Aktuelle Themen Sterben

Mareike
Mareike
Mitglied

Re: Sterben
geschrieben von Mareike
als Antwort auf marina vom 24.03.2013, 10:15:47
Dem möchte ich mich voll und ganz anschließen.
Danke!

Nach dem Unfalltod von meinem Mann vor nun mehr 18 Jahren verstand ich plötzlich, was Rilke hier zum Ausdruck bringt:

Das Buch von der Pilgerschaft

Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, -
du hast ihn wachsen sehn; -
die Bäume flüchten. Ihre Flucht
schafft schreitende Alleen.
Da weißt du, der vor dem sie fliehn
ist der, zu dem du gehst,
und deine Sinne singen ihn,
wenn du am Fenster stehst.

Des Sommers Wochen standen still,
es stieg der Bäume Blut;
jetzt fühlst du, daß es fallen will
in den der Alles tut.
Du glaubtest schon erkannt die Kraft,
als du die Frucht erfaßt,
jetzt wird sie wieder rätselhaft,
und du bist wieder Gast.

Der Sommer war so wie dein Haus,
drin weißt du alles stehn -
jetzt mußt du in dein Herz hinaus
wie in die Ebene gehn.
Die große Einsamkeit beginnt,
die Tage werden taub,
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
die Welt wie welkes Laub.

Durch ihre leeren Zweige sieht
der Himmel, den du hast;
sei Erde jetzt und Abendlied
und Land, darauf er paßt.
Demütig sei jetzt wie ein Ding,
zu Wirklichkeit gereift, -
daß Der, von dem die Kunde ging,
dich fühlt, wenn er dich greift.


................

Und meine Hände, welche blutig sind
vom Graben, heb ich offen in den Wind,
so daß sie sich verzweigen wie ein Baum.
Ich sauge dich mit ihnen aus dem Raum

als hättest du dich einmal dort zerschellt
in einer ungeduldigen Gebärde,
und fielest jetzt, eine zerstäubte Welt,
aus fernen Sternen wieder auf die Erde
sanft wie ein Frühlingsregen fällt.


http://www.rilke.de/gedichte/das_buch_von_der_pilgerschaft.htm
aurora
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Re: Sterben
geschrieben von aurora
als Antwort auf marina vom 24.03.2013, 10:15:47
Schon in dem Moment, in dem das menschliche Leben entsteht, steuert es unweigerlich auf dessen Ende zu...Was man daraus macht, hängt von einem selbst und noch sehr viel mehr von den Umständen ab, in denen man lebt. Es ist gut, dass man sich in jüngeren Jahren nicht mit dem Tod beschäftigt. Intensiver werden die Gedanken an das Ende, wenn die "Einschläge", d.h. der Tod von Freunden, Bekannten oder sogar Verwandten näherkommen. Ist es nicht so, dass man dem Tod beruhigter entgegensehen kann, wenn man mit seinem Leben und dem, was man daraus gemacht hat, zufrieden sein kann? Oder ist es so, wenn man es nicht so positiv sehen kann: ist man da froh, endlich gehen und "keinen Schaden mehr" anrichten zu können?
Ich bin froh, dass ich nach dem Tod einfach "weg" bin, natürlich habe ich auch Spuren hinterlassen, die mit der Zeit wohl ganz verblassen, aber ich möchte auf keinen Fall irgendwo ??? weiterleben oder als ein anderes Leben wieder auf der Erde aufkreuzen. An beides glaube ich sowieso nicht.
Ich stelle mir vor, dass ich zum Zeitpunkt des Todes so schwach bin, dass ich mich nicht mehr dagegen wehre zu gehen, dass ich das Hinübergleiten als angenehm empfinde. Jedenfalls ist das meine Hoffnung.
Noch ein Gedanke: oft hört oder liest man von Paliativstationen, gerade wurde wieder eine für Kinder eröffnet. Es ist so schmerzlich zu sehen, dass Kinder so früh gehen müssen, ohne richtig gelebt zu haben. Wenn es schon unvermeidlich ist, so ist es wenigstens ein würdiger Abgang. Nichte jedem ist das vergönnt, leider.
aurora
Mareike
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Re: Sterben
geschrieben von Mareike
als Antwort auf adam vom 24.03.2013, 09:53:17
Nichts im Universum geht verloren, aber das ändert für mich wenig daran, daß die Gedanken an die Vergänglichkeit des Jetzt bedrückend sind
geschrieben von Adam


Tröstend ist das Bild des Tautropfens: Der Tropfen kehrt zurück in den Ozean ...

