der Erdgeschichte einmal platt polierte Ebene. Bloß hier und da mal ein Strauch. Die tiefer gelegenen Stellen neben dem Straßendamm bestehen aus Sümpfen, die das Schmelzwasser aus den Bergen bewässert. Mittendrin das Polar-Circle-Center als Touristenmagnet. 

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Seitlich des Zufahrtsweges stehen dichtgereiht 20 Wohnmobile auf Stellplätzen. Am Parkplatz Reisebusse, die Tagesausflügler und Urlauber ausspucken. Auf uns wirkt das Touristenheer etwas skurril. Solche Auftriebe sind wir nicht mehr gewöhnt. 
 Den Rundbau mit Postamt, Andenkenshop und Cafeteria umrunden Traudl und ich großräumig, er ist für seine außergewöhnliche Preisgestaltung bekannt. Die Werbung für die Urkunde, die Polarkreisbesucher als die wirklichen Nordlandfahrer ausweisen soll verfehlt bei uns ihren Zweck vollkommen. Da lockt schon eher das hölzerne Polarkreiswahrzeichen mit Weltkugel und den Wappen aller Polarkreisgemeinden Norwegens. Es steht am Fuße eines kleinen Hügels, auf dem Besucher aus dem herumliegenden Geröll ein Meer von Obelisken errichtet haben. Die Tafel am Rande des Plateaus untersagt dieses Treiben aufs Schärfste. Neben dem offiziellen Monument dürfen keine weiteren "Steinmandel" errichtet werden. Doch die Tafel steht gewissermaßen auf verlorenem Posten gegen die Sage, dass, wer solch einen Steinhaufen errichtet eines Tages wieder hierher zurück kehrt. Traudl scheint es hier auch recht gut zu gefallen. Flugs errichtet sie aus drei eher mikroskopischen Fundstücken ein Minimonument. 
 Noch nie habe ich mir Gedanken über den Ursprung des Polarkreises gemacht. Das war eben ein festgelegter Fixpunkt und damit basta! 
 Die große Tafel am Zentrum erklärt die Definition genau. Auf den Polarkreis trifft man dort, wo im Sommer die Sonne einen Tag lang 24 Stunden scheint und im Winter einen Tag lang nicht aufgeht. Mann, das ist Bildung! 
 Aber es ist auch Nachdenkliches zu entdecken. An der Einfahrt zum Parkplatz steht das Denkmal für jugoslawische Kriegsgefangene. Das hängt mit dem Bau der E 06 zusammen. Im zweiten Weltkrieg bauten die Deutschen diese Verkehrsverbindung. Aber eben nicht selbst, sondern zu schuften hatten unter schwierigsten Bedingungen die Kriegsgefangenen. Darum trifft man an der E 06 immer wieder solche Denkmale. Das dämpft dann ab und an die Freude, auf dieser schönen Straße flott gen Norden zu donnern. 
 Der Wohnmobilstellplatz scheint uns etwas zu laut zu sein, so dass das Mobil wieder den Weg hinaus auf die Asphaltbahn sucht. Weit soll es heute nicht mehr gehen, nur noch ein wenig die Gegend rundherum erkunden. Da kommt die Fußgängerbrücke über den breiten, aber in wilden Stromschnellen dahinschäumenden Fluss gerade recht. Die Seilbrücke scheint wie gemacht für ein kleines Abenteuer. Meine Frau läuft leichtfüßig voraus. Noch nicht einmal in der Mitte angekommen wage ich den Blick nach unten. Der Blick ist für mich "tödlich". Das quirlige Wasser, die schaukelnde Hängebrücke, alles stürzt auf mich ein, ich werde schwindelig und schaffe es nur noch geradeso auf festen Grund. Traudl lacht mich aus und mokiert sich ein bisschen, weil sie wegen mir umkehren muss. 

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 Zwei, drei Kilometer zurück sind direkt am Weg riesige, geteerte Flächen angelegt. Welchem Zweck sie eigentlich dienen ist nicht erkennbar. Wir nützen eine als Übernachtungsplatz. Nach dem Abendessen, so gegen 18:00 Uhr lädt die Sonne noch zum Bade. In Badekleidung, lassen wir uns auf den Liegestühlen lümmelnd, noch ein gutes Stündlein bei 20° Lufttemperatur von den Sonnenstrahlen umschmeicheln. dann wird es jedoch ungemütlich. Mücken aus den Sumpfwiesen haben uns zum Ziel ihrer Begierde erkoren und so ist das Feld unverzüglich zu räumen. 
 Dieser Abend am Polarkreis ist an sich für uns schon außergewöhnlich, doch wir setzen noch einen drauf mit einem kleinen Diner. Es wird gekrönt mit hauchdünnen Scheiben vom geräucherten Elch. Schon eigenartig, dass sich bislang noch kein lebendes Tier dieser Gattung blicken ließ. Übrigens genau so wenig, wie die Rentiere, vor denen allenthalben auf den Verkehrsschildern gewarnt wird. Ob es sie überhaupt noch gibt? Mit den Worten, "sie werden schon noch kommen", beschließt meine Frau die Diskussion um uns zur nötigen Bettruhe zu verhelfen. 
 In der Nacht hat sich noch ein Tiroler Wohnwagengespann zu uns gesellt. Offenbar haben sie ihr Plätzchen in ca. 100 Metern Entfernung am anderen Ende des Platzes gewählt, um uns nicht zu stören. Hoffentlich hat der Diesel sie nicht geweckt, wie er bei der Abfahrt in den Morgen hinein hämmert. 

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 Die Gischt des tobenden und stürzenden Lonselv geleitet die Reisenden fortwährend talwärts. Immer weiter, durch die Berge, hart an der schwedischen Grenze entlang, bis hinunter an den Skierstadfjorden, einem Ausläufer des Saltfjorden. Fast 700 Meter gemächlichen bergab Rollens liegen seit dem Polarkreis hinter uns, wie wir schon wieder fast auf Meeresniveau die Aussicht auf den Fjord genießen. Um das Glück perfekt zu machen begrüßt uns am Ortseingang der Kleinstadt Fauske das Logo des Wohnmobilhändlers unserer Marke.
 Das ist das Signal um sich um das Gasflaschenproblem zu kümmern. Die Verständigung klappt mehr schlecht, denn recht, so dass mich der Händler zur praktischen Demonstration mit in sein Lager nimmt. Problemlos könnten wir bei ihm unsere stählernen Flaschen tauschen, wären diese nur an Bord. Die daheim so toll beworbenen Kevlar-Flaschen gibt es hingegen nicht. Doch für uns hat er noch ein Super Angebot auf Lager. Wir dürften ihm seine rote Stahlflasche abkaufen und er nimmt unsere Kevlar-Flasche quasi als Müll in sein Lager auf. Weil zusätzlich die Flaschen in Skandinavien über andere Anschlüsse verfügen, möchte er uns zum Vorzugspreis von umgerechnet 36 Euro noch den entsprechenden Adapter mit auf die Reise geben. Ich fühle mich ausgeliefert. Den Ausschlag gibt aber, dass die Flaschen mit dem oben aufzusteckenden Adapter nicht mehr in den Gaskasten des Mobiles passen.
 Unverrichteter Dinge, aber mit weit über 100 € im Plus, steuert man die nächste Adresse an. Die ist auf der vom Kevlar-Flaschenvertrieb heraus gegebene offiziellen Liste aufgeführt. Das sieht schon besser aus. Ein Schweißer des Metall verarbeitenden Betriebes lässt am Werkstatthof die Funken sprühen. Weiter hinten kurven Gabelstapler durch die Gegend. In Gitterboxen stehen Haufenweise Industrie- Gasflaschen in allen Größen herum. Kurz beraten wir, ob wir die Flaschen überhaupt schon tauschen sollen, denn die Eine ist noch voll und in der Anderen sind auch noch drei-vier Liter drin. 
 Nachfragen kostet nichts und Fauske ist kein großer Umweg, wenn wir den Gas Rest vorher noch auf der Lofoten-Runde verpulvern. Traudl meint: "Lassen wir den Preis entscheiden!" 
 Soweit kommt es aber nicht. Im Betrieb sind Kevlar-Flaschen gänzlich unbekannt und niemand weiß, wie man zu der Ehre kam auf, auf der Vertriebspartnerliste des Gas- und Mineralölkonzerns zu erscheinen. 
 Der Ärger über die verplemperten Stunden ist schnell weg gewischt durch die folgende Genussfahrt am tiefblauen Wasser des Fjordes entlang. 
 Herrliches Wetter scheint auch der Garant für die bevorstehende Seereise hinüber auf die Lofoten zu sein. 

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Der Weg zum Hafen von Bodö ist recht recht gut ausgeschildert. Das ist auch kein Wunder, denn das wirtschaftliche Zentrum der Küstenstädte im Norden ist immer der Hafen.
Nabelschnur und Lebensader zugleich, hauptsächlich im Winter, wenn die Straßenverbindungen oft unpassierbar sind und die Hurtigrutenlinie die Versorgung vom Meer her aufrecht hält. Und so ein riesiges Hurtigruten Schiff, Versorgungsdampfer und Kreuzfahrer in einem, weist uns alles überragend den Weg an die Kais. 
 Bei der Ankunft steht das Mobil wieder einmal alleine auf dem riesigen Fährareals. Es ist noch eine gute Stunde Zeit bis zum Einschiffen. 
 Eigentlich noch Zeit, um noch einmal Nachforschungen in Sachen Gasversorgung zu betreiben. Aber die Bemühungen sind weder an der Tankstelle noch beim nahen Fischereibedarf von Erfolg gekrönt. 
 Zurück am Fährterminal heißt es sich inzwischen hinten einreihen. Drei Spuren sind schon dicht belegt. Hoffentlich kommen wir noch mit. Das durch die Reihen huschende Fährpersonal gibt Entwarnung. "Keine Sorge, das klappt schon!"

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 Im Auto macht sich trotz offener Fenster brütende Hitze breit. So ist der kurze Spaziergang in der Meeresbrise zum großen Schiff eine Wohltat. Zu sehen gibt es viel beim Liner. Busse holen Reisende zu Landausflügen ab. Andere Touristen schiffen sich auf Schlauchbooten zur Fahrt an den Saltstraumen aus. Diese beiden Fjorde, an denen wir gerade entlang gefahren sind verbindet dieser gewaltige Gezeitenstrom von etwa 150 Metern breite. Im Wechsel von Ebbe und Flut pressen sich jedes Mal 370 Millionen Kubikmeter Wasser durch die Engstelle. Nur die am stärksten motorisierten Boote können dieser Strömung widerstehen. Vor allem Angler belagern die Ufer. Hier gibt es nämlich leichte Beute. Denn auch die Fische werden von der Strömung regelrecht hindurchgespült.
 Mich fasziniert aber jetzt mehr die Logistik um den Dampfer. LKW's bringen Bierkisten und Gemüsesteigen haufenweise zur Pier. Gabelstapler transportieren die Waren in eifrigem hin und her in den Schiffsbauch. Dazwischen verschwinden immer wieder kleinere LKW im Schiffsbauch. Alles wuselt in großer Hektik durcheinander, denn der Liner tut ja auch noch als normale Fähre seinen Dienst. 
 Draußen schiebt sich, tief im Wasser liegend, "unsere" Fähre in den Hafen. Ich spute mich zurück zum Auto. Allerdings unnötig weil es noch geraume Zeit in Anspruch nimmt, bis wir an Bord dürfen. 
 Dieses Fährschiff ist ein wenig anders wie die bisherigen. Man merkt, dass es "seegehend" ist. Die Autos verschwinden tief unten, weit unterhalb der Wasserlinie im Rumpf, helfen mit ihrem Gewicht den Schwerpunkt tief zu legen. 
 Was wird wohl unser Kühlschrank tun, während der vier Stunden Überfahrt? Zur Sicherheit frage ich den Kapitän der Nebenan im Kreise seiner Mannschaft Getränkekisten verstaut. 
"Einfach auf Gasbetrieb laufen lassen", ist sein Kommentar. Meine Verwunderung darüber quittiert er mit: "Sicherheitsbelüftung im Unterdeck!" Bislang mussten die Gasflaschen immer zugedreht werden, obwohl das Auto auf Deck stand.  
 Bis wir das Oberdeck entern, legt unser Schiff schon ab. Die Sache mit dem Gas und mein vergessener Geldbeutel verzögern den Weg an die frische Luft etwas. Meinen fragenden Blick erwidert Traudl mit einer wegwerfenden Handbewegung. Ihre Fährenphobie scheint verflogen zu sein und auch sie genießt die Überfahrt. 
 Der Hafen bleibt zurück. Erst werden die Häuser, dann die ganze Stadt kleiner und kleiner, verschmelzen mit den Gebirgszügen rundum. Den Weg flankieren jetzt die Felsstöcke der Inseln. Irgendwo da hinten vielleicht die steinernen Häupter der "sieben Schwestern" aus der Torghatten Sage.
 Der Fahrtwind pfeift recht ordentlich. Angenehm ist der Aufenthalt an Deck nur im Windschatten der Aufbauten. So trollt man sich in den Salon. Vom Luxus der Ostseefähren ist hier nichts übrig geblieben. Er strahlt eher den Charme eines Bahnhofwarteraumes aus. Manche Passagiere liegen schlafend auf den blau gepolsterten Bänken. Andere lesen gelangweilt in Büchern oder Tageszeitungen. der Fensterplatz, den wir ergattern hält auch nicht das, was er verspricht. Die Aussicht ist durch Salzwasserschlieren auf dem Glas getrübt.

