Fernsehen und Film Die Akte Grüninger

luchs35
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Die Akte Grüninger
geschrieben von luchs35
Heute Abend, 20.15 Uhr sendet ARTE einen grossartigen Film über den Schweizer Kommandanten der Grenzpolizei, Paul Grüninger , der Hunderte jüdischer Flüchtlinge das Leben rettete, als ab 1938 die Schweiz ihre Grenzen schloss.

Trotz Verbots der Einreise liess Paul Grüninger und seine heimlichen Helfer in den österreichischen Grenzregionen der Ostschweiz ohne das verlangte Visum passieren. Dafür wurde er noch bis zu seinem Tod 1972 geächtet. Erst in den letzten Jahren wurde der "Fall Grüninger" aufgearbeitet, und er wurde rehabilitiert. Ihm zu Ehren wurde vor kurzem eine Brücke über den Rhein nach ihm benannt.

Sein "Fall" ist ein Plädoyer für Nächstenliebe, und Stefan Kurt in der Rolle als Paul Grüninger wird seiner schauspielerischen Aufgabe absolut gerecht.

Ich selber bin Paul Grüninger 1970 noch begegnet, er war gezeichnet von dem Leben nach seinem "Sündenfall", der Rettung von schätzungsweise 3000 jüdischen Männer Frauen und Kindern, die ihr Heil in der Flucht via Österreich in die Schweiz versuchten.

Da ich direkt in diesem Ostschweizer Gebiet an der österreichischen Grenze lebe und diese Schleichwege kenne, hat mich dieser Film sehr berührt, und ich erinnerte mich wieder gut an den gebeugten alten Herrn im Nachbarort, der mir wortkarg und verbittert begegnet war.
Eine Kollege, der die Familie gut kannte, von mir schrieb damals ein Buch über ihn. So lernte ich seine Geschichte kennen.

In unserer Region - Schweiz und Österreich- lief der Film viele Wochen lang,
und ich kann ihn nur empfehlen.

Luchs
luchs35
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Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von luchs35
als Antwort auf luchs35 vom 31.10.2014, 18:40:39
Entschuldigung- ich habe mit einem ziemlichen Fieberkopf über den Film geschrieben, meine Sätze sind einfach grauslich
Ich bitte um Nachsicht...Luchs
silhouette
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Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von silhouette
als Antwort auf luchs35 vom 31.10.2014, 19:16:22
Danke für den Hinweis.
Spielte sich die Realität nicht in der Nähe von Diepoldsau ab? Diese Grenze kenne ich gut. Da bin ich immer rüber auf dem Weg von und zu den österreichischen Schigebieten, über die Schweizer Autobahn von Winterthur her, um die Staus um Bregenz und Ulm und die schreckliche Strecke über Stuttgart zu vermeiden.

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silhouette
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Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von silhouette
als Antwort auf luchs35 vom 31.10.2014, 19:16:22
Vergessen: Gute Besserung!
luchs35
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Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von luchs35
als Antwort auf silhouette vom 31.10.2014, 19:36:50
Du hast Recht, Sil: Die Grenzübergänge von Diepoldsau, Widnau, Au stehen da im Mittelpunkt. Paul Grüninger lebte mit seiner Familie in Au. Seine Tochter Ruth lebt noch immer hier, eine gebrechliche alte Dame, die nicht gerne an die schwere Zeit in ihrer Jugend erinnert wird, da Paul Grüninger auch alle finanziellen Bezüge aus seinem Dienst als Kommandant bei der Grenzpolizei verlor. Zudem wurde die Familie von dem grössten Teil der Bevölkerung ausgegrenzt, denn "Befehl ist Befehl" in Kriegszeiten. Das ist auch heute noch bei vielen Leuten zu hören. Da nützt es auch nichts, dass Paul Grüninger als "Oskar Schindler" der Grenzregion Deutschland-Österreich- Schweiz in der Historie bezeichnet wird.

Luchs
Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von lara
als Antwort auf luchs35 vom 31.10.2014, 18:40:39
Liebe Luchs, ich war kurz vor 20,00Uhr im St und las Deine Empfehlung, Du hast mir einen besonderen Filmabend beschert.

Der Film hat mich stark beeindruckt, auch die Rolle des Polizeiinspektors Robert Frei, der zwischen Pflichtgefühl und Mitgefühl für die Menschen, aber besonders für Paul Grüninger, hin und hergerissen wurde, hat mich stark beeindruckt.

Ich habe mich dann bei Google informiert und, dass Fiktion und Fakten vermischt wurden, und es diesen Polizeiinspektors nicht gab.

Viel konnte ich lesen über Paul Grüninger, dass er in Armut starb und erst viele Jahre nach seinem Tot rehabilitiert wurde.

