Nochmal das Thema ›Freundschaft‹


Nochmal das Thema ›Freundschaft‹

 
»Freundschaft« ist ein Begriff, der seit Jahrtausenden die Menschheit bewegt. Wenn man sich dabei Schillers »Bürgschaft« vor Augen hält, könnte die Schwärmerei schon ins Uferlose ausarten. Aber war das wirklich schon eine Errungenschaft, die so hehr und rein wahr, wie sie immer dargestellt wurde?
      Nachdem ich mich lange mit dieser Thematik befassen durfte, kann ich davon ausgehen, dass Freundschaft kein Begriff ist, der sich so einfach erklären lässt. Zunächst müsste man diesen Ausdruck nämlich erst einmal definieren
          Ist dies nun wirklich so einfach? Mitnichten, denke ich. Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung von dem, was ein Freund bzw. Freundin ist. In diversen Sozial-Medien hat jeder Klick auch heute schon oft die Bedeutung einer "Freundschaft", was in unserer deutschen Kulturwelt eigentlich ein Unding ist. Da wir uns aber immer mehr »amerikanisieren«, spielt das schon bald keine Rolle mehr.
      Als ich noch in den Kinderschuhen der Computerzeit laufen lernte, war ich bei der amerikanischen Firma AOL Mitglied. (Existiert heute nicht mehr, ist mit YAHOO zur neuen Firma Verizon Media fusioniert)
Jedenfalls war zu dieser Zeit, etwa um 1990, der Begriff Buddy eine Einheit, die jedermann als Freund oder Kumpel bezeichnete. Je mehr »Buddys - also Klicks - jemand hatte, desto höher stand er im Ansehen der übrigen Mitglieder. Waren all diese nun Freunde? Niemals, ich hatte damals 11400 »Freunde«! Tolle Sache, man stelle sich das einmal vor: 11000 Freunde auf der ganzen Welt!
Eine wünschenswerte Angelegenheit, sicher; aber welch eine dumme, idiotische Bedeutung hatte dies doch!
      Freundschaft ist für mich mehr als nur eine gute Bekanntschaft, es ist eine Herzensangelegenheit und sollte vom Begriff her ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander sein, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet.
       Ist es das immer wirklich, wenn wir in den Netzwerken von Freundschaft sprechen? Ich jedenfalls bezweifle dies mit Vehemenz, denn wenn ich manches Mal die freundschaftlichen Verbindungen betrachte, sind es zumeist Zweck-Bündnisse! Dagegen spricht auch nichts, dennoch kann niemand das als Freundschaft im Sinne dieses Begriffes bezeichnen; wer dies dennoch tut, macht sich selbst etwas vor!
         Auch hier bei uns in unserem »ST« ist es keine widersprüchliche Ausnahme! Gelegentliche Treffen beweisen nicht das Gegenteil. Gute Bekannte - das lasse ich gern gelten; zur »Freundschaft« jedoch gehört mehr: das »unbedingte Vertrauen« in den Nächsten, das »für den Anderen da sein«, wenn dieser mich oder ich ihn brauche, das »Du« statt des »Ich« in Dialogen und etliches mehr.
         Aber: »Online-Freundschaften« verändern das Verständnis von Beziehungen nicht immer zum Guten. Das musste schon so manch einer auch bei uns zu seinem Leidwesen erfahren. Dass hierbei hübsche Kärtchen und zahllose Geburtstagsgrüße kein persönliches Wort ersetzen, weiß jeder. Und eine gewisse Einsamkeit kann niemand von sich weisen. Wie weit diese dann schließlich reicht, liegt im Charakter eines jeden Menschen.
         Wohin wird dieser Weg in die Online-Freundschaften uns führen? Wird es auch ein intimes Leben ermöglichen? Wäre ja gut, geschieht ja auch schon des Öfteren, dass Menschen sich für ein weiteres Leben in einer Gemeinsamkeit entscheiden.
Oder bleibt alles an der Oberfläche, in deren Spurrillen des täglichen Lebens so mancher Schmerz versteckt bleibt?
         Ich wünsche mir und uns allen, dass dieses Wörtchen »Freundschaft« wieder den Inhalt bekommt, den es verdient. Denn ohne diesen, bedeuten unsere Gefühle nichts weiter, als nur irgendwelche Buchstaben aus dem Alphabet!

 
 ©by H.C.G.Lux

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Kommentare (14)

Manfred36

Ich finde es gar nicht so übel, lieber Horst, dass Freundschaft ein flexibler Begriff ist. Man darf ihn nur nicht ausverkaufen.

