Das Bratkartoffelverhältnis


Das Bratkartoffelverhältnis


In dem Haus, in dem ich meine gesamte Kindheit und Jugend verbracht habe, lebte im ersten Stock ein älteres Paar, beide waren, so lange ich denken konnte, schon Rentner. Herr Schemann war groß und spindeldürr, Frau Wieshoff klein und sehr rundlich. Oft hörte ich sie singen, wenn ich nach oben in den zweiten Stock lief. Schön sang sie nicht, aber laut: Mit ein ruhiges Gewissen legen wir uns auf dem Kissen... Bis heute weiß ich nicht, wie dieses Lied heißt.

Eines Tages lauschte ich einer Unterhaltung meiner Omi mit einer Bekannten, die uns gelegentlich mit ihrem Dackel besuchte.
Plötzlich fiel das Wort Bratkartoffelverhältnis. Und die Namen Schemann und Wieshoff.
Brat-kartoffel-verhältnis! Was konnte das denn wohl sein.
Bratkartoffeln mochte ich sehr. Aber was hatten die beiden damit zu tun?
Briet sie ihm immer nur Kartoffeln? Kam vielleicht sonst nichts auf den Tisch?
Oder mochten sie nichts anderes essen?
Ich grübelte und grübelte, stellte mir die Nachbarin am Herd vor, während er am Tisch sitzend auf die Bratkartoffeln wartete. Und kam zu keinem Ergebnis.

Als unser Besuch gegangen war, bat ich die Omi um Aufklärung. Natürlich kam erst einmal die Antwort, ich hätte mich verhört. Bestimmt hatte Omi die Befürchtung, ich freche Göre würde demnächst durch das Haus laufen und allen Leuten meinen erweiterten Wortschatz mitteilen.
Aber ich gab nicht auf, ich bohrte nach.
Und schließlich erfuhr ich, dass Frau Wieshoff und Herr Schemann nicht verheiratet waren, beide hatten ihren Partner verloren und lebten seit vielen Jahren zusammen.
Und das nannte die Omi ein Bratkartoffelverhältnis. Einen Sinn ergab es für mich kleines Mädchen allerdings nicht.

Viele Jahre später zogen die Nachbarn, die schon immer unter uns gewohnt hatten, aus und ein sehr, sehr junges Paar, er 17 und sie 16 und hochschwanger, bekam die Wohnung. Und Omi war entrüstet, dass sich die beiden jungen Leute jeden Tag über Stunden ganz allein in den Räumen aufhielten, ohne Aufsicht! Da kann doch wer weiß was passieren...
Ich musste laut lachen. „Omi, es ist doch schon lange passiert, der Babybauch ist doch nun wirklich nicht zu übersehen.“ Das war dann aber kein Bratkartoffelverhältnis, das Paar ging zum Standesamt und für die Omi war die Welt wieder in Ordnung. Denn zwei Bratkartoffelverhältnisse auf einer Etage wäre etwas viel gewesen für meine alte Omi.



 


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Kommentare (7)

Rosi65

Liebe Anita,

dieses „Bratkartoffelverhältnis“ 😂 ist ja nun wirklich eine einmalige und lustige Wortschöpfung!
Kein Wunder also, dass hier die Fantasie des Kindes Purzelbäume geschlagen hat und dabei zur Hochform auflief.

Meines Wissens haben sich manchmal Kriegswitwen für diese Art von Zweisamkeit entschieden, um ihren Renten-/Versorgungsanspruch nicht zu gefährden.

Viele Grüße
  Rosi65

IndianSummer1952

@Rosi65  

Liebe Rosi,

es ist absolut richtig, was Du sagst.

Das hier hat das Internet mir noch dazu erzählt:

Der Begriff, ein Bratkartoffelverhältnis zu haben stammt „angeblich “ aus dem Ersten Weltkrieg.

Damals, so die Erzählung, war es wichtig, dass die Liebesbeziehung auf Zeit, neben einer Bettgeschichte auch für das leibliche Wohl sorgte.
Denn die Verköstigung war das zentrale Thema des Bratkartoffelverhältnisses.
Dieser Begriff wird ab und an auch noch heute verwendet, dann, wenn über ein begrenztes uneheliches Leben, das sogenannte Leben einer wilden Ehe, gesprochen wird.

