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Aktuelle Themen Nicht nur in Zusammenhang mit dem 3. Oktober - Die Frage nach den politischen Mythen

niederrhein
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Nicht nur in Zusammenhang mit dem 3. Oktober - Die Frage nach den politischen Mythen
geschrieben von niederrhein
Gründungsmythen, staatliche, politische, gesellschaftliche Mythen ...

Als Anlässe ...
(1) In Zusammenhang mit einem Projekt des Osteuropa-Instituts der Freien Universität in Berlin, in dessen Rahmen eine deutsch-bulgarische wissenschaftliche Konferenz in Sofia stattfinden soll, unter dem Titel: "Feindbild Islam: Geschichte und Gegenwart antiislamischer Stereotype in Bulgarien am Beispiel des Mythos vom Massaker in Batak", erschien in der FAZ vor kurzem ein längerer Bericht, der u.a. die Reaktion der bulgarischen Öffentlichkeit, die Empörung vieler Menschen und Institutionen in Bulgarien, schilderte. (Siehe: http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,2459306,00.html) Offenbar entgegengesetzt historischer Forschung und Erkenntnisse hält der bulgarische Staat, die bulgarische Öffentlichkeit an einem Mythos, an einem „bestimmten Bild“ eines geschichtlichen Ereignis fest.
(2) Hier wird heute, am 3. Oktober, offiziell der „Tag der deutschen Einheit“ begangen (und auch von den Deutschen gefeiert?) ... und nicht erst jetzt spricht man von den vielen „Mythen“, die rund um das ganze Geschehen 1988, 1989 und ff. gebildet werden. (Typisch: Ist z.B. diese „deutsche Einheit“ das alleinige oder hauptsächliche Werk von Helmut Kohl oder nicht? Gegebenenfalls: Welchen Anteil an jenen Vorgängen hatte der damalige Bundeskanzler wirklich?)

Daraus folgernd: Überall existieren offenbar Mythen.
Der Mythos der Neutralität während des Zweiten Weltkrieges (Schweiz, Schweden), Mythos des Widerstandes (Frankreich, Niederlande), Mythos des sauberen Krieges, der „sauberen Armee“ ... Mythos, dass in (Süd)Vietnam 1964 ff. Friede, Freiheit und Demokratie verteidigt wurde, die damals in Südvietnam gar nicht existierten. Der Mythos der Bedrohung durch den Irak ...
Dazu kommen die vielen Gründungsmythen von Dynastien, von Staaten (Israel!), von bestimmten politischen und gesellschaftlichen Traditionen ...
Der Mythos der Stunde Null ... suggerierte damals den totalen Neuanfang, verdrängte die Vergangenheit und exkulpierte alle für die Verbrechen und das totale Desaster des Dritten Reiches verantwortlichen Menschen. Der Mythos, dass 1948, mit bzw. nach der (westdeutschen) Währungsreform alle Menschen gleich arm etc. gewesen seien und alle die gleichen Chancen gehabt hätten.
Der Mythos, dass die „Mauer“ das alleinige und böse Werk des Ostens, der DDR gewesen sei, das die westdeutsche Regierung und die westlichen Regierungen völlig unvorbereitet getroffen hätte.

Das heißt, anstatt die – vielleicht manchmal widerspruchsvolle – Komplexität wiederzugeben, setzt „man“ – ja, wer genau: Regierung, Staat, Gesellschaft, mediale Öffentlichkeit, die Menschen? – „Bilder“, „Geschichten“, Mythen ein, die eben nicht die Wirklichkeit wiedergeben bzw. sogar die Wirklichkeit einseitig und/oder verfälscht oder gar falsch darstellen. Und man – Staat, Regierung, Öffentlichkeit und Menschen – reagiert geradezu empört, wenn diese Mythen angegriffen oder gar widerlegt werden: Nach einer Ringsendung der schweizerischen Medien in den frühen 70er Jahren bezüglich der sogenannten neutralen Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg empörten sich monatelang die Schweizer. Und als 1993 (?) eine schwedische Historikerin die wenig rühmliche Rolle der schwedischen Regierung bzw. Schwedens während des Zweiten Weltkriegs in ihrer Dissertation (oder war es ihre Habilitation?) darstellte, reagierte die schwedische Öffentlichkeit desinteressiert bzw. empörte sich ebenfalls.

