Zuckmayers Licht-Metaphorik als Friedenshoffnung


„Ein nie vorher gesehener Stern“ -

Carl Zuckmayers Weihnachtsgedichte aus dem Jahre 1944

- Berichtigungen erfolgen noch! -


- Zuckmayers lyrische und historische Symbolik vom „nie vorher gesehenen Stern“ und seiner wunderbaren Zeichenkraft -

Foto:
http://www.lyrikwelt.de


Ein Interpretationsbeispiel aus einem Literatur-Thread des ST -



Rückblick auf den Thread:
Vorbemerkung zu einem eigenartig anrührenden Zuckmayer-Gedicht:
Hat jemand Lust, sich mit diesem besonderen Gedicht zu beschäftigen? – Wer fühlt sich angesprochen durch die klare Sprache, die Natürlichkeit, den Wunsch nach Licht und Aufklärung, die Empathie?


Hinweis:

Ich hatte den Vorschlag gemacht, „Zucks“ Stern-Gedicht im Internet in unserem Senioren-Forum diskutieren.

Hier läßt sich der Fortgang der Interpretationen mit verschiedenen, ergänzenden oder gegensätzlichen Meinungen nachlesen:

http://community.seniorentreff.de/forum/board/Ein-Weihnachtsgedicht-Zuckmayers-auffaelliger-Text-vom-besonderen-Stern;tpc22,308552


Hier im BLOG habe ich den Fortgang dieser Diskussion nicht vollständig aufgenommen; auf einzelne, interessante Beiträge aber wird verwiesen:


1. Der Text des Gedichts

Carl Zuckmayer:
Ein nie vorher gesehener Stern


Manchmal des Nachts, wenn ich die Öfen schürte,
Sah ich durchs Fenster, nah und weltenfern,
So jäh, als ob mich eine Hand berührte,
Den nie vorher gesehenen Stern.

Er sprang und zuckte grün in kaltem Feuer -
So groß war nie ein Licht, und kein Planet.
Mein Blick war blind davon, und ungeheuer
Erschrak mein Herz, und fand nicht zum Gebet.

Hob dann die Lider ich, war er verschwunden.
War es ein Zeichen? War's ein Ruf des Herrn?
Ich frage nicht. Doch hält mich tief gebunden
Der nie vorher gesehene Stern.
(Vermont, 1944)

*
(Gedruckt zuerst 1948. – Aus: C.Z.: Abschied und Wiederkehr. Gedichte. Ffm. 1977: Fischer Verlag. S. 203)


*

2. Zum Vorgehen während der Interpretation:

Das Gedicht, das als Weihnachtsgedicht im Internet häufig angeführt wird, erwähnt Anlass, Umstände und Motive der Weihnachtlichkeit überhaupt nicht.
Und trotzdem hat man ein suggestives Gefühl des Einverständnisses; nicht nur mit dieser Winterzeit, wo es kalt war für den, der sich hier als Schreibender und Handelnder „Ich“ nennt; nachts besondere Aufgaben hat; der Öfen, die er in seinem Haus versorgt, schüren muss und nahe mit oder in der Natur, ja mit den Sternen lebt.
Was für ein besonderer Stern mag das gewesen sein für einen deutschen Dichter, der 1944 in Emigration in den USA leben musste?


3. Entstehungszeit des Gedichts und Bedingungen des Autors


Und tatsächlich, das sei verraten:

Die Entstehungszeit, aber nicht die begrenzende zeitlich oder gedanklich Aussage des Gedichts ist der Winter 1944, als Carl Zuckmayer – nach 1938 geglückter Flucht aus Österreich – in den Vermonter Bergen in den USA lebte, zusammen mit seiner Frau Alice Herdan-Zuckmayer, den Tieren des Hauses und den Natur.
Als er sich in seiner Existenz als Künstler bedroht sah, pachtete er dort ab 1941 eine kleine Farm, die er bis Kriegsende bewirtschaftete. Einer besonderen Aufgabe kam er nach – er, der unverdächtigte Exilant und Demokrat: Ab 1943 schrieb er für das Office of Strategic Services (OSS), den ersten amerikanischen Auslandsgeheimdienst, Dossiers über deutsche Künstler, die im Hitlers Reich geblieben und zu meist gut von Hitler, Goebbels und Co. zu leben verstanden: Schauspieler, Regisseure, Verleger und Journalisten, die während der Zeit des „Dritten Reiches“ in Deutschland erfolgreich waren.
Er führte, mit dem Material, das ihm die Amerikaner aus der Weltpresse und aus Geheimberichten zur Verfügung stellen, die unterschiedlichen Verhaltensmöglichkeiten in einer Diktatur vor Augen: von der Anpassung bis hin zu zeitweiligen oder fortwährend-schweigenden Renitenz anhand von 150 exemplarischen Lebensläufen sichtbar. Diese Dossiers wurden erst 2002 als „Geheimreport“ veröffentlicht.

