Forum Politik und Gesellschaft Innenpolitik 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST

Innenpolitik 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST

Karl
Karl
Administrator

25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von Karl
Vor 25 Jahren hatte ich - wie viele andere - bei der Betrachtung der Fernsehbilder feuchte Augen. Ungläubig staunend sah ich, wie die "Mauerspechte" die trennende Steinmauer zwischen Ost und West in Handarbeit abtrugen und ich spürte, das war der Beginn von etwas Neuem, etwas Schönem.

Viele Westdeutsche haben danach erstmals den Osten besichtigt und viele Ostdeutsche den Westen. Damals war der Unterschied in der Infrastruktur krass, er hat sich angeglichen. Was früher im Osten marode Innenstädte waren, hat sich herausgeputzt und schaut man nur darauf, dann scheint alles in Butter zu sein. Es ist aber nur die halbe Wahrheit.

Einige Landstriche im Osten sind regelrecht entvölkert worden. Wir haben bei dem Besuch unserer Nichte in Brandenburg Dörfer gesehen, in denen es keine Lebensmittel mehr zu kaufen gab und auf der Straße einem nur alte Menschen begegnet sind. Andererseits vermitteln viele Städte wie Leipzig und Dresden in Sachsen ein dynamisches und pulsierendes Leben.

Während die Westdeutschen bei der Wiedervereinigung eher Zuschauer als direkt Betroffene waren, hat sich das Leben vieler Ostdeutscher komplett gewandelt. Das neue Gesellschaftssystem ging einher mit der Bestrafung des Alten. Viele Menschen mussten ihren angestammten Beruf verlassen, viele Industriearbeiter wegen der Zerschlagung der alten Industrieanlagen, viele Staatsangestellte wegen ihrer nachweislichen oder vermuteten Nähe zum alten System. Während eine neue Generation ohne Erinnerung an die alten Zeiten herangewachsen ist, die nur ein Deutschland kennt, gibt es bei der älteren Generation aus dem Osten aus diesen Gründen oft eine starke Verbitterung und viel DDR-Nostalgie.

Seit Beginn des Seniorentreffs spiegelt sich der Konflikt zwischen Ossis und Wessis in unserem Forum. Im Westen können viele Menschen sich nicht in die Befindlichkeiten der älteren Generation aus dem Osten einfühlen und urteilen manchmal sehr überheblich über deren teilweise verklärten Blick zurück. Das Faktum, dass die DDR und die BRD nicht gleichberechtigt fusionierten, sondern erstere quasi in die Bundesrepublik einverleibt wurde, hat im Osten eine große Empfindlichkeit gegen Kritik und im Westen Siegermentalität ausgelöst. Das hat zu oft unschönen Streitdiskussionen geführt, oft wurde jede politische Diskussion in eine Diskussion über den Ost-West Konflikt umgebogen.

Noch immer haben wir keine Normalität erreicht. Noch immer wird auf Kritik an Zuständen im Osten aus dem Westen sehr empfindlich reagiert, noch immer glauben manche "Wessis", die da drüben müssten doch dankbar sein.

Um das gegenseitige Verständnis der Menschen zu fördern, habe ich bereits vor Jahren die Gruppe eingerichtet "Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Spiegel der Seniorentreffler. Ziel dieser Gruppe ist
Viele Diskussionen im Seniorentreff münden in Streitgesprächen über die DDR. Wir möchten in dieser offenen Gruppe allen eine Heimat geben, die sich für eine Auseinandersetzung mit der DDR-Zeit interessieren. Diese Gruppe wird von unterschiedlichen Meinungen profitieren. Es geht uns nicht darum, hier Befürworter oder Gegner zu Wort kommen zu lassen, es geht nicht um Reklame für oder gegen die DDR, auch nicht um Schwarz-Weiß Malerei, sondern es geht uns darum, hier festzuhalten, wie sich die DDR in der Erinnerung der Menschen darstellt, die sie von innen wie von außen noch erlebt haben.
geschrieben von Ziel der Interessensgruppe "DIE DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK (DDR) IM SPIEGEL DER SENIORENTREFFLER"
Ob meine ursprüngliche Absicht erreicht wurde, wird umstritten sein und das muss jeder selber bewerten.

Immerhin ist festzuhalten, dass Diskussionen zwischen Partnern selten die Gräben vertiefen. Es kann hilfreich sein, wenn die Positionen dargelegt und nicht verschwiegen werden. In bin zuversichtlich, dass die geschlagenen Narben mit der Zeit verheilen werden.

Nicht alle Menschen haben von der Wiedervereinigung profitiert, aber die Mehrheit. Diese Mehrheit sollte auch die Gefühle der Minderheit respektieren.

Karl
Tina1
Tina1
Mitglied

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von Tina1
als Antwort auf Karl vom 03.10.2015, 09:27:34
Karl, danke für deinen Beitrag. Ich denke gern an die
Zeit vor 25 Jahren zurück, es berührt mich noch heute emotional. Wir waren die glücklichsten Menschen, als wir im September 1989 in Heidelberg ankamen.
Wir sind gleich nach der Ankunft, am späten Nachmittag an den Neckar und auf die bekannte Hauptstraße von Heidelberg gelaufen.
Wir konnten unser Glück nicht fassen, dass das was wir uns schon solange gewünscht hatten, nun Wahrheit geworden war.

