Mauerfragment (eine fantastische Erzählung)


Mauer-Fragment

Es war ein Uhr mittags. Die Sonne brannte steil herab. Roland hatte sich auf einen massiven Steinbrocken gesetzt, der im Schatten eines Mauerfragments lag - auf einem Ruinengrundstück. Um ihn herum hatten sich auf kleinen Sandhügeln Steinschutt, Glassplitter, Coca-Cola-Büchsen und Bierflaschen angesammelt. Vergilbte Zeitungen, Reklamezettel und Fetzen eines öl- verschmutzten Herren-Unterhemdes deckten die Folgen eines Fliegerangriffs auf Rolands Heimatstadt zu.
Seine Mutter sagte ihm einmal: "Hier stand, als du noch klein warst, die Apotheke von Samuel Kahn. Sein Nachbar, Karl Müller, er war ein eifriger Parteigenosse, riss sich die Apotheke neunzehnhundertneununddreißig unter den Nagel. Zuvor hatte er dafür gesorgt, dass Samuel und dessen Frau Sara sowie ihre beiden Kinder in die Gaskammern geschickt wurden."
In den letzten Kriegstagen hatte eine Sprengbombe das Gebäude zerstört und nur noch diesen Mauerrest übriggelassen. Seitdem steht das Grundstück leer, für Kinder ein Spielplatz.
An den Mauersteinen war Efeu empor geklettert und hatte sich an der zerschundenen Ober-
fläche festgesaugt. Da und dort lugten ein paar graugrün verwitterte Stellen hinter dem Pflan- zenkleid hervor.
Roland fühlte, wie die Müdigkeit an ihm hochkroch und sich seines Körpers bemächtigte. Er wollte nach einem längeren Spaziergang durch die Stadt ein wenig ausruhen. Seine Fußsohlen glühten. Daher zog er Strümpfe und Schuhe aus und steckte die nackten Füße vorsichtig in die untere, kühle Sandschicht.
Plötzlich trifft ein Lichtstrahl sein Auge. Eine Lichtreflexion zwischen dem Efeugeflecht muss an der Mauer aufgetreten sein. Er erhebt sich, ist leicht wie eine Feder, steigt in seine Schuhe und tappt auf die Mauer zu. Aber er hat die Stelle, von der der Lichtstrahl kam, für einen Augenblick aus den Augen verloren. Er denkt, das Efeu kann nicht so dicht sein, dass die Lichtquelle nicht wieder aufzufinden wäre.
Nach vielen Minuten scheint Etwas auf - aus Metall. Eine Türklinke. Roland räumt das Gestrüpp beiseite. Da muss mehr sein als nur eine Klinke. Wo eine Türklinke, eine Tür, denkt er. Schließlich entdeckt er einen engen Spalt, den Türabschluss. Er zerrt das Geflecht auf die Seite. Dann liegt die Tür frei. Es ist eine Metalltür wie die zu seinem Keller.
Roland blickt noch einmal zur Straße hin und fühlt sich dabei seltsam unsicher. Eine Tür in ein-
er Mauer ist nichts Ungewöhnliches. Man findet sie allenthalben in Mauern und Wänden.
Nur ein Durchgang, wenn man sie öffnet. Aber diese hier kann nur hinter die Mauer und ins Freie führen.
Die Klinke lässt sich leicht hinab drücken. Er kann nicht sagen warum, aber er öffnet mit äußerster Vorsicht.
Ein hohes, in helles Blau getauchtes großräumiges Zimmer tut sich vor ihm auf, eines, in dem Menschen wohnen. Kerzen auf einem prunkvollen Kronleuchter an der Decke erhellen den salonähnlichen Raum. Roland schaut sich darin um, von einer Ecke zur anderen. Auf kleinen Tischchen, die an den Wänden stehen liegen Bücher, Zeitschriften, Strickzeug, Spielsachen und anderer Kleinkram. Ein pechschwarzer Flügel nimmt beinahe den ganzen Raum für sich in Anspruch. Darauf steht eine Menora in goldenem Glanz - eingehüllt in Todesstille.