Daraus ergeben sich Fragen, Probleme ...
Brauchen denn Menschen Mythen? Mythische Vorstellungen und logisches Denken, so schrieb Wilhelm Nestle zu Beginn seiner immer noch fundamentalen Darstellung „Vom Mythos zum Logos“ (Stuttgart 1975) seien Gegensätze.
Entspricht also das Bildhafte (Mythos) mehr dem Menschen, dem menschlichen Gehirn, als das Begriffliche (Logos)? Begnügt sich deshalb der Mensch lieber mit dem Mythos als mit der komplexen Wahrheit? Kann man deswegen den Menschen mit Mythen leichter manipulieren? Verweigern sich deshalb Menschen der oft komplexen und nicht leicht zu verstehenden begrifflichen Wahrheit und begnügen sich mit Mythen? Dienen Mythen dazu, die politisch-historische Wahrheit zu verdrängen? Dienen Mythen der politisch-staatlichen Instrumentalisierung des Menschen, der Gesellschaft?

Die Bertha
vom Niederrhein


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karl
karl
Administrator

Re: Nicht nur in Zusammenhang mit dem 3. Oktober - Die Frage nach den politischen Mythen
geschrieben von karl
als Antwort auf niederrhein vom 03.10.2007, 06:04:31
Hallo Niederrhein,


gerade an dem bulgarischen Beispiel ist gut erkennbar, dass Mythen ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Gerade die Gründermythen oder die Mythen über eine heldenhaft bestandene Schlacht stiften ein kollektives Bewusstsein. Angriffe auf solche Mythen werden als Angriffe auf die eigene nationale Identität etc. betrachtet. Solche Mythen werden deshalb mit einem Kritiktabu belegt.

Leider ist nur noch ein Exemplar deines von dir empfohlenes Buches bei Amazon über einen externen Shop gebraucht zu erhalten (s. Linktipp).
--
karl
niederrhein
niederrhein
Mitglied

Anmerkung ...
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf karl vom 03.10.2007, 08:45:08
Anmerkung

[...] gerade an dem bulgarischen Beispiel ist gut erkennbar, dass Mythen ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Gerade die Gründermythen oder die Mythen über eine heldenhaft bestandene Schlacht stiften ein kollektives Bewusstsein. Angriffe auf solche Mythen werden als Angriffe auf die eigene nationale Identität etc. betrachtet. Solche Mythen werden deshalb mit einem Kritiktabu belegt. [...} karl
geschrieben von karl


Ich muß gestehen, daß ich bei meinen Zeilen diesen identitätsschaffenden Aspekt bewußt weggelassen hatte, weil mir der Gegensatz "Mythos" als gewünschtes Bild im Gegensatz zur tatsächlichen Wirklichkeit wichtig war. Denn wohl alle/ die meisten politisch-staatlichen Mythen verdrängen eben die ganze Wahrheit und Wirklichkeit.

Erstaunlich ist, wie schnell sich Mythen bilden (oder bewußt produziert und publiziert werden ; heute bietet das Fernsehen wohl das ideale Medium dafür.) und sich letztlich halten, weil sie etwa einem kollektiven Gefühl entgegenkommen oder helfen, Unangenehmes zu verdrängen.
Mythenbildung scheint wohl ein grundsätzlicher Teil des menschlichen Denkens zu sein?

Stichwortartikel u.a. im Kleinen Pauly, im dtv-Lexikon der Antike, zur Erstinformation in:

- Stichwort "Mythos"/ Wikipdedia

- Stichwort "Gründungsmythos"/ Wikipedia


· H. W. Nestle: Vom Mythos zum Logos; Kröner-Verlag, 1975 (Nachdruck der 2. Aufl. von 1941)
· K.-H. Volkmann-Schluck: Mythos und Logos, Tübingen 1969 (Niemeyer-Verlag)

Mein von mir gezeigtes Buch befaßt sich nicht mit dem hier angesprochenen politischen Mythos, sondern mit dem Thema Mythos - Logos in der griechischen Philosophie. (Ich bin also vom philosophischen Aspekt des Begriffes Mythos ausgegangen.)

Die Bertha
vom Niederrhein


Noch ein Hinweise auf personale Mythen
Lange hielt sich das gewollte Bild der unpolitischen Ingenieure Werner von Braun und Albert Speer ... heute weiß man es anders, früher wollte man es offenbar gar nicht wissen.

Der heutige Tag (3. Oktober) böte Anlaß, über BRD- und DDR-Mythen nachzudenken ...



