Helmut Gollwitzer: "...und führen wohin du nicht willst: Bericht einer Gefangenschaft


Helmut Gollwitzer:

Liebe STler*innen,
 
 
heute vor 110 Jahren,  am 29. Dezember 1908, wurde Helmut Gollwitzer, evangelischer Theologe, Schriftsteller, Sozialist und Friedensaktivist geboren.  Aus diesem Anlass habe ich für Helmut Gollwitzer, mit dem mich  über ein Jahrzehnt lang eine Lehrer-Schüler-Freundschaft verband, hier für den ST einen Blog gestaltet.
 
Zum seinem 80-sten Geburtstag am 29. Dezember 1988, also vor 30 Jahren, hatte ich sogar die freundliche Einladung erhalten, wie andere seiner Studenten auch, eine Rede halten zu dürfen. Das konnte ich damals aber nicht. So kaufte ich einen wunderschönen Blumenstrauß, und eine damalige gute Bekannte von mir brachte diesen bei Helmut Gollwitzer in der Nebinger Straße in Berlin-Dahlem vorbei. Helmut Gollwitzer hatte sich sehr darüber gefreut, wie mir diese Bekannte anschließend mitteilte. Ich hatte dem Blumenstrauß noch ein abgetipptes Gedicht von Hölderlin: „Dankgedicht an die Lehrer“ beigefügt.
 
2005 hatte ich Helmut Gollwitzer mit seinem Buch „ ...und führen wohin du nicht willst: Bericht einer Gefangenschaft“ auf meiner damaligen Senioren-Homepage vorgestellt. In diesem Buch schreibt er ausführlich über die  russische Gefangenschaft als deutscher Kriegsgefangener, und dieses Buch gilt als eines der besten von ihm. Ich habe den damaligen Blog von mir noch einmal bearbeitet und stelle das Buch hier nun sehr gerne noch einmal vor. 
 
Ich freue mich, für Helmut Gollwitzer noch einmal so aktiv werden und hier im ST sogar einen Blog gestalten zu können! Man glaubt nicht, wie schnell die Jahre vergehen, und schön ist es doch, wenn auch die Vergangenheit ihren Platz im Gesamtgeschehen sowohl des Einzelnen als auch der Gesellschaft erhält.
 
 
 
Und nun zum Buch: „ ... und führen wohin du nicht willst: Bericht einer Gefangenschaft“   
 
 
Text: Von der Rückseite des Buchdeckels
 
"'Einen großen Bericht, der uns in seiner phrasenlosen, konkret-nüchternen Sachlichkeit und psychologischen Deutkraft als ein großes geschichtliches Dokument erscheint', nannte Theodor Heuss dieses Buch, das in dreifacher Hinsicht bedeutend ist: Sorgsam abwägend und sachlich gibt Helmut Gollwitzer ein allgemein gültiges Bild von der russischen Gefangenschaft; unvoreingenommen setzt er sich mit dem marxistisch-leninistischen Kommunismus auseinander; im Mittelpunkt aber steht die christliche Glaubenserfahrung, die sich in der Grenzsituation menschlichen Daseins als tragende und überwindende Kraft erwies. Zu zeigen, daß das scheinbar Zufällige und Sinnlose dennoch Ziel und Sinn hatte und auf ein planvolles Ganzes hin geordnet war, dies zu erkennen und auszusprechen, ist das Außergewöhnliche des Buches."
 
 
Meine Gedanken zum Buch im Jahr 2005:
 
Dieses Buch (in der Gütersloher Taschenbuchausgabe von 1983) habe ich von Helmut Gollwitzer in der Weihnachtszeit 1987 mit einer  Widmung geschenkt bekommen.
 
Ich hatte es schon Jahre früher - während meiner Studienzeit, die die evangelische Theologie, von mir  fakultativ  gewählt, mit umfasste - gelesen. Es ist ein wunderbares Buch, und 60 Jahre nach Kriegsende ist ganz sicher die richtige Zeit, um noch einmal sowohl an das Buch als auch an die deutschen Kriegsgefangenen in Russland  zu erinnern und so Menschen zu ermutigen, sich mit ihrer eigenen Geschichte, die oft vom  2. Weltkrieg dominiert worden war, noch einmal  zu beschäftigen. Hierzu kann dieses Buch in besonderem Maße dienlich sein!
 
Für mich war es nicht nur eine Beschäftigung mit den Inhalten des Buches, sondern zugleich eine Rückerinnerung an die Studienzeit an der Freien Universität in Berlin, die zu einem bleibenden geistigen Erfahrungsschatz besonders durch die Begegnung mit Helmut Gollwitzer geworden ist.
 