Pan

Das sehe ich doch anders, eine Freundschaft wäre danach ein bedeutungsloser Terminus. Wenn Flexibilität so einfach anwendbar sein sollte - was wäre der Ursprungsbegriff dann wert?
Ich möchte mit niemandem befreundet sein, der solche "Freundschaft" flexibel handhaben wollte.
Auch Du nicht, dessen bin ich mir sicher!
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Christine62laechel


Ich hatte in meinem Leben viele gute Freundinnen und Freunde; wie es Rosi in ihrem Kommentar formuliert hat, wir haben uns viel einander gegeben, ohne nach einer Gegenleistung zu fragen. Manchmal denke ich mir, vielleicht gab ich doch zuviel? Es heißt ja "don't give too much"... Doch was am meisten einer Freundschaft schaden kann, egal wie 
"gut" sie auch war, sind andere Menschen, die aus irgendwelchen Gründen schöne Beziehungen so gerne verderben...

Mit Grüßen
Christine

werderanerin

Für mich persönlich sind "Freundschaften" immer verbunden mit dem Kennenlernen im Leben...nur so kann man wissen, fühlen, ob dieser Mensch einem gut tut. Alles sollte auf Gegenseitigkeit beruhen.

Alles andere sind für mich allenfalls "Bekanntschaften"...dazu gehören vor allem ja auch die virtuellen...wobei das überhaupt nicht negativ sein muss, im Gegenteil.
Man spürt es doch auch hier im ST..., wenn man zu einem User einen "guten Draht" hat, kann man sich auch hin und wieder über PN schreiben, manches vertiefen. 

Kristine

JuergenS

Jetzt möchte ich doch noch eine Anmerkung machen:

Unfreundschaften sozusagen habe ich eigentlich viele, das sind aber verschiedene Hintergründe:

gegenüber:

*Egoisten

*Schwätzern

*"Freunde", die auf einmal sich vor anderen gegen einen stellen

*Akustisch laute Menschen

*Leuten, die subjektiv weit über einem stehen, mühelos

*Geldgierige Verwandte😉

so jetzt lass ich es erst mal

 

Pan

Lieber Jürgen, das ist mir denn doch ein wenig zu negativ.
Ein freundschaftlicher Kontakt bedeutet keine Freundschaft, das ist klar,  aber Deine Wortschöpfung "Unfreundschaften" sieht doch alles zu distanziert, meinst Du nicht auch? 
Ich denke, auch Menschen, die mich nicht mögen, haben ein Anrecht darauf, ihre Ansicht der Dinge zu äußern. 
(Ob ich sie dann heimlich verfluche, weil sie eben das sagen, welches ich selbst nicht mag, liegt doch an mir oder?)
Da fällt mir eine Aussage von unserem Großmeister Goethe ein:
Man sagt, zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen ...

 

Roxanna

Niemals kann man sich mit jemanden wirklich befreunden, den man nicht persönlich, sondern nur schreibenderweise kennt. Zu einer Freundschaft gehören persönliche Begegnungen, in denen man den anderen mit allen Sinnen wahrnehmen kann und sie muss erst über einen langen Zeitraum wachsen. Schreibenderweise bekommt man nur einen kleinen Bruchteil des anderen mit. Es ist schade, dass der Begriff so inflationär gebraucht wird.

LG
Brigitte

Rosenbusch

@Roxanna  ich denke wie du, virtuelle Bekanntschaften sind in meinem Augen keine Freunde, sonderen eben das, was das Wort sagt, sie sind virtuell ohne tiefere Bedeutung, sie werden meistens an der Oberfläche bleiben.
Es kann sich auch in der Realität etwas entwickeln, aber dazu muss man sich kennenlernen und spüren, dass man irgendwo auf gleicher Wellenlänge "surft"😉

Ich habe es noch nicht erlebt, selbst jahrelange virtuelle Bekanntschaften sind meistens irgendwann zu Ende. Trotzdem ist das Interent und speziell die Foren wie dieses, eine gute Möglichkeit der Einsamkeit zu entkommen. Denn die kommt oft auf leisen Füßen, kann eine Krankheit sein, die vieles nicht mehr möglich macht, verstorbeneR PartnerIN, samt immer dünner werdende Freundeskette.
 

JuergenS

@Rosenbusch

eine sehr differenzierte, zutreffende Beschreibung, die auch das zeitlich Begrenzte zum Inhalt hat. 

Ich kenne auch einige Menschen, die einen großen Bekanntenkreis haben(pflegen?).
Die sind mir stets ein Rätsel, aber ich beneide sie auch ein wenig..

