Forum Kunst und Literatur Literatur Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge 1:

Literatur Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge 1:

longtime
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Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - 19.01.: Dr. Owglass
geschrieben von longtime
als Antwort auf longtime vom 19.01.2010, 09:39:56
Ich möchte den Dr. Owlglass (19.01.1873 - 29.10.1945) hervorheben, da seine Werk zerstreut und fast unbekannt ist:

Dr. Owglass (Hans Erich Blaich)
Lebenslauf eines Flaschenkorks


Wie schön ist's doch, ein Kork zu sein
auf einer Flasche Moselwein,
die, kellerdämmerungsumschummert,
auf ihrem Schragen liegt und schlummert.
Man wird vom Rebensaft bespült,
als dessen Torwart man sich führt,
und zieht daraus fast notgedrungen
erotoide Folgerungen,
die man indessen vor der Welt
verbirgt und für sich selbst behält.
Vor Liebchens Kammer hält man Wache.
Diskretion ist Ehrensache...
Und dann kommt so ein Menschenwicht
und schleppt die Flasche roh ans Licht,
stellt sie auf Eis, bis daß sie kühl,
und holt nun ohne Mitgefühl
den Pfropfenzieher aus der Schale,
rotiert die stählerne Spirale
dem armen Korken hinterwärts
und durch und durch bis tief ins Herz
und reißt ihn aus dem Liebeswahn
wie einen hohlen Backenzahn.
Uff ja - wie hat das weh getan!...
Dem M e n s c h e n nicht - im Gegenteile:
er füllt sein Glas in großer Eile,
die Zunge lechzt, die Nase wittert...
Der Kork ist tot und stark zerknittert.

*


Späte Einsicht

Einst war ich höflich und artig und fein,
von allerlei Rücksicht benommen,
und immer wieder fiel ich herein,
bin immer zu kurz gekommen.
Zu kurz beim Trank, zu kurz beim Schmaus.
Ich säte, andere mähten.
Die Haare gingen mir langsam aus,
zusammen mit den Moneten.

Jetzt endlich, endlich schlag' ich Krach;
ich rechne, statt bieder zu "wähnen".
Die Haare wachsen mir wieder nach
und zwar, gottlob, auf den Zähnen.

*

Prophylaxe


"Säss' ich auf hohen Fürstenthronen - "
... Dein Wunsch blieb leider ungestillt.
"Was tät' ich, hätt' ich Millionen!"
... Da fehlt's ja wohl... die Zähre quillt.
"Wenn ich zum Beispiel Goethe wäre - "
... Nun bist du halt bloss schwachbekopft.
"Ich überwände Raum und Schwere,
gesetzt den Fall - "
... Die Träne tropft.

... O Freund, du sparst dir viele Qualen
von Oberprima bis zum Grab,
gewöhnst du dir die irrealen
Bedingungssätze zeitig ab.

*
Kurt Tucholsky nannte den Doktor (ja, er war wirklich Arzt) „Gottes Blasbalg“ und verehrte ihn in einer Rezension in „Die Schaubühne“(06.08.1914. Nr. 31, S. 92):


longtime
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Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - Nachtrag zu Anton Tschechow
geschrieben von longtime
als Antwort auf nasti vom 17.01.2010, 11:14:35
In Erinnerung an:

Anton Tschechow:
DAS LEBEN IN FRAGEN UND AUSRUFEN

Tschechow hat in dieser Glosse das Leben, das er darstellt und persifliert, so eingeteilt: Kindheit, Jugend, Jünglingsalter, Zwischen 20 und 30, Zwischen 30 und 40.

Ich werde diese Einzelabschnitte hier anbieten, in der Übersetzung des baltischen Erzählers Sigismund von Radecki; es gibt eine modernere, die aber nicht gemeinfrei ist (von Peter Urban, im Diogenes Verlag.)




Anton Tschechow:
Kindheit:


Ein Sohn oder ein Mädchen? Muß hier schnell getauft werden?
Ein dickes Knäbchen! Nicht fallen lassen! Ach, ach, er wird fallen!!
Sind die Zähnchen schon durch?
Sind das Masern?
Nehmt die Katze weg, sie wird ihn kratzen!!
Zieh mal den Onkel am Schnurrbart! So!
Nicht weinen! Der schwarze Mann kommt!
Er kann wirklich schon laufen! Tragen Sie ihn fort - er führt sich nicht gut auf!
Ach, was hat er Ihnen angerichtet?! Schade um den Rock! Macht nichts, wir hängen ihn zum Trocknen!
Also, das Tintenfaß umgeworfen!
Schlaf, mein Dickwanst!

Er kann schon sprechen! Ach, welch eine Freude!
Also, nu bitte - sag' was!
Beinah überfahren! Die Kinderfrau wird entlassen!
Steh nicht im Luftzuge!
Schämen Sie sich, so einen Kleinen zu schlagen! Weine nicht! Gebt ihm ein Bonbon!

