Das Einhorn

Schon als Kind war für mich das Einhorn das schönste Tier der Welt. Mit zunehmendem Alter musste ich zwar anerkennen, dass es dieses Tier nur in der Fabelwelt gibt , doch wenn ich ehrlich bin, so hoffe auch heute noch, irgendwann einmal einem solchen schönen Wesen zu begegnen.

An einem nebeligen Novembertag lief ich durch unseren Wald. Ich mag Nebel eigentlich sehr gern, wenn ich mich nicht gerade im Auto fort bewege. Von den Ästen klatschten bisweilen dicke Tropfen auf meinen Kopf, aber das störte mich nicht und auch nicht, dass ich heute mal allein unterwegs war. Schließlich kenne ich ja jeden Weg in unserem Wald

Irgendwann bemerkte ich, dass es heute völlig still im Wald war. Kein Specht klopfte oder trillerte im Fluge, kein Busshard stieß seinen durchdringenden, langgezogenen Schrei aus, ja nicht einmal ein Eichelhäher meckerte. Der Nebel schien jedes Geräusch zu schlucken.

Plötzlich sah ich vor mir etwas Weisses . Sogar durch den Nebel konnte ich erkennen, dass ich nun wohl nicht mehr allein im Wald war. Als dieses weiße Wesen plötzlich in einem Nebenweg verschwand, sah ich es ganz deutlich von der Seite. Es war ein Einhorn!

So schnell ich konnte lief ich hinterher und erreichte auch bald die Stelle, an der das Einhorn abgebogen war. Der Weg, so wusste ich aus Erfahrung, war eine Sackgasse und endete auf einer Lichtung. Und richtig, in der Ferne leuchtete es weiß auf.

Nun wurde es auch immer heller und es hatte den Anschein, die Sonne würde bald den Nebelschleier beiseite schieben.

Kurz vor der Lichtung war es dann so weit. Plötzlich sangen die Vögel, die Sonne schien und als ich die Lichtung atemlos erreichte, war alles leuchtend hell. Die Äste der Bäume sahen aus, als wären sie mit Silber überzogen. Aber, das war ja Schnee! Überall Schnee, auch auf dem Gras der Lichtung, und die strahlende Sonne machte, dass alles funkelte und gleißte.

Und mitten auf der Lichtung stand das Wesen und blickte mir ruhig und überhaupt nicht ängstlich aus großen wunderschönen dunklen Augen entgegen. Aber natürlich war es kein Einhorn. Ach, ich wusste ja, dass es so etwas nur in meiner Fantasie gibt. Nein, es war ein wunderschöner,
blendend weisser Hirsch mit einem riesigen Geweih, welches wie aus purem Silber schimmerte.

Ich war wie verzaubert von der Schönheit und breitete meine Arme ganz weit aus, um ihn zu umarmen. Im selben Moment jedoch wurde es schwarz vor meinen Augen und meine rechte Hand wurde von einem unangenehmen Schmerz durchzuckt.......
Ich hatte mit der Hand gegen eine halb geöffnete Nachttisch Schublade gestoßen.

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Kommentare (4)

dottoressa danke für diese schöne Geschichte. Sie ist mitten in meiner ST-Auszeit gekommen, da hatte ich sie noch gar nicht gelesen.
Schön, solche Träume zu haben!
Liebe Grüße
Beate
pippa Hallo Guntram, hallo Anita,
ja, das Einhorn zu finden ist nicht so einfach und ich schaffe es nicht mal im Traum. Aber ich habe ja meine Fantasie!
LG von Heidi
koala Die Natur kann einem schon ganz schoen was vorgaukeln.
Aber noch besser koennen es die Traeume.
LG Anita
guana Schoener Traum;
Schade das der Schmez die Illusion zerstoert hat.
Gruss
Guntram

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