Plaudereien Das Schweigen

miriam
miriam
Mitglied

Re: Das Schweigen
geschrieben von miriam
als Antwort auf miriam vom 04.11.2009, 23:19:29
Das Schweigen - anscheinend ein Thema über das man ohne Ende sprechen kann.

Einige interessante Beispiele wurden mir via PN zugesendet, hier ein Text der uns in eine Domaine führt, in der das Schweigen gerne praktiziert wird: Das Schweigen der Quellen/ Le silence des sources.

Hier ein Fragment aus dem Text - der eigentlich der Hinweis auf ein Workshop ist:

"Dass ganze Bereiche der Menschheitsgeschichte durch das Schweigen der uns zur Verfügung stehenden Quellen unzugänglich sind, ist ein Umstand, der die Arbeit von Historikern ständig begleitet und sie gleichzeitig immer wieder vor neue methodische Herausforderungen stellt."

Siehe auch Link.

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miriam
marina
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Re: Das Schweigen
geschrieben von marina
als Antwort auf miriam vom 05.11.2009, 08:00:30
Mir kommen zu dieem Thema auch immer mehr Assoziationen. Zum Beispiel ist mir wieder ein ganz besonders interessantes Buch eingefallen, das ich im ST früher schon einmal empfohlen habe: „Die stumme Herzogin“ von Dacia_Maraini. Es spielt in Sizilien im 18. Jahrhundert und handelt von einer jungen Herzogin (Marianna Ucrìa), die mit fünf Jahren wegen einer Vergewaltigung taubstumm wird. Mit 13 Jahren wird sie ausgerechnet mit dem Mann verheiratet, der sie damals vergewaltigt hatte und führt eine kalte unglückliche Ehe mit ihm, obwohl sie fünf Kinder von ihm bekommt. Das Buch ist auch verfilmt worden mit Philippe Noiret: Film: Die stumme Herzogin
--
marina
Medea
Medea
Mitglied

Re: Das Schweigen
geschrieben von Medea
als Antwort auf miriam vom 05.11.2009, 08:00:30
Ja, es fällt einem immer noch etwas zum Schweigen ein, siehe auch die Schweigeorden der Trappisten und der Karthäuser
und
die bedauernswerten Menschen, die ohne Gehör/und oder Sprachvermögen geborern werden.

M.

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marina
marina
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Re: Das Schweigen
geschrieben von marina
als Antwort auf Medea vom 05.11.2009, 09:09:13
Und schon kommt mir die nächste Assoziation.
Der Film "Jenseits der Stille", den viele kennen werden, auch wieder ein sehr guter Film, der das Schicksal einer Tochter taubstummer Eltern beschreibt.
Sehr schöner Film, auch die Musik, Giora Feidman gibt eine Gastrolle.
--
marina
Re: Das Schweigen
geschrieben von ehemaliges Mitglied_84475
als Antwort auf marina vom 05.11.2009, 09:21:48
Auch eine Assoziation:

"Stumme Stimmen" von Oliver Sacks. Ein lesenswertes Buch. Hier geht es nicht um das hier gemeinte Schweigen, sondern um die Gebärdensprache der Gehörlosen und ihre Ausdrucksvielfalt, die der Lautsprache ebenbürtig ist.

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ursula
marina
marina
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Re: Das Schweigen
geschrieben von marina
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 05.11.2009, 10:02:52
Danke Ursula, das ist aber ganz genau die richtige Ergänzung für den von mir erwähnten Film, der auch einen interessanten Einblick in die Gebärdensprache gibt.
Und Oliver Sacks ist bestimmt sehr interessant, ich kenne andere Bücher von ihm, z. B.
Der einarmige Pianist, ein Buch, das nicht von Gebärden- , aber von Musiksprache bzw. deren Ausfälle handelt.
Ich weiß, das ist jetzt eine kleine Abweichung, aber hoffentlich keine störende, da das Buch auch sehr empfehlenswert ist.
--
marina

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Medea
Medea
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Re: Das Schweigen
geschrieben von Medea
als Antwort auf marina vom 05.11.2009, 10:45:42
Noch gar nicht so lange her, die kam von vielen Eltern:

"Wenn Erwachsene sich am Tisch unterhalten, haben die Kinder zu schweigen.

Gab es aber Gottseidank in meiner Familie nicht ....