(Fortsetzung folgt.)
longtime
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Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - Nachtrag zu Anton Tschechow
geschrieben von longtime
als Antwort auf longtime vom 19.01.2010, 15:11:04
Ich setzte fort den Text von Anton Tschechow:

DAS LEBEN IN FRAGEN UND AUSRUFEN


(Die Satire wurde veröffentlicht in der Zeitschrift Budilnik ("Der Wecker"). Nr. 9/1882)

Hinweis für Tschechow-Leser:

Ein Hörspiel zu diesem hat der Übersetzer Peter Urban verfasst; es wird am 27.01.2010 um 20:00 Uhr vom NDR kultur gesendet. S. Linktipp:



2. Absatz des Textes:

Jugend:

Komm her, du kriegst die Rute! Wo hast du dir so die Nase zerschlagen?
Störe nicht die Mama!
Du bist doch mein kleines Kind!
Dräng dich nicht zum Tisch, du kriegst später!
Lies vor! Du weißt nicht? Marsch in den Winkel! Ungenügend!
Du sollst nicht Nägel in die Tasche stecken! Warum gehorchst du nicht der Mama?
Piss anständig!
Nicht in der Nase bohren!
Also du hast den Rudi geschlagen? So ein Balg!
Sag das Gedicht auf!
Wie ist der Nominativ vom Plural?
Addiere und subtrahiere! Raus aus der Klasse!
Er bleibt ohne Mittag! Schlafen gehen! Schon neun Uhr!
Er ist nur vor Gästen unartig! Du lügst! Kämm dir das Haar! Fort vom Speisetisch! Na, also zeig jetzt deine Zensuren!
Die Stiefel schon zerrissen?!
Ein so großer wird doch nicht heulen! Wo hast du dir den Anzug so schmutzig gemacht? Also, für euch anzuschaffen!
Wieder ungenügend? Wann kann ich endlich aufhören, dich zu prügeln?
Wenn du rauchst, jag ich dich aus dem Hause!
Wie ist der Superlativ von ,facilis'? (Liest ab): Facillissimus? Das ist Quatsch!
Wer hat hier den Wein ausgetrunken?
Kinder, man hat einen Affen auf den Hof gebracht!
Warum haben Sie meinen Sohn sitzenbleiben lassen?




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Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - Nachtrag zu Anton Tschechow
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf longtime vom 19.01.2010, 15:11:04
Hallo Literaturfreunde,

mir ist schon bekannt, dass hier vorwiegend deutsche Schriftsteller/Künstler genannt werden. Aber Patricia Highsmith stellt eine besondere Größe in der Literatur dar. Mit gutem Gewissen kann ich behaupten, dass ich sämtliche ihrer Werke gelesen habe. Gigantisch - jeder Roman, jede Story. Es gab auch zahlreiche Verfilmungen ihrer Bücher, wobei ich hier "Der Schrei der Eule" gesehen habe, was ich einigermaßen gut fand, die Ripley-Verfilmungen gefielen mir nicht besonders.

Patricia Highsmith

wiki

lg
spatzl
clara
clara
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Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - Nachtrag zu Anton Tschechow
geschrieben von clara
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 19.01.2010, 18:49:38
Aber Patricia Highsmith stellt eine besondere Größe in der Literatur dar.
geschrieben von spatzl


Finde ich auch, spatzl. Die Figuren ihrer Romane (die meisten habe ich gelesen) sind *unheimlich* psychologisch angelegt, zu dem Verbrecher Ripley z. B. kann man direkt Sympathie aufbauen.
Auch Der süße Wahn fand ich gut.
Den stärksten Eindruck auf mich hinterließ Ediths Tagebuch, der äußere und innere Zusammenbruch einer Familie ist sowas von schaurig dargestellt!

Lieben Gruß, Clara
longtime
longtime
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Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - Nachtrag zu Anton Tschechow
geschrieben von longtime
als Antwort auf longtime vom 19.01.2010, 18:43:43
Anton Tschechow:
DAS LEBEN IN FRAGEN UND AUSRUFEN

(Fortsetzung)

Tschechow hat in dieser Glosse das Leben so eingeteilt: Kindheit, Jugend, Jünglingsalter, Zwischen 20 und 30, Zwischen 30 und 40. –

Heute die dritte Lebensepoche:

Jünglingsalter:

Noch zu früh für dich, Schnaps zu trinken!
Analysieren Sie mir die consecutio temporum!
Zu früh, zu früh, junger Mann! In Ihren Jahren hab ich von sowas noch gar nichts gewußt!
Du hast noch Angst, vor deinem Vater zu rauchen? Ach, was für eine Schande!
Ninotschka ließ dich grüßen!
Also nehmen wir Julius Caesar vor! Ist hier ein ut consecutivum?
Ach, mein Kätchen!
Lassen Sie mich, junger Herr ... sonst sag ich's Ihrem Papa!
Na, na ... kleiner Schelm!
Hurra, mir wächst schon ein Schnurrbart!
Wo? Nichts wächst, das hast du bloß aufgemalt!
Nadine hat ein reizendes Kinn!
In welcher Klasse ist sie jetzt?
Aber Papa, Sie müssen doch zu geben, dass ich ohne Taschengeld nicht sein kann! Natascha? Kenn ich! Ich bin bei ihr gewesen!
Das bist also du?
Ach du Leisetreter! Geben Sie zu rauchen!
O, wenn du wüßtest, wie ich sie liebe! Sie ist eine Gottheit! Ich beende das Gymnasium und heirate sie!
Das geht Sie nichts an, maman! - Ich widme ihr meine Gedichte!
Laß mir was zu rauchen!
Mir wird schon nach drei Gläschen schwindlig! Bis, bis, braaavo!
Hast du wirklich Schiller nicht gelesen?
Nicht Cosinus sondern Sinus! Und wo ist hier der Tangens?
Die Sonjka hat nicht gute Beine!
Darf man küssen? Trinken wir?
Hurra, das Examen ist bestanden! Schreiben Sie für mich an!
Borgen Sie mir fünfundzwanzig! Vater, ich heirate! Aber ich hab' mein Wort gegeben! Und wo hast du übernachtet?
*
(Man muss bedenken, das hier noch die Eltern mit „Sie“ angeredet werden mussten.)

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longtime
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Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - 20. Januar
geschrieben von longtime
als Antwort auf longtime vom 20.01.2010, 12:57:32
Der Literaturkalender:


20. Januar:

Christoph Martin Wieland

Bettina von Arnim

Nâzim Hikmet

Axel Hacke


*
Weitere, besonders wichtige ausländische AutorInnen sind immer erwünscht.
Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - Nachtrag zu Anton Tschechow
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf clara vom 19.01.2010, 21:45:31

Auch Der süße Wahn fand ich gut.
Den stärksten Eindruck auf mich hinterließ , der äußere und innere Zusammenbruch einer Familie ist sowas von schaurig dargestellt!

Lieben Gruß, Clara


Hallo Clara,
schon beim Lesen dieser Titel bekomme ich Gänsehaut!
Patricia Highsmith stellt Ihre Figuren so dar, dass ich diese in meiner unmittelbaren Nähe spüre. Das schafft so schnell kein Schriftsteller. Auch der Roman Carol ist sehr schön; hier schreibt sie auch erotisch, ohne ins Detail zu gehen. Wirklich bemerkenswert!

Liebe Grüße,
spatzl
enigma
enigma
Mitglied

Re: Literatur-Kalender fuer das Jahr 2010 - Januar-Folge II. - Nachtrag zu Anton Tschechow
geschrieben von enigma
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 20.01.2010, 15:34:43
Ja, ich will gerne einen ausländischen Schriftsteller benennen, den ich für wichtig halte, literarisch und auch politisch für sein Land.

Ich meine den nicaraguanischen Politiker, Poeten und wegen seiner politischen Tätigkeit suspendierten katholischen Priester Ernesto Cardenal, geboren am 20. Januar 1925 in Granada, Nicaragua, der nach Ruben Dario als der bedeutendste Dichter Nicaraguas gilt.

Zeitweise war Cardenal, der aus einer reichen Familie stammt, Kulturminister in seinem Land.

Aber gleich in welcher Funktion, er behielt einen Blick für die Sorgen und Nöte seines Volkes, die er auch literarisch verarbeitete, z.B. in seinen Psalmen, den poetischen Grundlagen der “Befreiungstheologie”.

Ernesto Cardenal engagierte sich in verschiedenen Initiativen, u.a. mit seinem Freund Dietmar Schönherr in dem internationalen Kultur- und Entwicklungsprojekt “Casa de los tres mundos” in Granada.

Mit "grupo sal"
ist Cardenal schon wiederholt im deutschsprachigen Raum aufgetreten.

Für den 9. - 24. März 2010 ist aus Anlaß des 85. Geburtstages von Ernesto Cardenal erneut eine Tournee in Deutschland geplant.

Alle Veranstaltungstermine sind über “Grupo Sal” bei Interesse zu erfahren.

Der Poet Cardenal hat wichtige Literaturpreise erhalten, u.a. den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1980.
2005 war er für den Literaturnobelpreis nominiert.

Unter anderem hat Cardenal ein Gedicht für Marilyn Monroe geschrieben, das so beginnt:


„Gebet für Marilyn Monroe
Ernesto Cardenal

Herr,
nimm dieses Mädchen auf, das die ganze Welt kannte als
Marilyn Monroe,
obwohl dies nicht Ihr wirklicher Name war,
(doch Du kennst ihren Namen, den Namen des Waisenkindes,
das mit 9 Jahren vergewaltigt wurde,
den Namen der kleinen Verkäuferin, die mit 16 versuchte, ihrem
Leben ein Ende zu setzen)
und das jetzt vor Dir steht, ohne jedes Make-up,
ohne Ihren Manager,
ohne Fotografen, ohne Autogramme zu geben,
einsam wie ein Astronaut vor der Nacht des Universums.“ (...)


Weiterlesen bei Interesse hier:








clara
clara
Mitglied

Ernesto Cardenal
geschrieben von clara
als Antwort auf enigma vom 20.01.2010, 21:53:27
Enigma, das ist ein wunderbares Gebet! Clara

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