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 Fotografieren durch die Scheibe macht keinen Sinn. Nach kurzer Aufwärmphase verläßt mich meine bessere Hälfte um wieder Seeluft zu schnuppern. Gerade wie mir die unterschwellig vorhandenen, monotonen Schiffsgeräusche die Augen zufallen lassen, gesellen sich zwei Norweger an meinen Tisch. Die Unterhaltung gestaltet sich etwas schwierig aber wir bemühen uns redlich. So erfahre ich, dass das Pärchen aus Lillehammer kommt und auf dem Weg zur Radtour durch die Lofoten ist. Ich darf sogar einen Blick in ihre Zeitung werfen. Lesen kann ich zwar so gut wie nichts aber aus Wortteilen und den marktschreierischen Bildern lassen sich die Zusammenhänge erahnen. Ganzformatig  prangen auf der letzten Seite des Blattes zwei faszinierende Bilder. Unten das Überschwemmungsszenario eines Campingplatzes von der Süd-, also der eigentlichen Sonnenküste Norwegens. Da liegen von den Niederschlägen ins Meer gespülte Wohnwägen an den Stränden herum. Die Anlagen sind von Wassermassen und Sturm zerstört. Sogar Verletzte sind zu beklagen. 
 Dagegen auf der oberen Hälfte der Seite, auf dem Kopf stehend, badende Kinder und lustiges Strandleben, aufgenommen in Nord- Norwegen, zu sehen. Mein Gegenüber erklärt mir die Titelzeile, "verkehrte Welt!", steht da zu lesen und er erzählt von Unwettern, über die Ufer getretenen Bächen und anhaltendem, sintflutartigem Dauerregen. Da scheinen wir zu den glücklichen zu gehören, die fast unbewusst, den Weg über Bergen in den Norden gewählt haben. 
 Ich gehe hinaus zu Sonne Wind und Wellen um meiner Frau von den schrecklichen Ereignissen im Süden des Landes zu berichten. An Deck hat sich Schläfrigkeit breit gemacht. Erfahrene Passagiere liegen schlafend am Boden auf mitgebrachten Decken. Die herum stehenden Plastikstühle sind in fester Hand der Sonnenanbeter. Einzige Abwechslung, die in großer Entfernung vorbei ziehende, entgegenkommende Fähre. Das offene Meer ist erreicht und es ist unendlich langweilig. Einzig die Spur, die das Schiff ins Wasser zeichnet bringt mit ihren kalten, grün- weißen Pastelltönen Farbe in das eintönige, ebene Blau hinter uns.

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Wieder ein bisschen aufwärmen im Salon, ein kleines Nickerchen am Tisch, dann wieder zurück in die frische Brise. Alles zusammen lässt die Erkenntnis reifen: "Eine Seereise? Nein danke, das wäre nichts für uns!" 
 Scharf gezackte Felsen tauchen direkt voraus aus der Weite des Vestfjorden auf. Richtig, die Fähre ist gar nicht auf dem freien Meer unterwegs. Seit Stunden durchpflügt das Schiff die Wasser dieses Fjordes, den die Inselkette der Lofoten vom Atlantik trennt.
 Geologisch zählt das Gestein zum Ältesten, was die Erde zu bieten hat. Vor Milliarden von Jahren schon emporgehoben und mehrfach wieder abgesunken falteten sich die Berge das letzte Mal vor etwa 400 Millionen Jahren wieder auf. Eiszeit und Erosion schliffen die Lofoten dann zu ihrer jetzigen Form.
 Und dieses Monument der Erdgeschichte hebt sich jetzt, mit jeder Seemeile die wir näher kommen aus dem Meer empor. 100 Meter steigen die steilen Felsflanken spektakulär, fast senkrecht aus dem Meer empor. Die Fähre scheint direkt in die Felsen zu laufen. Doch dann schält sich doch noch der Anleger für unser Schiff aus dem atemberaubenden Panorama heraus. Lofoten-Zauberwort für alle Norwegen-Reisenden, wir sind da.

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Langsam rollt das Mobil hinauf zur Straße. Etwas unschlüssig folgt man dem Weg nach rechts, nach Moskenes. A, der berühmte Ort der mit nur einem Buchstaben geschrieben wird, bleibt links liegen. Die Reiseführer warnen vor großem Andrang dort, weil der Weg als Sackstraße im Dorf endet und alle Touristen nach Ankunft der Fähre gleichzeitig dorthin möchten. Entweder hatten alle Reisenden auf unserer Fähre die gleichen Bücher zur Hand oder es ist heute eben alles anders. Die Autokolonne hält, bis auf wenige Ausreißer, fast geschlossen auf Moskenes zu. 
 Schöner kann es nicht mehr sein. Der Ort zeigt sich bei der Anfahrt schon als Postkartenmotiv und bestätigt jedes Klischee. In der engen Hafenbucht schaukeln Fischerboote aller Größen an hölzernen Stegen. Im Wasser spiegeln sich die typischen roten und gelben Holzhäuser. Dahinter leuchtet in strahlendem Weiß die Kirche herunter und alles ist eingerahmt, wie ein wertvoller Edelstein, von den fast 1000 Meter hohen Bergen. 
 Direkt an der Hafenmole findet sich für das Mobil ein passendes Plätzchen. Staunend und fotografierend schlendert wir Hafenrund, tummeln uns ein wenig im Ort bevor im Auto kräftig zu Mittag gegessen wird. Die Entscheidung an den heimischen Herd zurück zu kehren erleichtern die Preise in den Lokalen. Aber sie sind trotzdem gut besetzt, wenn auch fest in Touristenhand. der zauberhafte Flair des Dorfes verleitet mich zum Bleiben. Doch Traudl meint, dass es noch zu früh zum Übernachten sei und es andererseits auch nichts mehr unbedingt Sehenswertes zu besichtigen gäbe. Sie überzeugt mich.
 Also weiter! Weiter durch die Wahnsinnslandschaft. An Reine, einem der schönsten Orte Norwegens vorbei. Warum vorbei? Reine ist genauso wie A Touristenhochburg. Verhältnisse wie in den bayerischen Königsschlössern oder wie in Dinkelsbühl und Rothenburg. Uns ist aber jetzt nach Ruhe, beeinflusst vielleicht durch die Größe der Natur. 
 dann zweigt der Weg nach Fredvang ab. Eigenartig hohe Brücken mit steilen Auffahrten führen durch das Inselgewirr. Die Brücken sind recht schmal und haben an ihrem Scheitelpunkt breite Ausweichstellen. Etwas komisch schauen sie schon aus, sind aber praktisch weil man nur von oben den Überblick übers Verkehrsgeschehen behält.
 Fast unnatürlich modellierter Fels, die Mondberge umschließen die Bucht. Am Meer, diesmal ist es tatsächlich die offene See, liegt der Campingplatz. Das weitläufige Wiesengelände kann nach Gutdünken - oder nach der Länge des eigenen Stromkabels genutzt werden. Wir richten uns häuslich ein mit Campinggestühl und Sonnenliege vor dem Auto. Das hier ist nämlich der Platz mit Mitternachtssonnen-Garantie - wenn sie denn scheint. Es soll Leute geben, die schon sechs oder sieben Jahre lang unverdrossen nach Norwegen reisen, aber wegen schlechten Wetters den Blick noch nie erhaschen konnten. Spät abends zieht Kühle vom Meer her auf, die etwas mehr Bekleidung erforderlich macht. 
 Das harte, fast mannshohe Gras auf der kleinen Sanddüne, die Wiese und Strand trennt, schlägt schmerzhaft gegen die Beine, wie wir gegen Mitternacht zum Strand spazieren. das Licht der Sonne taucht Wasser, Strand und Berge, die ganze Szenerie in einen rötlich- gelben Farbenrausch. Die Sonne scheint still zu stehen. Nein, - waagrecht, etwas über dem Horizont dahin zu schweben, bis sie auf ihrem Rundkurs wieder langsam an Höhe gewinnt. Pärchen in weitem Rund über die Hügel verstreut, Familien am Strand, die kleine Gruppe am Bootsanleger, alle wohnen staunend, ergriffen dem Schauspiel bei. Kein lautes Wort, - nur schauen. Das ist für uns Mitteleuropäer ein bisschen wie Schöpfungsgeschichte. 

015 Mitternachtssonne.jpg Alles schon tausendmal im Fernsehen und in Bildbänden gesehen und doch, hier stehen, diese gewaltige Stimmung miterleben ist anders. Kleingeschrumpft vor der Größe der Natur fällt erst später die Feierlichkeit des Augenblickes und die Ergriffenheit ab. Dass nicht nur wir so empfinden, lässt sich an den Gesichtern der übrigen Strandläufer ablesen. Manche unterhalten sich immer noch im Flüsterton. Still wandert man noch das weite Rund der Bucht auf dem breiten, feinen Sandstrand ab, bevor es über die Düne wieder zurück zum Mobil geht. Eigentlich haben wir uns vorgenommen nicht ins Bett zu gehen, aber jetzt kommt doch  die Müdigkeit und es ist Zeit unter die Decke zu schlüpfen.
 Der morgen begrüßt die Reisenden nicht mit Sonnenschein, sondern mit der grauen, nasskalten Masse dichten Nebels. Er zog als dunkle, fast schwarze Wand vom Meer herein. Wobei die Stimmung durchaus reizvoll ist. Gespenstisch lassen sich die Berge eher erahnen, denn sehen. Unwirklich im diffusen Licht wabern Geistern gleich die Nebelschwaden über den Platz. Nur die empfindliche Kühle stört. Doch sie verfliegt schnell, wie die Sonne den Spuk durchdringt und auflöst. So schnell wie die Nebelbank hereingezogen ist, so schnell verfliegt sie auch wieder. Dem Frühstück im Freien, in wohliger Wärme steht nichts mehr im Wege.

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Nach kurzem Kartenstudium hat das Mobil die Straße wieder unter den Rädern. 
Erst in Achterbahnmanier über die zwei tollen Brücken, dann links herum auf die Hauptstraße nach Norden. An Felswänden entlang, an denen sich blühende Frühlingswiesen ausbreiten, die hineinwachsen in weiße Feinsandstrände an türkisblauen Lagunen. Fast karibische Verhältnisse. Nur bei der Wassertemperatur hapert es etwas mit dem karibischem Vergleich. Wobei um die 20 Grad in warmen Sommern durchaus auch ältere Herrschaften zum Bade locken können. 
Inzwischen muss sich das Sträßchen, das uns nach Nusfjord führen soll durch enge Täler zwängen. 900 Meter senkrecht aufsteigender Fels zeigt wer Herr im Hause ist, bis sich glitzernd und blinkend voraus der Fjord auftut. Noch einige Schlängeleien des Weges bis zum Busparkplatz am Dorfeingang. Im letzten Wettbewerb zum schönsten Dorf Norwegens gekürt, propagiert unser schlaues Büchlein. 
 Der König überschrieb im 19. Jahrhundert dem geschäftstüchtigen Kaufmann Hans Grön Dahl den Ort. Dahl soll nicht schreiben, aber ausgezeichnet rechnen gekonnt haben. Mit seinem außerordentlichen Talent gründete er das erfolgreiche Kaufmannsdorf. Fast städtisch liest sich die liste der ansässigen Unternehmungen mit Post, Telegraphenamt, Cafe, Bäckerei, Kaufmannsladen, Schifffahrtsgesellschaft, Kraftwerk und Gefängnis. Grundlage des Handels war die Fischerei. Das Ausbleiben der Fischer besiegelte schließlich den Niedergang Nusfjords. Übrig blieb ein lebendes Museum. Die Fischerhütten werden heute an in Scharen einfallende Touristen vermietet. So heißt es wenigstens. 
 der busparkplatz ist leer. Das Schild, das er für Wohnmobile gesperrt ist, ignoriere ich mangels anderer Parkmöglichkeit. Schusters Rappen tragen uns den Weg entlang. Die ersten Hütten, deren Vorderfronten auf Stelzen im grün-türkisen Wasser stehen sind schon zu sehen. Wie wir näher kommen hüpft weiter oben am ersten Haus an der Straße flugs ein Mädchen aus der Türe um eilends die Straßenschranke zu schließen. Nanu! Wir sind zu Fuß? Das bedeutet nichts Gutes! Scheinbar hat sich die Geschäftstüchtigkeit des Herrn Dahl über Generationen vererbt. man möchte offenbar Fußgängermaut kassieren. Ich wittere Nepp! Kurze Beratungspause und wir sind uns einig. Nicht mit uns! Wir machen kehrt und trotten zum Auto. Das Mädchen öffnet, enttäuscht hinter uns herblickend, die Schranke. 
 So rollt das Mobil zurück in die erhabene Natur. Die beispiellose Genussfahrt findet ihre Fortsetzung. 