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marina
marina
Mitglied

Re: Nicht nur in Zusammenhang mit dem 3. Oktober - Die Frage nach den politischen Mythen
geschrieben von marina
als Antwort auf niederrhein vom 03.10.2007, 06:04:31

Brauchen denn Menschen Mythen? Mythische Vorstellungen und logisches Denken, so schrieb Wilhelm Nestle zu Beginn seiner immer noch fundamentalen Darstellung „Vom Mythos zum Logos“ (Stuttgart 1975) seien Gegensätze.
Entspricht also das Bildhafte (Mythos) mehr dem Menschen, dem menschlichen Gehirn, als das Begriffliche (Logos)? Begnügt sich deshalb der Mensch lieber mit dem Mythos als mit der komplexen Wahrheit? Kann man deswegen den Menschen mit Mythen leichter manipulieren? Verweigern sich deshalb Menschen der oft komplexen und nicht leicht zu verstehenden begrifflichen Wahrheit und begnügen sich mit Mythen? Dienen Mythen dazu, die politisch-historische Wahrheit zu verdrängen? Dienen Mythen der politisch-staatlichen Instrumentalisierung des Menschen, der Gesellschaft?

Die Bertha
vom Niederrhein




Bertha, das ist ein hochinteressantes, komplexes Thema, das Du da eingestellt hast und über das ich erst vor kurzem eine Vorlesungsreihe an der Uni gehört habe von Peter Tepe (www.petertepe.de)
Ich fasse mal nur weniges von dem zusammen, was ich mitgeschrieben habe (das war so viel, ich habe ein ganzes Skript von dieser Reihe, so dass ich mich beschränken muss):
Der Begriff „Mythos“ ist ein Modewort geworden in den Medien, auch in der Literatur (oft steht im Untertitel eines Buches das Wort „Mythos“). Alle Autoren verstehen etwas anderes unter diesem Begriff, und er führt zu vielen Missverständnissen, weil man im allgemeinen davon ausgeht, dass mit diesem Wort rein intuitiv „alles klar“ ist. Auch in Werbezetteln. Zeitungen,. Illustrierten etc. wird oft mit dem Mythosbegriff jongliert. In Medientexten bleibt das Wort „Mythos“ immer unaufgeklärt, was zu „Chaotisierung“ führt, weil jede/r ein anderes Verständnis von dem Begriff hat.
Hier kurz Tepes Unterscheidungen der Mythenbildungen: Mythos:
- unzutreffendes, verklärendes Bild
- Leitidee oder Vorstellung
- Vorbild für eine ganze Generation (politische Ikonen wie Che Guevara)
- Symbolfigur: Leitfigur, die die Bestrebungen einer Gruppe befördert wie politische Ikonen, aber auch Personen, deren früher Tod zur Mythenbildung beiträgt (Beispiel Diana, James Dean).

Wenn am Mythos gekratzt wird, erschüttert das ein positives Bild, ist also nicht erwünscht.
Außerdem ist der Mythos ein Element der eigenen Geschichte, das für das jeweilige kollektive Bewusstsein eine symbolische Bedeutung hat (das hast du ja im Thread von Checkpoint Charlie angedeutet).
Zu der Frage „Brauchen denn Menschen Mythen?“ sagt Tepe, dass das mythische Denken auch eine Funktion hat: Durch mythisches Denken überwindet der Mensch seine Fremdheit in der Welt. Die Konflikte einer Gesellschaft werden oft versucht durch Mythen „in den Griff zu bekommen“
Gedanken von mir dazu: Das sieht man ja auch in vielen Diskussionen, bei denen m. E. zum Teil heftige Mythenbildungen im Gange sind. Offenbar brauchen die Menschen Mythen, um ein System (Beispiel Nationalsozialismus oder DDR) auszuhalten, das sonst nicht so leicht zu ertragen wäre. Und Mythen werden auch von oben geschürt, sie dienen damit einer Funktion der Stabilisierung, also, sich das Volk untertan zu machen und damit zu erreichen, dass es sich den herrschenden Systemen anpasst und nicht revoltiert. Und sie dienen der Funktion der Vergangenheitsverklärung, die sehr nützlich sein kann (hast Du ja schon erwähnt).
--
marina
marina
marina
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Re: Nicht nur in Zusammenhang mit dem 3. Oktober - Die Frage nach den politischen Mythen
geschrieben von marina
als Antwort auf marina vom 03.10.2007, 13:59:47
Hier noch ein Literaturhinweis: "Die Wahrheit des Mythos" von Kurt Hübner
--
marina
niederrhein
niederrhein
Mitglied

