Gesetzliche Krankenversicherung: Wie nach und nach die Leistungen gestrichen werden

In den vergangenen 30 Jahren erzählt die Entwicklung der gesetzlichen Krankenkasse eine Geschichte der Leistungskürzungen und Streichungen. Als gesetzlich Versicherte sind wir dem Gutdünken des Gesetzgebers und seiner Sparpolitik ausgeliefert.  
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(Pflicht-) Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse

Im Sozialgesetzbuch 5 definiert der Gesetzgeber, welche Leistungen die gesetzliche Krankenkasse für Ihre Mitglieder erbringen muss. Diese Pflichtleistungen laut SGB 5 umfassen circa 95 Prozent des kompletten Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen. 
 
Bei den restlichen 5 Prozent handelt es sich um freiwillige Zusatzleistungen entsprechend der Satzung der jeweiligen GKV. Diese unterscheiden sich teilweise deutlich und können von Jahr zu Jahr durch eine Satzungsänderung angepasst oder abgeschafft werden. Ein rechtlicher Anspruch durch das Mitglied besteht hierauf nicht. Speziell aus diesen Gründen boomt der Markt an stationären und ambulanten Krankenzusatzversicherungen in Deutschland seit einigen Jahren.   

Reduzierung des Leistungskatalogs der letzten 30 Jahre

1989 begann mit dem Gesundheits-Reformgesetz (GRG) die Kürzungswelle der Pflichtleistungen durch den Gesetzgeber. Im ersten Schritt erfolgte die Reduzierung von Zuschüssen für Heil- und Hilfsmittel, für Zahnersatz sowie für eine Brille. Fortan gab es für die Brille bspw. nur noch 20 DM für ein neues Gestellt und Brillengläser wurden nur dann übernommen, wenn die Sehschärfe sich um mindestens 0,5 Dioptrien verändert hat. 
 
Mit dem Gesundheits-Strukturgesetz (GSG) 1993 wurden GKV-Versicherte zu höheren Zuzahlungen bei Arzneimitteln und Medikamente verpflichtet. Gleichzeitig strich der Gesetzgeber die Kostenübernahme für kieferorthopädische Maßnahmen für Erwachsene weitestgehend und verschärfte die Situation der Krankenversicherung für Rentner. 
 
Vier Jahre später, 1997, erhöhte das 1. und 2. GKV-Neuordnungsgesetz die Selbstbeteiligung bei Arzneimitteln abermals auf 9, 11 und 13 DM (je nach Verpackungsgröße). Beim Krankenhausaufenthalt betrug die Selbstbeteiligung nun 14 DM anstatt 9 DM in den neuen Bundesländern und 17 DM anstatt 12 DM in den alten. Der Kassenzuschuss für Zahnersatz für alle nach 1979 geborenen wurde fast völlig abgeschafft und das Krankengeld von 80 Prozent auf 70 Prozent des Bruttolohnes reduziert. 

Die Gesundheitsreformen ab 2003

Die Gesundheitsreformen 2003 und 2004 im Rahmen der Agenda 2010 brachten weitere Einschnitte für die Mitglieder der GKV. Sterbegeld, Entbindungsgeld und Zuschüsse für Brillen wurden gestrichen, eine Praxisgebühr von 10 Euro pro Quartal eingeführt und die Selbstbeteiligung von 10 Prozent für Arznei- und Hilfsmittel beschlossen. Ein weiterer wichtiger Kernpfeiler dieser Reform war die Aufhebung des Paritätsprinzips. Arbeitgeber erhielten eine Entlastung, während die Arbeitnehmer einen erhöhten Beitrag zur Sozialversicherung zahlen mussten. 
 
2011 und 2015 traten die neusten Gesundheitsreformen in Kraft. Der Krankenkassenbeitrag erhöhte sich wieder auf 15,5 Prozent. Mit Einführung des kassenindividuellen Zusatzbeitrags sank der gesetzliche Kassenbeitrag zwar auf 14,6 Prozent, den sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu je 50 Prozent teilen. Gleichzeitig führten die Kassen jedoch einen ausschließlich durch den Arbeitnehmer zu bezahlenden Zusatzbeitrag ein, der zwischen heute zwischen 0,5 und 1,5 Prozent schwankt. 
 
Besonders die Erhöhung der Zusatzbeiträge bei gleichzeitig sinkenden Leistungen ist in den letzten Jahren deutlich zu spüren. 

Moderne Medizin wird immer teurer

Ursache für die sich immer weiterdrehenden Spirale aus Leistungskürzung und steigenden Eigenanteilen ist nicht zuletzt der medizinische Fortschritt. So seltsam es sich auch anhören mag, entspricht es doch der Tatsache. Moderne medizinische Versorgung auf Basis neuester wissenschaftlicher Technologien und Möglichkeiten ist um ein Vielfaches teurer als eine einfache Diagnostik und Behandlung. 
 
Krankenkassen unterliegen aber auch dem Diktat der Wirtschaftlichkeit. Aus diesem Grund beschränken sich die gesetzlichen Leistungen in vielen Bereichen auf die Maßnahmen, die medizinisch zum Erfolg führen und gleichzeitig kostengünstig und ausreichend sind. 
 
Am Beispiel Zahnersatz lässt sich die Situation leicht erklären. Bei einem fehlenden Zahn übernimmt die Kasse heutzutage gerade einmal 50-65 Prozent der befundbezogenen Regelversorgung. Bei Zahnersatz ist dies in der Regel eine Kassenkrone und Brücke. Medizinisch ausreichend und wirtschaftlich. 
 
Wer hingegen die moderne und wesentlich bessere Variante eines Keramik-Implantats in Zahnfarbe wünscht, muss tief in die Tasche greifen. Der Eigenanteil für solch eine Behandlung beträgt mindestens 2.000 Euro. Die Zahnzusatzversicherung wird von vielen Experten und Verbraucherschützern daher als eine der sinnvollsten Zusatzversicherungen empfohlen. 

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