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Gegen Norden hin weiten sich die Täler. Die Berge treten zurück, geben liebliches Bauernland frei. Kühe grasen auf den Weiden und die Bauern sind mit der Heuernte beschäftigt. Dazwischen breiten sich behäbig Fjorde aus. Sie trennen die Talseiten und tragen mit ihrem blauen Band zur Abrundung des schönen Bildes maßgeblich bei. 
 die Kirche von Borge, ein moderner, weißer Sakralbau leuchtet den Reisenden schon von weitem entgegen. Bestimmt interessanter wäre das Wikingermuseum gleich unterhalb mit dem etwa 1000 Jahre alten Langhaus das hier ausgegraben wurde. 
 Uns steht der Sinn jedoch heute absolut nicht nach Geschichte und Kultur. Nur Landschaft ist heute unser Ding. Am Ende des Tales dürfen wir noch einmal auf dem hoch oben am Weg liegenden Aussichtspunkt den Blick zurück genießen. Er lässt uns Weite atmen, ein nicht alltägliches Gefühl auf den Lofoten.
 Wieder unten auf der E 10 umrundet man die Kirche von Kabelväg mit dem Auto. Die Asphaltbahn führt nämlich direkt um die Lofot-Kathedrale herum. Der gelbe Holzbau ist mit seinen 1200 Sitzplätzen die größte Holzkirche Nord-Norwegens. 
 Kurz darauf Solvär. Mit 4500 Einwohnern eines der Lofotenzentren. Die Ansammlung der modernen Zweckbauten bietet keinen Blickfang.
Den hingegen genießt man bei der Mittagsrast am Ufer des Raftsund. Unter uns schimmert das smaragdgrüne Wasser in allen Schattierungen. Dahinter steigen die bewaldeten Inseln und Berge des Trollfjordes empor. Unglaublich, mit welcher Vielfalt uns die Natur immer wieder überrascht. Obwohl wir bei geöffnetem Fenster mit Panoramablick speisen, steige ich drei mal aus, um zu fotografieren. Jedes mal meine ich, die Farben seien anders, das Szenario noch schöner als zuvor.

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Wie die Angler auf den Felsen einpacken, rollen auch wir wieder auf die Straße zu. wenn wir gewusst hätten, dass wir auf die Fähre nach Melbu noch 30 Minuten warten müssen, hätte man sich dem Farbenrausch noch ein wenig hingegeben, anstatt auf der trostlosen Teerwüste des Fährterminals die Zeit tot zu schlagen. 
Die Überfahrt sieht uns recht wehmütig. In der Ferne bleiben die Lofoten zurück. Langsam verschwindet die Gebirgskette im Dunst. Es ist ein bisschen, wie wenn man etwas verloren hätte.
 Dabei warten doch schon neue Abenteuer. Der Ort Andenes liegt auf den Vesteralen Inseln  ganz oben auf der nördlichsten Inselspitze und dort gibt es etwas ganz Besonderes. Wal watching! Mit einem ehemaligen Walfangschiff schippern Besucher in die Weiten der Norwegischen See hinaus zur Pottwal-Safari. 
 Aber das ist noch Zukunft. Vorerst schiebt sich die Fähre in Melbu an den Anleger. Die besorgte Besatzung macht mich wild gestikulierend auf die Eisenkonstruktion des Schiffsaufbaus aufmerksam, die sich in bedrohliche Nähe dem Wohnmobilalkoven entgegenreckt. Aber ich habe die messerscharfe Stahlschienen schon im Blick, denn Vorsicht ist die Mutter der Porzellan-Kiste, respektive, die Aussenhaut unseres Vehikels wäre schnell mal aufgeschlitzt. Soweit kommt es nicht. Besatzung und Auto verlassen unbeschadet das Schiff. 
 Langsam geht es am Hadselfjord entlang bis sich das Autogewusel aus der Fähre langsam entzerrt. Es wird wieder gemütlicher, jedoch mit spektakulärer Aussicht auf der mächtigen Brücke über den Seitenarm des Sortlandsundes. 

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Es ist schon komisch. Da liegen die Lofoten gerade mal 30 Kilometer zurück und schon ist alles anders. Die Berge sind nicht mehr so wild gezackt, sondern grün, mit Wiesenhängen oft bis zu den Gipfeln hinauf. Die Täler weit ausladend, manchmal den Mooswiesen daheim ähnelnd. Wiesen die auf einstigen Mooren entstanden sind. Und der Meeresspiegel im Sund scheint stark von den Gezeiten abhängig zu sein. Die Strände sehen verschlammt aus, gerade so, wie wenn sie trocken gefallen wären. Die Natur ist, fast möchte ich sagen, in Melancholie verfallen. Dazu trägt gewiss der aufgezogene Wolkenschleier bei. Ab und zu klatschen vereinzelte Regentropfen an die Windschutzscheibe, wie wenn sie sich verirrt hätten, nicht mehr wüssten wohin. 
 In Sortland dann wieder über eine Brücke auf die nächste Insel und das gleiche noch einmal über den kleinen Fjord am Weg. Die Stimmung bleibt. Das ist auch kein Wunder, bei den am Weg liegenden, dem Verfall preisgegebenen Fischerhütten am Meer und den in der Landschaft weit verstreut herumliegenden Silageballen der Landwirte. Die Straße erklimmt die nächste Anhöhe an einer Bergflanke an der ein Bauer eben sein Gras zur Abendfütterung mäht. Er häckselt es auf den Wagen und verschwindet mit seiner Gerätschaft im Stall. Ich habe mich schon die ganze Zeit über gewundert wie das liebe Vieh wohl zu überreden ist, die harten, fast distelähnlichen Stiele und das grobe Gras zu verspeisen. Häckseln, - das könnte der Trick sein. Wobei verwöhnte Kühe schon Mittel und Wege finden blitzschnell die Spreu vom Weizen zu trennen. 
 Wie ich beim Umrunden der nächsten Bucht noch über die Schlauheit bayerischer Kühe referiere, erschreckt mich der riesige Schatten neben dem Seitenfenster so, dass ich alle Konzentration dem Auto widmen muss. Dann fliegt kurze Zeit, mit mächtigem Schwingen- schlag ein Seeadler neben der Scheibe bis er abdreht und majestätisch zum Meer hinab schwebt. Scheinbar hat ihn der Diesel aus den Nadelbäumen am Weg aufgescheucht. Welches Erlebnis für uns. Der erste wilde Adler in freier Natur, den wir jemals zu Gesicht bekommen haben.
 Auf Andoya, der nördlichsten, der Vesteralen-Inseln, treten die Berge zurück und das Gelände wird flach. Am Meer zieht sich in frischem Grün der Saum bewirtschafteter Wiesen entlang. In starkem Kontrast dazu, die kleine schneeweiße Kirche vor dem Blau der See. Wie die Straße landeinwärts schwenkt, verliert sich das satte Grün um in braune Steppenlandschaft über zu gehen. An der Lenkung bemerke ich, wie der Wind heftig am Aufbau des Wohnmobiles zerrt. Doch da taucht bereits der Campingplatz als Vorbote von Andenes auf. 
 Die Stadt selbst ist nicht unbedingt mit Sehenswürdigkeiten gespickt. Lose verstreute Häuser, ein Flugplatz und das Walforschungszentrum. das ist unsere Anlaufstelle. Da möchten wir uns beraten lassen. In gebrochenem Deutsch und hervorragendem Englisch verklickern mir zwei charmante Damen das Reglement der Walsafari. 
 Mit fast 90% iger Sicherheit soll ich auf der etwa 5 stündigen Seereise Buckel oder Flosse der Riesensäuger zu Gesicht bekommen. Wenn sich die Wale aber gerade unpässlich fühlen, dann fährt der ehemalige Walfangtrawler, sozusagen als Entschädigung, auf der Rückfahrt am Vogelfelsen vor der Küste vorbei. Dieser Passus ruft bei mir nun eine gewisse Hellhörigkeit hervor. Nach der Aufzählung aller Naturschönheiten kommen die zwei Mädel zum Preis des Törns. Rund 100 Euro soll die Passage kosten - pro Person. Wenn ich es richtig verstehe, soll ich zusätzlich noch einmal 20 Euro fast freiwillig für den WWF locker machen. Gut, Traudl hat schon vorher kund getan, dass sie mit dem Walfänger nicht hinaus möchte, auf das Nordmeer. Also fiele der Preis nur für eine Person an.
 Doch bei mir hat sich inzwischen der Preis für die Lofoten- Überfahrt festgesetzt. Die dauerte vier Stunden, war nicht entscheidend teurer und umfasste zwei Personen und das Auto. 
 Es kommt, wie es kommen musste. Mir platzt der Kragen, der Geiz gewinnt die Oberhand und Walsafari ade. Wie ich aus dem Büro stürme, weiß ich es eigentlich schon. In ein paar Tagen wird es mir leid tun, den Versuch nicht gewagt zu haben.
Zwischenzeitlich ist es spät geworden, was aber kein Malheur ist weil der Campingplatz nicht weit zurück liegt. So reicht es auch noch für das Geschäft des örtlichen Campinghändlers. Doch der wird unser imaginäres Gasflaschen- Problem heute nicht mehr lösen. Das Büro ist bereits geschlossen. 
 Das hebt nun meine Stimmung auch nicht gerade und meine Wut über die Preisgestaltung der Walgeschichte ist zudem noch gegenwärtig. Da kommt der nächste Hammer. Die Übernachtungsgebühren am Campingplatz sind astronomisch. Um nicht zu explodieren drehen wir stehenden Fußes um, schlagen kräftig die Türen des Mobils zu und dampfen entnervt ab. Direkt nachwerfen wollen wir unser Geld der Tourismusfraktion von Andenes nicht. Kehrseite der Medaille - der fehlende Übernachtungsülatz.
 Da bietet sich aber bereits der Ausweg an. Das Holzgestell am Abzweig des kleinen Küstensträßchens vom Hauptweg zeigt mit breitem Pfeil das Campingsymbol. So nimmt das Mobil den Weg westwärts durch die Berge der Küstenregion. Herrliche Panoramen breiten sich aus und das niedrige, aber schroffe Gebirge fällt oft direkt neben uns ins Meer ab. Daneben breitet sich weißer Sandstrand am Saum des blau- türkisen Wasser aus. Kleine Schaumkrönchen hat der Wind den Wellen aufgesetzt. Der Ausblick braucht wieder einmal den Vergleich mit der Karibik nicht zu scheuen. 
 Um die nächste Felsnadel herum und der anvisierte Stellplatz liegt vor uns. Wenige Plätze sind noch frei, liegen aber in zweiter Reihe an der Straßenböschung. Das ist mir nun gar nicht unrecht, denn so sind wir vom Meereswind etwas geschützt. Irgendwann kommt der Besitzer vorbei um den Obolus zu kassieren. Er entschuldigt sich sogar für die einfache Ausstattung des Platzes und zeigt den Weg durch die Dünen zu den Toilettenhäuschen und weiter zum Fußballplatz des örtlichen Clubs. Dort dürfen die Camper die Gemeinschaftsdusche des Fußballclubs mit benutzen. Uns schrecken Gemeinschaftsduschen nicht, den damit wurde jeder der Mannschaftssport betreibt schon konfrontiert. Der faire Preis stimmt mich gnädig und so langsam söhne ich mich mit den Vesteralen-Inseln wieder aus.
 Nach dem Abendbrot locken die weiten, kilometerlangen, feinsandigen Strände zum Spaziergang.  Weit vorne der Ort mit den typischen bunten Häusern und davor der Zuckerhut. So nennen wir die Felsnadel, die sich fotogen vor dem Ort aus dem Meer erhebt. 
 Der Blick nach oben zur Straße, die die Klippe entlang führt, zeigt eine Wand aus parkenden Autos. Dicht an dicht versucht man den Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Zwischen den Mobilen und Campingbussen bauen die Schaulustigen großes Gerät auf. Stative mit Fotoapparaten, Camcordern und fast professionellen Filmkameras. Das ist nun der Auftrieb der Mitternachtssonnen-Fans. 
 Nichts ist mehr zu spüren von der Ergriffenheit der Menschen in Fradvang. Hier steht der Kampf um den besten Platz - um das beste Bild im Vordergrund. Bestimmt ist diese Stelle in irgendeinem Buch als bester Standpunkt fürs Mitternachtssonnenbild erwähnt. Zugegeben, auch meine betagte Spiegelreflex klickt einige Male. Doch das richtige Gefühl mag sich nicht einstellen. Das hier hat mehr Event-Charakter, dem wir uns schnell entziehen um in die Federn zu schlüpfen. 
 Der Vorteil der frühen Bettruhe ist, dass wir pünktlich zur Geschäftsöffnung vor der Tür des Campinghändlers stehen. Nur geholfen hat das nichts. Der freundliche Herr weiß auch keinen Rat. So tingelt man bei etwas diesigem Wetter südwärts auf Sortland zu um den Weg nach Narvik zu nehmen.  
 In der nähe von Steinsland schreit Traudl plötzlich: "Ein Elch!" Wild fuchtelt sie mit dem Zeigefinger vor meiner Nase herum. Es ist kaum zu glauben. Die Straße fast autobahn ähnlich und dort wo der Elch gewesen sein soll zieht ein roter Traktor beim Mähen Spur um Spur in die bunte Blumenwiese. 
 Meine neckische Antwort, "du wirst eben eine Kuh gesehen haben", löst eine geharnischten Schwall von Erklärungen aus, der mich unverzüglich zum Wenden veranlasst. Also gewendet und ein paar Kilometer zurück um nochmals zu wenden und die Straße langsam entlang pirschend ab zu suchen. Tatsächlich löst sich, wie wir die Stelle langsam fahrend passieren, eine große Elchkuh von der Böschung unterhalb des Straßenrandes um mit mächtigen Sprüngen die Wiese hinauf im Wald zu verschwinden. Triumph blitzt aus den Augen meiner besseren Hälfte. Der erste Elch! Mit diesem Erlebnis im Gepäck rollt man die Bergkette der Ofoten entlang. Nach der Mittagsrast zwischen kleinen verträumten Seen unweit der Hauptstraße laufen wir zeitig in Narvik ein.
 Narvik ist für mich einer der Fixpunkte der Reise. Einer der Namen, die sich seit meiner Jugend bei mir eingebrannt haben. Warum? Das weiß ich selbst nicht. Vielleicht war es die Lektüre der "Spannenden Geschichten" oder der "Landser" Heftchen, die ich damals mit großer Begeisterung verschlungen habe, die den Namen in mir festgesetzt hatten. Auf alle Fälle ging es um die Erztransporte aus dem schwedischen Kiruna.
 Und jetzt stehe ich am Campingplatz um es selbst zu erleben, wie die endlos langen Güterzüge den Berg herunter rumpeln. Es dauert ein bisschen, bis ich den Fahrplan ausbaldowert habe. Dabei ist es im Grunde recht einfach. Die Züge kommen im Stundentakt daher. Trotzdem mag ein Foto nicht gelingen. Für die Kompaktkamera sind sie zu weit entfernt und die Spiegelreflex mit Tele braucht eben etwas Vorlaufzeit.
 Bequem im Liegestuhl lümmelnd warte ich auf den nächsten Transport. Imposant sind sie schon, wenn sie daherkommen. Zwei Lokomotiven vorgespannt und eine schier endlose Schlange von Erzwaggons. Irgend etwas stimmt hier nicht, fällt mir plötzlich auf. Die Zeit ist um und kein Zug im Anmarsch. Ob die Züge vielleicht nachts nicht fahren? 
 Inzwischen weht es kühl vom Herjangsfjord herauf. Es ist Zeit die warme Stube aufzusuchen. Freilich stehe ich nach Ablauf einer Stunde wieder draußen, den Apparat im Anschlag und tatsächlich kommt der Zug hinter der Bergkuppe hervor um mit quietschenden Rädern den Berg hinunter zu rattern. Jetzt hätte alles gepasst. Leider kann ich im Dämmerlicht den Apparat für die längere Belichtungszeit nicht mehr ruhig halten. Also im bett auf "Morgen" warten. Meine Frau Gemahlin vermerkt in ihren akribischen Reiseaufzeichnungen: "Anderl hat den Erz-Zug verpasst!"