Anmerkung "Mythos - Logos"
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf marina vom 03.10.2007, 13:59:47
[...] Entspricht also das Bildhafte (Mythos) mehr dem Menschen, dem menschlichen Gehirn, als das Begriffliche (Logos)? //
Der Begriff „Mythos“ ist ein Modewort geworden [...] Hier kurz Tepes Unterscheidungen der Mythenbildungen: Mythos:
- unzutreffendes, verklärendes Bild
- Leitidee oder Vorstellung
- Vorbild für eine ganze Generation (politische Ikonen wie Che Guevara)
- Symbolfigur: Leitfigur, die die Bestrebungen einer Gruppe befördert wie politische Ikonen, aber auch Personen, deren früher Tod zur Mythenbildung beiträgt (Beispiel Diana, James Dean).
[...] Zu der Frage „Brauchen denn Menschen Mythen?“ sagt Tepe, dass das mythische Denken auch eine Funktion hat: Durch mythisches Denken überwindet der Mensch seine Fremdheit in der Welt. Die Konflikte einer Gesellschaft werden oft versucht durch Mythen „in den Griff zu bekommen“ // Gedanken von mir dazu: Das sieht man ja auch in vielen Diskussionen, bei denen m. E. zum Teil heftige Mythenbildungen im Gange sind. Offenbar brauchen die Menschen Mythen, um ein System (Beispiel Nationalsozialismus oder DDR) auszuhalten, das sonst nicht so leicht zu ertragen wäre. [...] sie dienen damit einer Funktion der Stabilisierung, also, sich das Volk untertan zu machen und damit zu erreichen, dass es sich den herrschenden Systemen anpasst und nicht revoltiert. Und sie dienen der Funktion der Vergangenheitsverklärung, die sehr nützlich sein kann (hast Du ja schon erwähnt). marina


Ich bin bei meinen Überlegungen gleichsam etymologisch, philosophisch und historisch vorgegangen; d.h. ich habe mich auf den (alt)griechischen Ursprung bezogen. Eben auf die Grundbedeutung Mythos = Bild/ Geschichte - so wird eben Unerklärliches durch ein Bild/ durch eine Geschichte anschaulich, wobei die sozialpsychologischen, soziologischen und politischen Funktionen bereits mit der Verwendung des Begriffs auftauchen und gleichsam immanent sind. Dem gegenüber steht eben der Logos: die begriffliche, die logische Darstellung der Welt.

Man könnte die beiden griechischen Wahrheitsbegriffe aletheia und orthotes diesen beiden Begriffen zu ordnen: Der Mythos führt zur aletheia, die sich durch Schauen (hier das geistige Schauen) enthüllende Wahrheit (etwa eines Kunstwerks; siehe Heidegger: Vom Ursprung des Kunstwerkes, Reclam)
Die orthotes (= wörtlich: Richtigkeit) hingegen bedeutet nur die Richtigkeit, die Übereinstimmung von einer Aussage mit der entsprechenden Wirklichkeit.
(Schönheit ist sicher ein Phänomen, das sich nicht durch die orthetes verifizieren läßt.)

Für mich be-inhaltet die Frage nach den (politischen und/oder gesellschaftlichen) Mythen vor allem: Wer schafft diese Mythen zu welchem Zweck? Wie werden diese Mythen verbreitet; wie setzen sich diese Mythen in den Köpfen oder vielmehr im Herzen/ im Gefühl fest? Wie und warum werden diese Mythen - oft gegen besseres Wissen und gegenüber klaren Fakten - so verteidigt?

Wobei die strukturellen Funktionen natürlich klar sind; aber wie sieht das konkret beim einzelnen Menschen, bei dessen Argumentation aus?

Danke für Deinen Beitrag ...

Die Bertha
vom Niederrhein


P.S. Danke auch für den Literaturhinweis!