Mareike

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pschroed
pschroed
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Re: Sterben
geschrieben von pschroed
Wenn Kinder sterben.

Ich glaube, das ist überhaupt das schlimmste was eintreten kann.

An diesen Beerdigungen ist mein Stiefvater zerbrochen, trotz daß er ein Wesen wie eine Eiche im Walde war.

Unvergeßlich bleiben die Szenen wo die Eltern sich von ihren geliebten Kinder Abschied nehmen mußten.

Phil.
adam
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Re: Sterben
geschrieben von adam
als Antwort auf Mareike vom 24.03.2013, 11:23:47
Nichts im Universum geht verloren, aber das ändert für mich wenig daran, daß die Gedanken an die Vergänglichkeit des Jetzt bedrückend sind


Tröstend ist das Bild des Tautropfens: Der Tropfen kehrt zurück in den Ozean ...

Mareike
geschrieben von Adam


@marina, mareike u.a.

zur Verdeutlichung des Gedichtes:

Ich stieß bei der Recherche über das alte Ägypten auf das Gebet eines ansich einfachen Ägyters an Osiris und war wirklich tief geeindruckt, wie sehr mich die schlichten Worte dieses Mannes, nach seinem Tod, beeindruckten. Es fehlte vor allem das Düstere, das ich von Glaubensinstitutionen des christlich-jüdischen Kulturkreises von Kindesbeinen an vermittelt bekommen hatte.

Deswegen waren die Worte des Ägypters aber keineswegs heiter, sondern entsprachen dem ernsten Hintergrund von Sterben und Tod. Es dauerte seine Zeit, ehe ich meinte, dieses "Lied"- Gebet für unsere Zeit in einem kleinen Gedicht festhalten zu können.

Da der Tod in unserer Zeit mehr als Heimsuchung empfunden wird, übernahm ich die Zeile "Der Tod kam heute zu mir" und versuchte, dieser Zeile trostspendende Bilder gegenüber zu stellen, die sich sinngemäß aus dem alten Text ergaben. Weil der verstorbene Ägypter heim zu Osiris ging, ergab sich die Wandlung des Osiris in den Vater und die Heimsuchung wurde zur Heimholung, was auch mir selber die Beschäftigung mit der Thematik Sterben und Tod erleichtert.

Geradezu besänftigend für meine Gedanken empfand ich die Retrospektive, in der sich der alte Ägypter mit seinem Tod beschäftigt. Für mich als lebender Mensch bleibt zwar nur der zaghafte Blick in die Zukunft, aber wegen der Schlichtheit auch für mich, diese im Denken über Sterben und Tod zu übernehmen, wie ein Kind an Heiligabend, das zwar Angst vor dem Weihnachtsmann hat, aber trotzdem neugierig hofft, daß ihm dessen Geschenk gefallen wird.

Natürlich ist das alles eingebunden in meinen Glauben, den ich, für mich selbstverständlich, habe, obwohl ich schon lange keiner religiösen Institution mehr angehöre. Eher deshalb. Das Lied des alten Ägypters passt zu meinem Glauben an eine Macht, meinetwegen auch Gott, die/der dem Universum für mich unbegreifliche Größe, Bestimmungen und Hintergründe verleiht, dem ich angehören darf und aus meiner Perspektive wohl immer ein staunendes Kind bleiben werde.

Jetzt weiß ich nicht, ob das zum Thema passt. Ich setze es einfach mal ein und hoffe, daß es in den richtigen Kanal dröppelt.

--

adam
Mareike
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Mitglied

Re: Sterben
geschrieben von Mareike
als Antwort auf adam vom 24.03.2013, 13:09:05
Natürlich ist das alles eingebunden in meinen Glauben, den ich, für mich selbstverständlich, habe, obwohl ich schon lange keiner religiösen Institution mehr angehöre. Eher deshalb. Das Lied des alten Ägypters passt zu meinem Glauben an eine Macht, meinetwegen auch Gott, die/der dem Universum für mich unbegreifliche Größe, Bestimmungen und Hintergründe verleiht, dem ich angehören darf und aus meiner Perspektive wohl immer ein staunendes Kind bleiben werde.
geschrieben von Adam


Es sind ebenfalls meine Gedanken, Empfindungen, Erfahrungen ...

So wäre es gut, nachzufragen, was der Einzelne aussagt, wenn er sagt, dass er religiös ist ...

Ja: eher deshalb ...

Nicht irgendwelche Lehrmeinungen irgendeiner Institution sondern
das kindliche, nicht kindische, Staunen und Vertrauen.

