DER LADENHÜTER


Der Ladenhüter

"Wer von euch weiß denn was ein Ladenhüter ist?" fragte ich die neue Azubigruppe, die gerade  im Unterrichtsraum Platz genommen hatte. Zwölf Augenpaare schauten mich neugierig an.

Es bereitete mir große Freude, diese jungen Leute in die Thematik der Fachkunde zu unterweisen.
In der Praxis übten wir beim Rollenspiel, ähnlich wie auf einer richtigen Theaterbühne, das Stück "Kunde und Verkäufer" ein. Dabei ging es um richtige Körperhaltung, Mimik, offene Fragestellung, sowie Argumentation im Verkaufsgespräch. Das kritische Azubi-Publikum durfte danach die beiden Hauptakteure bewerten. So konnte man sofort Stärken und Schwächen herausarbeiten.

Endlich meldete sich, wenn auch zögerlich, Kevin zu Wort: "Ein Security man?" 
Ich lächelte Kevin freundlich an und erklärte, dass es sich bei einem Ladenhüter, auch Pennerartikel genannt, um eine schlecht verkäufliche Ware handelt. Als einzige Möglichkeit bleibt dann nur noch eine konsequente Preisreduzierung, um diesen Artikel, wenn auch mit Verlust, zu verkaufen.

Steffi fragte sofort, ob es in unserem Ausbildungsgeschäft auch Ladenhüter gäbe.
Leider ja, einige Artikel wiesen Kratzer und Macken auf, die wahrscheinlich auf dem Transportweg entstanden waren. Nur der Römertopf, obwohl einwandfrei, stand schon längere Zeit herum, ohne einen Käufer zu finden. Dabei zeichnet er sich durch seine besonders schonende Art zu Garen aus.

Doch ich hoffte auf unseren schönen Weihnachtsmarkt, der schon in wenigen Wochen in unserem Jugenddorf stattfinden würde, und jedes Jahr viele Besucher anlockte. Zu den Besuchern gehörten oft auch die Eltern und Großeltern aller Teilnehmer. Vielleicht war ja eine liebe Kundin mit hausfraulichen Ambitionen dabei, die unseren Bräter richtig wertschätzte.
Wer es also schaffte, bei unserem Weihnachtsmarkt diesen Artikel zu verkaufen, den würde ich sicher wohlwollend zum erfolgreichen Praxiseinsatz beurteilen, ließ ich kurz durchblicken.
 
Nach einigen Wochen war es dann so weit. Das Wetter war trocken und nicht zu kalt. Viele Verkaufsstände standen draußen, schön geschmückt, und boten aus den verschiedenen Gewerken Spezialitäten an.
Die Azubis aus dem Ga-La-Bereich hatten wunderschöne Adventskränze und Weihnachtsgestecke gefertigt.

Von den Ständen der Großküche duftete es herrlich nach heißem Punsch, Kakao, Bratwürstchen und Reibekuchen. Die Hauswirtschaft glänzte nebenan mit selbstgemachten Kuchen und Pralinen. Und stolze Malerazubis präsentierten ihre farbenprächtigen Bilder und Arbeitsproben. Zwischendurch ertönte leise Musik. Sie wurde andächtig von zwei Gitarristen gespielt. Wem es draußen zu kalt wurde, der konnte sich im Restaurant oder im Cafe` aufwärmen...oder in unserem Laden, im Unterweisungsgebäude. Dieser war gut besucht und platzte fast aus allen Nähten. Jede Menge Kunden und vereinzelte Fotografen von verschiedenen Zeitungen fanden den Weg zu uns. Meine Azubis glühten richtig vor Aufregung und leisteten gute Arbeit. Viele Seniorenkunden lächelten mit großer Nachsicht über kleine Ungeschicklichkeiten der jungen Leute hinweg. Gerade beim Verpacken von Glas und Porzellan haperte es noch bei einigen Azubis. Die Kasse durften aber nur Ala und Christian bedienen, denn die beiden konnten sich gut konzentrieren, ohne sich dabei aus der Ruhe bringen zu lassen.

Dann kam der absolute Höhepunkt für Kevin, denn er hatte es tatsächlich geschafft und den Römertopf verkauft. Er gestikulierte mit beiden Armen und brüllte dabei ganz  begeistert zu mir herüber: "Hurra, Frau G., ich habe den Ladenhüter verkauft!"
Leider bemerkte er dabei seine Kundin nicht, die immer noch da war, und mit dem Bräter unter ihrem Arm direkt hinter ihm stand.
Mein Gott Kevin!!!

Rosi65


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Kommentare (12)

Rosi65


Danke auch der lieben Majorie für das Herz.