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 Nicht die fehlenden Bilder veranlassen uns zum Rasttag, sondern die Sorge um die Gasreserve.
 Weil die Städte hier oben doch recht selten werden, wollen wir unser Glück noch einmal in Narvik versuchen. Die Leute vom Campingplatz empfehlen als Anlaufstelle den Autohändler in unserer Straße. Doch heute ist Sonntag und da haben auch in Narvik die meisten Geschäfte geschlossen. 
 Nur schade, dass der Ort städtebaulich nicht gerade viel hergibt. Kein Wunder, weil sich im 20.Jahrhundert fast alles nur um den eisfreien Erzhafen drehte. Von hier aus, über Emden, versorgte sich das Ruhrgebiet mit Eisenerz. Natürlich auch im 2. Weltkrieg. Fast bis Kriegsende befand sich Narvik in deutscher Hand. Dies missfliel jedoch den Briten, was heftige Kämpfe um die Region nach sich zog. Zum Schluss kam dann noch die Kriegstaktik der verbrannten Erde zum Tragen. Die Deutschen haben sie perfider Weise im ganzen Norden angewandt. Heinkel Bomber zerstörten Narvik komplett und der Wiederaufbau fand natürlich nur Zeit für glatte, betonierte Zweckbauten. So lassen wir uns nur von den riesigen Erzhalden und dem geschäftigen Treiben am Hafen beeindrucken. Alles passiert unter dem Schleier der bräunlichen Staubwolke, die über dem Areal hin-und her wabert. Drei Frachter liegen vor Anker und warten auf ihre Beladung. An sich ein schönes Bild, wie sich die Schiffe  im blauen Wasser spiegeln. Wenn da nur nicht die rostbraune Farbe und die rostigen Schlieren an den Rümpfen wären. Der Weg zur Seilbahn auf den nächsten Berg scheint zu weit, das Kriegsmuseum ist nicht unser Ding und außerdem sind wir heute ein bisschen faul. 
 Kommando! "Zurück in den Liegestuhl!" 
 der kleine Spaziergang am Morgen beschert neben dem Kaffee auch zauberhafte Ausblicke auf den Fjord, die schneebedeckten Gipfel der Ofoten und das Skigebiet von Narvik. Pisten ziehen sich die Hänge herunter und man versucht den Tourismus an zu kurbeln. Sogar Weltcups hat man schon ausgerichtet. Doch so recht scheint die Ski-Szene nicht Gefallen zu finden. Vielleicht liegt es am Vorurteil der großen Kälte im Norden. Dabei schafft Narvik im kältesten Monat, im Januar gerade Mal -4,5 Grad Durchschnittstemperatur. 
 Am Montagmorgen geht es auf die "Gas Reise". Der empfohlene Autohändler hat mit Gas gar nichts am Hut. Der zweite Versuch führt zur Firma Jenware AS, einem Werkzeuggeschäft, in dem man sich hervorragend um uns kümmert. Es sei nicht verschwiegen, dass diese Adresse auch im Verzeichnis der Gas Firma aufscheint. Ich zeige dem älteren Herrn den Gaskasten unseres Mobils. Ausgiebig bestaunt er den an die Flaschen geschraubten Gasregler. Diese Bauform hat er noch nie gesehen. Er eilt aber schnell in den Laden um eine 12 Kilo-Flasche mit norwegischem Regler zu holen. Diese ist nun zu hoch und passt nicht mehr rein. Kurzerhand empfiehlt er uns einfach die niedrigen 6 Kilo-Flaschen zu nehmen. Das ist die Lösung! Ein wenig ärgere ich mich, dass ich da nicht selber drauf gekommen bin. Das ist die Lösung, wenn es denn mal knapp werden sollte. Wir erstehen bei ihm noch den Regler für das skandinavische Anschlusssystem für 16 Euro. Ich staune. Für das gleiche Teil wollte man mir in Fauske 36 Euro abknöpfen. 
 Zum Abschluß führt mich der freundliche Verkäufer auf die rückwärtige Terrasse des Geschäfts mit hervorragender Aussicht auf den Hafen. Selbstverständlich schieße ich da noch ein paar Bilder, bevor wir uns sehr herzlich verabschieden. Er wünscht uns noch ein gute Weiterreise - das glaube ich wenigstens, denn verstanden habe ich kein Wort, genauso wenig wie umgekehrt. Das zeigt, dass es eigentlich keine Sprachbarriere gibt. Wenn man sich bemüht, klappt die Verständigung auch mit Händen und Füßen.

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Nun aber schnell weiter! Weiter auf der E 06, weiter nach Norden. Hinter der bunten Gruppe von Radfahrern biegen wir in den großen Parkplatz an der Straße ein. Mittagsruhe ist angesagt. Unter uns liegt tiefblau, langhingestreckt ein See. Auf seiner Oberfläche spiegeln sich schneebedeckte Berge, die das Gewässer malerisch umrahmen. Drumherum Fichten, die Äste zerzaust und von Jahrzehnte langer Schneelast wie an die Stämme hin modelliert.
Es ist schwierig, die ein wenig melancholisch anmutende Stimmung mit dem Fotoapparat einzufangen. Die E 06 drängt sich immer von irgendwoher ins Bild oder es ist wenigstens ein Verkehrsschild oder zumindest eine Leitplanke zu sehen. Aber ich bin mit dem Problem nicht alleine. Die Besatzung des Pickups von weiter oben und die Radler turnen auf der Suche nach der besten Position fürs Foto auch im Gelände herum und lächeln mir vielsagend zu. Gerade denk ich mir, "jetzt passt es aber!", drücke auf den Auslöser - da schieben sich blaue, rote und grüne Linien vor den Sucher. Es ist das riesige amerikanische Reisemobil, das ich vorhin schon weiter unten auf seiner Anfahrt entdeckt hatte. 
 Doch für die folgende Show dieser Touristen verzichte ich gerne auf weitere Fotos. Die Einstiegstreppe fährt aus. Herab steigt eine ältere, aufgedonnerte Dame mit Hund auf dem Arm. Das goldbestickte Kissen aus der anderen Hand platziert sie vorsichtig am Wagen um vorsichtig den Hund darauf zu setzen. Dann steigt der Herr aus. Er würde sehr gut in das Klischee des neureichen Amis passen. Mit Tischtuch und Kristallgläsern decken sie nun den grob behauenen Tisch des Rastplatzes. Jedes mal, wenn sie etwas aus dem Auto holen, versperren sie sorgfältig ihr immerhin etwa vier Meter weit entferntes Mobil. Man merkt, dass sie den am Platz weit verstreuten, armen Nachbarn nicht so recht trauen. Warum sie aber dann ihren Besitzstand so demonstrativ ausführen müssen ist uns nicht so recht klar geworden. 
 Das macht jedoch nichts. Inzwischen ist die Soße unseres Dosenfisches ausgetunkt, die Wasserflasche leer getrunken und die Räder rollen weiter auf der Landstraße gen Norden. Kurz vor Elverum nimmt man die Abzweigung auf die Nebenstraße R 87 und damit wieder einmal am lachsreichsten Fluss des Landes entlang. Die Fische scheinen sich nicht zählen zu lassen und so ist nicht zu ergründen wo er nun wirklich ist, der lachsreichste Fluss. Nur wenige Kilometer entfernt gibt es Stromschnellen und eine 500 Meter lange Lachstreppe zu bestaunen. Dann wird es ruhig. Kaum noch Verkehr. 
 Beeindruckt vom Weiß des kleinen Holzkirchleins das durch das Grün der Birken schimmert, parken wir das Auto um uns etwas umzusehen. 
 Tief unten brodelt der Fluss um die Felsen, während hier oben fast reglose Stille herrscht. Die Kirche ist zugesperrt. So wenden wir uns dem Friedhof zu. Weit zieht sich die Wiese den Hang hinunter. Leise säuseln die Blätter des lockeren Birkenbestandes bei jedem Lufthauch. Schlichte Holzkreuze mit ganz kleinen Blumenbeeten davor markieren die verstreut liegenden Gräber. Noch nie habe ich einen schöneren Friedhof gesehen. Das ist Einklang mit der Natur. Wir warten darauf, dass uns jemand die Kirche aufschließt, denn alles vermittelt den Eindruck, als sei man nur mal kurz weg gegangen um gleich wieder zu kommen. Aber es ist nur die Stimmung die der Ort vermittelt und die uns gefangen nimmt. 

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Noch ein letzter, fast wehmütiger Blick über die Idylle, bevor wir unser Heim aufsuchen. Uns friert ein wenig. Es ist plötzlich kühl geworden. Der Wind hat aufgefrischt. Hoffentlich schlägt das Wetter nicht um. Seit langer Zeit machen T-Shirt und kurze Hose Platz für Jacke und Jeans. 
 Kaum auf die Landstraße zurückgekehrt, muss der Scheibenwischer seinen Dienst antreten. Wenigstens ist es nur leichter Nieselregen der die hügelige Gebirgslandschaft hinter milchigem Grau verschwinden lässt. Von Övergard aus könnte man bequem durchs Divital, hinter zum Nationalpark Övre Dividal fahren. Doch wem steht bei diesem ungemütlichen Wetter schon der Sinn nach wandern auf den Hochebenen des Parks? Beeindruckendes hätte er schon zu bieten. Kiefern Urwälder in den Tälern, in denen Vielfraß, Elch, Luchs und Auerhahn ihre Heimat haben. Rentiere, von denen sich bislang immer noch keines blicken ließ, deren Weidegründe sich aber bis nach Finnland hinüber ziehen sollen. Nicht einmal der kleine See "Lille Rostavatnet" kann uns locken. 
 der Diesel tuckert gemächlich an einem einsamen, hinter spärlichem Wald verborgenem Gehöft vorbei, wieder der E 06 zu. Etwas verwirrend der Ort an dem  die RV 87 in die E 06 mündet. Er heißt schon wieder Övergard. Das Wetter beruhigt sich auch gleich wieder und wie wir den Lyngenfjord erreichen scheint schon die Sonne vom Himmel. Dann zwingt das Panorama zum Fotostopp. Die vom Schnee weißgezuckerten Grate und Flanken der Berge  spiegeln sich einfach zu schön im stahlblauen Wasser. Und weil wir gerade stehen, gibt's gleich den nächsten Kleiderwechsel. Unser gewohntes "Nordlandwetter hat sich erneut eingestellt.

