Forum Kunst und Literatur Sonstiges Das stille Ende einer grossen Liebe

Sonstiges Das stille Ende einer grossen Liebe

angelottchen
angelottchen
Mitglied

Das stille Ende einer grossen Liebe
geschrieben von angelottchen
"Bald wirst Du 82 sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch 45 Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit 58 Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je."
(aus: André Gorz: "Brief an D.")

André Gorz, Jahrgang 1923 und gebürtiger Österreicher, Philosoph und Soziologe und enger Freund und Weggefährte Jean-Paul Sartres. Sein Leben lang war er kritiker des Kapitalismus, eines seiner bekanntesten Werke ist die "Kritik der ökonomischen Vernunft"

In seinem neuen Buch "Brief an D." bekennt Gorz, wie wichtig ihm das Private damals schon war. Denn ohne die Hilfe seiner Geliebten und späteren Frau Dorine hätte er ein Leben als intellektueller Schriftsteller nicht führen können. Während sie arbeiten ging, formulierte er jahrelang an seinem Selbsterforschungsessay "Der Verräter", in dem er sie fälschlicherweise als bedauernswerte, abhängige Figur darstellte.

Das will er nun korrigieren. "Lange Zeit konnte ich es nicht ertragen, auf der Welt zu sein, oder ich selbst zu sein", sagt der Philosoph. "Dorines Arbeit bestand jahrelang darin, mich mit mir selbst zu versöhnen. Das ist ihr gelungen, indem ich sie liebte."

Es war Liebe auf den ersten Blick. Der schüchterne Philosoph bewundert Dorines pragmatisch direkte Lebensart und sagt sich: "Wir sind füreinander geschaffen!" Zwei in den Tiefen ihrer Seelen Verunsicherte spüren, dass sie sich nur gemeinsam einen Platz in der Welt erobern können, auch wenn ihre Pariser Wohnung winzig klein ist. Durch die Liebe zu Dorine überwindet Gorz seine zwanghafte Vorstellung, ein Nichts zu sein. Sie sagt zu ihm: Du bist Schriftsteller, also schreibe. Und er weiß jetzt, er kann schreiben, Tag und Nacht, wann immer er schreiben muss.

Die Liebe zu D. war sein produktivstes Element
Sie heiraten. Dorine liest und redigiert seine Texte und steht ihm zur Seite, auch später, als er Redakteur und Lektor bei großen französischen Zeitschriften ist. Heute bedauert Gorz, das produktivste Element, das seine Theorien ermöglicht hat, nie erwähnt zu haben, nämlich die Liebe zu D., seiner Frau. "Ich wollte huldigen, dass sie mit mir alles durchgemacht hat und durchgelebt hat, dass ich mit ihr alles teilen konnte", sagt er.

geschrieben von Kulturmagazin 3sat


Zusammen mit seiner krebskranken Frau hat er sich am Wochenende das Leben genommen. Die beiden Toten wurden am Montag Seite an Seite in ihrem Haus in Vosnon im Nordosten Frankreichs gefunden, wie das von Gorz mitgegründete Magazin «Le Nouvel Observateur» in seiner Onlineausgabe berichtete. Der Freitod des Vordenkers der französischen und europäischen Linken löste grosse Anteilnahme aus. Staatspräsident Nicolas Sarkozy würdigte «das einzigartige Schicksal» des Intellektuellen.





--
angelottchen
nasti
nasti
Mitglied

Re: Das stille Ende einer grossen Liebe
geschrieben von nasti
als Antwort auf angelottchen vom 25.09.2007, 22:37:21

Sehr schön,
klingt wie Märchen, möchte ich gerne Fotos von der glücklichen paar haben. Diesen Satz geht mir ins Herz:

Tod des Paares

«die erdrückende Schönheit einer Kommunion im Selbstmord zweier sich liebender Achtzigjähriger».

Unglaublich aber wahr.

cecile
cecile
Mitglied

Re: Das stille Ende einer grossen Liebe
geschrieben von cecile
als Antwort auf angelottchen vom 25.09.2007, 22:37:21
Ist mir auch sehr zu Herzen gegangen.

Ein würdiges Ende für zwei Menschen, die sich wahrscheinlich ein Leben ohne den andern nicht vorstellen konnten.
--
cecile
angelottchen
angelottchen
Mitglied

Re: Das stille Ende einer grossen Liebe
geschrieben von angelottchen
als Antwort auf cecile vom 26.09.2007, 01:36:03
ja, würdig ist in dem Falle wohl das passende Wort ...
Erst vor wenigen Wochen (am 5.9.) hat das Kulturmagazin "Kulturzeit" ein Interview mit André Gorz anlässlich seines letzten Buches ausgestrahlt -
Der Beitrag ist als Video-Stream auf der 3sat-Website zu sehen:

Interview vom 5.9.
--
angelottchen
eleonore
eleonore
Mitglied

Re: Das stille Ende einer grossen Liebe
geschrieben von eleonore
als Antwort auf angelottchen vom 26.09.2007, 09:50:10
philemon und baucis.......würde man den beiden wünschen.
--
eleonore

Anzeige