Meine Eltern verloren 2 Kinder.

Marianneke im Alter von einem Jahr (Kindstod) und einen Sohn im Alter von 30 Jahren nach einer Nierentransplantation.

Es hat mich sehr geprägt zu erleben, wie der Vater dennoch sein Gott?-Vertrauen nicht verlor.
Meine Mutter verlor ihre Lebensfreude ...

Mareike

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Re: Sterben
geschrieben von marina
als Antwort auf adam vom 24.03.2013, 13:09:05
Danke, Adam, für deine Erklärungen.
Nur eins (aber wirklich ganz und gar off topic) dazu :
Du schreibst: "Für mich als lebender Mensch bleibt zwar nur der zaghafte Blick in die Zukunft, aber wegen der Schlichtheit auch für mich, diese im Denken über Sterben und Tod zu übernehmen, wie ein Kind an Heiligabend, das zwar Angst vor dem Weihnachtsmann hat, aber trotzdem neugierig hofft, daß ihm dessen Geschenk gefallen wird.".

Dazu kann ich nur sagen, dass ich nicht mit dem Weihnachtsmann, sondern mit dem Christkind groß geworden bin, und das gefällt mir auch heute noch viel besser als ein Weihnachtsmann, der sowieso nur noch verkitscht wird.
Und vor dem Christkind hatte ich nie Angst, sondern habe mich nur immer drauf gefreut. Angst hatte ich nur vor dem Nikolaus, aber der war auch meistens ziemlich milde.

Entschuldigung für diese völlig unwichtige Ablenkung vom Thema, soll nicht wieder vorkommen.
marieelena
marieelena
Mitglied

Re: Sterben
geschrieben von marieelena
als Antwort auf schorsch vom 23.03.2013, 14:07:45
hey schorsch ich glaube nicht das man das sterben lernen kann, jeder stirbt anders mir macht das sterben furchtbare angst, und jeder geburtstag macht mich deshalb trauriger.

marieelena
nasti
nasti
Mitglied

Re: Sterben
geschrieben von nasti
als Antwort auf marieelena vom 24.03.2013, 16:36:45
Ich bin einmal schon wirklich gestorben. War ich zwischen 4-5 Jahre alt.Was sich das alles abgespielt ist reif für ein Roman. In Krankenhaus, wo ich zwischen sterbende Soldaten hingelegt wurde zum eine sterbende Frau in Jahre 1944-45 ist etwas in die Nacht passiert. Das gehört nicht hier, aber eher zum Paranormale Geschechnisse, keiner glaubt mir.Ich war in ein Sargähnliches klein Gerät wie mein Körper reingelegt worden, wo kleine Led- Lämpchen mich bestrahlten. / Bis jetzt existiert so ein Gerät nicht, habe ich nachgeforscht/.
Ein steht fest, der zweiten Tag war den ganzen Krankenhaus Kopf über. Ich bin von Tode aufverstanden , 2 Nonnen beteten bei meinem Bett 2-3 Tage lang, und den ganzen Krankenhaus rief: "Ein Wunder ist geschehen...."
Seitdem begleitet mich dieses Gefühl tod zu sein genauso wie lebendig sein, ich habe wirklich gar kein Angst. Bin ich ewig bereit gehen, auch jetzt packe ich meine Sachen und Bilder und nenne ich diese Zeit Exodus. Ohne Exodus wäre meine Arbeit beduetungslos, mir macht das Spass ewig mich zum Tode bereiten. Schon x mal habe ich alles gepackt.....und nichts ist geschehen. Diesmal aber nehme ich ganz ernst meine Jahre, auch wenn ich wie gewöhnlich keine Angst habe wegen meine leichtsinnige Art zum Leben und Sterben. Bin eine morbide optimistin, jede Nacht treffe mich mit eine Gesselschaft in Traum welcher ich aus Träume und die eine Nacht wenn ich tod war, kenne.
Auch wenn alles nur ein Spiel meiner Fantasie wäre, so ist besser.

Nasti
Elisabet
Elisabet
Mitglied

Re: Sterben
geschrieben von Elisabet
als Antwort auf marieelena vom 24.03.2013, 16:36:45
Wenn Du magst,kannst Du auch versuchen aus dieser Angst auszusteigen,indem Du die Angst einfach mal ganz keck fragst woher sie kommt und wie sie heißt! Und vor allem was sie von Dir will.
Ich wünsch Dir gutes Gelingen,und eine kräftige Portion Mut :)

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