Auf Arte wird der Film wiederholt.
Wiederholung am Sonntag, 02.11. um 9:30 Uhr
Wiederholung am Freitag, 07.11. um 13:55 Uhr

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schorsch
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Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von schorsch
als Antwort auf luchs35 vom 31.10.2014, 18:40:39
Es hat lange gedauert bis genügend einsichtige SchweizerInnen endlich auf die Idee kamen, dass Menschenrechte höher zu bewerten sind als Gesetzesparagrafen. Ich bin überzeugt, dass weitere hunderte von Schweizern - und auch anderen Nationen - im Krieg ihr eigenes Wohl und sogar ihr eigenes Leben hintan stellten, wenn sie sahen, dass Unschuldige in Gefahr waren. Grüninger und z.B. Schindler (Schindlers Liste) sind nur "die Spitze des Eisberges".
luchs35
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Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von luchs35
als Antwort auf lara vom 31.10.2014, 23:41:19
Freut mich, Lara, wenn ich Dir mit meinem Filmtipp einen besonderen Abend bescheren konnte. Ich habe ihn auch noch mal angesehen, diesmal synchronisiert, hier lief er in Schweizerdeutsch, was ihm das etwas "Sterile" nahm. Natürlich war das Nüchterne der Realität mit Fiktion unterlegt, denn die reinen Dokumentationen zuvor hatten nicht das gleiche Interesse bei den Zuschauern geweckt.

In der Schweizer Grenz-Bevölkerung, auch bei den Österreichern (Vorarlberg), besonders hier in dem Gebiet, wo sich das alles abspielte, sind die Meinungen ambivalent. Es hat praktisch bis heute gedauert, bis Paul Grüninger voll rehabilitiert wurde. Erst kürzlich hat er auch die "Absolution" der St.Galler Grenzpolizei erhalten und wurde mit einer Feier geehrt.

Vieles wurde filmgerecht aufbereitet, auch der Brückendrehort zeigt nicht den Übergang Diepoldsau-Hohenems, sondern Widnau -Lustenau, die Dreharbeiten lagen da praktisch vor meiner Haustür, ich habe sie auch teilweise miterlebt. Und sonst waren sie praktisch über das ganze Rheintal verstreut.

Schorsch, Du hast natürlich Recht, es gab in dieser furchtbaren Zeit sehr viele stille Helden überall, von denen wir nie erfahren werden, weil es für sie eine Selbstverständlichkeit war, Menschen zu helfen, die in Not waren. Paul Grüningers Fall war spektakulär durch die Haltung der Behörden.
Vor allem die weltweiten Ehrungen rückten ihn in den Vordergrund als Beispiel für Menschlichkeit und Nächstenliebe ohne Rücksicht auf die eigene Person.

Dafür ist Paul Grüninger zu einem Symbol geworden.

Luchs
mane
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Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von mane
als Antwort auf luchs35 vom 01.11.2014, 13:48:11
Hallo Luchs,

ich verstehe nicht, warum Paul Grüninger erst 1995 juristisch rehabilitiert wurde. Wodurch mag das solange unterblieben sein und warum?

Noch zu Lebzeiten wurde er jedoch 1970 von dem Staat Israel für seine Leistungen gewürdigt und bekam wegen seines Engagements für verfolgte Juden den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern".

Insgesmt 24 811 Menschen (Stand von Ende 2012) aus vielen Ländern, erhielten diesen Ehrentitel nach der Staatsgründung Israels ab 1948. Ihn bekamen "nichtjüdische Einzelpersonen, die unter nationalsozialistischer Herrschaft während des zweiten Weltkriegs ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten"

Gerechter unter den Völkern

Gruß Mane
luchs35
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Re: Die Akte Grüninger
geschrieben von luchs35
als Antwort auf mane vom 01.11.2014, 14:26:28
Da spielten vermutlich einige Faktoren mit, Mane. Zum einen hatte Grüninger den Befehl missachtet und gegen Prinzipien der Befehlshaber gehandelt, in schwierigen Zeiten wie sie damals herrschten, wog das doppelt. Daran wurde später auch als warnendes Beispiel festgehalten, und es wurde alles dafür getan, um diese Verweigerung und ihre Folgen "unter dem Tisch" zu halten. Man kann wohl auch von Behördenwillkür sprechen, mit der man die Fassade sauber halten wollte.

Dann kam die Beschuldigung dazu, Paul Grüninger hätte sich von den jüdischen Flüchtlingen für die ausgestellten Visa gut bezahlen lassen. Es wurde auch nach Juden in Israel gesucht, die bestätigen könnten, dass sie für die Hilfe bezahlt hätten. Aber genau das Gegenteil war der Fall, es gab bis heute niemand, der das bezeugen konnte. So zogen sich allein die Untersuchungen darüber lange hinaus.
Diese Anschuldigungen waren für Paul Grüninger auch das Schlimmste, was ihm unterstellt werden konnte. Das quälte ihn bis zu seinem Tode, es ging auch um seine Ehre.

Im Abspann des Film kam übrigens noch eine kurze Sequenz, die Paul Grüninger so zeigte, wie ich ihn gekannt habe - ein Gesicht, das geprägt war von der Distanz, die er sich zu seiner Umgebung aufgebaut hatte und das auch viel von seiner eigenen inneren Zerrissenheit aussagte.

Luchs

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