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Plaudereien Auch das war einmal Weihnachten

luchs35
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Mitglied

Auch das war einmal Weihnachten
geschrieben von luchs35
Weihnachten 1946

Am heiligen Abend habe ich mal wieder in der Familienchronik gelesen, die meine Mutter über Jahrzehnte geführt hat und für meine Familie auch ein grosses Stück Zeitgeschichte bedeutet.
Mein Vater war in Gefangenschaft, mein "grosser Bruder" kurz vor Kriegsende gefallen, meine Grosseltern beim Grossangriff auf Pforzheim im Februar 1945 verbrannt, meine Mutter alleine mit mir kleinem Zwerg , ausgebombt, untergebracht in den Räumlichkeiten eines alten Klosters, das vorher den " Reichsarbeitdienstmädels" als Lager diente und entsprechend eingerichtet war.
Beim Lesen wurde mir mal wieder vor Augen geführt, was die Frauen auch nach dem Krieg noch erlebten, als sie völlig auf sich allein gestellt, überleben mussten. Aber auch da gab es Moment des Lichtes, wie die Niederschrift meiner Mutter zeigt.

Ich fand in der alten Chronik Hlg. Abend 1946 ihre Worte:

" Noch immer kommt mit den Flüchtlingen aus dem Banat und Siebenbürgen viel Unruhe ins Dorf. Dauernd werden sie umgesiedelt und finden nirgendwo Aufnahme. Arme Teufel!
Vor einer Woche kamen 3 Familien zu uns ins Haus. Nun ist das "alte Kloster" langsam voll, wir müssen zusammenrücken. Hoffentlich finde ich mit meiner Kleinen mal wieder eine eigene Wohnung , und wenn sie noch so winzig ist. "Aber ein eigener Herd ist Goldes wert!!!"
Der ewige Kampf hier, wer wann für seine Familie in die Küche darf, um zu kochen, macht uns langsam fertig. Heute ist heiliger Abend, und ich habe von Dunja, der jungen Russin, die nicht zurück nach Hause will, ein paar Gutsle für die Kleine bekommen. Und welches Glück, Karl hat seinen Sohn mit einem Sack Kartoffeln geschickt. Die "Hauptmanns" aus dem Banat und die "Obersts" haben alle in den grossen Saal eingeladen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Ich werde mit der Kleinen vielleicht hingehen, wenn sie nicht zu müde ist.
Die Frau Oberst hat mich am Nachmittag gebeten, ihr zu helfen Weihnachtsschmuck herzustellen für den Baum. Verrückt, was die in ihrem Flüchtlingsgepäck mit schleppte: Pralinenpapier in allen Farben und Mustern, wunderschön. Ich traute mich nicht zu fragen, warum sie das aufbewahrt und auf die Flucht mitgenommen hat.Wir haben Sterne daraus gefaltet, ganz vorsichtig, dass die Papierchen nicht kaputt gehen. Es war nur eine kleine Schachtel voll, aber es reichte für den ganzen Baum. Er sah wunderschön aus. Und die Kleine wird erstmals einen Christbaum sehen, nur Kerzen fehlen. Vielleicht merkt sie, dass es ewas ganz besonderes heute ist.