Aus dem Nebenraum tritt plötzlich eine zierliche Frau mittleren Alters. Roland erschrickt. Er kann sie nicht gehen hören. Er steht ängstlich da, ohne etwas zu begreifen. In kleinen Schritten bewegt sie sich auf ihn zu. Nun stehen sie sich gegenüber. Vor dem Flügel in einem hohen Raum, eingebettet in ein Mauerfragment, das eine Sprengbombe übriggelassen hat. Er, in leichter Flanellhose und weißem Hemd, kurzärmelig, und sie, in einen schwarzen Tuchmantel gehüllt, der ihr bis zu den Knöcheln reicht. Zwei Sicherheitsnadeln halten den Mantel notdürftig zusammen. Roland ist wie benommen. Er blickt sinnlos in dem Raum umher. Ihre Augen sind zwei nachtschwarze Diamanten. Sie schaut ihn prüfend an und findet, dass sie ihm vertrauen kann, dass er ihr wohlgesonnen sein muss. Dann deutet sie auf einen Stuhl neben ihm und sagt mit einer Stimme aus Samt: "Bitte setzen sie sich."
Er wundert sich, dass er sie nicht atmen hören kann, obwohl sie sich zugleich neben ihm auf den Klavierstuhl niederlässt.
Erst kann er kein Wort hervorbringen. Sein Herz klopft ihm in den Hals. Dann fängt er sich und sagt: "Danke. Sie müssen mich bitte entschuldigen, dass ich in ihre Wohnung eingedrungen bin."
Sie sagt: "Nicht der Rede wert." Und lenkt ab: "Draußen wird jetzt die Sonne scheinen. Wir haben Ende Juli."
Er nickt: "Richtig. Wir haben den 27. Juli und Dienstag. Es ist mörderisch heiß draußen. Schon seit drei Wochen hat es nicht mehr geregnet."
Roland denkt, die Frau musste einmal unbeschreiblich schön gewesen sein. Aber jetzt sieht sie bleich aus im Gesicht und an den Händen. Bestimmt erscheint sie in dem schwarzen Mantel älter, als sie wirklich ist. Sie fragt: "Haben sie unterwegs Samuel getroffen?
"Wen soll ich getroffen haben?" fragt er.
Sie erschrickt: "Entschuldigen sie, wie kann ich bloß so unüberlegt fragen? Woher sollten sie meinen Mann kennen?"
Rolands Kopf ist wie leergefegt. Er kann keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Was sollte er dazu sagen? In dieser Lage! Am liebsten hätte er sich davongeschlichen.
Immer wenn sie gerade nicht spricht, füllt eine eisige Stille den Raum. So still, dass er es hören kann. Von draußen dringt kein Ton herein als gäbe es kein Draußen.
Sie sagt: "Wir leben seit vielen Jahren in diesem Haus. Gleich nachdem wir geheiratet hatten, zogen wir hierher. Miriam, unsere Tochter, kam Ostern zur Schule und unser Ältester, David ist jetzt zwölf und spielt draußen auf der Straße."
Nach einer Weile fährt sie fort: "Samuel müsste bald nach Hause kommen. Karl hat ihn heute morgen abgeholt. Nur eine Formsache, versicherte er mir. Nun ist es schon Abend geworden und Samuel ist immer noch nicht da. Ich fürchte mich, wenn ich allein sein muss, allein mit unseren Kindern."
Sie sieht blutleer und sterbenskrank aus. Ein Jammer, ihren Zustand mit an sehen zu müssen.
Sie steht auf, trippelt zum Flügel und rückt die Menora zurecht, glättet mit den Fingern das Zierdeckchen auf der kleinen Kommode hinter dem Flügel, worauf ein Chanukka- Leuchter mit acht Gedenkkerzen steht.
Dann ist da wieder diese eisige Stille, eine Todesstille, die Roland erschauern lässt. Kein Ton von draußen, kein Laut drinnen.
Plötzlich und unerwartet versinkt vor seinen Augen die ganze Szene in einer dichten Nebel- Wolke, die sich nach und nach auflöst, den blauen Sommerhimmel durchscheinen lässt und seine Augen blendet.
Der Schatten der Mauer war längst von ihm gewichen. Auf seinen nackten Armen hatten sich Brandbläschen gebildet.