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 Blumenwiesen am Wegrand. Schmucke bunte Häuser zeichnen ein friedliches Urlaubsbild fernab von Eis, Schnee und Kälte. In den Gärten ab und zu kleine Obstbäume zu Spalieren gebunden. Vielleicht sind es jedoch auch uralte Beerensträucher oder einfach nur schüttere Hecken. Die Berge sind nun niedriger, nicht mehr so schroff. Doch kaum windet sich die Straße 70 oder 100 Meter in die Höhe ist es vorbei mit Frühling. Alles ist schmutzig braun zwischen den den großen Schneefeldern. Die Schneefangzäune längs des Weges sind nicht aus Latten gefügt wie bei uns zu Hause, sondern 2 Meter hoch und in bester Zimmermannsarbeit aus massiven Kanthölzern gefertigt. 
 Nach der nächsten Kurve taucht ein Sami Lager auf. So richtig mit Zelten, Tiergehegen und Verkaufsstand an der Straße. Bergeweise stapeln sich Rentiergeweihe zum Verkauf. Das kommt mir spanisch vor. Wo sind sie denn nur, die Rentiere. Die einzigen, die wir bislang zu Gesicht bekommen haben waren auf Verkehrsschilder gemalt. Dabei liegen schon gut 1000 Kilometer oder mehr Norwegen hinter uns - Luftlinie! Zudem nennt sich dieser Landstrich Lappland. Wir sind sehr wankelmütig und versteigen uns in Gedanken, dass die Geweihe zu einer bereits ausgestorbenen Art gehören oder gar "Made in China" und aus Plastik sind.
 In leichten Kurven geht es bergab, dem Meeresniveau zu. Malerisch in weiß, rot und gelb drängen sich die Häuser des kleinen Fischerstädtchens um die Bucht des Fjordes. Schade, dass sich gerade jetzt die Schleierwolken anschicken die Sonne zu verhüllen. 

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 Am Langfjorden ist es dann vorbei mit den strahlend blauen Wasserflächen. Wie erstarrt in bleiernem Grau liegt der Meeresarm im Taleinschnitt. Am Ortsschild "Alta Komune" patschen erste Tropfen an die Scheibe. Schade dass damit die Blumenbeete vor den Häusern der schmucken Neubausiedlung am Ortseingang auch ein wenig unter der tristen Eintönigkeit des Wetters leiden. Da wirkt es fast erleichternd, in den Campingplatz am Altaelva einbiegen zu können. 
 Hinterm Zaun neben der Straße recken sich die Stangen dreier Sami Zelte in den Himmel. Fähnchen aller Herren Länder wehen über dem Gelände. Obwohl uns bewußt ist, dass das im Klartext "Touristenfalle" bedeutet, möchten wir doch ein wenig zum Schauen gehen. Leider - oder Gott sei Dank, ist es schon zu spät und die Anlage hat geschlossen. Denn gekauft wird letztendlich, auch von uns, eine Kleinigkeit als Souvenir.
 Ungemütlich kalt weht der Wind früh morgens über den Platz. Immer wieder treibt er Nieselschauer vor sich her. Jetzt ist es von Vorteil die Sanitäranlagen vom Mobil aus im Blick zu haben. Dort stehen nämlich lang aufgereiht die frierenden Busreisegruppen zur Morgentoilette an. Also gibt man sich erst einmal dem Genuss von Kaffee und Frühstück hin, bis die Busse zur Abfahrt bereit sind. Gut, wir könnten im Wohnmobil auch duschen, aber wegen der Enge ist es nicht sehr komfortabel. Besonders für mich, weil mein Körperumfang nicht auf die Maße unserer Duschkabine zugeschnitten ist.
 Beim Auschecken dann der Schock. Strom kostet pauschal 3 €! Mir platzt der Kragen. Mit hochrotem Kopf schimpfe ich über diese Abzocke. Schließlich heizen wir mit unserem  mitgebrachten Gas und für die paar Energiesparlämpchen und den Kühlschrank würde wohl 1 € auch genügen. Gut dass die Dame an der Rezeption wenigstens meine bairischen Kraftausdrücke nicht versteht. 

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Weil uns die obskure Preisgestaltung bei den Stromkosten in Alta nicht zum ersten Mal getroffen hat plädiere ich für den Kauf eines Heizlüfters. So führt der Weg gleich einmal, noch vor dem Tanken ins Einkaufscenter. Am Parkplatz, beim Anblick der Steckdosensäulen an allen Parkbuchten "dämmerts" dann bei mir. Hier kann jeder Autofahrer sein Gefährt kostenfrei anstecken und aufheizen um es Winters warm zu halten oder es überhaupt in Gang zu bringen. Also wird es auch gebräuchlich sein die Campingfahrzeuge elektrisch zu beheizen. In Gedanken bitte ich die Dame vom Campingplatz noch nachträglich um Verzeihung. 
 Der "Fifte Oven", so heißen hier die Heizlüfter, sieht schon sehr futuristisch aus. Mit seiner weinroten Glitzerlackierung ähnelt er mehr einem Motorradhelm, denn einem alltäglichen  Gebrauchsgegenstand. Skeptisch dreht Traudl das Teil in den Händen und meint: "Hoffentlich funktioniert er auch, denn jedes Mal her fahren zum Umtausch wird sich nicht rentieren". 
 Inzwischen sticht mir im Regal nebenan das ausgestellte Angelzeug in die Augen. Soll ich, - oder soll ich nicht? Den Angelschein samt Fischerprüfung haben wir schließlich beide in der Tasche, allerdings die Fischwaid jahrelang nicht mehr ausgeübt. Aber nun in Norwegen, im Land der Fischer? Ich überlege noch, da platzt Traudl in meine Gedanken: "Kauf das Zeug oder nicht. Aber hör endlich auf mit dem dauernden hin und her!" Damit geht die olivgrüne Tasche in Komplettausstattung mit auf die Reise. Schon eigenartig, dass mich 3 € Stromkosten heftig erregt haben aber die teure Angelausrüstung in so großer Gelassenheit bezahlt wird. 
 Schwere Wolken wälzen sich über die Baumwipfel wie Alta langsam im Rückspiegel verschwindet. Alle Variationen von Regen sind unsere Begleiter zwischen wenigen trockenen Abschnitten. Erst am Porsangerfjord beruhigt sich die Sache etwas. Faszinierende Formationen der Felsen an der Straße fesseln das Auge. Das ist nicht gut, denn der Verkehr wird zusehends dichter. Motorradfahrer, Wohnwagengespanne und Caravaner streben als lockerer Touristenstrom dem Nordkap zu. 
 Am Parkplatz, bei der Mittagsrast erwacht das Jagdfieber. Der Angler weiter vorne am Platz zieht einen silbrig glänzenden Fisch von gut einem Meter Länge aus dem Wasser. Trotzdem erscheint es mir zu umständlich die eigenen Gerätschaften auszupacken. Und weil zudem direkt hinter uns noch eine Gruppe vollkommen betrunkener Jugendlicher aus ihrem finnischen Wohnmobil fällt, möchte ich mich nicht zu weit entfernen. Wer weiß, was denen außer dem Ausstoß aller möglichen Körperflüssigkeiten sonst noch alles einfällt. 
 Und wir wollen ja weiter. Wenn auch der Weg das Ziel ist, so ist das Nordkap allemal ein Fixpunkt unserer Reise. Manchmal meint man es würde heller, der Himmel ein wenig aufklaren. Doch jede Hoffnung ertrinkt unverzüglich im nächsten Schauer.
 Dann taucht unvermittelt die Einfahrt des Nordkaptunnels auf. Radfahrer haben sich untergestellt um auf Wetterbesserung zu warten. Wir tauchen ein. Stetig geht es steil nach unten. Kein Wunder, denn die tiefste Stelle liegt schließlich 212 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Bauwerk war erforderlich, weil zum Einen die Fähren den Touristenansturm nicht mehr bewältigen konnten und zum Anderen ein eisfreier Zugang auf die Insel Mageroya geschaffen werden sollte. Richtig, das nördlichste Ende der europäischen Landmasse ist nicht mehr Festland sondern liegt auf einer Insel. 
 Uns bedrückt diese kleine Schummelei nicht, wir kämpfen mit der Atemluft. Je mehr man dem tiefsten Punkt zustrebt, desto gewaltiger stinkt es nach Abgasen. Vielleicht ist es die Wetterlage, die die Belüftung blockiert, vielleicht bin ich auch besonders empfindlich, doch es stellen sich Hustenreiz und brennende, tränende Augen ein. Fast übergangslos steigt die Straße wieder an. Die Quälerei verschlimmert sich noch weil sich die Tortur verlängert. Der Diesel kämpft mit der 10% igen Steigung. 
 Einziger Lichtblick, die Tunnelpassage kostet scheinbar nichts. Irgendwo habe ich gelesen, dass nach Refinanzierung der der Baukosten von 110 Millionen Euro die Durchfahrt kostenlos sein soll. Das scheint ja schnell gegangen zu sein. Die Einweihung des Tunnels war im Juni 1999.
 Endlich bessere Luft! Der helle Lichtpunkt weitet sich zur Ausfahrt. Endlich frei durchatmen! Doch gleich folgt der Schock in Form der Kassenschranke, oder besser gesagt in Form der Preisgestaltung. Für zwei Personen mit Wohnmobil nimmt der Kassierer etwa 63 Euro. Umkehren geht auch nicht, denn wir sind ja schon durchgefahren. Meine Frage, ob der Betrag für Hin- und Rückfahrt gilt, quittiert der Herr mit mitleidigem Lächeln und Kopfschütteln. So sieht uns der graue Himmel etwas angesäuert weiterrollen, auf Honnigsväg zu. Das triste Fischerstädtchen mit circa 3500 Einwohnern auch nicht gerade der Aufheiterung. Obwohl es neben der Fischindustrie hauptsächlich vom Nordkaptourismus lebt, täglich von den Hurtigruten und Kreuzfahrern angelaufen wird und über einen Flugplatz verfügt, versteckt es seinen Charme sehr gut. Freilich spielt auch hier wieder der Rückzug der Deutschen 1944 eine tragende Rolle. Damals blieb nur die Kirche von 1888 erhalten. Der Rest fiel schrecklicher deutscher Gründlichkeit zum Opfer. 

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Nach dem nächsten Höhenzug sind sie plötzlich da, die Rentiere. Es gibt sie also doch! Mit lieben kleinen Kälbchen stehen sie grasend am Straßenrand oder ziehen in Gruppen über die Hügel Mageröyas, der mageren Insel, wie sie übersetzt heißt. Sofort die nächste Einbuchtung genutzt und fotografiert was das Zeug hält. Dass wir nicht die einzigen sind, die die Tiere das erste Mal zu Gesicht bekommen beweisen die weit verstreut stehenden Fahrzeuge mit wild knipsenden Besatzungen. Sogar Stative sind aufgestellt um ja das beste Bild in den Kasten zu bekommen. Meine Frau ist auch ganz begeistert: "Schau das weiße Kälbchen, ist das nicht lieb?" "Und dort das Gescheckte, schau nur!" Schon komisch, die Kühe daheim mit ihren Kälbchen sind doch auch lieb, doch fotografiert habe ich sie noch nie.
 
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Einige Fotostopps später taucht die zusammengenagelte Bretterhütte des Rentierzüchters auf. Das kleine Sami- Zelt etwas seitwärts dient vermutlich den Kindern als Spielhütte. Vor der Türe stehen Pickup und Quad. Am Pferch große Futterbehälter aus Plastik. Man sieht, da passiert Landwirtschaft. Das ist authentisch. Keine geleckten Zelte, keine Geweihstapel neben Trachtenkleidern und kein Souvenirverkauf. 
 das Wetter verschlechtert sich zusehends. Jeder Hügel führt uns in niedrige, sich über die Landschaft wälzende Wolken. Auf der nächsten Paßhöhe, immerhin gut 200 Meter über dem Meer, zerplatzen die Regentropfen zu hässlichen Klecksen auf der Scheibe. Das bedeutet: Noch ein Grad kälter und es schneit.
 Aus dem unwirtlichen Grau schiebt sich das nächste Kassenhäuschen mit Schranke heraus. Der Parkplatz des Nordkappzentrums ist erreicht. Ich mag mich nicht ärgern, denn man nimmt uns noch einmal für 2 Personen nebst Mobil 48 € ab. Dafür dürfe man aber am Parkplatz 48 Stunden stehen bleiben, erklärt uns die "einnehmende" Dame aus ihrem beheizten Domizil heraus. Auf der steinigen Ebene des Parkplatzes findet sich neben einigen PKW's nur noch das einsame spanische Wohnmobil, dessen Lee uns Windschutz bietet.  suchen. 
 Erst einmal umziehen. Lanke Skiunterwäsche ist angesagt. Drüber zwei Pullover und der winddichte Sturmanorak. Mit der Skimütze unter der Kapuze wagt man sich dann hinaus in die waagrecht heran peitschenden Graupelschauer. 
 In diesem Mistwetter sind nicht einmal Hinweisschilder auszumachen. So tasten wir uns an den Steinen der vermutlichen Weg-Begrenzung entlang. Eigentlich müsste das Nordkapcenter schon von weitem zu sehen sein. Zwar versteckt sich der größte Teil des mehrgeschossigen Baus unter der Erde oder ist von der Parkplatzseite her, wegen seiner Hanglage nur als langer Flachbau zu erkennen. Aber wenigstens die riesige Kuppel des Panoramarestaurants sollte den Weg weisen. Doch nichts von alledem taucht auf. Nur wässriges Grau in Grau. 
 Auf einmal, bloß eine gute Armlänge voraus strahlt uns, wie aus purem Gold, das Symbol des Nordkapzentrums entgegen. Daneben findet sich auch tatsächlich die Eingangstüre. 
 Nachdem ich mir das Wasser von der Brille geputzt habe und diese auch nicht mehr beschlägt, gelingt die Orientierung. 
 Gleich nebenan preist das Werbeschild die Multivisionsshow im großen Panorama-Kinosaal an. Trotz passender Öffnungszeit im Aushang rentiert es sich wohl nicht für die wenigen Besucher den Projektor anzuwerfen. Etwas Information zu Entdeckung und geschichtlichen Ereignissen  am Kap bieten dafür die großen Dioramen im Tunnel zu den Aussichtspunkten. Wer jetzt stille Einkehr suchte, könnte gut die kleine, unterirdische Kapelle nutzen. 
 Uns ist es jedoch ruhig genug, so dass wir die nördlichste Champagnerbar der Welt besuchen. Aber nicht um das Edelgesöff zu verkosten, die Preise kann ich mir gut vorstellen, sondern um auf die Aussichtsplattform hinter den 80 Quadratmeter großen Panoramascheiben zu gelangen. Das hätten wir uns sparen können. Direkt hinter dem Geländer verschwimmt alles in dem undurchdringlichen Wolkengebräu. 
 Gut, dann eben ein paar Meter zurück und hinaus ins Freigelände. Nichts ist zu sehen vom Ansturm der Touristen, der fotografieren an der stilisierten, stählernen Weltkugel fast unmöglich machen soll. Nur ein Pärchen verlässt gerade eben den weitläufigen Platz.
 Wir sind ungestört. Jedoch, wenn ich soweit zurück trete, dass ich Monument und meine Frau aufs Bild bringe, sorgen die vorbei ziehenden Nebelschwaden für Unschärfe. Von den Tröpfchen auf dem Objektiv ganz zu schweigen. Unter diesen Umständen ist die Fotositzung schnell beendet.

