Gedankenspiele ...



Da hab ich in den letzten Tagen, ja wohl Wochen das eine oder andere Mal viel Geschehenes aus meinem Leben hier erzählt. Einiges war fast geklagt, sogar ein wenig unwillig, ja trotzig meinerseits „heraus gelassen“. Aber gleichzeitig hatte ich mich gefragt, ob ich das so wiedergeben dürfte. Schließlich waren es Teile meines Lebens.

Mein Entschluss stand jedes Mal dann irgendwie fest: Ja, das durfte ich, so war dies oder das gewesen … Die Veröffentlichung fand ich manches Mal fraglich, hab es trotzig stehen lassen. Doch immer wieder wurde ich überrascht, auf wie viel Interesse meine Geschichten stießen, aber auch welche Kommentare ich lesen durfte. Und auch so manches, das unkommentiert blieb, warum auch immer.

Es mag sein, dass mir all mein eigenes Erleben momentan durch den Kopf ging und immer noch geht, weil sich mein Leben inzwischen ein wenig fraglich entwickelt hat. Kopf und Körper müssen sich gerade – ein wenig – aufbäumen, wie Indeeds Osterglocke im heftig kühlen Frühjahrswetter. Ich erlebe gerade einen der heftigsten Stürme meines Lebens. Doch mein Körper wehrt sich! Mein Kopf macht mir zurzeit klar, dass auch dieser Sturm mich nicht knicken wird, auch nicht niederdrücken wird. Und mein Arzt ließ mich gestern wissen, er sei mit der Entwicklung meiner Behandlung sehr zufrieden.

Es gibt auch die eine oder andere „Windboe“ zusätzlich, die an mir zerrt. Wenn ich dann abends, wunderbar abgelenkt durch das Erzählen der Tageserlebnisse meiner Tochter oder ich ihre Ansichten zu meinen stürmischen Tagesgedanken erfahre, stelle ich oft schnell fest, dass ich mich – mal wieder – in Schlussfolgerungen verrannt habe, die bei genauerer Betrachtung doch ein wenig friedlicher gelöst werden können.

Anfangs meiner Chemotherapie nahm ich das Geschehen grundsätzlich an und mit viel schwarzem Humor in mir noch hin. Es machte mir fast nichts aus, im Spiegel zu sehen, dass ich mein Haar verlor. Ich wusste ja, irgendwann wird es wieder wachsen. Dann entdeckte ich, dass es wieder begann zu wachsen, sah, es war großflächig weiß, aber nicht überall. Was waren da für dunkle Schatten? Ich stellte fest, dass es großflächige Stellen auf meinem Kopf gibt, an denen mein Haar noch in meiner eigenen, „alten“ dunklen Farbe nachwuchs. Ich hatte es in den letzten dreißig Jahren einfach blond gefärbt, um das „Grau werden“ zu ignorieren. Ich sehe nun, dass sich mein Haar „kuhfleckig“, wie bei einer bunten Kuh, zeigt. 😉

Dass ich an Gewicht verlieren würde, wusste ich ja. Ich finde es gut, doch nicht mehr so viel Übergewicht mit mir herumzuschleppen, stelle auch fest, dass ich mich wieder besser bewegen kann. Aber ich merke auch, dass mit den Pfunden die Kraft schwand, einige Besonderheiten dazu führen, dass selbstverständliche Gewohnheiten nicht mehr möglich sind. Einziger Trost dazu ist die Hoffnung, dass sich auch Nerven in Händen und Füßen erholen könnten ... Stets wie auf Stelzen herumzuwackeln ist nicht wirklich lustig, kann auch zu Stolpereien - und mehr?? - führen!

So, wie es in der ganzen Lebenszeit stets neue Dinge zu erkennen, zu erleben, aber auch zu bewältigen, zu überwinden, zu bestehen gab und gibt, zeigt mir nun mein Dasein, dass es immer noch Erleben gibt, das geschafft werden will. Gerade jetzt, wo es mir körperlich am schwächsten geht, ich im Haushalt Hilfe brauche, strich mir meine Pflegekasse die wöchentliche Hilfe.

Doch was spricht dagegen, dass ich mir dann "eben nur“ alle 14 Tage helfen lasse, bis ich wieder so viel Kraft zurückgewonnen habe, dass ich mein Leben diesbezüglich wieder bewältige? Ich kann es ja ein wenig schleifen lassen, langsamer angehen lassen, muss nicht, wie in jungen Jahren, die ganze Wohnung an einem Tag sauber machen. Kein Krümel wird sich beleidigt sichtbarer machen, wenn ich eine Pause einlege! Irgendwann – bald – werde ich die Krebsbehandlung hinter mich gebracht haben, das sich-so-kraftlos-fühlen ausgebremst und wieder neue Kraft geschöpft haben.

Ich kann – und tue es immer mehr – das Dahinsiechen meiner Mutter, das vor siebzig Jahren noch die gegebene Art des nicht zu überwindenden Krankheitsbildes war, das mir mein Kopf manchmal noch vorspielt, verdrängen. Mein Onkologe hat mir viel Zuversicht – gestern erst noch – vermittelt, dass ich wieder gesund werden könne. Klar, bestimmt nicht so gesund wie „einst im Mai“, aber altersgemäß …! Das hat auch die Schwester meiner Mutter in ihrem 50. Lebensjahr nach ihrer Krebserkrankung 1974 geschafft und ist noch 90 geworden!! Viele andere Betroffene haben ihren Krebs in den vergangenen Jahren auch schon überwunden!!
 

Anzeige

Kommentare (7)

indeed

Liebe Uschi,

jetzt verstehe ich deine Blogs, sehe sie aus einem etwas anderen Blickwinkel. Ganz ehrlich, selber würde ich  und habe es auch, anders gemacht. Man muss aber jedem sein Gusto lassen, denke ich.

