Reifer Holunder (eine fantastisch surreale Erzählung)


Holundersuche

Ich fiel - begleitet von einer Schar Vögeln - aus großer Höhe in schnellem Tempo auf die Erde zu, fiel durch ionisierte Schichten, zerschnitt Wolkenbänke und Regengüsse, und ich befürchtete, auf dem Boden zu zerschmettern. Doch ich landete sanft absinkend wie ein Schwebeteilchen auf Meeresgrund.
Langsam, sehr langsam, tauchte ich neben einer großen Stadt kerzengerade aus dem Wasser auf. Hände, Arme, Beine und Füße an mir waren lange und spitze Solinger-Messer.
Eine harte Stimme rief mir zu: "Zertritt meine Bilder nicht! Das dulde ich nicht!". Ich erschrak und suchte etwas hektisch nach den Bildern, doch weit und breit waren keine Bilder und auch sonst nichts zu sehen, außer die grauen Mauern der Stadt.
Unter mir zogen ruhig fließende Sandströme an Land, wo sie eine mächtige Düne vor der Stadt bildeten. Von drinnen hörte ich die dunkelfarbenen Klänge des Deutschen Requiem von Johannes Brahms, welche meine Neugierde weckten.
Meine Messerfüße trugen mich durch ein hohes hölzernes Tor in die Stadt, wo ich meine Mutter antraf, die auf mich wartete. Sie sagte: "Schone bitte die Straßen der Stadt und die zarten Blätter auf den Bäumen, die sehr kostbar und rar geworden sind. Es ist noch früh am Tag. Bald wird die Sonne scheinen. Wir gehen Holunderbeeren sammeln, ehe sie verdorren. Du bist fürs Sammeln wie geschaffen, mein Sohn.“ Und sie trippelte in kleinen Schritten mir voran, immerfort schwarze Kügelchen von prallen Dolden zupfend. Ich zerrte an einem Holunderstängel, zog ihn zu Boden und versuchte ihn abzuschneiden. Doch er schnellte jedes Mal mit knackendem Geräusch zurück. Der Stängel wurde immer mächtiger, bis er die Größe eines Baumstammes erreicht hatte und ich selbst bildete auf seiner Krone eine riesige Dolde mit Tausend Beeren. Die Luft um mich verflüssigte sich in scharlachroten, perlenden Holunderbeeren-Saft, der zu Boden troff.
Dann schlüpfte ich aus der Dolde und wuchs immer höher hinauf, bis in den warmfeuchten Nebel, der mir wie mit Watte die spitzen Messerglieder reinigte. Unter mir breitete sich gleich einem nachtschwarzen Kornfeld leicht im Wind wiegende Holunderwald aus mit seinen unzähligen jungen Dolden. Doch dort oben, wo ich mich befand, war weder Raum noch Zeit.
Als ich zwischen den weichen Nebelschwaden hinausblickte in die Ferne sah ich eine Frau mit angewinkelten Armen unter dem Kopf ohne Gesicht und nackt in einer angeschwemmten Sanddüne liegen. Ich selbst wuchs und wuchs als Holunder über den Wald und die Nebel hinaus, und der rote sämige Saft der jungen Dolden rann in dünnen Fäden auf die Düne, wo sich tiefe Spuren in den Sand gruben - wie von spitzen Messern gezogen.



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Kommentare (3)


Eine spannende Geschichte mit ungewöhlichen an Dali erinnernden Bilder bestückt. Ein verklausulierter Lebensweg - von der Geburt über das Werden bis hin zum Blick auf das was bleiben könnte, wenn man selbst bereits gegangen ist.
Gefällt mir besonders ob der ungewöhnlich phantastischen Metaphern.

Lieber Gruß,
Caja
floravonbistram [size=14][/size]sie spiegeln vieles wieder, vermischen Erlebtes aus vielen Erdenleben, Gehörtes und Gewünschtes. Träume stimmen mich nachdenklich. Aber ist nicht alles stimmig? Auf der einen Seite die Natur, Wasser, Früchte etc und dann die Mahnungen der Mutter für den Schutz des Schwachen und als Krönung die Messer.
Flo
minu Ich konnte mir gut vorstellen wie das alles aussah. Ich musste sehr lachen.
Danke, für die lustige Geschichte. Emy

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