Geisteswissenschaft / Philosophie Philosophische Betrachtungen

Mareike
Mareike
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Re: Philosophische Betrachtungen
geschrieben von Mareike
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 31.08.2011, 16:18:50
....es liegt ein fluch über dem drang des menschen, sich von seinem tier-sein zu entfernen.

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Wolfgang


Fluch oder Segen?

Fluch und Segen?

Ich würde sagen Fluch und Segen ... allerdings nicht im Gleichgewicht.
Meiner Meinung nach ist die Teilung der Wissenschaft in Natur- und Geisteswissenschaft und die einseitige Bevorzugung der Erstgenannten mit-ursächlich für diese oft zerstörerische Seite des menschlichen Erkenntnisdranges.. Auch habe ich den Eindruck, dass wir Menschen die Kontrolle verloren haben: Die Technik entwickelt sich weiter, Finanzmärkte haben eine eigene Dynamik, ....es lassen sich viele Beispiele nennen.

Mareike
hobbyradler
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Re: Philosophische Betrachtungen
geschrieben von hobbyradler
als Antwort auf Mareike vom 01.09.2011, 17:53:29
Hallo Mareike,

bei dem Wort Geisteswissenschaft denkst du vermutlich vorwiegend an Philosophie, die ist heute nicht mehr dominant, sie ist, so glaube ich, vorwiegend in den Spezialwissenschaften aufgegangen. Auch z.B. Wirtschaftwissenschaft zählt zu den Geisteswissenschaften., ich vermute die ist dir als Geisteswissenschaft nicht anspruchsvoll genug. Von einem Ungleichgewicht kann ich nichts erkennen.
Ciao
Hobbyradler





Mitglied_bed8151
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Re: Philosophische Betrachtungen
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf Mareike vom 01.09.2011, 17:53:29
"Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist: in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß." - Max Scheler (* 22. August 1874 in München; † 19. Mai 1928 in Frankfurt am Main)

Link(s)...

http://www.religion-online.de/Unterrichtstexte/Anthropologie/OTSSCHEL.pdf
http://www.religion-online.de/Unterrichtstexte/Anthropologie/SCHELER1.pdf

--
Wolfgang

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Mareike
Mareike
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Re: Philosophische Betrachtungen
geschrieben von Mareike
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 02.09.2011, 00:33:07
Danke Wolfgang für diesen Link, den Text habe ich mit Interesse gelesen. Die Fähigkeit des Menschen NEIN sagen zu können ... ich glaube es lohnt sich, sich darüber mehr Gedanken zu machen.

Gruss
Mareike
Mareike
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Re: Philosophische Betrachtungen
geschrieben von Mareike
als Antwort auf Mareike vom 04.09.2011, 18:53:31
Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen......
Linktip


Sind wir Herr im eigenen Haus, oder hat Freud recht, der da sagt. "Wir bleiben auf klägliche Nachrichten angewiesen von dem, was unbewußt in unserem Seelenleben vorgeht,"?
carlos1
carlos1
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Re: Philosophische Betrachtungen
geschrieben von carlos1
als Antwort auf Mareike vom 04.09.2011, 19:20:11
„Sind wir Herr im eigenen Haus, oder hat Freud recht, der da sagt. "Wir bleiben auf klägliche Nachrichten angewiesen von dem, was unbewußt in unserem Seelenleben vorgeht,"?“mareike


Die drei großen Kränkungen des Menschenbildes, mareike. Was soll das eigentlich? Die Kränkung durch Kopernikus ist Phantasie. Die Menschen erregten sich sicher über diese Neuigkeit. im 16. Jhd. Ich bin nicht gekränkt, dass Kopernikus feststellte, was vor ihm schon in einschlägigen Kreisen nicht unbekannt war, dass nämlich die Erde rund ist (ist sie eingentlich nicht) und um die Sonne kreist (real gesehen ist es kein Kreis). Eher konnte Galilei "gekränkt" sein. Ihm ging es darum, dass die Erde nicht mehr Mittelpunk des Alls sei. Aber sterben wollte er für diese ontologische Kränkung auch nicht.

Freud ist bildlich gesprochen natürlich im Recht mit der Feststellung, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind. Vorausgesetzt seine Theorie stimmt. Er meinte, dass wir durch das Unbewusste in uns, durch unterdrückte Triebe gesteuert werden. Der Oedipus-Komplex feierte Urständ. Ein Superthema für Literaten, Philosophen, Sozialwissenschaftler, Psychologen. Ganze Nationen fühlen sich auf die Couch gelegt und therapiert. Wer zu einem Therapeuten geht oder einem Arzt, kann sicher sein, dass dieser etwas zu Therapierendes findet. Aber was sagt das über die Menschen aus?

Die letzte Kränkung ist jüngeren Datums und wurde dem Menschenbild durch die Hirnforschung zugefügt. B. Libet maß in den 80ern in Versuchen die elektrischen Bereitschaftspotenziale im zeitlichen Abstand zu den ebenfalls gemessenen Reaktionen der Testpersonen. Es ergab sich, dass die Bereitschaftspotenziale zeitlich vor den Reaktionen auftraten. Also soll es keinen freien Willen mehr geben? Was hat das alles mit unserer Weltwahrnehmung zu tun? Unserem Weltbild? Es geht um Schuld und Verantwortung, auf denen unser Strafrecht aufbaut. Die Rechtsordnung ist also in Gefahr, sagen viele und die Presse schreibt darüber, schürt Ängste. Allerdings bin ich nicht so ganz überzeugt davon, dass die Libetschen Experimente, auch wenn sie durch andere Versuche bestätigt werden, so weitgehende Folgerungen zulassen. Wenn ich auf einem Urwaldtripp am Amazonas unterwegs bin, weiß ich, dass mit Gefahren bei Begegnungen mit Schlangen zu rechnen ist. Leider ist kein Hirnforscher anwesend, der sofort meine Bereitschaftspotenziale messen und meine jeweiligen Reaktionen im zeitlichen Abstand vergleichen kann. Auf eine Begegnung mit meiner Schwiegermutter oder meiner Frau wäre ich nicht gefasst hinter dem mächtigen mit Lianen bedeckten Urwaldbaum. Auf Schlangen schon. Die Frage stellt sich doch, ob dabei ebenfalls das Bereitschaftspotenzial vor der freudigen Begegnung mit meinen Angehörigen aufgebaut worden wäre, da ich ja keine diesbezügliche Erwartung hegte.

