In einer PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks)


In Zukunft be- und entlud Lothar Lieferfahrzeuge dann, wenn Karl Ka­mel (der Lagerleiter) nicht anwesend oder anderweitig beschäftigt war, was immer häufiger der Fall war. Das war einerseits oft stressig, denn die Lieferanten verbreiteten ständig Hektik, da sie keine Zeit hatten, aber andererseits wurde der Arbeitstag kürzer, weil es nicht so oft Langeweile gab. Kamel nutzte die Zeit, um noch mehr Autos für Kollegen und Vorgesetzte zu reparieren und zu pflegen, wobei er von den Kollegen Geld dafür nahm, von den Chefs aber nicht.

So wurde Lothar nach und nach zum eigentlichen Lagerleiter, denn Karl hielt sich fast ausschließlich in der Garage auf. Deshalb gingen auch viele Aufgaben von Karl zu Lothar über. Er musste die Buchhalterin mit dem Trabant der PGH zur Bank und zurück fahren, um dort die Lohngel­der abzuholen. Dabei fungierte er gleichermaßen als Fahrer und als Body­guard. Er beobachtete amüsiert, wie die Kollegin mithilfe eines Radier­gummis anstelle eines feuchten Fingers die Geldscheine zählte, um die mehr als 50 000 Mark dann in dem typischen Dederon-Blümchenbeutel zu verstauen.

Im hellen und freundlichen Keller der PGH befand sich eine Kantine mit der dazugehörigen Küche. Dort trafen sich die Mitarbeiter, die in der Zentrale anwesend waren, zum Mittagessen. Es gab einen langen Tisch für Arbeiter und einen für Angestellte. Das empfand aber niemand als Diskri­minierung, sondern alle verstanden, dass es an der Kleidung der beiden Berufsgruppen lag. Niemand von den Angestellten wollte sich die Klei­dung schmutzig machen, indem er sich auf einen Stuhl setzte, auf dem vorher schlimmstenfalls Karl Kamel gesessen hatte.
Eines Tages bekam Lothar den Auftrag, zum Fleischer zu fahren, um dort Nachschub an Fleisch und Wurst für die Betriebskantine zu holen. Auch das hatte vorher Karl Kamel erledigt. Lothar bekam Plastkörbe und Metallschüsseln, in denen die Fleischwaren immer transportiert wurden. In der Fleischerei wurde er in einen hinteren Raum geführt, in dem große Mengen von rohem Fleisch, einschließlich Innereien und viele dicke Würste auf ihn warteten. Als er die mitgebrachten Gefäße geholt hatte, erwartete er, dass einer der Fleischer ihm die Ware dort hineinpacken würde. Damit lag er jedoch völlig falsch, denn dazu hatten die Mitarbeiter der Fleischerei weder Zeit noch Lust. Lothar wies sie darauf hin, dass er sich nicht die Hände gewaschen hätte, aber das Argument zählte nicht. Der Fleischermeister lachte: „Was meinen Sie, was ihr Kollege, der die Ware sonst abholt, immer für dreckige Hände hat!“ So musste Lothar mit bloßen, ungewaschenen Händen das unverpackte Fleisch und die Würste in seine mitgebrachten Gefäße umfüllen.

Bisher hatte Lothar sich nie Gedanken darüber gemacht, wie die Kanti­ne versorgt wurde und hatte stets mit Appetit gegessen. Jetzt aber wurde ihm nachträglich schlecht, denn er wusste, dass Karl sich im Laufe des Tages niemals die Hände wusch und er war sich sicher, dass dieser auch zum Fleischholen keine Ausnahme gemacht hatte. Der Verstand sagte ihm je­doch, dass das Motoröl und der andere Dreck von Karls Händen bisher anscheinend niemandem ernsthaft geschadet hatten, weshalb es sinnlos war, sich nachträglich zu ekeln. Ab jetzt würde er, Lothar, das Fleisch holen und sich davor jedes Mal die Hände sehr gründlich waschen.

Aus dem Buch "Er war stets bemüht" von Wilfried Hildebrandt


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