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dutchweepee
dutchweepee
Mitglied

Re: Anmerkung "Mythos - Logos"
geschrieben von dutchweepee
als Antwort auf niederrhein vom 03.10.2007, 16:14:31
@bertha

tolles thema!

mir fallen tausend sachen dazu ein, aber zuerst möchte ich sagen, daß der "mythos des niederländischen widerstands" im zweiten WK gerade sehr kontrovers in holland diskutiert wird. letztes jahr kam hier dazu ein bemerkenswerter film in die kinos: SCHWARZBUCH.

viele dokumentationen liefen daraufhin, die die niederlande nicht so moralisch überlegen aussehen lassen. im prinzip waren viele der niederländer mit der "lebensraum im osten ideologie" einverstanden und hatten nichts dagegen, daß die faschisten die drecksarbeit mit den juden machen.

nach dem einmarsch der deutschen, kamen niederländische bankiers unaufgefordert zum stadtkommandanten von a-dam, um ihm den inhalt jüdischer konten zu offerieren. damit hatten die deutschen gar nicht gerechnet und es nicht mal zu fordern gewagt.

beim bau des atlantikwall waren holländische arbeiter und betriebe stolz darauf, vor den belgiern und franzosen die arbeiten abgeschlossen zu haben und vor allem, daß es kaum sabotage gab. nicht zuletzt wurden zwei komplette ss-divisionen mit flämischen freiwilligen gefüllt.

allerdings muss ich sagen, daß die niederländer (zumindest in den holländischen medien) kompromisslos mit dem "mythos widerstand" aufräumen.
marina
marina
Mitglied

Re: Anmerkung "Mythos - Logos"
geschrieben von marina
als Antwort auf niederrhein vom 03.10.2007, 16:14:31

Für mich be-inhaltet die Frage nach den (politischen und/oder gesellschaftlichen) Mythen vor allem: Wer schafft diese Mythen zu welchem Zweck? Wie werden diese Mythen verbreitet; wie setzen sich diese Mythen in den Köpfen oder vielmehr im Herzen/ im Gefühl fest? Wie und warum werden diese Mythen - oft gegen besseres Wissen und gegenüber klaren Fakten - so verteidigt?

Wobei die strukturellen Funktionen natürlich klar sind; aber wie sieht das konkret beim einzelnen Menschen, bei dessen Argumentation aus?

Danke für Deinen Beitrag ...

Die Bertha
vom Niederrhein


P.S. Danke auch für den Literaturhinweis!


Sicher hast du die Antworten auf diese Fragen in deinen schlauen Büchern schon gefunden, Bertha, und ich meine, du hast sie teilweise auch schon gegeben, z. B. mit dem Hinweis, dass Mythen „einem kollektiven Gefühl entgegenkommen oder helfen, Unangenehmes zu verdrängen“ und dass „Mythenbildung wohl ein grundsätzlicher Teil des menschlichen Denkens zu sein [scheint]“.
Teilweise habe ich ja auch eine Antwort danach gesucht, indem ich auf die Funktion der Stabilisierung eines Systems hingewiesen habe, du selbst hast das ja auch an anderer Stelle in anderen Worten schon getan. Zu der Frage, warum Mythen wider besseres Wissen verteidigt werden, könnte man bestimmt eine Menge aus der Psychoanalyse anführen. Ich zitiere einen Satz von dem oben erwähnten Peter Tepe: „Im Mythos (im verklärenden Bild) findet jeder ein Stück dessen, was ihn persönlich bewegt. Das macht die Leidenschaft aus, die Mythen zu wecken vermögen“.
Ich denke, dass Mythen vielfach helfen, Ängste zu verdrängen oder Wunschträume zu realisieren. Interessant ist übrigens in meinem vorliegenden Reader von Tepe der Hinweis, dass es Mythen auch in der Wissenschaft gibt, die sich frei davon fühlt, dass es auch einen Wissenschaftsmythos gibt. Er weist auf den „Mythos objektiver Forschung“ hin. D. h. Mythen finden sich überall, und ich ziehe das Fazit daraus, dass man allen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber genauso skeptisch sein muss wie irgendwelchen ideologischen Gedankengebäuden, denn auch diese finden sich in den Naturwissenschaften wieder (s. der Streit um CO 2 und Klimaveränderung, da sieht man es ganz deutlich, die Ergebnisse fallen je nach gewünscht aus). Deshalb, um mal etwas Persönliches zu formulieren, tue ich mich schwer damit, mich zu irgend einer Richtung klar zu bekennen. Ich bin weder eine Christin noch eine Atheistin, weder politisch rechts noch richtig links, also eigentlich sitzt man immer zwischen den Stühlen, wenn man erkannt hat, dass letztlich jede höhere Verkündigung und jedes „Überzeugunssystem“ (Ausdruck von Tepe) von einer „Weltauffassungsstruktur“ (ders.) geprägt ist und mehr oder weniger auf Mythenbildung beruht.
--
marina
cecile
cecile
Mitglied