Wichtig ist, dass du versuchst positiv und mit Hoffnung und Zuversicht nach vorne zu schauen. Je mehr du alles unter die Lupe nimmst, je mehr beschäftigt und beherrscht dich deine Krankheit. Diese Zeit fehlt dir dann, dich schönen Dingen, die dich bereichern, zu widmen.

Mir hat mal ein Arzt gesagt, so lange man sich noch um sein Aussehen sorgt, geht es ihm noch gut. Genau hingesehen, musste ich ihm beipflichten. 

Du kannst noch viel Schönes erleben und bleib neugierig aufs Leben.

Viel Erfolg zur 'Genesung wünscht dir sehr herzlich

Ingrid

nnamttor44

Hallo, Ihr Lieben!

Eins möchte ich doch mal - ganz leise - klar stellen: seitdem ich statt meines alten großen PC's hier an meinem Laptop schreibe, seitdem obendrein durch die Chemo inzwischen auch diverse Fingernägel abbrechen (so tief, dass es bluten würde, wenn ich daran herumzuppeln würde), geraten mir immer mehr, oder auch weniger und falsche Buchstaben in die Worte ...

Entschuldigt bitte. Ich lese zwar immer wieder Korrektur, um diese "Fehler", die sich einschleichen, zu mindern. Aber nicht immer bin ich ausreichend bei der Sache ...

Lieben Gruß von

Uschi

nnamttor44

Lieben Dank allen 💕-Spendern für Eure Zustimmung freut sich

Uschi

Juttchen

Liebe Uschi,
ganz sicher wirst Du wieder ganz gesund und hast noch wundervolle, schöne Erlebnisse vor Dir.
Als meine Schwester zeitgleich mit mir an Krebs erkrankte, fielen ihr auch die Haare büschelweise aus. Nach der Chemo. wuchsen ihr Locken, ganz kleine Kringellocken. Unsere Mutter hatte zwar welliges Haar, aber auch keine "Afro-Locken". Wir haben damals so über die krausen Haare lachen müssen. 😆😆
Ich habe nach meiner Krebsoperation dann beschlossen, mein Leben noch intensiver zu gestalten und auch zu leben.
Weiterhin viel Kraft und Mut wünscht Dir
Jutta

nnamttor44

@Juttchen  
Ich glaube, liebe Jutta, die Medizin hat inzwischen große Fortschritte gemacht und bietet gerade im Bereich Brustkrebs überaus wirksame Therapien an. Gerade heute noch rief mittags der betreuende Onkologe an und fragte nach meinem derzeitigen Befinden, ob ich morgen die letzte Antikörpertherapie machen könne. Ja, geht. 

Meine Haare hab ich erst gar nicht büschelweise ausfallend gehen lassen. Ein Radilaschnitt beim Friseur, ein paar Wochen später von meiner Tochter die einige Zentimeter nun kurzen Haare zur Glatze schneiden lassen - und die Kinder machten einen großenn Bogen um die nun glatzköpfige Oma Uschi. DAS war am schwersten zu ertragen.

Ich habe ja ein paar Jahre auch meinen Mann bei seiner Darmkrebsgeschichte begleitet. Aber er war dem weiterbehandelnden Onkologen gegenüber so agressiv, dass es schon peinlich war. Letzten Endes wurde der deshalb sogar bewusst unfreundlich! Wie man in den Wald hineinruft ...

Ich vermute mal, dass ich hier im ST wohl noch ein paar Jährchen meine hoffentlich wieder schöneren Geschichten posten werde. Erlebnisse mit meinem heißgeliebten Enkel, der bald so langsam ins Teenageralter abwandern wird ... Darauf freue ich mich schon besonders!!

Lieben Dank für Dein Lesen und Deine zuversichtliche Grüße

sagt Uschi

Christine62laechel


Meine Mutter wurde auch mit 62 krebskrank; nach einer OP, und einer längeren Behandlung, lebte sie 97 Jahre. Liebe nnamttor, ich wünsche dir ebenso, dass du wieder ganz gesund wirst.

Mit herzlichen Grüßen
Christine

nnamttor44

@Christine62laechel  
Liebe Christine, ich glaube ziemlich fest daran, dass ich noch ein paar Jahre diese Welt erleben darf, denn die Untersuchung der Gene ergab, dass mein Krebs nicht der erbliche Art angehört. Könnte rein altersbedingt wohl jede Frau bekommen.

Die gestrige Aussage war auch, dass eine Stelle schon gar nicht mehr wiederzufinden wäre und eine zweite sehr viel kleiner geworden sei. Auch die Wächter-Lymphdrüsen waren nicht befallen und werden nicht entfernt! Die Bestrahlungstherapie (ausgerechnet im Frühsommer) ist somit auch fraglich, falls überhaupt nötig.

Man kann diese ganzen Brustkrebsgeschichten auch nicht über einen Kamm scheren. Von den drei Schwestern (meine Mutter, eine mittlere und die jüngste Schwester) erkrankte meine Mutter mit grad über 30 Jahren und verstarb vier Jahre später daran, die mittlere erkrankte mit 50 Jahren und ihr Krebs streute heftig, sie starb nur kurz drauf und hatte keine lange Leidenszeit. Die Jüngste war diejenige, die nach der OP wieder gesundete und auch noch - wie ihre Brüder - das 90. Lebensjahr erreichte.

Eigentlich bin ich nur neugierig, wie sich das bei mir weiter entwickelt. Herzlichen Dank für Dein Lesen und Deinen tröstenden Kommentar grüßt voller Hoffnung

Uschi


Anzeige