Nach meiner Erfahrung ist Freundschaft auch nicht an Übereinstimmung in vielen, weniger oder gar keine, gebunden, sondern floatend, sozusagen.

Der Einsamkeit entfliehen, was für eine realistische, starke Überlegung!

Respekt denke ich, ist eine Schwester resp. ein Bruder von Freundschaft, meist dauerhafter und wertiger, oder?

Roxanna

@Rosenbusch  

Da bin ich mit dir einer Meinung, Rosenbusch. Solche Foren sind eine gute Möglichkeit in Kontakt zu sein. Man darf nur einfach keine zu hohen Erwartungen haben. Kontakte können sehr vielfältig und von unterschiedlicher Qualität sein. Wirkliche Freunde, die mit einem durch Dick und Dünn gehen, hat man meistens nur sehr wenige oder vielleicht sogar nur eine(n). Aber auch die virtuellen Kontakte haben ihren "Wert". Sie bleiben allerdings eben meistens, wenn man sich nicht doch mal persönlich kennenlernen kann, mehr im Unverbindlichen und können auch schon mal nach jahrelangem Schreiben plötzlich abrupt enden, ohne die Nennung von Gründen. Gerade selbst erlebt. Das kann dann auch schon mal weh tun.

nnamttor44

Mein Kinder-Erlebnis dazu, lieber Horst:
Mein Enkel wurde gerade neun Jahre alt. Vergangenen Freitag hatte er seine erste "Klopperei" in der Schule. Ein Mitschüler hatte ihn mit seinem Anorak geschlagen, er schlug mit dem eigenen zurück. Dann gesellte sich ein dritter Junge, der sich seit Kita-Zeiten ganz nach Belieben mal "seinen Freund" nannte oder ihm auch drohte: dann bist du nicht mehr mein Freund. So ganz verstanden hatte dieser Freund offensichtlich den Begriff nicht.

Heute war wieder Schule, der andere Junge, der sich so schnell Freund nennt, hatte ihn Freitag auch geschlagen, wollte "mitkämpfen" und erklärte, nun sei er nicht mehr Maxens Freund. Heute redete er wieder mit meinem Enkel - "... aber er hat mir nicht gesagt, er sei wieder mein Freund!" beklagte sich Max. Er hat anscheinend sehr wohl eine andere Meinung dazu, als der Kita-Freund, was Freundschaft bedeutet. So leicht vergibt er diese "Auszeichnung" nicht. Und dass bei solchem Verhalten Vertrauen verschwindet - ein Grundsatz für Freundschaft - war ihm auch anzumerken.

Sieht Uschi auch so und grüßte herzlich.

Pan

Wie heißt es so schön?
      Fast wia im richtgen Lebn ! 

Rosi65

Lieber Horst,

Die Bürgschaft gehörte schon immer zu meinen Lieblingsgedichten. Doch Damons guter, aber namenloser Freund, der sogar bereit war sein Leben für ihn zu opfern, kann wohl kaum von dieser Welt gewesen sein.
Das wäre auch für eine sehr gute Freundschaft zu viel verlangt, und muss ja auch nicht sein.

Eigentlich hat man, trotz zahlreicher Bekannte, nie viele Freunde, denn es dauert sehr lange bis man einen Menschen gut kennt, also viel Zeit mit ihm verbracht hat, bis man ihm vertraut.  Außerdem sollte man ähnliche Fähigkeiten von Ansichten, Emotionen und Gedanken besitzen, so dass man fast spürt wenn der Freund in Not ist. Bei einer richtigen Freundschaft gibt man gerne sehr viel, ohne nach einer Gegenleistung zu fragen.
Für eine Krämerseele wäre eine Freundschaft niemals geeignet, denn diese würde wohl ständig die anfallenden Zinsen berechnen.😉

Herzlichen Gruß
   Rosi65

 

Pan

Ach Rosi - ich habe doch herzlich gelacht, als ich über Deine 
"freundschaftliche Zinsberechnung" nachdenken musste!
Wie wahr ist doch dieser Satz.
Es gab hier - Namen sind Schall und Rauch- einmal eine "ST-lerin",
Die schaffte sich etliche Freundschaften an, dadurch kam dann auch ihr kleines "Unternehmen" so richtig in Schwung! Und siehe da: Es entstanden dann in kurzer Zeit eine Reihe von literarischen Abhandlungen (Bücher), (heute sicher in irgendwelchen Kellern verstaubt?) 
Die Provisionen dafür setzten jedoch keinen Staub an ...
Mit einem Lächeln versehen und einem Gruß,
Horst


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