Re: Anmerkung "Mythos - Logos"
geschrieben von cecile
als Antwort auf marina vom 03.10.2007, 19:49:00
Es ist nur allzu verständlich, dass Mythen (aller Art, nicht nur politische) dem Menschen helfen seine Aengste zu verdrängen und sich in einer verwirrenden Welt zurechtzufinden.
Wer möchte nicht in herrlich lauwarmen "kollektiven Gefühlen" baden!!

Und doch: ich glaube, dass jeder zerstörte Mythos ein Schritt in eine erstrebenswerte Richtung ist, ein Schritt zum selbstständigen, nicht manipulierten Menschen.

Cécile
niederrhein
niederrhein
Mitglied

Im Anfang war der Mythos ....
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf marina vom 03.10.2007, 19:49:00
Im Anfang war der Mythos ....

[...] Mythen „einem kollektiven Gefühl entgegenkommen oder helfen, Unangenehmes zu verdrängen“ und dass „Mythenbildung wohl ein grundsätzlicher Teil des menschlichen Denkens zu sein [scheint]“. [...] [Tepe] „Im Mythos (im verklärenden Bild) findet jeder ein Stück dessen, was ihn persönlich bewegt. Das macht die Leidenschaft aus, die Mythen zu wecken vermögen“.
Ich denke, dass Mythen vielfach helfen, Ängste zu verdrängen oder Wunschträume zu realisieren.[...] „Mythos objektiver Forschung“ hin. [...] dass man allen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber genauso skeptisch sein muss wie irgendwelchen ideologischen Gedankengebäuden [...] marina


Es scheint wohl eine Differenzierung notwendig. Auf der einen Seite der Begriff Mythos aus seinem etymologisch-geschichtlichen Ursprung heraus, auf der anderen Seite die wohl vielseitigen Funktionen, die Mythen heute zu haben scheinen. Dann eben die grundsätzliche Frage, wieweit Menschen Mythen benötigen bzw. wieweit Mythen dem menschlichen Denken, Erkennen, Schauen, also der menschlichen Natur entgegenkommen.

Als ein Mensch, der sich dem humanistischen Erbe, der sich der griechisch-lateinischen Tradition verpflichtet weiß bzw. davon geprägt ist, ist der Mythos der bzw. ein philosophischer Beginn der Erkenntnis ... der Versuch einer Abstraktion. (Salopp könnte auch auch sagen: Weil man's halt nicht besser wußte; hier haben auch die Religionen letztlich ihren Ursprung.) Abgelöst wurde der Mythos durch den Logos, durch das begriffliche Denken.
Man könnte also philosophiegeschichtlich oder erkenntnistheoretisch den Mythos als die Vorstufe des (wissenschaftlichen) Denkens einordnen; der Logos löst dann den Mythos ab.

Tepe - so weit ich das auf die Kürze richtig verstanden habe - löst den Begriff Mythos aus seinem Ursprung ab und sieht ihn (durchaus mit Recht) funktional und scheint ihn wohl fast mehr psychoanalytisch zu sehen ... Mythos als Teil des menschlichen Denkens, als Fähigkeit, als eine Folge, als einen Teil des Bestrebens des Menschen, Wirklichkeit zu erfassen bzw. zu verdrängen ...

Ich teile Deine Skepsis bezüglich der Objektivität der Naturwissenschaftler ... oder anders formuliert: Auch in diesem Wissenschaftsbereich menschelt es mehr als man vermutet; ausgerechnet in einem Bereich, wo der nicht nur naive Mensch doch reine Objektivität vermutet. (Für die Subjektivität im medizinischen Bereich könnte ich gerade aktuelle beispiele bringen ...)

Ehrgeiz, Eifersucht, Rechthaberei, Einseitigkeit, Bergenzheit und Beschränkheit toben sich hier zunächst genauso aus wie in anderen (Wissenschafts)Bereichen. (In der Philosophie, in den Literaturwissenschaften, in den Geschichts- und Kunstwissenschaften ist man's ja gewohnt ...)

Soweit an diesem Morgen ...

Die Bertha
vom Niederrhein







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