Das Kind Folge 4 Der Krähenbusch




Der Krähenbusch

In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte das Kind in einer friesischen Stadt.

An sich ist Friesland ja so platt wie ein flacher Teller, aber ein paar Hügel gibt es doch. Diese stammen aus der Zeit, als es in Friesland noch keine Deiche gab und wurden von den Menschen künstlich aufgeschüttet, um darauf ihre Kirchen, Häuser und Ställe zu bauen. Man nannte sie Warften oder auch Wurten, und sie schützten Menschen und Tiere viele Jahre lang vor dem "Blanken Hans".

Zu jener Zeit herrschte in Friesland die Häuptlingstochter "Maria von Jever", die sehr klug war.

Das Land senkte sich aber immer mehr ab und der Meeresspiegel stieg . Die Warften boten nicht mehr genug Schutz. Als eine besonders verheerende Sturmflut das Jeverland verwüstete und schrecklich viele Menschen ertranken, reiste Maria nach Holland, denn sie wusste, dass man sich dort bereits erfolgreich mit Deichen schützte.Die besten Deichbauer lud sie in ihre Heimat ein und bald war auch Friesland eingedeicht. Die Warften waren nun überflüssig und wurden alsbald vergessen.

Das Kind nun lebte in der Nähe einer vergessenen ehemaligen Warft. Kein Haus stand darauf, ja, noch nicht mal eine Ruine. Aber sie war dicht bewachsen von alten Erlen, in deren Kronen ganz viele Krähen wohnten. Die Stämme waren zum größten Teil hohl und über den Wurzeln öffneten sich Tore, die waren so hoch, dass das Kind bequem hinein gehen konnte.

Das Kind liebte die alten Bäume sehr und ging daher fast jeden Tag auf den Krähenbuschhügel.

Eines Tages sah es plötzlich auf dem Boden eine winzige Gestalt hin und her flitzen. Wie angewurzelt blieb es stehen und wagte kaum, sich zu bewegen. Es war ein Wichtel, der Erlenfrüchte aufsammelte. Immer, wenn er sein winziges Schürzlein voll hatte, verschwand er in einem der hohlen Bäume. Nun war das Kind natürlich neugierig geworden, und ganz vorsichtig folgte es dem Zwerglein. Es sah in den hohlen Baum und konnte nichts entdecken. Plötzlich hörte es ein zartes Kichern und blickte nach oben. Dort sah es doch tatsächlich in gleich drei lachende Wichtelgesichter. Nun lief es schnell von Baum zu Baum und überall wohnten hoch oben allerliebste kleine Gestalten. Es waren auch Elfen darunter und die waren besonders hübsch anzusehen.

Zwei der Elfen sprachen das Kind an und baten es, ihnen beim Erlen sammeln zu helfen, schließlich hätte es doch viel größere Hände als sie. Ja, natürlich will ich euch helfen, sprach das Kind, und das Herz klopfe ihm, als wolle es zerspringen. Wie aber soll ich euch denn die Früchte nach oben bringen? Wirf sie nur einfach hoch, riefen sie im Chor, wir werden sie schon auffangen.

Das Kind sammelte und warf, sammelte und warf..............., und es wurde dabei ganz schön müde. Als es Zeit war, Heim zu gehen, beschloss es insgeheim, einige Freundinnen und Freunde um Mithilfe zu bitten, denn für ein kleines Kind allein war die Aufgabe einfach zu groß.

Als es am anderen Tag den Freunden von dem wunderbaren Erlebnis erzählte, wollten diese natürlich kein einziges Wort glauben. Schließlich wüsste ja wohl jedes Kind mit einem einigermaßen funktionierendem Verstand, dass Wichtel u n t e r der Erde wohnen und Elfen in den schönen bunten Blumen, von denen es auf dem Krähenbusch keine einzige gab. Trotzdem gingen sie aber mit auf den Hügel.

Zuerst versteckten sich die Geistlein, denn so viele Kinder auf einmal waren sie ja nicht gewöhnt. Das Kind aber redete mit ihnen und versprach, dass zukünftig alle Kinder beim Früchte sammeln helfen würden.Da freuten Elflein und Zwerglein sich sehr und plötzlich konnten auch die anderen Kinder, eines nach dem anderen die winzigen Gestalten sehen. Nun war das Staunen groß, aber auch der Sammeleifer. Fortan gab es an jedem Nachmittag, wenn die Schulaufgaben erledig waren, einen Wettstreit, wer die wohl die meisten Früchten aufsammelte.

