Alte Sachen

Kennt ihr das Dilemma mit den alten Sachen, die immer mehr werden? Wir haben so einen Raum im Keller, in dem die skurrilsten Dinge auf die feierliche Erlaubnis zum Wegwerfen warten. Platz machen für neue alte Sachen. Ein immerwährender, guter Vorsatz.

Es ist weniger mein Drang zu Ordnung und Aufgeräumtheit, als die seit Tagen vergebliche Suche nach den alten Tagebüchern aus meiner Schweizer Zeit. Ich komme mit meinem Projekt „Ein ganzes Jahr“ nicht weiter, weil mich ein Hang zur literarischen Perfektion bremst. Es sind diese vergessenen, zeitlichen Abfolgen, die mich plagen. Was für Leser einer Erzählung eigentlich egal wäre, ist für den Kritiker in mir unannehmbar. Er verlangt Fakten, um eine authentische Story anzuerkennen.

Manchmal spreche ich mit meiner Frau über solche Eigenheiten meines Schaffens. Sie selbst schreibt nicht, aber sie hat oft glänzende Einfälle, die mir bei meiner Arbeit helfen.

Heute vertraue ich mich ihr nicht an, weil die Suche nach verschollenen Tagebüchern, sie auf die Idee bringen könnte, mich auf die Säumigkeit in Sachen „Keller aufräumen“, hinzuweisen. Mit dem Aufräumen könnte ich mich ja noch anfreunden, aber meine Beste verbindet damit das rigorose Wegwerfen von Dingen, von denen ich mich nicht trennen kann. Also sage ich nichts und starre auf den Monitor, auf dem groß und einladend die heutige Agenda steht: TAGEBÜCHER IM KELLER? Das ist nicht zu übersehen, auch nicht aus drei Meter Entfernung – und da ist es passiert – sie hat es gesehen.
„Ah, das ist mal ein guter Tipp!“, sagt sie mit einem schiefen Grinsen. Ich kenne das nur zu gut. Jetzt kommt gleich die kumpelhafte Aufforderung an den Mann im Haus, endlich den Keller aufzuräumen und den seit Urzeiten herumliegenden Krempel zu entsorgen.

Ich trolle mich also hinab in die Katakomben. Erste Priorität gilt den Tagebüchern, vermutlich fristen sie ihr Dasein in unleserlich beschrifteten Kartons zwischen alten Katzenklos und den, in Bananenschachteln aufbewahrten, Lilien-Porzellan-Geschirr, diesem mittlerweile zum Kult gewordenen Pastellfarbenramsch in rosa, gelb, lind-grün und himmelblau.

Ich werde fündig! Zwei Schachteln, voll gestopft bis oben hin und so schwer, dass beim Aufheben der Boden durchbricht. Ich knie voller Ehrfurcht nieder - mitten hinein in vor Jahrzehnten erlebtes und einstmals Erträumtes; da liegen Dinge vor mir – Innegehaltenes, Aufgeschobenes, Versäumtes, oft auch verloren Geglaubtes und Unerledigtes von Freunden, Fremden, Ahnen und Enkel. Begegnungen und Trennungen begleiten mich, erinnern mich, wecken mich auf, machen mir Freude und auch Angst, ihnen Unrecht zu tun in diesem Wirrwarr der vergessenen Dinge.

„Ihr alle seid meine Gefährten, euch werde ich niemals entsorgen“, sage ich laut. Und wie zur Entschuldigung denke ich: Schande über euch Mitmenschen, die ihr von mir anderes erwartet!
Ich kehre in die Realität zurück. Die Frau ruft: „Alles klar bei dir, Ferdinand?“
Ja, alles klar, was soll sein?

© Story by Ferdinand 2022
© photoshop by Ferdinand


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Kommentare (3)

werderanerin

Das kann ich nachvollziehen, Keller sind schlechthin der (!) Schrecken für mich, seitdem wir vor vielen Jahren den Keller meines Freundes (mehrere Räume) zwecks Umzug in unser neues Heim aufräumen mussten.
Wie es aber sooft ist, alles blieb an mir hängen, mein Freund hatte genug auf unserer Baustelle zu tun. Es war eigentlich unglaublich, was ich alles fand, längst verschollene Sachen, die nie wieder irgendjemand vermisste, traten zutage.

Das meiste jedoch kam weg oder erstmal für den Sperrmüll in den Garten. Bücher aber habe ich noch nie weg geschmissen, zu  schade einfach und so kommen sie in eine Art Tauschstelle oder ich hebe sie auf.

Eines aber wussten wir damals schon vor unserem Neubau - nie mehr einen Keller. Da sammelt sich all das an, was man nicht weg schmeißen möchte aber das blöde, es wird nicht weniger, im Gegenteil. 

Nun haben wir einen Schuppen - naja, auch hier sammelt sich einiges aber wir passen auf und misten von Zeit zu Zeit auch aus. Es funktioniert so einigermaßen.

Kristine

Roxanna

Mein Dilemma, Ferdinand ist größer, ich habe niemanden, den ich zum Aufräumen und Ausmisten  in den Keller schicken könnte. Alles muss ich mir alleine machen 😉. Aber, wenn ich um solche Schätze in meinem Keller wüsste, wie du sie gefunden hast, würde ich es sehr gerne machen. Leider habe ich nie Tagebuch geschrieben und so vieles verschwindet dann für immer in der Versenkung. Es ist kostbar, sich erinnern zu können und zu sehen, welchen reichen Erfahrungsschatz man gesammelt hat.

Lieben Gruß
Brigitte

Muscari

Oh Ferdinand,

mit diesem Problem bist Du nicht allein. Ich kenne Leute, die geradezu im alten Krempel versinken.
Doch ich gestehe, dass ich schon früh angefangen habe, dies und das zu verschenken oder auch dem Müll anzuvertrauen.
Und trotzdem liegt noch jede Mengel Krempel herum.

Das was Du mit Deinen Tagebüchern erlebt hast, ist mir mit alten Zeichnungen und Malereien widerfahren. Ich stand vor dem Karton, von dem ich garnicht mehr wusste, dass er noch existiert, und war drauf und dran, alles zu entsorgen.
Irgendein Kobold hinderte mich jedoch daran, sodass ich heute überglücklich bin, das Ganze gerettet zu haben.
Zum Glück hat mein Mann noch kurz vor seinem Tod die ganze Pracht gescannt, sodass ich alles jetzt in meinem PC-Archiv aufbewahre.

Danke für diesen interessanten Beitrag aus dem normalen Alltag eines unfreiwilligen Sammlers.
Und herzliche Grüße von
Andrea
Hier eine Zeichnung aus dem Jahr 1954

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