0029 Seite 57 Am Nordkapp.jpg
 
 Erleichtert streift man Kapuzen und Mützen in der warmen Panoramahalle ab um unverzüglich in den angrenzenden Souvenirshop einzutreten. Das angebotene Nordkapdiplom brauchen wir nicht, doch für Ansichtskarten mit schönsten Nordkapansichten von der 308 Meter hohen Klippe im Glanz der Mitternachtssonne wechselt manche Krone den Besitzer. Die sollen ja schließlich den Neid der Lieben zu Hause wecken. Für die Briefmarken Sammler daheim gibt es noch extra Stempel vom Nordkap Postamt. Meine Frau ersteht noch die bekannten Elch-Klebebilder und einen Aufkleber für die Scheibe, die uns künftig als wahre Nordkapfahrer ausweisen sollen. 
 Kaum aus der Türe, lassen Regel und Graupel - Nadelstichen gleich, unsere Haut erröten. Mit Mühe findet sich unser Auto in diesem unwirtlichen Gebräu wieder. Kurze Beratungspause. Soll man noch eine Nacht abwettern und auf Morgen warten? Ich habe Angst davor, hier länger fest zu sitzen. Nur ein wenig kälter in der Nacht, dann sind die Straßen vereist. Was dann? Außerdem habe ich keine Lust bei diesem Wetter nachts eventuell die Gasflaschen tauschen zu müssen. Auf alle Fälle müssten wir in der Nacht durchheizen und Stromanschlüsse gibt es hier nicht. Das versehe ich natürlich, dass die bei den "moderaten" Preisen nicht drin sind. 
 Also nichts wie weg, von diesem unwirtlichen Ort! Wieder zurück durch eines der strengsten Naturreservate. Hier gilt kein "Jedermannsrecht". Blumen pflücken oder frei Zelten sind wegen Störung von Flora und Faune streng verboten. Strafen bis 1500 € verleihen den Verboten gehörigen Nachdruck. Uns reicht die Strafe für die erneute Tunneldurchfahrt schon. Nochmals sind gut 63 € fällig. 
 Am Ufer des Porsangerfjordes fahren wir seit langem wieder einmal südwärts. Wieder vorbei an Dörfern mit Fischerbooten, Gestellen zur Trocknung des Kabeljaus und den Souvenir- und Silbershops. Es ist unglaublich. Der Regen hört auf. Einzelne blaue Lücken reißen im Wolkengebräu auf und wie wir durchs Tor des Campingplatzes von Lakselv rollen, blitzen erste Strahlen der tiefstehenden Sonne durch die Wolken. Nur 100 Kilometer vom Kap entfernt und unser bewährtes, schönes Nordlandwetter scheint sich wieder einzustellen. 

0030 Seite 58 Lakselv Camping.jpg
Zur Feier des Tages, wir waren schließlich am Nordkap, brät Traudl Schweine Wammerl am Grill und ich köpfe die letzte Flasche Rotwein aus dem mitgebrachten Fundus. Zurück denken darf ich allerdings nicht, sonst vergeht mir der Appetit. Knapp 200 Euro ausgegeben und nicht einmal was gesehen. Das nenne ich Snobismus!
 Über die bitterkalte Nacht hat uns der Vifte-Ofen hinweggeholfen. Wolkenlos wölbt sich der Himmel über den Wäldern am Lachsfluss. Nur die Infrastruktur des Camps lässt zu wünschen übrig. Für die Toilettenentleerung ist die halbverfallenen Bretterbude in einiger Entfernung vorgesehen. Das stinkende Loch entspricht nicht den Sternen der Platzkategorie. Auch sonst scheint die gehobene Ausstattung nur am Teppich zur Rezeption, der landschaftlichen Lage und am Preis erkennbar zu sein. 

0019 Lakselv - Kirkenes (Leiden).jpg
 Doch kaum hat das Mobil die Straße wieder unter die Räder genommen, verfliegt auch schon der Unmut. Dieses Wetter hat die Entscheidung leicht gemacht, nicht die E 06 direkt zur finnischen Grenze hinunter zu nehmen, sondern die Variante nach Osten über die Eismeerstraße zu wählen. Eismeerstraße nennen sich zwar mehrere Strecken, doch diese ist die nördlichste und ursprünglichste Version.
 Hinter der Stadtgrenze verlieren sich noch vereinzelte rot- bunte Norwegerhäuser an den Wiesenhängen. Ab und zu grasen wohlgenährte Rentiere mit buntbestickten Halftern zufrieden in den weiten Gärten. Wahrscheinlich sind es die Lieblingstiere der Besitzer. Dann tauchen noch einmal Sami Zelte der Souvenirverkäufer am Straßenrand auf bevor es ruhig wird um uns. Immer an den Wassern des Porsangerfjordes führt die Route nach Norden, bis die Straße nach Osten abweicht und stetig ansteigt. Ungewohnt ist der Bewuchs in den Tälern. Dunkelgrüner, alter Kiefernwald erstreckt sich, so weit das Auge reicht. Dazwischen das silbrig glänzende Band des wild schäumenden Börselva. Doch die Kuppen der Hügel, die sich aus dem Wäldern recken sind schon abweisend kahl.
 Noch ein kleines bisschen höher präsentiert uns die Natur das totale Kontrastprogramm. Auf etwa 180 Höhenmetern liegt das Börselfjellet, eine steinige Wüstenei in allen Farbschattierungen zwischen Rot, Braun und Grau. Irgendwie fühlen wir uns auf einmal klein, den Gewalten ausgeliefert. Und trotzdem berührt uns diese ursprüngliche, fast archaische Schönheit tief. An kniehohem, vereinzelten Gestrüpp mit kargem Blattwerk bleibt der Blick hängen, wie wenn es das letzte Grün auf der Welt wäre. Jetzt verstehe ich den Beinamen der Eismeerstraße, die auch der "Highway in die Einsamkeit" genannt wird. 

016 Porsangerfjord und Börselvfjell.jpg
Manchmal tauchen Krüppelbirken auf. Allerdings noch blattlos und nur etwa 1 1/2 Meter hoch. Dann trifft uns vollkommen unverhofft Überraschendes. Im Schmelzwassersee des abtauenden Schneefeldes gegenüber schwimmt stolz ein Singschwan. Welch ein Erlebnis! Es gibt noch ein Lebewesen neben uns.
 Überhaupt ist es beeindruckend was hier in der Natur abläuft. Da sind die Birken, die noch nicht ausgetrieben haben, der Schwan, der seine Runden noch einsam zieht und es ist bereits Mitte Juli. Ende August frieren Nachts die Wasserlachen schon wieder zu. Dann wird es bald kalt und Flora und Fauna müssen ihr Pensum längst abgespult haben. 
 Den Gedanken ein wenig nachhängend ist die langsam dahinrollende Fahrt nur noch purer Genuss. Dazu trägt freilich der gut gefüllte Tank und das Wetter bei. Es ist so warm, dass wir wieder in der "Kurzen" und im T-Shirt unterwegs sind. Die Straße hat sich auch verändert. Die gepflegten Asphaltbahn hat sich inzwischen in eine zerbrochene Piste verwandelt, die aber immer noch gut befahrbar ist. Nur bei Regen, Schnee und Nebel, da möchte ich hier nicht unterwegs sein. Da wäre es schnell vorbei, mit dem Genuss. 
 Leicht fällt der Weg ab zum Storfjorden, einem Ausläufer des Laksfjorden, hinab. Sofort ändert sich die Vegetation. Moos, Flechten und Beerengestrüpp zaubern einen Hauch von Grün auf die Felsen. Nur die Birken, die wollen immer noch nicht so recht. Wie sich die Straße zum Parkplatz weitet müssen wir sofort stehen bleiben. Nicht wegen der Mittagspause, sondern wegen der Aussicht.
 Im blanken, eisblau schimmernden Wasser spiegeln sich weiße Wolken und die grün-bunt betupften Hänge ringsum. Es ist schön "zum niederknien". Strahlend weiße Strände an den Ufern. Sogar eine frisch gemähte Wiese um das blutrot gestrichene Wochenendhaus am Ufersaum. 

017 Laksefjorden.jpg
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Wer sonst hat noch die Gnade, vor solch einem Panorama speisen zu dürfen?
 Es ist schon die Eine oder Andere Überlegung wert, einfach hier zu bleiben und weiter oben, etwas abseits der Straße zu übernachten. Leider findet sich kein einigermaßen ebenes Plätzchen, so dass die Vernunft wieder die Oberhand gewinnt. 
 Nur noch ein kleiner Spaziergang durch die atemberaubende Szenerie, bevor man zu neuen Ufern aufbricht.
 Der nächste Taleinschnitt überrascht mit sattem Grün am lustig dahinplätschernden, quirligen Bächlein. Einzelne Ferienhäuser am Weg, die noch recht verlassen aussehen. Doch andere Besucher erfreuen sich an der lieblichen Landschaft. Prächtige Rentiere weiden an der Piste. Leider legen sie gerne Ruhepausen auf der Straße ein. Das ist fatal. Kaum zu glauben, dass sich die Konturen der großen Tiere, besonders der grau gescheckten, im Farbspektrum des Straßenbelages auflösen. Sie sind oft erst im letzten Moment zu sehen. Voll konzentriert und bremsbereit zu sein ist fast lebenswichtig. 
 Wie der Fahrweg jedoch ein wenig ansteigt, sind die satten, grünen Wiesen und auch die Rentiere wieder verschwunden. Wir erreichen das Ilfjordfjellet. Diese Hochebene ist lieblicher, nicht so karg und abweisend wie das Börselfjellet. Ein Hauch von Grün webt sich über die sanften Hügel. Dazwischen kleine Seen und Teiche, zurück geblieben vom Schmelzwasser der Schneefelder. Und Blumen recken ihre Blüten trotzig der Sonne entgegen. Signalisieren, es ist Frühling!
 Das müssen wir uns schon genauer anschauen. Beim Aussteigen federt das Trittbrett an der Fahrertüre etwas eigenartig. Aber erst einmal spaziert Traudl den kleinen Wasserlauf entlang, während ich eifrig Blumen fotografiere. Dabei bin ich nicht der Botaniker, der sie alle bestimmt, trotzdem erfreuen sie mich. Den Löwenzahn erkenne ich obwohl er recht mickrig ist. Für die üppige Variante, wie er daheim wächst ist der Boden hier zu karg. Das Läusekraut, dessen Name das Bestimmungsbuch hergibt und die recht kümmerlichen Sumpfdotterblumen kenne ich nicht wirklich. Doch Auge und Gemüt erfreuen sie, ob blau, gelb, weiß oder rot, allemal. Der kleine Vogel, der umher huscht ist mehr zu erahnen, denn zu sehen. Da fällt mir auf, dass es schon lange keine Bienen oder Schmetterlinge mehr zu geben scheint. Auch die gewohnte Vogelwelt traut sich nicht mehr in diese Gegend. Keine Schwalben jagen durch die Luft, kein Star pfeift, keine Lerche tiriliert hoch in der Luft. Nur das Surren der Fliegen und Mücken mischt sich in das Säuseln des leichten Windes. Sonst herrscht Stille. 

019 Ifjordfjell - Tanafjord mit Schrift.JPG
Zurück am Auto sehe ich, dass sich die Schrauben der Trittbretthalterung gelöst haben. Also Werkzeug ausgepackt und unter den Einstieg geschlüpft. Was war denn das jetzt? Ein Brummen? Tatsächlich kommt eben in diesem Moment ein Auto daher. Ich muss die Reparatur unterbrechen um meine Beine in Sicherheit zu bringen. Von wegen "Straße der Einsamkeit". In der folge stört niemand mehr die Arbeiten und die Fahrt kann schnell fortgesetzt werden.
 Kilometerweit ziehen sich Leinen mit flatternden Bändern über die Hügel und die Straße entlang. Vermutlich sind es Weidezäune für die Rentiere und die im Wind lustig flatternden Bändchen sollen Ausbruchsversuche verhindern. Weit und breit ist freilich nichts zu sehen von den Tieren. Sind sie schon ausgebrochen oder nur auf saftigere Weidegründe ausgewichen? 
 Inzwischen zwängt sich die Piste fast durch die schroffen Hügel.