Ganz besonders bedeutsam wurde der Begriff des Bratkartoffelverhältnisses nachdem der Zweite Weltkrieg beendet war.
Damals, als sich Soldaten und Witwen zusammentaten, also in wilder Ehe miteinander lebten, um nicht Gefahr zu gehen die Witwenrente zu verlieren, sprach man vom Bratkartoffelverhältnis.

In den 1950-ern wurde der Begriff dann ironisch benutzt, wenn sich Singlemänner eine Frau suchten, die für sie kochte und ab und zu mit ihnen ins Bett ging.
Seine Belohnung war das köstliche Mahl, sie erhielt als Gegenleistung ein Schäferstündchen = eine intim erotische Episode.


Ich stelle mir die Frage, was ein Ausländer sich bei diesem Wort vorstellt, jemand, der unsere Sprache gerade erlernt...

Viele Grüße
Anita


















 

Rosi65

@IndianSummer1952

Ich stelle mir die Frage, was ein Ausländer sich bei diesem Wort vorstellt, jemand, der unsere Sprache gerade erlernt...  

Deshalb bewundere ich auch literarische Übersetzer von Romanen und Gedichten. Schließlich müssen sie die große Kunst verstehen, nicht nur zu dolmetschen, sondern die Erzählung sinnmäßig und passend in einem harmonischen Ganzen widerzugeben.
Sie müssen diese Fremdsprache also absolut beherrschen.

IndianSummer1952

@Rosi65  

Allerdings, eine Übersetzung macht man nicht mal einfach so.
Ich bin in der Zeit in Frankreich oft angesprochen worden, ob ich "mal eben" was übersetze. Gerne, ja, aber nicht "mal eben ganz kurz".

Für das Kloster Saint-Maurice-de-Carnoët, eine ehemalige  Zisterzienserabtei in der Bretagne habe ich z. B. auch eine Übersetzung gemacht, 3 oder 4 Seiten für die deutschen Touristen. Es macht ungemein viel Spaß, aber man muss auch höllisch aufpassen, ein falscher Ausdruck und es ergibt keinen Sinn mehr. 




 

Muscari

Liebe Anita,

Schmunzeln musste ich vor allem über Omas Bemerkung, als das junge Paar einzog. Und dann Deine Antwort:
„Omi, es ist doch schon lange passiert, der Babybauch ist doch nun wirklich nicht zu übersehen. “
Das waren noch Zeiten ...
Auch ich habe mich mal über die Herkunft der Bezeichnung "Bratkartoffelverhältnis" informiert und erfahre, dass dies nach dem Krieg entstand, als Kriegerwitwen sich mit jungen Soldaten einließen und sie im Gegenzug mit Essen versorgten.
Danke für die nette Erinnerung.

Mit liebem Gruß von
Andrea
😉

IndianSummer1952

@Muscari  

Hallo liebe Andrea,

danke für Deinen lieben Kommentar.

Vielleicht hatte die Omi etwas zu viel Phantasie, vielleicht haben die jungen Leute ja nicht nur renoviert in der Wohnung? Und da waren sie ja noch nicht verheiratet. Und so etwas ging ja nun gar nicht. 😁

Man darf nicht vergessen, dass Omi 1893 geboren wurde, eine ganz andere Zeit als unsere 60iger mit den Beatles und den Stones, mit Miniröcken, langen Haaren und die Mädchen hatten die Pille in der Handtasche (ich natürlich auch).
Viel zu spät habe ich erfahren, dass sie "heiraten musste", leider, leider, leider.
Es hätte mir solchen Spaß gemacht...

Zu diesem wunderschönen Wort habe ich das hier gefunden:[1a] umgangssprachlich: lose, außereheliche Liebesbeziehung, die nicht auf lange Dauer angelegt ist und bei der großer Wert auf die Versorgung mit einer täglichen warmen Mahlzeit gelegt wird
[1b] Erbringung einer sexuellen Leistung gegen die Versorgung mit Nahrungsmitteln
Aber warum es nun unbedingt die Bratkartoffeln sein mussten... Warum nicht Brot, Kaffee oder Blumenkohl?

Frau Wieshoff und Herr Schemann müssen schon dort gewohnt haben, als ich zur Welt kam. Als ich 1972 auszog, lebten beide noch putzmunter dort, waren aber beide weit über 80. Eine lose Beziehung kann man so etwas nun wirklich nicht nennen. Und ich höre es immer noch: Mit ein ruhiges Gewissen legen wir uns auf dem Kissen.... 😂😂

Einen lieben Gruß für Dich,
Anita

 

Muscari

@IndianSummer1952  

😄 😃 😄


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