25.12.1946
War das ein wunderschönes Fest.Jeder hier hat was dazu beigetragen. der "Muckefuck" schmeckte heute besser als sonst. Die Erna, die was mit dem französischen Offizier hat, brachte uns eine Tüte echten Bohnenkaffee und Zucker. Und für die Kleine hat sie einen Schal und eine Mütze gestrickt. Für uns im Kloster ist sie keine Franzosenhure, wie alle im Dorf sagen und vor ihr ausspucken, sie tut viel für uns. Sie setzt bei ihrem Robääär (Robert) viel durch, um uns das Leben zu erleichtern. Allerdings habe ich auch gehört, dass wir aus dem Kloster raus müssen, weil es die Franzosen als Kaserne wollen. Wohin dann aber?
Dann haben wir alle Weihnachtslieder gesungen, die uns einfielen. Die Flüchtlinge hatten die gleichen Lieder und noch einige mehr.
Die Frau Hauptmann hat sogar noch zwei Kerzen aufgetrieben. Dann fingen sie an von Zuhause zu erzählen, manche weinten , die andern lachten, weil ihnen Witziges einfiel. Meine Kleine wanderte von einem Schoss zum andern und lachte und strahlte, und die alten Obersts weinten, weil sie ihnen Küsschen gab. Sie ist ein richtig sonniges Kind, hoffentlich erlebt sie nie einen Krieg.
Ach, ich würde nicht mehr leben, wenn die Kleine nicht wäre. Die Frau Oberst hat mir angeboten, dass sie auf die Kleine aufpassen würde, wenn ich in Friedrichshafen beim Aufbau Arbeit bekomme. Dann würde alles ein bisschen leichter, obwohl das Geld auch kein Brot bringt. Aber ich habe jetzt fast alles , was ich noch hatte, in Esswaren umgetauscht. Nur die Kette von meiner Mutter habe ich behalten. Sie ist alles, was von ihr noch geblieben ist.


(Meine Mutter würde es mir sicher erlauben, wenn ich ihre Niederschrift von diesem Weihnachten 1946 hier ins Forum stelle, um zu erinnern, dass an diesen Tagen nicht immer Wohlstand herrschte . Luchsi, die "Kleine")
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luchsi35
karl
karl
Administrator

Re: Auch das war einmal Weihnachten
geschrieben von karl
als Antwort auf luchs35 vom 25.12.2007, 17:29:48
Danke, luchsi, für diese Erinnerung!
--
karl
albawil
albawil
Mitglied

Re: Auch das war einmal Weihnachten
geschrieben von albawil
als Antwort auf luchs35 vom 25.12.2007, 17:29:48
ach Luchsi, auch ich habe diesen Beitrag von Dir mit Rückerinnerung gelesen. Was waren wir damals genügsam, ich war damals ein bissel älter als Du.
Es war kein Krieg mehr, darüber waren wir damals sehr glücklich. Es war das zweite Weihnachtsfest nach diesem unnötigen Krieg. Es gab einen schwachen Lichtschein, wir konnten wieder nach vorne blicken und hoffen.
--
albawil

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luchs35
luchs35
Mitglied

Re: Auch das war einmal Weihnachten
geschrieben von luchs35
als Antwort auf albawil vom 25.12.2007, 18:18:50

Ja, Albawil, ich glaube, dass es hier noch viele gibt, die sich an jene Tage erinnern, an die Tage des neuen Aufbruchs, der neuen Sicht.

Vieles stellt sich heute "verklärt" dar. Man spricht von engem Zusammenhalt, gemeinsamen Zusammenstehen, aber wenn ich in den Aufzeichnungen meiner Mutter weiterlese, sah es doch ganz anders aus. Jeder war sich selbst der Nächste, das war die tägliche Realität, an der auch eine schönes Weihnachtsfest nichts änderte.
--
luchsi35
angelottchen
angelottchen
Mitglied