Eismeerstr. 1.JPG
Eismeer 2.JPG
 Der Blick weitet sich erst, wie der nächste Felsen umrundet ist. Weit breitet sich ein Tal voller Birken vor uns aus. Von geschützten Stellen leuchtet das frische Grün der gerade  austreibenden Blätter herauf, während der übrige Wald noch in fast schwarzer Winterruhe zu verharren scheint. Der schüttere Baumbestand vermag das Band des Fahrweges nicht zu verstecken. Es schlängelt sich ohne Haus oder Hütte in den fernen Horizont. Da ist es wieder, das Gefühl der Einsamkeit. 
 Dass es doch irgendwo Menschen gibt und deren Reglements, zeigen die ordentlichen Schilder der Gemeindegrenzen. Nur die zugehörige Verwaltung ist eben mal schlappe 60 Kilometer entfernt. 
 Dann kündigt sich der Tanafjord an. Fettes Blattwerk an hohen Bäumen, kniehohes Gras und Rentiere auf der Straße fungieren als Botschafter.  Unten am Fjord stehen feste Häuser und Lagerschuppen der Fischer in den Teppichen der Blumenwiesen. Entlang des Tanaflusses gleiten wir durch Natur im Überfluss. Das pulsierende Leben hat uns wieder. Aber es bringt nicht Erleichterung mit sich, sondern eher Sehnsucht nach Ruhe, Stille und verlorener Einsamkeit. 
 Fast ist die finnische Grenze erreicht. Dass die ausgewählte Route weiter nach Osten führt liegt am zweiten Namen, der mich seit der Kindheit fasziniert. Kirkenes! Ähnlich wie bei Narvik kann ich mir auch hier die Faszination des Namens nicht erklären. Irgendwie verknüpft sich bei mir Kirkenes mit Seefahrt und Abenteuer und so gibt es kein Zurück. 
Die Landschaft zeigt sich wieder etwas karger aber weitläufig, fast den ganzen Varangerfjord entlang, der bereits ein Ausläufer von Barentsee und Eismeer ist. Einsam ist es nicht mehr. Das breite Asphaltband trägt der Wichtigkeit der Route Rechnung. Nur 200 Kilometer entfernt liegt Murmansk. 
 Die Nähe der russischen Grenze birgt allerdings Nachteile für Touristen. "Fotografieren verboten!" Oder: "Militärischer Sperrbezirk!" Ob diese Verbote von den Norwegern kontrolliert werden ist fraglich. Präsent waren weder Militär noch Polizei.

0032 Seite 64 Wegweiser Murmansk.jpg
Nach dem Vorwegweiser, der ein bisschen "weite Welt" vermittelt mit dem in kyrillischen Buchstaben geschriebenen Murmansk sagt das Ortsschild, wir sind da.
 Kirkenes hat so gar nichts mit meiner Phantasterei zu tun. Der Ortseingang mit See mit Wasserfontäne vorm Hotel gibt sich noch freundlich. Doch die nächsten Kurven öffnen mir die Augen. Zuerst die Werft, in der russische Fischtrawler zur Überholung liegen. In Richtung Supermarkt säumen Wellblechhallen und etwas morbide Schuppen die Straße. Der Zweckbau Supermarkt findet sich in einer riesigen, unmarkierten Teerwüste, die sich Parkplatz nennt. Kein Baum, kein Strauch, keine Blume lockert die Trostlosigkeit auf. Die einzige Abwechslung bieten reichlich anwesende russische Wodka- und Zigarettenhändler, denen wir aber nicht so recht über den Weg trauen. Der kleine Grenzverkehr am schwarzen Markt scheint zu blühen. Nach der Parkplatzrunde sucht sich das Mobil vorsichtig den Weg ins Wohngebiet. Nur wenige nette Holzhäuschen zeugen auch hier von "deutscher Gründlichkeit" beim Rückzug. Die Bewohner Kirkenes waren sogar gezwungen sich wochenlang in den Erzgruben der Stadt vor den Truppen zu verstecken. Das Museum läßt noch erahnen unter welch widrigen Umständen die Bürger ums bloße Überleben gekämpft haben.
 Heute ist es jedoch auch schlecht bestellt um die Wirtschaft der Stadt. Die Erzgruben sind teilweise geschlossen. Das kostete 1000 Arbeitsplätze. Der Erzabbau ist unrentabel geworden und das Häuflein Touristen, das mit den Hurtigruten anreist, bringt nur wenig Geld in die Stadt. Da helfen auch die angebotenen Busreisen nach Murmansk oder die Naturtouren ins Paviktal und den gleichnamigen Naturpark nicht viel. Obwohl man hier direkt die russische Grenze vor Augen hat und den Wettstreit norwegischer und russischer Lachsangler miterleben kann oder sich im Nationalpark der Übergang der Natur in die russische Taiga erwandern lässt, hilft alles dem Fremdenverkehr nicht im nötigen Umfang auf die Beine. Nicht einmal frei lebende Bären und Wölfe schaffen es genügend Touristen anzulocken. 
 Die Hoffnung ruht nun auf der Ölförderung in der Barentsee. Ob die Bohrplattformen nun auf norwegischer oder russischer Seite stehen ist den Kirkensern egal. Es gibt Arbeit und das norwegische Straßennetz steht bereit um die Transporte aufzunehmen. Kirkenes als Knotenpunkt steht bereit für den Aufschwung.
 Inzwischen sind wir am anderen Ende der kleinen Stadt angelangt. In den kleinen Läden lässt sich der Einkauf von Reiseproviant entspannter bewerkstelligen wie im riesigen Discounter am Hafen. Überhaupt ist es hier gemütlich. Auf der Terrasse der kleinen Bar sitzen Gäste um die Nachmittagssonne zu genießen. Gegenüber, auf dem gepflegten Parkplatz vor der modernen Glasfassade der Barentshalle tut es ihnen eine Herde Rentiere gleich. 

0033 Seite 65 Kirgenes u. Neiden.jpg
Etwas enttäuscht verlässt man Kirkenes westwärts. Langsam ist es an der Zeit sich um den rechten Schlafplatz für die Nacht zu kümmern. Zuerst steht aber noch die St. Georgskirche in Neiden auf dem Programm. Etwas Sucherei über die Feldwege am Stadtrand ist freilich von Nöten, bis sich der schmucke Holzbau hinter Schilfgürtel und Holzzaun zeigt. Jede Dachrinne, jedes Türmchen, jeder Holzvorsprung ist mit Drachendarstellungen verziert. In der Kirche hängt natürlich die Darstellung von St. Georg, dem Drachentöter. Viel mehr lässt sich durch die blank geputzten Scheiben der Eingangspforte nicht erkennen und hinein darf ich nicht. Die Türe ist versperrt. Einmal ums Gebäude herum bringt auch keinen Erfolg. Die Runde hat mir nur einen Schwarm Mücken beschwert, denen ich allerdings mit einem schnellen Sprung ins Auto ein Schnippchen schlagen kann. 
 die wahre Attraktion Neidens ist aber nicht das Kirchlein und auch nicht die nahe Grenze zu Finnland sondern es sind die Stromschnellen des Neidenelva und der Lachsreichtum des Flusses. Für uns wirkt sich diese Konstellation günstig aus, denn wo der Lachs ist sind auch Angler und wo Angler sind findet sich auch mit ziemlicher Sicherheit ein Parkplatz zum Übernachten. 
 Im Ort gewahren wir Unheimliches. Eine Person, ob Männlein oder Weiblein lässt sich nicht erkennen, zupft Unkraut aus der kleinen Blumenrabatte vor dem Tante Emma Laden. Das wäre an sich nichts Sonderbares. Aber die Person ist dick vermummt. Sogar der Kopf steckt in einem grün-schwarzen Imkerhut. Mitleidsvoll lächelnd meine ich zu Traudl gewandt: "Die langen Winter hier machen die Leute ein wenig eigenartig!" "Wer weiß", meint darauf meine Frau, "vielleicht ist sie krank". Da geht es auch schon scharf rechts in den Parkplatz hinein. Tatsächlich stehen da bereits drei finnische Wohnmobile ordentlich aufgereiht. Genug Platz ist auch noch da, so dass wir uns dazu gesellen können. Unsere Nachbarn weisen sich auf besondere Art als Angler aus. Vor den Mobilen sind jeweils große Haushalts-Gefriertruhen platziert für den erwarteten Fang. 
 Wir suchen erst einmal den besten Aussichtspunkt auf die Wasserfälle, denn vom Parkplatz aus versperrt Buschwerk die Sicht. Die tollsten Bilder lassen von der Brücke, die über den sich wild gebärdenden Fluss führt, aus schießen. In Stufen schäumt und brodelt das Wasser mit wildem Getöse nach unten. Unterhalb der Brücke, dort wo das Wasser nicht mehr ganz so wild tobt, stehen alle paar Meter Fliegenfischer in langen Wat-Hosen im Wasser und auf den Uferfelsen. Eine Weile ergötze ich mich am Missgeschick der Petrijünger, denn Lachs habe ich bislang keinen gesehen und folge meiner Frau zurück zum Wagen. Mücken verfolgen uns. Meine Frau ist etwas allergisch gegen die Stiche der Biester, während sie mir so gut wie nichts ausmachen. Darum kann ich natürlich den Rückweg gemächlich schlendernd antreten.
 Bequem in der Ecke lümmelnd lausche ich den beruhigenden Küchengeräuschen. Traudl bereitet gerade das Abendessen wie sie mir plötzlich kund tut: "Gas ist aus!" Jetzt Gasflaschen tauschen bei 20 Grad im Schatten und Sonnenschein. Das ist mir schon lieber wie bei dem Sauwetter am Nordkap. 
 Raus! Gaskasten aufgesperrt - und dann kommen sie. Die Stechmücken haben mich zum Ziel ihres Angriffs auserkoren. Die Biester stürzen sich auf jedes Fleckchen bloße Haut, erahnen jeden Zentimeter dünnen Stoff oder fliegen einfach in die Augen. So etwas habe ich noch nie erlebt!
 Fluchtartig zurück ins Wohnmobil. Ungläubig staunt meine Frau wie ich die Jeans raushole, Rollkragenpulli und Anorak anziehe. Dabei wird beim Pulli noch der Kragen ausgerollt und die Kapuze des Anoraks tief in die Augen gezogen. Wieder raus! Ran an den Feind! Meine Socken bilden kein Hindernis für die Stechrüssel der Quälgeister. In der Zeit, in der ich die Hand hebe um zuzuschlagen, fliegen neue Schwadronen an. Doch da muss ich jetzt durch! 
 Teufel noch mal eins, was ist das? Da schwappt das Gas noch gut fünf Zentimeter hoch in der Flasche herum. Also Flasche wieder rein und auf Fehlersuche gehen. Wie ich wieder im Auto bin, blubbert der Kochtopf schon auf kleiner Flamme lustig vor sich hin. Scheinbar ist mir vor unserem kleinen Spaziergang beim Umschalten des Kühlschrankes ein kleines Missgeschick mit den Absperrhähnen fürs Gas passiert. Zweimal Hähne umgedreht ist eben nicht "auf", sondern "zu". 
 Über Traudls Schadenfreude kann ich gar nicht lachen, denn ich musste "Blutzoll" bezahlen. Zur Schlafenszeit geht man erst einmal mit der Fliegenklatsche auf die Jagd, bevor die Rollos vor Dachluken und Fenster gerollt werden. Dunkel wird es natürlich immer noch nicht. Die Mitternachtssonne macht nach wie vor die Nacht zum Tage. 
 Etwas wehmütig sieht uns der nächste Morgen am Kaffeetisch. Heute, - ach was heißt heute, - vielleicht schon in einer Stunde fahren wir über die Grenze. Dann liegt Norwegen hinter uns. Mit seinen weltoffenen, freundlichen Menschen, die wohl allen Grund hätten Deutschen gegenüber reserviert aufzutreten, uns aber keinerlei Vorurteile entgegen brachten. Inzwischen vertraut geworden, werden uns Norwegen und seine Menschen fehlen. 
 Sogar der Himmel hat sich eingetrübt, wie die Räder der finnischen Grenze entgegen rollen. Was wird uns in Finnland erwarten? Nur eines wissen wir genau. Bei der ersten Gelegenheit kaufen wir uns Imkerhüte!

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Kommentare (23)

Bandagenanderl

Hallo pippa!
Es freut mich ungemein wenn meine Schreiberei gefällt. Etwas Sorge hatte ich schon, dass meine Beschreibungen vielleicht zu ausschweifend, zu blumig wären. Wer schon oben war, der weiß dass die Eindrücke einfach oft überwältigend und kaum in Worte zu fassen sind. Ich hab's trotzdem versucht. 
Anderl  

pippa

Das war wieder sehr spannend, lieber Anderl und hat bei mir die Sehnsucht ausgelöst, etwas mehr von diesem grandiosen Norwegen kennenzulernen. 

Die von dir beschriebenen Adlerkehren bin ich mit dem Bus hochgefahren und habe vor Angst gezittert. Belohnt wurde ich dann mit dem Halt auf der Herdalsseter Alm, auf der der berühmte  braune und süßliche Ziegenkäse gerührt wird.

