Internationale Politik Kinderarbeit: Pro und Kontra

lalelu
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Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von lalelu
Fast jeder wird sich ob des Titels fassungslos die Augen reiben und sich fragen, was an Kinderarbeit „Pro“ sein kann.

Das habe ich mich bisher auch immer gefragt. Allerdings bin ich ins Grübeln gekommen, nachdem ich gestern Abend eine Sendung über Kinderarbeit gesehen habe: „Ana Rosa und ihr Recht auf Kinderarbeit“.

In der Sendung geht es um die Situation in Bolivien, wo viele Menschen noch immer unter extremer Armut leiden und wo Arbeit für viele Kinder zum Alltag gehört. Ihre Familien haben oft keine Wahl, weil sie ohne das Geld nicht überleben können.

Die Reportage begleitet die Kinder und gewährt Einblicke in ihren harten Alltag, der weit entfernt ist von der behüteten Welt, in welcher unsere Enkelkinder aufwachsen.

Mit sehr gemischten Gefühlen habe ich Ana Rosa und den übrigen Kindern zugehört. Natürlich lehne ich Kinderarbeit kategorisch ab, aber gleichzeitig hat mich der Mut der 11jährigen Ana beeindruckt, ihre Kraft und ihr fester Wille, mit ihrer eigenen Arbeit aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Wenn sie nicht arbeiten würde, könnte sie ihre Schule, ihre Bücher usw. nicht finanzieren und der Armut nie entfliehen. Daher kämpft sie für ihr Recht auf Arbeit und für die Kindergewerkschaft.

Ich bin hin- und hergerissen. Trotz fürchterlichen Bauchgrimmens imponiert mir diese kleine Person; ich wünsche ihr viel Erfolg auf ihrem Weg!

Wie seht ihr es: Ist es besser, Kinderarbeit weltweit grundsätzlich zu verbieten, so wie es die ILO (Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen) fordert, oder sollte man sich lieber der Realität beugen und sie, so wie in Bolivien, durch offizielle Erlaubnis aus der Illegalität herausholen, um Kinder hoffentlich besser schützen zu können?

Endziel muss natürlich sein, dass kein Kind mehr arbeiten muss. Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren.

Unter dem Link findet ihr einen kurzen Text sowie das Video zur Sendung (25 Minuten). Es ist sehenswert, aber ich muss gestehen: es lässt mich ziemlich ratlos zurück.

Bolivien: Das Kinder-Recht auf Arbeit

Lalelu
rehse
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von rehse
als Antwort auf lalelu vom 04.02.2016, 10:48:56
Darüber habe ich mal etwas gelesen und war genauso überrascht wie Du jetzt.
Da wir aber vom Endziel, was unbedingt stärker unterstützt werden müsste, noch sehr weit entfernt sind, sollten wir Schulbesuche der Kinder in diesen Ländern unterstützen. Cuba z.B. ist ein sehr armes Land, aber Schulbesuche sind dort kostenlos. Und Kinderarbeit ist mir dort auch nicht bekannt geworden. Ganz anders in einigen Ländern Afrikas, wo die ärmsten Familien kein Schulgeld aufbringen können!
rehse
lalelu
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von lalelu
als Antwort auf rehse vom 04.02.2016, 11:14:09
Da wir aber vom Endziel, was unbedingt stärker unterstützt werden müsste, noch sehr weit entfernt sind, sollten wir Schulbesuche der Kinder in diesen Ländern unterstützen. 


Rehse: auch ich glaube, dass wir vom Endziel noch weit entfernt sind und tendiere daher (wie ich schon schrieb: mit Bauchgrimmen) zu einer pragmatischen Lösung. Was hilft ein Verbot, das permanent unterlaufen wird?

Wie du würde ich es sehr begrüßen, wenn man weltweit die armen Ländern unterstützen würde, damit sie ihren Kindern eine kostenlose schulische Ausbildung ermöglichen. Diese Art von Entwicklungshilfe wäre sicher wirksamer als manches andere Projekt.

Durch deinen Vorschlag wurde ich dazu angeregt, ein wenig zu recherchieren – mit einem erschreckenden Ergebnis: Nach einem Bericht der Unesco aus dem Jahr 2011 besuchten 67 Millionen Kinder keine Schule. Wie deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt sein werden, kann man sich leicht ausrechnen. Stark betroffen sind Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten. Von den 67 Millionen stammen 28 Millionen aus Ländern mit Konfliktsituationen.