Wir haben uns alle sofort wohl gefühlt und haben ganz schnell
viele einheimische Freunde gefunden. Unser Sohn hat sich in der Schule wohlgefühlt, hatte schnell Freunde und das war uns sehr wichtig, denn das alles wusste man vorher nicht. Im Lager haben wir ebenfalls Freunde gefunden, mit denen wir heute noch eng in Kontakt sind. Wir lachen u. weinen noch heute über all das, was wir auf der Flucht und dann zusammen in dem Lager erlebt haben. Noch heute reden wir auch über die Zeiten in der DDR, genau das verbindet uns auch.

Zu der großen Freude kam dann schnell auch die Sorge u Angst in Bezug Arbeit und Wohnung. Aber wir hatten das Glück, dass wir das sehr schnell geschafft haben, wir fanden beide einen Job im öffentlichen Dienst. Unser Sohn später als Bankkaufmann auch.

Die größte Sorge war, wann werden wir die Eltern u. unseren erwachsenen Sohn wieder sehen? Wie schnell wird es gehen, dass sie uns folgen können? Wann werden wir unsere Freunde wiedersehen? Aber diese Sorgen waren schnell verflogen, denn schon 2 Monate später konnte unser Sohn mit seiner Partnerin uns in Heidelberg besuchen.

Und wir konnten es nicht glauben, dass wir bereits im Dezember 1989, zu Weihnachten, ohne Angst wieder in unsere Heimat fahren konnten und damit konnten wir das Fest als Familie zusammen feiern. Und unsere Freunde sind uns im Oktober gefolgt, nun waren wir wieder zusammen wie immer, nur auf der anderen Seite von Deutschland.
Tina
ehemaligesMitglied49
ehemaligesMitglied49
Mitglied

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von ehemaligesMitglied49
als Antwort auf Karl vom 03.10.2015, 09:27:34
Wenn wir über die Wiedervereinigung sprechen fallen mir zuerst zwei Dinge ein.
Die Leipziger Bürgerbewegung als Ausgang der machtvollen Bewegung, die schließlich die DDR Staatsmacht zum Abdanken zwang, glücklicherweise unblutig.
Die Eingebung und konsequente Arbeit Helmut Kohls, der durch seine Verhandlungsführung mit den Westmächten die Tür zur deutschen Einheit geöffnet hat.
Man kann nun über das Prozedere denken wie man will, die Einen sagen es ging nicht anders, gab es doch keine Blaupause für sowas, die Anderen sagen es war ein Überstülpen der Westdeutschen Verfassung und Regeln.
Diese beiden Lager werden sicher nie zusammenkommen, aber die Zeit heilt bekanntlich viele Wunden und das mit den blühenden Landschaften hat zwar gedauert, scheint mir jedenfalls aber angekommen zu sein.
Beschweren sich doch jetzt öfter westdeutsche Städte und Regionen, daß es im Osten besser aussieht als im Westen.
Die junge Generation beurteilt das ganze sowieso nicht geteilt, sondern gesamtdeutsch.
Schönen Feiertag
doerflerin

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Rommelinchen
Rommelinchen
Mitglied

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von Rommelinchen
als Antwort auf Tina1 vom 03.10.2015, 10:39:22
Hallo Karl, Du hast das Verhältnis Ost-West richtig beschrieben, Ich komme aus Leipzig und bin erst nach dem Mauerfall nach Hannover gezogen. Der Grund war eine bessere Wohnung. 25 Jahre haben wir das Einheitsfest, aber es ist noch lange keine Einheit. Ich bekomme z.B.immer noch die Ostrente, obwohl ich hier im Westen lebe und alles genauso bezahlen muß, wie die Westdeutschen Bürger. Eine Unterhaltung mit Bürgern aus den alten Bundesländern über unser Leben in der DDR wird sehr schnell abgeblockt, es interessiert sie nicht. Schade. Aber jeder Westdeutsche sollte sich mal die schönen Städte und Landschaften in Ostdeutschland ansehen. Es lohnt sich! Ich bin jetzt 78 Jahre alt, aber eine Einigung Ost-West werde ich nicht mehr erleben. Dies schrieb Euch Rommelinchen
justus39
justus39
Mitglied

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von justus39
als Antwort auf Karl vom 03.10.2015, 09:27:34
Vielen Dank, Karl,
Du hast die Situation dieser Tage sehr treffend und neutral beschrieben und damit hoffentlich das Tor zu einem Thread geöffnet, der jedem die Gelegenheit bietet, ohne Bitternis seine persönlichen Gefühle und Gedanken zu diesem historischen Ereignis zu schildern.