Als nun aber der Winter nahte und die Sonne gar nicht mehr so richtig wärmte, waren alle Früchte fein säuberlich aufgesammelt und abgeliefert. Wichtel und Elfen verabschiedeten sich nun von den Kindern, nicht, ohne ihnen aus tiefstem Herzen zu danken. Jetzt wollten sie erst einmal ganz lange schlafen, vielleicht sogar bis zum Frühling.

Die Kinder versprachen feierlich im nächsten Jahr wieder zu kommen.

Aber als die Vögel endlich wieder sangen und die Kinder wieder Kniestrümpfe, wenn nicht gar Söckchen tragen durften, gab es längst ganz andere Abenteuer zu bestehen.

Und so kam es, dass das Kind das wunderbare Erlebnis mit den Wichteln und Elfen vergaß.

Gestern ist es ihm wieder eingefallen, weil es nicht gleich einschlafen konnte.

Anzeige

Kommentare (8)

pippa
pippa
Mitglied

Liebe Ingrid,

ich habe tatsächlich geplant, noch ein paar Folgen zu schreiben, aber der Krähenbusch ist, ob Du es glaubst oder nicht, absolut wahr. Ich h a b e die Geister wirklich gesehen und was noch phantastischer ist, ich konnte die anderen Kinder überzeugen, so dass sie sie auch sehen konnten. Schade, dass einem so etwas nur als Kind passiert.
Kinder lesen zum Glück ja noch, aber heute brauchen sie mindestens Monster und Ungeheuer, damit sie es spannend finden.
Liebe Grüße
Heidi
indeed
indeed
Mitglied

ich habe deine Geschichte mit Begeisterung gelesen. Du solltest unbedingt weiter schreiben. Für Kinder ist es auch wichtig. Bücher lesen, Geschichten erzählen regt die eigene Phantasie und Kreativität der Kinder an. Viele Eltern wissen das und werden es nutzen. Mehr Menschen als du glaubst lesen Märchen - auch Erwachsene!
Ich freue mich auf deine nächste Geschichte.
Liebe Grüße
Ingrid
pippa
pippa
Mitglied

ich musste diese Geschichte einsetzen, weil ich vielleicht noch mehr Folgen schreiben werde. Die nächste ist gerade in Arbeit, und da hätte der Krähenbusch einfach gefehlt.
Danke für Deine aufmunternden Worte
und liebe Grüße
Heidi
pippa
pippa
Mitglied

Liebe Beate,

ich danke Dir ganz herzlich, dass Du mir das zutraust, aber leider kann ich mir nicht vorstellen, dass z. B. Kinder so etwas lesen möchten. Nicht mal meine Generation will im Grunde an diese Zeit erinnert werden.

Ganz liebe Grüße
Deine Heidi
pippa
pippa
Mitglied

Hallo Oessilady,

Du hast Recht, Phantasie konnten wir entwickeln, es blieb uns ja auch gar nichts anderes übrig. Im Grunde bin ich auch heute noch genau so "verrückt" wie damals und dieses Lebensgefühl will ich mir auch erhalten.
Liebe Grüße und Danke für s Lesen
Pippa
traumvergessen
traumvergessen
Mitglied

schön, dass du die Geschichte, die bereits im Buch "Herzenswunsch" verewigt ist, hier eingestellt hast. Ich finde deine Kind-Geschichten sehr gut.

Alles Liebe
Gerd
dottoressa
dottoressa
Mitglied

Du bist ja eine richtige Märchenerzählerin. Man möchte nach dieser Geschichte gleich noch mehr von Dir hören, so schön kannst Du erzählen. Da schließe ich mich gleich der Frage von Oessilady an: Machst Du ein Buch daraus??

Danke für die schöne Kindgeschichte.
Liebe Grüße
Deine Beate
oessilady
oessilady
Mitglied

Ja du hast eine wundersame Wichtel-Elfen-Geschichte hier geschrieben,machst du ein Buch daraus ? Ich erinnere mich auch an die Kinderzeit,da haben wir geglaubt, daß es Zwerge und Elfen gibt und in unserer lebhaften Phantasie konnten wir sie sogar sehen ,wenn wir in Wald und Wiesengünden unterwegs waren.Wie schön unsere Kindheit doch war und das ohne
Playstationen und Kinderfilme ? Schade daß das den Kindern heute meistens fehlt,Phantasien zu entwickeln,weil sie so vollgepumpt werden mit vielen unrealen Dingen.

Anzeige