Informationen über diesen Zuckmayerschen „Geheimreport“:

http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport


Für die „Frankfurter Anthologie“ interpretierte Silke Scheuermann am 05.12.2009 Zucks Gedicht "Ein nie vorher gesehener Stern“ unter dem Titel „Vom Land leben, den Stern sehen“ [s. im Anhang] und resümiert die ländlich-konventionellen Erfahrungen des Neu-Farmers als wackeren Naturburschen, der in seiner Lebenschronik “Als wär’s ein Stück von mir“ vom finsteren Jahr 1944 schrieb und von bäuerlich-rustikaler Selbstversorgung berichtet, wenn er das Schlachten von Hähnen für die Kochtopf-Versorgung politisch deklariert und die Suppen- und Fleischversorgung stimmungsvoll anreichert als Sieg über Nazis: „Wir hatten Ribbentrops, mehrerer Himmlers, zwei Brüder Goebbels (Paul und Joseph).“.

*
Nun…?
Der „nie vorher gesehene Stern“ (die zentrale Licht und Hoffnung gebende Metapher) – was könnte also diese Metapher für ihn, den Hoffenden, den gerne in ein befreites, wenn auch besiegtes nach Deutschland Rückkehrwilligen bedeutet haben?


4. Eine Interpretation innerhalb der „Frankfurter Anthologie“ der FAZ von Silke Scheuermann:

Silke Scheuermann
Vom Land leben, den Stern sehen

Das finsterste Jahr", schrieb Carl Zuckmayer in seiner Autobiographie „Als wär's ein Stück von mir", „war das Jahr 1944."
Der in Deutschland berühmte, inzwischen verbotene und in die USA emigrierte Schriftsteller bewirtschaftete im Bundesstaat Vermont eine Farm, wo er den zum Schlachten vorgesehenen Hähnen Namen gab, die ihm den Umstand des Tötens erleichtern sollten: „Wir hatten Ribbentrops, mehrere Himmlers, zwei Brüder Goebbels (Paul und Joseph)." Makabrer Humor war seine letzte Zuflucht, Zuckmayer lebte „in Furcht und Trauer". Deutschland war „schuldig geworden vor der Welt", Freunde und Kollegen starben, vom gescheiterten Aufstand der deutschen Offiziere am 20. Juli erfuhr er aus dem Radio.
Das Gedicht „Ein nie vorher gesehener Stern" entstand 1944; es ist nur dreimal vier kreuzgereimte Zeilen lang und von eindrücklicher Schlichtheit. Zuckmayer schildert darin, wie so oft, ein Naturerlebnis. Das lyrische „Ich" schürt nachts die Öfen und bemerkt eben diesen, dem Text seinen Titel gebenden „nie vorher gesehenen Stern" durch das Fenster.
Seit seiner Jugend war Zuckmayer Karl-May-Fan gewesen. Nach seiner Flucht in die USA wurde er dort erst heimisch, als er in der Farm das Indianerland seiner Jugend wiedergefunden hatte. Er lebte nicht „auf dem Land", sondern „vom Land". Um sich geborgen zu fühlen, waren Maßnahmen gegenüber den strengen Winterverhältnissen nötig. So entwickelte er einige Techniken, die ihm dabei halfen, sich vor allem in eiskalten Nächten beschützt zu fühlen, zum Beispiel machte er einen regelrechtem Kult um das Heizen des Hauses. Für das Feuermachen im offenen
Kaminen schichtete er meterlange gespaltene Birkenhölzer in einer bestimmten Architektur auf, um dann dem solchermaßen „gebauten" Feuer befriedigt zuzusehen. Seine Frau nannte ihn einen „Pyromantiker".