Wir sind immer in irgendeiner Weise empört, ängstlich, freudig…. etc. Stimmungen färben unser Denken ein. Kaum verursacht ein Tsunami im fernen Japan ein schweres Reaktorunglück, melden ein seriöser öffentlich-rechtlicher TV-Sender über eine halbe Mio Strahlentote. Viele Leute glauben das. Wie sehen wir eigentlich die Realität? So wie sie wirklich ist? Bildet unser Hirn (Materie) die Realität so ab wie eine Photographie? Diese unsinnige Frage aus dem 19. Jahrhundert dem Inhalt entsprechend bis 1990 Staatsdoktrin im Ostblock. Es gibt immer noch genug Einfaltspinsel, die das verinnerlicht haben. Was sehen wir aber denn eigentlich? Vielleicht sollten wir uns bei dieser Frage überlegen, ob diese Frage wirklich sooo wichtig ist. Sie ist gar nicht die entscheidende Frage. Ob richtig oder nicht: Wichtig allein ist, dass unsere Verhaltensweisen richtig sind, nicht unsere verqueren Vorstellungen und Eindrücke von der Realität. Unser Hirn ist durch die Evolution nicht auf erkenntnistheoretische Überlegungen hin angelegt worden, sondern aufs Überleben in einer nicht immer freundlichen Umwelt. Und die Mücke? Kann ich mit ihr verständigen? Auf jeden Fall kenne ich ihre Absichten, wenn ich das metallische Surren höre.

Meine persönliche Meinung, die nicht immer richtig sein muss.

Viele Grüße
c.

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carlos1
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Re: Philosophische Betrachtungen
geschrieben von carlos1
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 02.09.2011, 00:33:07
"Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist: in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß." - Max Scheler (* 22. August 1874 in München; † 19. Mai 1928 in Frankfurt am Main).“ Wolfgang


In seiner Mio Jahre alten Geschichte war der Mensch immer ein gefährdetes Wesen, dem Untergang nahe. Im Alltag musste er sich bewähren. Nur haben wir es vergessen. Weil wir durch den Schutzmantel unserer technischen Zivilisation geschützt werden, wissen wir nicht mehr, was Hunger ist, den Tod und die Gefahr verdrängen wir. Abstrakte Gefahren werden in der Phantasie riesengroß. Vor einigen hundert Jahren noch, als Frauen 10 oder 15 Kinder zur Welt brachten, starb die Hälfte an Krankheiten. Schlechte Ernten waren im Mittelalter gleichbedeutend mit Hunger und Tod. Der Schwarze Tod raffte im 14. Jhd. in manchen Gegenden Europas 80% und mehr der Bevölkerung hinweg. Wir sollten nicht glauben, dass die Menschen sich damals nicht auch problematisch wurden. Wir erreichen in Dtld ein durchschnittliches Lebensalter von 80 und mehr Jahren. Das spricht Bände. Nur weil wir Zeit und Muße haben nachzudenken über viel unsinniges Treiben, Fressen, Saufen, Flugreisen machen, Spaßhaben …. haben wir evtl ein schlechtes Gewissen. Das pflegen wir. „Nein“ werden einige sagen, aber nicht die große Menge. Die große Menge beklagt das Aussterben vieler Arten, die Verarmung der Natur wegen des Verlustes der Artenvielfalt. Es gibt immer weniger Hasen, fast keine Lerchen mehr, Rebhühner sah ich noch vor 15 Jahren. Heute kommen große Autos aus der Großstadt in die Natur. Ausgeladen werden Hundemeuten, die frei herumjagen dürfen, die Wiesen vollkacken, die Hasen aufscheuchen, deren Junge totbeißen. Kein Bodenbrüter kann sich in der Hundegesellschaft sicher fühlen. Es werden immer weniger Kinder geboren, dafür steigt die Zahl der Hundehalter undder gehaltenen Hunde. Leute, die drei Hunde ausführen sind keine Seltenheit mehr. Ersatz für die Natur?

„Ich behaupte: Das Wesen des Menschen
und das, was man seine "Sonderstellung" nennen
kann, steht hoch über dem, was man Intelligenz und
Wahlfähigkeit nennt, und würde auch nicht
erreicht, wenn man sich diese Intelligenz und
40 Wahlfähigkeit quantitativ beliebig, ja bis ins
Unendliche gesteigert vorstellte.“ Scheler


Scheler hat versucht eine philos. Anthroplogie zu begründen. Er sieht im „Geist“ den grundlegenden Unterschied zwischen Mench und Tier. Wobei er Geist sehr weit fasst. Diesem Wesen, das Geist hat, weltoffen ist, Welt hat (Scheler) bleibt der Lackmustest aber nicht erspart. Es muss sich im Alltag bewähren. Unser Menschenbild steht doch nicht in einem grundsätzlichen Konflikt mit der Natur und auch nicht in Konflikt mit neurowissenschaftlichen Untersuchungen. Es muss sich vielmehr im Alltag beweisen.

Der 2. Scheler-Text ist gut, wolfgang.
Viele Grüße


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