Zeitung - 1.jpgAuf den Lofoten war ich leider nicht. Wir sind nur daran vorbei geschippert.
Die Mitternachtssonne habe ich überwiegend auf dem Schiff erlebt und natürlich auf dem Nordkap.
Harzliche Grüße
Pippa


 

pippa

Ach, Anderl, das war eine Kreuzfahrt die zum Nordkap ging zu einer Zeit, als ich noch nicht wusste, wie umweltschädlich diese Kreuzfahrtschiffe sind. Seit ich das weiß, habe ich nie wieder so eine Dreckschleuder bestiegen.

Das schönste Erlebnis war der Geirangerfjord. Dort wurden die Motoren gedrosselt und man fuhr fast lautlos und sehr langsam bis zum Ende hinauf. Es war auf dem Schiff so still wie in einer Kirche, und nur ab und zu erklärte der Kapitän, woran wir gerade vorbei fuhren. Ich glaube, all die ansonsten so feierwütigen Menschen hielten die Luft an, so beeindruckend war die Schönheit der Natur.

Harzliche Grüße
Pippa
Enno - 1.jpgDie sieben Schwestern
Zeitung - 2.jpg

Bandagenanderl

@pippa  
Tolle Bilder!
 Wenn ich fleißig schreibe, komme ich in der nächsten Etappe auch zum Geirangerfjord. Beim Thema Umwelt muss ich auch eingestehen dass es nicht so toll ist, wenn zwei Leute mit dem Diesel um die 15 000 km fürs Vergnügen zurücklegen.

Viele Grüße

Anderl

pippa

Herrlich!
Auch ich hatte das Glück in Bergen keinen Regen zu haben, obschon es wolkig war.
Das Glück, auf den Floyen zu kommen, hatte ich leider nicht.
Norwegen:Island - 02.jpgDANKE und Gruß aus dem Harz
von Pippa

 

Bandagenanderl

@pippa  
Hallo!
Es ist schön, was zu lesen, von Deinen Erinnerungen vom hohen Norden. Welche Orte habt Ihr besucht? 

Anderl  

Anne-Ruth

Das Lesen deiner Reisebeschreibung ist toll. Man erlebt es mit. Liebe Grüße Anne-Ruth

Bandagenanderl

@Anne-Ruth  

Das ist schön, wenn's gefällt.
 Es sind natürlich subjektive Eindrücke. der eine findet Berge schön, für den anderen sind sie Hindernisse. Bei dem vielen Lob muss ich wohl immer weiter schreiben. (Ist mir auch lieber, wie wenn den Bericht niemand lesen mag.)

Viele Grüße

Anderl   

pippa

Ach, war das wieder spannend, zumal auch ich einen kleinen Eindruck von dieser grandiosen Landschaft erhaschen konnte.

Unter dem Steindalsfossen zB bin ich auch durch gegangen, doch die Gletscher konnte ich nur von unten bewundern, denn ich saß ja im Bus.

Eine Stabkirche kann man sogar bei uns bewundern.

Danke sagt Pippa
(das Buch habe ich soeben bestellt)

P1020285.JPGUnter dem Steindalsfossen

Bandagenanderl

@pippa  
Hoffentlich gefallen Dir meine Lausbuben Geschichten. Wurden fast alle von mir selbst kreiert. 
 Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust, denn es freut mich natürlich wenn mein Buch gekauft wird. Andrerseits geht dabei mein Renommee dahin. Da ist es vorbei mit der Gestalt des gesetzten, älteren Herrn. Aber ich bin ja sowieso lieber Lausbub.
Anderl   

Greta Grünherz

Wirklich wohltuend, wie Du uns an Eurem Reisen hier teilhaben lässt! Danke!!!😊

Bandagenanderl

@Greta Grünherz  
Hallo!
Da werde ich wohl ein bisschen weitertippen müssen, damit die Reise irgendwann vollständig Wird. Und Danke für das Lob.
Anderl

pippa

Es hat sich wirklich gelohnt, dass du deine Steuererklärung beiseite geschoben hast.
Ich habe Tränen gelacht - herrlich, wie du schreibst.
Das Rathaus hat ein wenig Ähnlichkeit mit dem meiner Heimatstadt, auch Klinker, aber nur ein Turm.
Danke, Anderl, langsam werde ich süchtig………. hahaha
Gruß Pippa

Bandagenanderl

@pippa
das freut mich wenn meine Schreiberei gefällt. Jetzt muss ich ein bisserl Werbung machen. Wenn Du mehr lachen möchtest, kann ich Dir das Buch "Einmal Lausbub - immer Lausbub", von Andreas Fuchs 😉 empfehlen. Umfangreiche und kostenlose Leseproben gibt es im Internet bei Thalia, Hugendubel oder Amazon. Das riecht nun stark nach Selbstlob aber die Rückmeldungen berichten durchwegs von vergnüglichem Lachen beim Lesevergnügen.
 Natürlich werde ich mich bemühen den Blog wie gehabt weiter zu führen. Vielleicht gibt's meine Sachen ja irgendwann auf Krankenkasse, denn Lachen soll ja gesund sein.      

pippa

Ich lese sonst nie Reiseberichte, aber an deinem bin ich hängen geblieben, denn du schreibst sehr spannend. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.
Gruß aus dem Harz
von Pippa

Bandagenanderl

@pippa
Danke für das Lob!
 Dann muss ich wohl gleich wieder drübermachen, damit die Reise weitergehen kann.
 Im Moment ist mir eh jede Ablenkung recht - ich sitze nämlich über meiner Steuererklärung😉.

Anderl   

Bodoso

Da gerät man ins Schwärmen und die Zeit läuft im Kopf rückwärts.
Vor etlichen Jahren ,1982, war ich das erste mal Skandinavien . Mit einem VW Bus (T2) mit Campingausrüstung . Die Fahrt hat 6 Wochen gedauert über Norwegen bis zum Nordkap, dann zurück über Finnland , Schweden nach Berlin. Und jetzt muss ich mal schauen. Irgendwo hab ich noch eine Kiste mit den Fotos dieser Reise .
Auf die Fortsetzung hier bin ich auch gespannt
Bodoso

Bandagenanderl

@Bodoso  
Hallo!
Mein Reisebericht geht gut von der Hand weil ich die ganze Tour schon mal beschrieben habe. Eigentlich wollte ich einen Bildband draus machen. Das ist aber wegen des Farbdruckes ein teures Vergnügen. Zudem liest man die Berichte heute online. Dann habe ich zwei DVD's von der Reise fabriziert.
 Nur Bilder - das war etwas langweilig. Also nächster Schritt ein Quasi-Drehbuch von den Bildtexten geschrieben und die Bilder besprochen. Da hörte man dann jedoch im Hintergrund einen leisen Netzbrummton. Um den zu übertönen spielte ich Musik drüber. Das war der Anfang des Dilemmas. Um mit der GEMA nicht in Konflikt zu geraten, bin ich dort vorstellig geworden. Grundsätzlich bin ich schon dafür, dass die Musiker für ihre Erzeugnisse auch Geld bekommen. Doch die GEMA wollte im Voraus für ein paar hundert DVD einen nicht unerheblichen Betrag kassieren. Das war mir zu unsicher und so habe ich das dann gelassen. Nun darf ich meine DVD zwar, mit GEMA Anmeldung, öffentlich vorführen, aber nur im Familienkreis kostenlos ansehen. Nun bin ich etwas abgeschweift. Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass die Texte fertig sind und ich sie nur verkürzt in den Blog tippe. Ähnlich ist das mit den Bildern. Aus ca. 4000 Fotos sind die für den Reisebericht schon ausgesucht. 
Ich wünsche Dir viel Spaß bei den Erinnerungen an Deine eigene Reise. 
Anderl     

Rosi65

Lieber Anderl,

da ich noch nie in Skandinavien war, interessiert mich Deine schöne Reiseerzählung sehr.
Die Karteneinblendung mit der Reiseroute finde ich gut, denn dann kann man sich sofort einen vernünftigen Überblick verschaffen. 

In jungen Jahren waren wir mal mit einem alten geliehenen Wohnanhänger, plus Paddelboot😊, in Holland, und danach in Norditalien. Bei diesen Fahrten haben wir viel Schönes erlebt.
Doch bei starkem Wind muss man mit dem Anhänger sehr langsam und vorsichtig fahren. Da können 80kmh schon zu schnell sein, und den ganzen Zug (mit PKW) einfach so umreißen. Auch das Rangieren ist damit für Ungeübte sehr schwierig.
Aber eine Fahrt mit einem modernen Caravan würde mir natürlich gut gefallen.👍

Herzliche Grüße
   Rosi65
 

werderanerin

Danke für deine schönen Reiseeindrücke. Ja, so ist es wohl, wenn man eine Reise macht und so ziemlich alles neu ist aber ich lese auch aus deinen Zeilen, dass es letztlich schön war und auch richtig spannend.

Das erinnert mich an eine Reise, kurz nach der "Wende" nach Frankreich. Wir hatten eigentlich nur unseren Golf, ein Zelt und alles, was dazu gehört. Los gings und die Aufregung war groß. Wir fuhren zu dritt, unser Sohn war mit seinen 18 Jahren auch noch mit dabei.

Es war auch sein Wunsch, entlang der Loire zu fahren und noch heute denke ich an diese schöne Reise, die unglaublich viel Neues brachte. Es war alles irgendwie aufregend..., ein anderes Land, schöne Campingplätze und so viele neue und ganz wunderbare Eindrücke - einfach alles toll.

Wir waren recht bescheiden und wenn ich heute so zurück denke, was hat man nicht alles einfach mal so gemacht...und dies ohne Handy, ohne Google Maps...ging auch alles !

Lieben Dank für deinen Bericht


Kristine

Bandagenanderl

@werderanerin  
Wie Du der Karte im anderen Blog entnehmen kannst, bin ich auch mal an Frankreichs Küste entlang getingelt. 
Bekannte und noch dazu junge, hatten mich vorher inständig gewarnt vor dieser Reise. Die Franzosen seien Deutschlandhasser und Tour sei äußerst gefährlich. In Frankreich war von den Warnern noch keiner. Nur ein Arbeitskollege der schon in der Bretagne war, sagte mir: "Alles Käse - sind nette Leute dort. Fahr einfach hin. 
 Habe nur freundliche Franzosen kennen gelernt, die mit uns sehr zuvorkommend umgegangen sind. Ein besonderes Bonbon habe ich auch noch fabriziert. Es war am 50. Jahrestag der Befreiung von deutschen Truppen. Aus einer Seitengasse kommend, ich hatte mich verfranzt, fuhr ich überrascht in die Straße des querenden Festzugs ein. Die alten Kämpfer in weißen Paradeuniformen voller Orden, geführt von ihren Frauen marschierten zur Militärmusik dahin.  Ich rechnete schon mit allem, jedoch nicht mit lachenden Militärpolizisten, die den Festzug anhielten und mich in die gegenüberliegende Querstraße durchschlüpfen ließen. 
 Aber man sieht daran, wie sich oft engstirnige Verhaltensweisen noch in den Köpfen späterer Generationen Verfestigen können. Drum muss man die Reisen selber machen um Land und Leute wirklich kennen zu lernen. 
 Meine Frau und ich sind auch heute noch ziemlich spartanisch unterwegs. Freilich sind ein Handy und ein Navi an Bord. Wobei das Navi bei der Suche nach einem Campingplatz dauernd plärrte, "sie haben ihr Ziel erreicht", obwohl wir mitten in den Feldern zwischen Chemnitz und Dresden standen. 

Viele Grüße
Anderl    

werderanerin

So ist es, lieber Anderl..., man sollte nicht zu viel auf andere hören, es selbst erleben, so sehe ich das auch.
Oft kommt es ja auch die Menschen selbst an...wie man in den Wald hinein ruft...

Alles Gute wünscht

Kristine

nnamttor44

Hallo Bandagenander!
Um meinem Mann ein wenig seine Angst zu nehmen, hatte ich aus eben solchem Grund mit ihm 2007 eine Über-Nacht-Fahrt mit einer Fähre von Kiel nach Göteborg gemacht. Mit zusätzlich ein paar Klubmitgliedern gelang das.

Für eine Fahrt mit der Color Line 2008 von Kiel nach Oslo war sein Mut schon wieder geschwunden. Die machte er nicht mit, meine Tochter begleitete mich stattdessen. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass er sich da verweigern könnte, freute mich auf die zusätzliche Busfahrt in und um Oslo herum, um auch ein wenig von Norwegen kennenzulernen.

Aber 2009 - auch mit interessierten Bekannten - fuhren wir mit einem Frachter, der auch eine bestimmte Anzahl Gäste beförderte, durch fast die ganze Ostsee nach Helsinki. Es war irgendwie immer wieder eine Stimmungsfrage bei ihm. Dennoch kann ich heute wohl sehen, dass er diese lange Seereise schon etwas still "hinter sich brachte". Aber die zwischendurch etwas unruhigere See machte ihm offensichtlich nichts aus, während eine Begleitungsdame seekrank wurde.

Aber ich glaube, ein jeder hat seine eigenen Vorstellungen von gewissen Dingen im Kopf und das muss man eben akzeptieren.

Nun bin ich gespannt auf Deine Fortsetzung, wie Deine Frau Eure Fährüberfahrt nach Schweden erlebt hat!

💗lichen und neugierigen Gruß von

Uschi


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