Es könnte sogar dazu führen, das gegenseitige Verständnis für manche Reaktionen in den Beiträgen zu fördern.
In diesem Sinne einen besinnlichen und frohen Gedenk- und Feiertag.
justus
DonRWetter
DonRWetter
Mitglied

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von DonRWetter
Nur kurz wg. "wenig Zeit":

Meine Erfahrung ist die, daß sich Ost/West über Medien etc. fetzt, Vorurteile pflegt, Wunden leckt und überempfindlich reagiert.

In der Praxis in meiner Arbeit als Wessi in Dresden, Leipzig und Berlin fanden diese Diskussionen nicht statt und es wurde gut zusammengearbeitet. Jedenfalls nicht besser und nicht schlechter als in rein westdeutschen oder ostdeutschen Betrieben.

Ich mache mir mal ein paar Gedanken über die Gründe aus meiner Sicht........

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justus39
justus39
Mitglied

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von justus39
als Antwort auf Tina1 vom 03.10.2015, 10:39:22
Hallo Tina,
wie ich sehe haben wir ja eine fast deckungsgleiche Beziehung zu dem heuten Tag. Deinen Beitrag konnte ich regelrecht mitempfinden.

Heut vor sechsundzwanzig Jahren hatte sich der Rat des Bezirkes Karl Marx Stadt die Mühe gemacht, mir und meiner Familie eine Urkunde auszustellen, die uns am Tag darauf völlig überraschend ausgehändigt wurde.



Damit waren wir mit einem Schlag nicht mehr Bürger der Deutschen Demokratischen Republik.
Als dann kurz darauf der Tag kam auf dem wir ein Leben lang gehofft aber an dem wir nicht mehr geglaubt hatten, wusste ich nicht ob ich lachen oder weinen sollte.
Wir sahen wie die trennende Mauer von unserem Landsleuten überwunden, ja geradezu überschwemmt wurde, und ich fragte mich, warum haben wir diesen langen Spießrutenlauf durch die Behörden auf uns genommen? Warum musste wir Haus und Hof verschenken und unsere Ersparnisse sinnlos verscherbeln?

Es hat noch viel Ärger und Mühe bereitet, bis wir die Kinder in Beruf und Schule untergebracht hatten und sich unser Leben wieder normalisierte.

Aber trotzdem war die Wieder Vereinigung ein großes Glück für mich. Ich konnte sofort wieder in meine alte Heimat reisen und dort auch wieder tätig werden als ob ich nie weg gewesen wäre.

Es ist schön, dass wir jetzt gut versorgt und eingebürgert sind, und ich konnte noch viele Landschaften bereisen, die ich nur aus Filmen kannte. Jetzt als Rentner genieße ich noch alle lukullischen Freuden, die mir nur aus Kochbüchern bekannt waren.

Wir werden den heutigen Tag mit Freude und Dankbarkeit begehen, der vielen schönen Stunden vor und nach der Wiedervereinigung gedenken und uns auch ohne Gram oder Bitternis an so manche negative Erfahrung erinnern.

justus
Karl
Karl
Administrator

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von Karl
als Antwort auf justus39 vom 03.10.2015, 12:02:53
... und ich fragte mich, warum haben wir diesen langen Spießrutenlauf durch die Behörden auf uns genommen? Warum musste wir Haus und Hof verschenken und unsere Ersparnisse sinnlos verscherbeln?
Das ist ja krass, Justus. Da habt ihr wirklich Pech gehabt, aber prima, dass Du das inzwischen so entspannt sehen kannst.

Karl
ehemaligesMitglied49
ehemaligesMitglied49
Mitglied

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von ehemaligesMitglied49
als Antwort auf Karl vom 03.10.2015, 16:39:15
Karl,
man kann und könnte vieles was mit und nach der Vereinigung kam sehr entspannt sehen.
Wenn die Wessis nicht ihr Finanzamt mitgebracht hätten.
Gruß
doerflerin
omasigi
omasigi
Mitglied

Re: 25 Jahre Deutsche Einheit und die Ossi-Wessi Debatte im ST
geschrieben von omasigi
als Antwort auf ehemaligesMitglied49 vom 03.10.2015, 16:43:29
??????
Doerflerin, Du schreibst die Wessi haben ihr Finanzamt mitgebracht??
Klaer mich als geborene Wessi auf, die aber seit 30 Jahren nicht mehr im Wessi - Land lebt.
Hatte die DDR kein Finanzamt ????

Als die Mauer fiel haben wir gerade die Hochzeit meiner Tochter vorbereitet.
Das War in Brasilien und wir hatten davon keine Ahnung erst als uns wildfremde Menschen die Hand schuettelten und uns zur Wiedervereinigung gratulierten-
In diesem fernen Land lief diese Nachricht den ganzen Tag ueber alle Sender.

Diesen Tag werde auch ich nie vergessen. 6 Jahre spaeter bereisten mein Mann und ich die neuen Bundeslaender ausgiebig.
Auch das war eine Erfahrung, die ich nicht missen will.

Ich wuensche allen Deutschlaendern ( hiesiger Sprachgebrauch ) einen schoenen Feiertag.

omasigi

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