Warum eigentlich nicht?


Warum eigentlich nicht?


 
 

Sollte man Lebkuchen schon im September kaufen, wenn sie schon auf den Ladentischen liegen? Ist das ein Problem? An der Supermarktkasse bietet sich damit gleich ein Anlass für eine Diskussion.
Also gestern an der Kasse: Mit einer fast andächtigen Handbewegung lege ich eine Packung Lebkuchen auf das Band. Bei einigen Kunden vor mir nehme ich einen Hauch von Kopfschütteln wahr.
     »Die essen Sie doch nicht wirklich jetzt schon, oder?«, fragt plötzlich ein rüstiger Rentner hinter mir. »Ja selbstverständlich, was glauben Sie denn«, sage ich und zucke mit den Schultern.
       Ja wirklich, was glaubt er denn? Selbstverständlich werde ich sie essen! Ich weiß, dass sie im Spätsommer doch am besten schmecken, sie sind dann frisch aus der Herstellung und noch lange haltbar, dazu solch ein Aroma, das diese Lebkuchen im Dezember längst nicht mehr haben werden.
       Nun frage ich mich gleichzeitig, was dieser Mann hinter mir glaubt. Dies war schließlich seine Frage. Was glaubt er denn? Ist es ein religiöses Statement, wenn man Lebkuchen erst im Dezember isst? Oder ist es Teil eines spirituellen Weges? Ist es gar eine Art Blasphemie, wenn man sie schon im September kauft, bereits auf dem Parkplatz die Verpackung öffnet und einen im Gehen verspeist?
Ja, was glauben wir denn? Ich las einmal von einer Aktion der Kirchen, die »Advent ist im September«“ hieß. Sie sollte uns Menschen wohl daran erinnern, dass wir die Feste feiern sollen, wie sie fallen! Ich dachte dann schon darüber nach, vor dem Advent keine Lebkuchen zu kaufen. Doch ich kaufte dann doch welche. Als ich die Lebkuchen auspackte, war ich schon mitten im Thema. Woran glaubte ich? Für mich hat mein Glaube etwas Befreiendes. Er gibt meinem Leben Halt und einen Rahmen. Belehrungen darüber, wann ich Lebkuchen kaufen darf und wann nicht, finde ich ein bisschen komisch und beschränkt.
       Ich wünsche mir eher das Gespräch mit meinen Mitmenschen über Sinn und Unsinn, Hoffnung und Angst, Mut und Ohnmacht. Und ich glaube an Gott. Das jedenfalls kann jeder halten, wie er es möchte. Mein Gott aber lässt sich gewiss nicht in Kampagnen verkaufen, auch nicht mit Glitzerpapier in Lebkuchen-Papier hübsch verpacken und in einer gewissen Zeitspanne verbrauchen. Aber er ist ein Menschenfreund voller Geheimnisse. 
Nebenbei: Ist bekannt, dass die alten Ägypter den Lebkuchen erfunden haben? Und das schon im Jahr 350 vor Christus!
 


Anzeige

Kommentare (6)

Jutta

Lieber Horst,

Warum erst in der Adventszeit Lebkuchen essen, wenn ich ihn heute, Mitte September, schon kaufen kann??? Nein, ich habe heute Lust auf Lebkuchen, also esse ich ihn heute. Sollte ich in der Adventszeit wieder Lust auf Lebkuchen haben, weiss ich ja, wo ich ihn finde.
Ich wurde als Kind nicht an solch Weihnächtliche Traditionen herangeführt, sodass der hier zur Diskussion stehende Lebkuchen aus meiner Sicht dann gegessen werden kann, wenn man danach Lust verspürt.
So bringe ich den Lebkuchen nicht mit dem Glauben in Verbindung und glaube ohne Lebkuchen!
Du hast recht, Gespräche mit den Mitmenschen ist viel wichtiger und interessanter.
In diesem Sinne geniesse Deinen Lebkuchen und

sei herzlich gegrüsst von
Jutta



 

Pan

Richtig, liebe Jutta! Ich glaube, ohne den Lebkuchen zu verzehren.
Und ich verzehre ihn, ohne zu glauben, dass ich auf Weihnachten warten muss.

Es ist irgendwie paradox, solche Geschichten an das Weihnachtsfest zu hängen. Ich glaube doch auch nicht, Ostereier vom Kreuz zu pflücken, oder? 😅
damit schöne Abendstunden ohne Glaubensnöte ...


Horst

Muscari


Och, warum nicht? Wenn die Leckerlis schon da sind.
Auch ich habe mir vor ein paar Tagen die ersten (Aachener) Printen gegönnt. Auch den ersten Butterspekulatius.
Über den Zeitpunkt mache ich mir keine weiteren Gedanken. Und da ich eine "Süße" bin (außer Torten und Kuchen), lasse ich es mir schmecken.
Und Deine Lebkuchen sind auch nicht zu verachten.

😄 😃

meint mit heiterem Gruß
Andrea

 

JuergenS

kann man halten wie man will, jedes Symbol, wie Lebkuchen, das uns die Industrie bietet, kommt sozusagen eine Jahreszeit zu früh. Auch die Wintermode zum Beispiel.
Produktion braucht, das weiss jeder Techniker, einen Vorlauf.

Bei Reimen ist das anders, die kann man, weil immateriell und unverderblich, just in time machen und anbieten.

So ist halt das Leben, ich mag Lebkuchen frühestens Mitte Oktober vorzeitig essen.


🍺 (=Oktoberfest-Bier auch vorzeitig gebraut)

U. Petri

Ja, recht hast Du,
wenn sie schon da sind, die Lebkuchen, dann sind sie auch für Dich da.
Zumal sie dir so gut schmecken mit ihrem frischen Aroma.

Ich kann allerdings auch die Anderen gut verstehen, welche mit
verschiedenen Gebäcksorten eng das Gefühl von Weihnachten verbinden.
Sie wollen sich das nicht so verramschen lassen.
Die Kommerzialisierung so vieler gefühlsbeladener Dinge macht das
alles so "normal" : es ist nichts "Besonderes" mehr - schade!!

Mein Spekulatius hält jedenfalls noch bis Ostern!
Liebe Grüße, Ursula



 

Pan

Liebe Ulla, ich sehe keine Verbindung von Lebkuchen zu Weihnachten! Zu irgendwelchen Festivitäten bestimmtes Material zu verspeisen - da kommen mir noch nicht einmal Kindheitserinnerungen in Frage. Muss ich an das Christfest erinnert werden, indem ich Lebkuchen esse?

(Grund ist vielleicht: Mein letztes Lebkuchen-Ereignis im Jahr 1945 bestand aus Brotkrusten geröstet mit Kunsthonig!) 

🌛

Ich grüße Dich in den Abend hinein
Horst


Anzeige