Liebe Grüße
 Rosi65

Rosi65

Vielen Dank für die schönen 💗chen von:

Manfred36, Monalie, Muscari, KarinIlona, Tulpenblüte und nnamtor44

Herzlichen Gruß
   Rosi65

Christine62laechel


Liebe Rosi, mir bereitete die Arbeit mit solchen Jugendlichen auch immer viel Freude, und ich war von ihnen sehr beliebt. Leider dann nicht mehr, denn da musste man ein Zertifikat dafür haben, und es war gerade kein guter Moment in meinem Leben für eine zusätzliche Anstrengung.

  Solche komischen Ereignisse können im Moment ziemlich peinlich sein, doch dann erinnert man sich daran, und einfach lacht! :)

Mit herzlichen Grüßen
Christine

Rosi65

Liebe Christine,

ja, das kann ich gut verstehen, denn das Reha-Zertifikat läuft in 8 Modulen über 12 Monate, plus Hausaufgaben fürs Wochenende.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte diese vielen lustigen Geschichten als Comiczeichnungen festhalten.😊

Dankeschön für Deine Zeilen!

Liebe Grüße
Rosi65

indeed

Liebe Rosi,

auch ich habe amüsiert und mit einem Lächeln deinen Blog gelesen. Schön geschrieben und der Schluss: na ja, Kevin hat mir schon etwas leid getan. Im Überschwang der Gefühle . . .

Gehe ich gerne mit einem Lächeln ins Wochenende und schicke dir Dank und Grüße.
indeed

Rosi65

Liebe indeed,

da es sich um eine Reha-Ausbildung handelte, benötigten diese jungen Leute viel Geduld, Aufmerksamkeit und Zuwendung. Die meisten von ihnen hatten leider nicht das Glück in geborgenen Familienverhältnissen aufzuwachsen.
Da zählt dann wirklich jedes Lob, selbst für den kleinsten Erfolg, gleich doppelt.
Danke, für Deinen lieben Kommentar.

Herzlichen Gruß
   Rosi65 

Muscari


Liebe Rosi,

mit Interesse und Vergnügen habe ich Deine Geschichte gelesen.
Die Pointe am Schluss ist einerseits peinlich und doch köstlich. Zumindest im Rückblick.
Auch mich hätten die Gedanken der Käuferin interessiert, als sie plötzlich verschwand.
Danke für diesen Schmunzler.
Mit herzlichem Gruß
Andrea

Rosi65

Liebe Andrea,

das großes Ziel meiner Teamkollegen und mir, war immer, möglichst alle Azubis sicher durch die Abschlussprüfung zu bringen. Leider klappte es nicht immer komplett. Aber für alle anderen, die ihre Prüfung bestanden, war es der schönste Tag in ihrem Leben. Und für uns Mitarbeiter natürlich auch.
Dann denkt man doch gerne an so kleine Unzulänglichkeiten zurück,...und langweilig wurde es auch nie. 😉
Es freut mich, dass Dir meine kleine Episode gefallen hat.

Viele Grüße
 Rosi65

Monalie

Hallo Rosi das war ein kleiner Lacher,eine nette Geschichte hat mir gefallen,ich war auch im Handel und kenne mich auch aus. Hat mir gefallen,lieben Gruß Mona🌹

Rosi65

Liebe Monali,

ja, ich fand diesen Moment ziemlich peinlich.😡 Aber ich habe meinen Beruf als Ausbilderin sehr geliebt, denn die jungen Leute waren mir, trotz vieler Kapriolen, doch sehr ans Herz gewachsen.
Danke für Deinen Kommentar

Herzliche Grüße
  Rosi65

Roxanna

Richtig spannend ist deine Geschichte, liebe Rosi und nun hast du das Ende offengelassen. Hat sie ihn mitgenommen oder entrüstet wieder zurückgegeben 😉 oder hat sie am Ende gar schallend gelacht, weil sie viel Humor hatte. Ich hätte ihn auf jeden Fall genommen, weil ich meinen Römertopf sehr oft benutze und so sieht er auch aus. Längst schon wäre mal ein neuer fällig gewesen, aber die sind inzwischen ganz schön teuer geworden. Steht vielleicht noch irgendwo bei dir ein Ladenhüter herum? Gerne habe ich deine Geschichte gelesen und grüße dich herzlich

Brigitte

Rosi65

Liebe Roxanna,

"Die besten Pferde machen den größten Mist." Ich glaube, es gibt wohl kein besseres oder passenderes Sprichwort zu dieser kleinen Anekdote.
Und zum Glück war dann die Kundin schnell im Gedränge verschwunden.
Danke für Deine Zeilen.

Herzliche Grüße
   Rosi65

 
 


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