Besonders schlimm finde ich folgenden Ausschnitt:

Derzeit investieren 21 Entwicklungsländer mehr Geld in Militär als in Grundschulbildung, rechneten die Autoren aus. Zudem schätzen sie, dass 2009 nur etwa zwei Prozent der gesamten Entwicklungshilfe für Bildung ausgegeben wurde. Kaum mehr als ein Drittel der Anfragen auf Hilfe für Bildung werde unterstützt. "Der Grund liegt darin, dass teilweise Bildung nicht als lebenswichtig betrachtet wird", erklären sie.

Quelle: Unesco-Bericht bei SPON

Lalelu

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Bruny
Bruny
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von Bruny
als Antwort auf lalelu vom 04.02.2016, 11:51:44
Hallo Lalelu, ich war auch einmal eine jener die Kinderarbeit kategorisch Kinderarbeit, aber ich lehne sie nur noch bedingt ab. Kinderarbeit muss unterstützt sein mit Kinderbildung. Beides zusammen geht, wenn man sich nur ein wenig informiert und engagiert. Wir übernehmen Patenschaften solange es irgendwie geht und wenn wir dadurch helfen, dass Kinder Bildung erhalten und ein menschenwürdiges Leben führen können dann haben wir auch geholfen dass diese Kinder/Jugendlichen und irgendwann Erwachsenen nicht flüchten müssen. Einen gebildeten Menschen kann man schlechter ausbeuten als einen ungebildeten. Das ist zumindest die Meinung in unserer Familie.
Bruny
freddy-2015
freddy-2015
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von freddy-2015
als Antwort auf Bruny vom 04.02.2016, 14:15:38
Wie immer ist die Mitte aller Dinge das gerechte und richtige Maß in diesem Fall, notleidende Familien.

Wir können nicht mit unseren Maßstäben messen und sagen das Kinderarbeit verboten sein muss.

Wie immer sind Gesetze der Schlüssel.

Nach der Schule arbeiten wird auch in Deutschland toleriert, mit Einschränkungen.


Die Ergebnisse der oben genannten Studien zeigen, dass „Kinderarbeit“ in Deutschland nicht nur existiert, sondern sogar als Massenphänomen bezeichnet werden kann. So gaben bis zu 50% der 12-16jährigen Jugendlichen an, neben der Schule bereits gearbeitet zu haben. Sie haben Zeitungen ausgetragen, auf Kinder oder Tiere aufgepasst, haben Rasen gemäht oder waren für Bekannte einkaufen. Diese und andere Tätigkeiten werden meist nicht als Arbeit bezeichnet und aufgrund dessen von der Gesellschaft akzeptiert. Dennoch gilt in Deutschland ein strenges Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG), welches Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren – bis auf ganz wenige Ausnahmen – verbietet, einer Arbeit nachzugehen.
geschrieben von http://www.pronats.de/informationen/kindheit-und-arbeit/kinderarbeit-in-deutschland/
Bruny
Bruny
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von Bruny
als Antwort auf freddy-2015 vom 04.02.2016, 15:53:43
Freddy, es geht bei dem Link nicht um deutsche Jugendliche, die nach oder vor Schule Werbeprospekte austragen, sondern es geht um Millionen von Kinder die in keine Schule gehen, weil sie kit ihrer Arbeit die Familien ernähren. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied. Aus Kindern ohne Schule werden bestenfalls Tagelöhner, die weiter ausgebeutet werden und dieser Kreis schließt sich nie, es sei denn den Kindern wird das Recht auf Bildung gegeben. Darum plädiere ich für beides, Schule und Arbeit.
Bruny

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bukamary
bukamary
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von bukamary
als Antwort auf freddy-2015 vom 04.02.2016, 15:53:43
Bezogen auf das Zitat kann man diese Tätigkeiten wohl kaum als Arbeit im Sinne der Sicherung des Lebensunterhalts bezeichnen. Dies trifft aber u.A. ja auf die Kinder in Bolivien, und in vielen anderen Ländern dieser Welt zu und vor allem handelt es sich hier auch um ganz andere Tätigkeiten, die ja durchaus geeignet sind die Gesundheit dieser Kinder erheblich zu gefährden.
Ziel muss es sein, dass kein Kind für seinen und den Lebensunterhalt der Familie mitarbeiten muss.Wir sollten uns aber davor hüten unsere Maßstäbe einfach 1 zu 1 anzulegen. Das Beispiel von Lalelu zeigt es eigentlich ganz deutlich. Anstatt die Kinderarbeit anzuprangern, würde ich es für wichtiger erachten, dass eine Kontrolle darüber erfolgt, dass diese Kinder nicht ausgebeutet werden und sie darüber hinaus ein Recht auf Bildung haben.
Realistisch würde ein Verbot an Kinderarbeit eine weitere Verarmung bedeuten. Die Kinder hätten nichts zu essen und entweder tauchen sie dann in die Kriminalität ab , was ja schon ohnehin viel zu oft vorkommt. und nicht selten zusätzlich eine Abhängigkeit im Sinne einer Versklavung bedeutet.

bukamary
lalelu
lalelu
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von lalelu
@ Bruny: ich finde es toll, dass ihr Patenschaften übernehmt und Kinder durch eure Unterstützung Bildung erwerben können. Das ist für ihr späteres Leben mehr wert als jede materielle Hilfe, welche über die bloße Hilfe zum Überleben hinausgeht.