Beim Lesen des Gedichts stellt man sich so eine herzlich verfrorene Stunde vor, „des Nachts", wenn der Dichter „die Öfen schürte". Die extremen Launen der Natur, denen Zuckmayer ausgesetzt war, spiegeln sich im Vokabular der Superlative und Extreme wider, das Himmelslicht ist „nah und weltenfern", und er schreibt, geradezu auftrumpfend: „So groß war nie ein Licht, und kein Planet."
Seltsamerweise aber beginnt das Gedicht, das doch darauf abzielt, ein anscheinend einzigartiges Erlebnis heraufzubeschwören, mit dem Wort „manchmal". Das Adverb überliest man leicht, um dann, wenn das drei Akte lange Spektakel des Gedichts vorbei ist, noch einmal darauf zurückzukommen. Es hat etwas Tröstliches, dieses „manchmal", es bedeutet Wiederholung, die zweite oder dritte Chance, es ruft eine Regelmäßigkeit auf, wie sie für Naturereignisse charakteristisch ist.
„So jäh, als ob mich eine Hand berührte", spürt das lyrische „Ich" die entfernte Anwesenheit des „Sterns". Das klingt nach einem religiösen Erweckungserlebnis: So intensiv' beschreibt der Autor 'das Auftauchen und Verschwinden des Himmelslichts, dass diese Sichtung in der | Konsequenz gar nicht bedeutungslos sein kann. Der tiefgläubige Zuckmayer ist bewegt, als sähe er ein märchenhaftes Theaterstück: ein Schauspiel aus seinem Inneren, im Himmel gezeigt.. Fragen schließen sich an. Sie könnten lauten: Wer lenkt (die Natur? Wer lässt den Krieg zu? Zuckmayer versuchte sich in der schweren Zeit der Verluste zu trösten, sagt sich in dieser Zeit in seiner Autobiographie, das „nur aus der Erkenntnis des Todes uns das Lebensbild erwächst". Der Schriftsteller, zu dessen Grunderfahrungen die des Ersten Weltkriegs gehörte, den er voller Hoffnung, mit der Vision einer humaneren Welt, hinter sich ließ, zeigt sich aufgewühlt.
Aus „Ein nie vorher gesehener Stern" hätte leicht ein religiöser Text werden können. Doch als ob Zuckmayer befürchtet hätte, sein kleines Kunstwerk würde allzu schlicht der Vereinnahmung als christliche Gebrauchslyrik anheimfallen, wehrte er sich gegen diese eindeutige Interpretation. „Manchmal" heißt eben nicht „immer". Das Ewige, Göttliche fest in den Kreis der Natur zu heben, so Menschenwelt und Gott ineinanderzudenken, wie das einer ungebrochenen Romantik naheläge, verhindert die Zeit des nationalsozialistischen Regimes, das die Sprache pseudosakral vergötzte und brennenden Öfen für immer die Unschuld der Heimeligkeit nahm. Wenn also Zuckmayer die letzten Fragen stellt, dann nur, um ihnen in einem offenen Manöver auszuweichen. In der letzten Strophe heißt es: „War es ein Zeichen? War's ein Ruf des Herrn? / Ich frage nicht." Zweifel und Wunsch halten sich die Waage, Skepsis und Hoffnung. Es war der letzte Kriegswinter; im nächsten Frühjahr hörte Zuckmayer von der Kapitulation Nazideutschlands.
„Mein Blick war blind davon, und ungeheuer / Erschrak mein Herz, und fand nicht zum Gebet": Im Jahr 1946 konnte in seine Heimat zurückkehren.
Er hatte nicht gebetet - aber sein Gebet wurde erhört.
(FAZ vom 05.12.2009)

*

Anmerkung:

Diese doppelte, nicht sofort erschließbare, satirisch-böse Ironie bezieht sich auf denselben Propagandisten, eben Goebbels, der mit zwei voll christlichen Vornamen „Paul Joseph“ G. hieß.


5. Zucks bekanntestes Gedicht über seine vorübergehende Heimat als Farmer in den Vermonter Bergen/US:

Carl Zuckmayer:
Die Farm in den grünen Bergen

Auf freier Höhe, doch von Wald umfriedet,
Stehst du getrost in Wind und Wettern da,
Als wärst du an den Himmel festgeschmiedet.
Mir gabst du Heimat, immerdar.

Mit blutigen Fingern lernt ich dich betreuen
Viel hartes Holz verheizt ich im Kamin.
Und wie die Monde gehn und sich erneuen
Lebt ich mit Quelle, Tier und Baum dahin.