Viele Autisten sprechen ebenfalls nicht oder wenn, dann nur höchstens ungern - sie schweigen lieber....
--
Medea
pippa
pippa
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Re: Das Schweigen
geschrieben von pippa
als Antwort auf Medea vom 05.11.2009, 10:51:00
Ein großes Dankeschön Euch allen, besonders aber Miriam, dass Ihr NICHT geschwiegen habt.
--
pippa40
carlos1
carlos1
Mitglied

Re: Das Schweigen
geschrieben von carlos1
als Antwort auf miriam vom 05.11.2009, 08:00:30
"Dass ganze Bereiche der Menschheitsgeschichte durch das Schweigen der uns zur Verfügung stehenden Quellen unzugänglich sind, ist ein Umstand, der die Arbeit von Historikern ständig begleitet und sie gleichzeitig immer wieder vor neue methodische Herausforderungen stellt." Zitat bei miriam
Siehe auch Link.


Hallo miriam, ich beziehe mich nur auf diesen Link. Alle Beiträge habe ich nicht gelesen.

Es ist gut Quellen zu haben. Damit meinen wir die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen zu können. Aber die Quellen - wenn, sie persönliches Erleben und Wertungen nicht nur Zahlenmaterial (das häufig fehlerhaft ist) oder rechtliche Festlegungen in Urkunden über Besitzverhälnisse enthalten - müssen erst zum "Sprechen" gebracht werden. Hier beginnt das Problem. Quellen können sich widersprechen, können oft mehr verheimlichen als als sie klarlegen. Vor jeder Auslegung und Deutung einer Quelle muss sie auf ihre Herkunft geprüft werden, die Absichten des "Sprechers" seine soziale Position. Eine Einordnung in den soziokulturellen Kontext muss vorgenommen werden. Sie muss auf sprachliche Eigenheiten geprüft werden. Eine große Zahl von Quellen ist gefälscht oder es wurden Sachverhalte mit Absicht anders dargestellt. Im Mittelalter wurden in den Klöstern eine Unmenge von Urkunden gefälscht. Sehr bekannt ist die Konstantiniche Schenkung, auf die sich der Besitzanspruch der Kirche auf das Gebiet des Kirchenstaates gründet.

Das alles wäre zu bewältigen, wenn nicht noch weitere Probleme gäbe. Der Biologe und Philosoph Varela weist darauf hin, dass gute Berichterstattung der eigenen Erfahrung keine triviale Angelegenheit sei.

"Wenn Sie das mit normalen Probanden machen - Sie bitten sie im Labor über ihre Emotionen und Erlebnisse zu berichten und fragen: "Was erleben Sie gerade?" - dann kommt meistens erst mal gar nichts. Es ist uns Menschen nicht beschieden, Experten für unsere eigenen Erlebnisse zu sein. Die Tatsache, dass jemand ein Erlebnis hat, qualifiziert ihn noch lange nicht einn fachmännischen Bericht darüber abliefern zu können, ebensowenig wie ein Spaziergang im Garten jemanden ein automatisch zum Gärtner oder Botaniker macht. Dazu ist intensives Training nötig." Aus Susan Blackmore, Gespräche über Bewusstein, S. 313f


Was in schriftlichen Quellen niedergelegt ist, entspringt unserem Bewusstsein. In der Erste-Person-Perspektive fühlt sich dieses Bewusstsein sehr persönlich an, ist etwas Intimes, es entspringt unserem "Selbst". Zu dieser Erste-Person-Ontologie haben wir in den besagten Quellen keinen Zugang. Alle Berichte und Darstellungen der Historiker sind Darstellung aus der Dritte-Person-Perspektive. Wir betrachten Quellen als Objekt, als Quelle und Ursrpung der Wahrheit. Aber nichts ist gesichert. Selbst bei bester Quellenlage nicht. Nur reine Fakten, dass etwas eine Kugel das Leben eines Menschen beendet. Letzte Antriebe, Motive, Tiefenstrukturen bleiben immer im Dunkeln. Deshalb wird jede Generation historische Ereignisse neu bewerten und darüber streeiten.

Worüber man nicht reden kann, muss man schweigen (Wittgenstein).

c.
carlos1
carlos1
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Re: Das Schweigen
geschrieben von carlos1
als Antwort auf Medea vom 05.11.2009, 10:51:00

"Viele Autisten sprechen ebenfalls nicht oder wenn, dann nur höchstens ungern - sie schweigen lieber....
--
Medea"

Hallo medea,

aber Autisten leiden darunter, dass sie nicht sprechen können.

Gruß an dich
c

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