Eine chinesische Weisheit besagt: Gib einem Hungernden einen Fisch, und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre ihn zu fischen, und du ernährst ihn für sein Leben.

Du sagst: Einen gebildeten Menschen kann man schlechter ausbeuten als einen ungebildeten. Das ist zumindest die Meinung in unserer Familie.

Das ist nicht nur die Meinung in eurer Familie; es entspricht auch genau meiner Einstellung!

@ Freddy: Bruny hat dir bereits geantwortet, und ich schließe mich an: es geht nicht darum, dass Kinder kleine Aufgaben übernehmen. Das wird nicht nur toleriert; man findet es sogar völlig in Ordnung, ich auch. Warum sollte ein 15jähriger nicht den Rasen mähen oder für jemand kleine Besorgungen erledigen oder ein 12jähriger hin und wieder für die Nachbarin einkaufen gehen, weil sie selbst das nicht mehr schafft?

Das hat nach meiner Auffassung nichts mit Arbeit zu tun, sondern mit Erziehung zum sozialen Verhalten. Heranwachsende müssen lernen, dass sie innerhalb der Familie oder für Freunde kleine Pflichten übernehmen müssen.

Das erwarte ich sogar bereits von meinen vier Enkelkindern, die zwischen 7 und 10 Jahre alt sind. Sie müssen im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen, beispielsweise den Tisch zu decken; sie müssen die Unordnung in ihrem Zimmer selbst beseitigen – so gut sie können usw. Ich habe auch kein Problem damit, wenn Kinder mit 14 einmal in der Woche Prospekte austragen, um ihr Taschengeld aufzubessern.

Das hat nichts mit der Kinderarbeit zu tun, von der in meinem Eingangsbeitrag die Rede ist.

Lalelu

P.S.:Bukamary, ich sehe gerade, unsere Beiträge kamen kurz hintereinander. Ich stimme allem zu, was du geschrieben hast.
freddy-2015
freddy-2015
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von freddy-2015
als Antwort auf bukamary vom 04.02.2016, 16:28:26
Die Kinderarbeit hier und in Südamerika/Asien/Afrika zu vergleichen ist in den meisten Fällen nicht möglich, weil wir die Tafel und Hartz IV haben.
Gäbe es das nicht würden wir die Kinderarbeit mit etwas anderen Augen sehen. Deutschland ist reich, dieser Satz wird uns ja von allen Seiten eingebläut.

Das Problem sind die Schulkosten die in Problemländern nicht vom Staat übernommen werden.
Auf lange Sicht ist das eines der Gründe für die Kinderarbeit.

Wie viel der armen Kinder in Deutschland arbeiten denn??
olga64
olga64
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Re: Kinderarbeit: Pro und Kontra
geschrieben von olga64
als Antwort auf lalelu vom 04.02.2016, 16:32:56
Stimmt - zumal die Jobs bei den Kids bei diesen auch sehr begehrt sind. Sie können sich dann das neueste Smartphone oder Fussball-Geschichten kaufen und fühlen sich besser als wenn die Eltern selbst sich krummlegen, nur um ihrem Nachwuchs jeden Wunsch erfüllen zu können. Oder die Grosseltern (beidseitig von Vater und Mutter) einen inneren Wettkampf ausrufen, wer dem Enkel mehr gibt.
Gerade in den Familien mit nur einem Kind ist es wichtig, dass Kinder frühzeitig erfahren,dass im Leben nichts umsonst ist und keiner etwas geschenkt erhält und wenn doch, dass die Kids dies zu schätzen haben und nicht als selbstverständlich werten sollen.
Diese Kids werden lebensfähiger und erfahren frühzeitig, dass es im Leben immer mehrere Möglichkeiten gibt, wenn es mal nicht so gut läuft.
In unserem Familien- und Freundeskreis wird dies so gehandhabt - auch bei mir war es nicht anders und ich bin der festen Meinung, dass es mich für mein Leben stärker machte als wenn der Scheck des Vaters unaufgefordert zu jedem Monatsersten im Briefkasten gelegen hätte. Olga

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