Akiko

Akiko

Vom herzlosen Vater nicht geliebt
und von der Stiefmutter düpiert,
bewirkt bei Akiko, dass sie flieht,
doch bald schon hat sie sich verirrt.

Das Mädchen, noch nicht sechs Jahre alt,
kennt sich nicht aus, nie war sie hier,
so tief in diesem finsteren Wald –
ach, plötzlich steht ein Wolf vor ihr.

Töte mich, ich will nicht mehr leben,
möcht bei Mutter im Himmel sein“,
ruft das Kind mit zitterndem Beben,
auf der Erde bin ich allein!“

Der Wolf schaut Akiko traurig an
und lässt sich ins Waldgras nieder,
er winkt das Mädchen zu sich heran,
Akiko zittern die Glieder.


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Höre, ein Wolf frisst niemals Menschen,
die anständig im Leben sind,
auch Wölfe haben klare Grenzen –
du bist ein wunderbares Kind!“

Dein Unglück kommt allein nur daher,
weil du vertrauensselig bist,
an Menschen erkennt man oft sehr schwer,
welcher gut und wer böse ist.“

Aber ich werde dir gern helfen,
den richtigen Blick zu haben,
dann wirst du stets gleich herausfinden,
was die Menschen in sich tragen.“

Nimm diese beiden Wimpern von mir,
halt sie künftig vor die Augen,
gleich beim anschauen zeigen sie dir,
was die Menschen wirklich taugen!“

Vor allem, ob du vertrauen kannst
auf all das, was sie dir sagen,
ob du demjenigen ohne Angst
glauben darfst in allen Lagen.“

Betrachte die Menschen ganz genau
mit den Wimpern vor den Augen,
ändert sich deren Gestalt, dann trau
ihnen nicht, weil sie nichts taugen!“

Der Wolf führt Akiko aus dem Wald,
hin zu dem Weg, der zur Stadt zeigt,
dort auf dem Markt sieht das Mädchen bald,
was man da so alles betreibt.

Menschen schreiten gesittet daher,
einige sind reich gekleidet,
an Bauernständen sind kreuz und quer
Handelswaren ausgebreitet.

Das Mädchen schaut sich die Menschen an
mit Wolfswimpern vor den Augen
und erkennt, was sie nicht glauben kann –
nein, das ist nicht zu ertragen.

Die Matrone im bestickten Kleid,
umgeben von Dienerinnen,
hat den Kopf eines Gockels und schreit
gackernd, als wär sie von Sinnen.

Um sie herum trapsen drei Hennen
mit aufgeplusterten Flügeln,
der Herr dort, einer von den Feinen,
könnt‘ mit Schweineohren segeln.

Die vielen Handelsleute plärren
aus Truthahnköpfen in die Welt –
all die Damen und stolzen Herren
sind von wunderlicher Gestalt.

Das alles macht das Mädchen traurig,
weil niemand wohl wahrhaftig ist,
es zeigt sich rundum alles schaurig,
da es Anständigkeit vermisst.

Doch dort im wärmenden Sonnenlicht
sitzt still ein alter armer Mann,
seine Gestalt verändert sich nicht –
diesem allein sie trauen kann!

Akiko setzt sich gleich zu ihm hin
und erzählt, wie es ihr erging,
drauf spricht der Alte: „Alles hat Sinn,
Menschenkenntnis ist dein Gewinn!“

© Syrdal 2024

……………….

Frei gestaltet nach einer szenischen Erzählung aus dem
Hokusai-Roman „Die Woge“ von Ingrid Möller
Die Abbildungen sind dem Buch entnommen.


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Kommentare (6)

Tulpenbluete13

Lieber Syrdal,

ich hätte auch - das eine oder andere Mal- die Wolfswimpern gebraucht....nämlich da wo mich meine Menschenkenntnis in Stich gelassen hat.....
aber eigentlich war es manchmal besser - sie nicht zu haben....
.
Anständigkeit ist in unseren Welt rar geworden...leider..

meint schmunzelnd nachdenklich
mit lieben Güßen
Angelika

Syrdal

@Tulpenbluete13

Liebe Angelika,
wer möchte nicht solche Wolfswimpern mit geheimer Zauberkraft besitzen, um bei den Menschen auf Anhieb erkennen zu können, wes Geistes Kind sie sind. Nun gibt es diese „Zauberwimpern“ leider nicht, also muss ein jeder seine eigene Wahrnehmung schulen und „richtig“ sehen lernen. Andererseits – du hast es in deinen Worten anklingen lassen – ist es mitunter auch ganz gut, nicht alles zu sehen, denn Anständigkeit ist in der Tat in erheblichem Maße verloren gegangen und wer alles immer gleich in seiner ganzen Ausprägung sehen könnte, wäre wohl stark gefährdet, am Offensichtlichen zu verzweifeln. Insofern ist der bewusste Verzicht auf „Wolfswimpern“ vielleicht doch eher angeraten…

...meint mit Montagsgrüßen
Syrdal 

Marlen13

Lieber Syrdal, es ist zwar ein Märchen, 
doch vieles trifft im persönlichen Umfeld auch heute noch zu.
Man sollte Gut und Böse rechtzeitig erkennen und auch handeln.
Hab noch einen schönen Sonntagabend, herzlichst Marlen.
 

Syrdal

@Marlen13

Liebe Marlen,
es haben ja doch alle Märchen – so auch diese wie ein Märchen gestaltete Erzählung aus dem Buch „Die Woge“ – einen tiefliegenden Sinn, auch wenn dieser mitunter nicht gleich beim ersten Blick offensichtlich wird. So gesehen, verlieren Märchen kaum ihre Aktualität, spiegelt sich in ihnen doch das „wahre Leben“. Hier geht es vor allem um Menschenkenntnis, mehr noch darum, möglichst bald Auge und Sinn zu schärfen, aus dem Verhalten und den Worten und Taten andere Menschen hinsichtlich ihrer Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit „erkennen“ zu können, um mit diesen im Vertrauen oder auch mit gebotener Vorsicht umgehen zu können. Wer sich darin rechtzeitig übt, wird mit allen stets gut auskommen…

Zum Abend liebe Grüße von
Syrdal  

Christine62laechel


Wie wahr, lieber Syrdal. Die so schön von dir gestaltete Geschichte erinnert mich ein wenig an diejenige vom hässlichen Entchen. Auch da musste sich eine Figur von ihren Mitmenschen verraten fühlen, und erst bei Fremden die Anerkennung finden. Solche Texte wirken wie ein Heilungsmittel, glaube ich, für Menschen, die mal früher von ihrem Schicksal verletzt wurden.
Ist die mittlere Abbildung auch dem Buch entnommen? Sie sieht aus, aus wäre es doch ein KI-Produkt. :)

Mit Grüßen
Christine

Syrdal

@Christine62laechel

Liebe Christine, sicher liegt der Vergleich zu manch anderen Geschichten der weltweiten Literatur recht nah. Das Wichtige ist, dass man möglichst frühzeitig lernt, miteinander in gegenseitigem Vertrauen umzugehen und vor allem das Gute vom Bösen zu unterscheiden… also seine ganz persönliche Menschenkenntnis zu schärfen. Diese ist nun mal im gesellschaftlichen Leben unabdingbar, um nicht wieder und wieder in hässliche Fallen zu geraten.

...meint Syrdal

(Ja, das Bild „Japanmädchen mit dem Wolf“ ist ein KI-generiertes Bild.) 


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