© Horst Ditz

Anzeige

Kommentare (10)

harfe und für mich bedeutungsvollen Kommentare bedanke ich mich von ganzem Herzen und grüße alle herzlich
Horst
harfe die Schneiderin näht an der Zeit, die einmal die blutigen Geister aus den Mauern in die Ewigkeit vertreiben wird.
LG Horst
harfe viele dieser verbrecherischen Ereignisse spielten sich oft in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ab. Doch wir waren zu klein, um dies alles verstehen zu können. Kein Wunder, wenn sich solche Träume in uns festankerten und verborgen hielten, um bei gegebenem Anlass von der Fantasie hervorgeholt und verarbeitet zu werden.
LG Horst.
harfe ganz tief hat uns diese Zeit geprägt, unser Wesen in bemerkenswerter Weise zu dem gemacht, was wir heute sind.
Die leeren Räume zwischen den Mauerresten der Ruinen waren damals unsere vom Außen geschützten Spielplätze, „Sandkästen“ der besonderen Art. Mir steckt heute noch der Geruch von verbranntem Phosphor in der Nase.
LG Horst
immergruen reichen weit. Deine Fantasie lässt sie aufleben und agieren, geisterhaft wirklich.
Längst hat die Wirklichkeit Besitz ergriffen von den Mauern, aber der Geist, der in ihnen lebte, schleicht sich in Deine Realität.
Schön dazu das Bild mit dem leeren Schatten in der gefüllten Ruinenlandschaft.
oesiblitz das hast Du so realistisch beschrieben, dass ich fast erwartet habe, dass dieser eine Raum noch wirklich übriggeblieben ist. Dass so Träume in die Vergangenheit passieren können ist bestimmt denkbar.
Diese Geschichte ist schön, beeindruckend und nachdenklich machend.
LG
oesi
ehemaliges Mitglied ...ich spüre eine starke Ergriffenheit beim Lesen Deiner Geschichte. Eingetaucht in eine Vergangenheit, die bei, in dieser Zeit lebenden Menschen, tiefe Spuren in der Seele hinterlassen hat. Du hast Momente der tragischen Lebensgeschichte des Samuel Kahn aufleben und wieder in einen dichten Nebel eintauchen und sich auflösen lassen.

Das Öffnen der Tür in einen salonähnlichen Raum, von Kronleuchtern und Kerzen erleuchtet, dann in ein weiteres Zimmer, eingebettet in einem Mauerfragment, das durch eine Sprengbombe übbriggeblieben ist, eine in Todesstille goldscheinende Menora, die stille Sprache...eine Atmosphäre, die mich Gänsehaut fühlen lässt.

pelagia hat mich diese Geschichte gemacht. Vergangenheit sucht die unterschiedlichsten Orte in uns auf. Mir fiel ein Rilke Gedicht ein "Wenn die Uhren so nah wie im eigenen Herzen schlagen..". Da heißt es u.a. "viele die vor mir lebten und fort von mir strebten, webten, webten an meinem Sein." Für mich wird davon etwas in Deiner Erzählung hörbar.
marlenchen Eine Geschichte,die der Wirklichkeit sehr nahe kommt,Liebe grüße an dich marlenchen
girasola die mich sehr nachdenklich gemacht hat.Ich (77) habe diese schreckliche Zeit ja noch miterleben müssen.Ich habe damals,nach der sogenannten Kristallnacht,gesehen wie die Geschäfte und Wohnungen zerstört wurden und diese Bilder sind nie aus meinem Gedächtnis verschwunden.Ich habe damals nicht verstanden worum es überhaupt ging,ich war grade mal 7 Jahre alt.
LG Rosemarie

Anzeige