Re: Auch das war einmal Weihnachten
geschrieben von angelottchen
als Antwort auf luchs35 vom 25.12.2007, 17:29:48
Vielen Dank, luchsi, dass Du uns an Deinen Erinnerungen teilhaben lässt. Ich bin erst 1952 geboren, erinnere mich aber gut an die Erzählungen meiner Eltern; wie vom Weihnachtsfest 1948. Meine Schwester war gerade 20 Monate alt, mein Bruder 8 Monate. Vater war damals dabei, sein Theologiestudium abzuschliessen, das er durch den krieg unterbrechen musste und arbeitete, um seine kleine Familie zu ernähren, als "Kirchendiener" - lief über die holsteinischen Dörfer und musste bei den Bauern die Kirchensteuern eintreiben ... kein dankbarer Job... gewohnt hat die Familie damals im Obergeschoss des Pastorats. Nebenan eine Flüchtlingsfamile aus Ostpreussen, die noch auf die Heimkehr ihres Vaters hoffte, der dann einige Jahre später tatsächlich aus russischer Gefangenschaft heimkam. Der Pastor dort hatte eine sehr merkwürdige Auffassung vom Teilen und so wurden die Care-Pakete aus Amerika nicht etwa an Notleidende verteilt - sondern zunächst in seiner Familie - mit dem Argument, die Brüdr und Schwestern in Amerika wollten doch auch sicher sein, dass all die guten Gaben auch wirklich bei frommen Christenmenschen ankomme ... Mutter hatte noch die letzten Tage und Nächte auf einer rostigen Schreibmaschine Gemeindebriefe, Rechnungen und Buchhaltung für die Gemeinde getippt - ein ganzes Kastenbrot bekam sie vom Herrn Pastor dafür! Seine Kartoffeln hatte dieser Pastor in einem Gewölbe unterhalb des Altars eingekellert ... Vater hatte einige Hühner, zu Weihnachten wurden 2 davon geschlachtet, denn man feierte zusammen mit den Nachbarn von nebenan. Die wiederum hatten Krapfen und Stollen und Plätzchen gebacken, aus allem, was sie kriegen konnten. Am Heiligen Abend nach der Messe schlich Vater in die Kirche, holte ein paar Kartoffeln unterm Altar hervor (schliesslich ists der Tisch des Herrn, wie also sollte er sich dort nicht bedienen?) und da es keine Kerzen gab, lieh er sich 2 grosse Altarkerzen für die kleine, private Weihnachtsfeier, die dann am Morgen zurückgebracht wurden. Meine Eltern haben diese Geschichte so oft erzählt und immer wieder gelacht, aber auch den Kopf geschüttelt op des frömmelnden Geizes dieses Pastors, von dem es noch mehr schlimme Geschichten gab. Mutter hat sie irgendwann mal aufgeschrieben und ich weiss, dass ich das Heft noch irgendwo habe .. aber dieses kärgliche Weihnachtsfest, das ich nur aus Erzählungen kenne, wird mir immer in Erinnerung bleiben.
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angelottchen
luchs35
luchs35
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Re: Auch das war einmal Weihnachten
geschrieben von luchs35
als Antwort auf angelottchen vom 27.12.2007, 13:50:42
Ojeee, Angelottchen, an die Herren Pfarrer in jenen Tagen sollte man sowieso ganz schnell des "sanfte Mäntelchen des Vergessens" breiten. Ich musste anfangs der 50er Jahre erleben, wie der Herr Pfarrer von der Kanzel predigte, dass man sich die Heiden von Leib halten muss, um nicht selbst verdammt zu werden.
Mit "Heiden" meinte er mich, das einzige evangelische Kind des stockkatholischen Dorfes. Danach liessen die Bauern die Hunde los, wenn ich mich ihren Höfen näherte, tägliche Prügel der Dorfjugend war Alltag, in der Schule, gerade mal 2. Klasse, wurde ich die Treppe runtergeworfen, Splitterbruch des Ellenbogens.Hohngelächter des Lehrers,als ich natürlich die Schulstunde über weinte vor Schmerzen.
Kurz darauf starb dieser "Seelsorger", und ein Dominikanermönch übernahm die Gemeinde vorübergehend. Er riet meiner Mutter, mich katholisch taufen zu lassen, wenn wir keine Möglichkeit finden, diese Gegend zu verlassen.
So wurde ich dann katholisch gemacht, hatte fortan meine Ruhe, das Heidenkind war ja gerettet.
Kurz darauf holte uns der Bruder meiner Mutter zu sich, und wir konnten diese "gastfreundliche" Gegend endlich verlassen. Etwas später kam auch mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Ganz langsam begannen wir wieder normal zu leben.

Ach, richtig:ich vergass zu erwähnen, katholisch wurde ich zwischen Weihnachten und Neujahr. An Weihnachten steckte mein Arm noch im Gips, an meiner Taufe natürlich auch.

Auch das sind Weihnachtserinnerungen.




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luchsi35

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