Bis mich ein neues Stichwort auf die Szene
Des Tages bannte, in ein brennend Stück,
Doch wenn ich mich in Träumen heimwärts sehne,
Kehr ich im Nordlicht in das Haus zurück.
*
(C.Z.: Abschied und Wiederkehr. Gedichte. Ffm. 1977. S. 204)



6. Das ergänzende Gedicht in dem Entstehungszusammenhang

Carl Zuckmayer:
Vorblick in ein blutiges Jahr

O trübverwölkte Sicht. O schwarzer Abendwind.
O dumpfer Schmerz in mein er linken Schläfe.
Und plötzlich wilder Stich in meiner Brust
Und grausam aufgerißne Ferne - nah vor Augen!!
Mein Gott, mein Gott. Was müssen die noch sterben,
Die dort vorüberziehn und mit der blassen zag erhobnen Hand,
Als wollten sie den letzten Lichtstrahl greifen,
Den Himmel grüßen - der schon heimlich blüht -
Voll unsichtbarer Sterne.
Euch aber wird kein Stern mehr leuchten,
Und kein sanfter Wind .
Wird Eure Haare trocknen und kein gutes Feuer
In Euren Hütten brennen, die Ihr nie mehr sehet. Denn es gibt
Auf dieser Straße keine Heimkehr.
Blut rinnt in braunen Bächern, übern Schnee.
Blut sickert aus zerwühlten Gräbern. Blut
Spritzt aus Herzen, Schößen, Gliedern, die
Verflucht sind, Fluch um Fluch zu zeugen.
Ward je ein Heiland dieser Welt geboren?
Sangen Kinder je
Den Jubel froher Botschaft?
Wird wieder Friede kommen?
Gab es Frieden je?
Ach - fern ist alle Hoffnung.
*

Zuckmayer gibt selber Erläuterungen zum Gedicht: Es sei „Weihnachten 1943“ verfasst worden; er habe es aber erst „aufgefunden im Sommer 1951“, bei der Einsicht in „Wirtschaftsbüchern auf der Farm in Vermont“.

(C.Z.: Abschied und Wiederkehr. Gedichte. Ffm. 1977. S. 204)

*

7. Das thematisch abschließende Gedicht, das ein biblische Urtümlichkeit formuliert, zwischen Himmel und Erde:


Carl Zuckmayer:
Erdwende


Das ist die Stunde, wenn die Sterne bleichen.
Noch ist kein Tag, und doch ist nicht mehr Nacht.
Die Erde so in Finsternis begraben,
Daß alle Form versinkt, kein Maß mehr gilt,
Kein Schritt mehr weiterführt. Die Welt
Ist wüst und leer. Der Himmel
Ungeboren.
Und während du zum frühen Werk dich rüstest,
Sinkt dir die Hand. Ein Schauer weht dich an
Und macht dich reglos. Leblos fast. Verloren
An solche Dunkelheit, die kein Erinnern hat,
Kein Wissen, kein Gefühl.
Nur die Erwartung.
So wartet,
Wer von Schicksal weiß. So warten
Die Männer vor der Schlacht. So wartet
Ein bräutlich Kind dem grausam holden Weckstrahl
Ihres Bluts entgegen. Völker warten so
Auf das Verhängte, furchtbar Auferlegte.
Der junge Priester auf der Gnade Tau. Das Opfer
Auf seine bittre Stunde. Stand nicht zitternd einst
Ein erster Mensch? und harrte
Des ersten Sonnenstrahls? Harrte
Des goldnen Rieseins - stets voll neuer Bangnis,
(Ob es denn werden will, - ob's wiederkehre,
(Ob es auch heut wie stets geschehen möge:
Das Wunder, - zu dem der Schöpfer selbst
Sich zwang, es täglich neu zu tun,
Und das eine Wunder bleibt, solange ein Auge
Ihm aufgetan.
Jetzt aber bricht
In donnernden Kaskaden
Demantne Sturzflut
Gottesblind
Auf dich hernieder,
Und du kniest
Und betest.

(C.Z.: Abschied und Wiederkehr. S. 205f)



In diesen Gedichten ist die Licht-Metaphorik das beherrschende Motiv der Texte als Handlung und der Aussagen.

Ich habe in C.Z.s Lebensbiografie "Als wär's ein Stück von mir" viele solcher Licht-Aussagen gefunden, die für die Zeit des Weltkriegs von 1939 bis 1945 fundamentale Hoffnung auf Freiden ausdrücken.

Ich werde sie hier zitieren:



Abschlussbemerkung:


Ich habe hier die gemeinsame Forums-Interpretation zu

Carl Zuckmayers
"Ein nie vorher gesehener Stern"


in einem BLOG zu diesem Gedicht zusammen gefasst, um zwei Gedichte aus dem Entstehungszusammenhang ergänzt und dort auf diesen Thread hier verwiesen.

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Kommentare (2)

longtime Ich weiß nicht, warum mein BLOG über Zuckmayers Hoffnungs-Gedicht nicht zu lesen und zu hören ist.

Tut mir Leid!

Muss ich mich mal erkundigen. - Früher klappte das mit den BLOGS prima!

Longtime!
ich will mit hoffen
und Hoffnung haben.


Diro

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