Helmut Gollwitzer predigte zu jener Zeit öfter in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem, und nach den Gottesdiensten, zu denen die Menschen in Scharen kamen (regelrechte ’Völkerwanderungen‘ waren zu verzeichnen!), gab es im Foyer der Kirche regelmäßig Nachgespräche, an denen jeder Interessierte teilnehmen konnte. Die Predigtinhalte wurden so noch einmal einer allgemeinen Erörterung zugänglich gemacht.  Sie sind auch in Predigtreihen oder einzeln veröffentlicht worden. Das hat bestimmt seinen Sinn. Aber unübertroffen  sind die persönlichen Begegnungen mit Helmut Gollwitzer, die Menschen befähigen konnten, ihrem ganzen Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben!  - Auch in dem hier vorgestellten Buch ist davon die Rede. ...
 
(Im Juli 2005)
 
 
 
Mehr zum Inhalt:
 
 
Bericht einer Gefangenschaft
 
 
 "Helmut, das muß in dein Buch! war eine stehende Redensart meiner Kameraden, wenn uns in der Gefangenschaft wieder etwas Absonderliches begegnete. Einiges davon steht nun wirklich in diesem Buche. Andere haben viel Absonderlicheres in Rußland erlebt als ich, auch viel Schlimmeres, mancher war durch Sprachkenntnisse und Gelegenheit besser als ich instandgesetzt, zum wirklichen Leben des russischen Menschen vorzudringen. So hätten viele mehr als ich zu berichten. ..." - so beginnt Helmut Gollwitzers Vorwort zur Gütersloher Taschenbuchausgabe seines 1951 erstmalig erschienenen Buches: "...und führen wohin du nicht willst: Bericht einer Gefangenschaft".
 
Es sei dahin gestellt, ob es anderen hätte gelingen können, zum einen die Situation deutscher Kriegsgefangener - und damit auch die eigene Situation - in der Sowjetunion so klar und gut zu beschreiben und zum anderen zugleich hiermit sowohl eine Situations- und Lagebeschreibung der damaligen Sowjetunion, soweit sie sich einem Kriegsgefangenen mitteilte, als darüber hinaus geisteswissenschaftliche Reflexionen unter Einbeziehung des (von Helmut Gollwitzer in der Gefangenschaft studierten) Marxismus und vor allem auch des in die Gefangenschaft mitgebrachten christlichen, protestantischen Glaubens so zu gestalten, dass dies alles zusammen genommen wie aus einem einzigen Guss ist.
 
Das erste Kapitel "Im Arbeitslager" enthält die zwei Unterkapitel: "Gefangennahme" und "Arbeitslager 1945 - 1947".
 
Das zweite Kapitel beinhaltet das "Krasnogorsker Tagebuch".
 
Das dritte Kapitel: "Das letzte Jahr" enthält die vier Unterkapitel: "Wieder im Arbeitslager", "Vom Leben des Sowjetmenschen", "Die Lagergemeinde" und "Die Heimfahrt".
 
Das letzte Kapitel beschreibt "Weihnachten 1945 - 1948".
 
 
 
Ich möchte hier eine Stelle aus dem Buch zitieren, die mir beim Lesen - neben vielen anderen wichtigen Stellen - besonders auffiel. Den interessierten Leser*innen möchte ich anraten, sich das Buch eventuell antiquarisch zu beschaffen und den gesamten Inhalt in aller Ruhe auf sich wirken zu lassen. Nicht nur ein Stück unwiederbringlicher Vergangenheit kommt in den Blick, sondern eine gewissermaßen ‘Menschlichkeit vermittelnde Menschlichkeit‘, wie sie Helmut Gollwitzer eigen war und sie ihm weder in der Gefangenschaft noch später je abhanden gekommen ist.
 
Und nun zum Zitat aus dem Buch:
 
..."Wären unsere eigenen moralischen Kräfte, unser Gemeinschaftssinn und unser Zusammengehörigkeitsgefühl stärker gewesen (um der von Helmut Gollwitzer einen Absatz darüber beschriebenen "planmäßigen Zersetzung jedes kameradschaftlichen Zusammenhalts" durch die damaligen Russen im Kriegsgefangenenlager zu widerstehen, d.V.), wir hätten dies alles als eine Probe bestanden. Warum war statt dessen das Ergebnis jahrelanger kollektivistischer Erziehung in der Hitlerzeit kein anderes, als daß jeder Gemeinsinn bei der ersten Probe auf Anhieb zerbrach und in zynischen Egoismus umschlug? Es mußte nicht so sein; nicht nur die allgemeine und natürliche menschliche Schwäche war daran schuld. Die Alten sagten es uns, die schon im ersten Weltkrieg Gefangenschaft erlebt hatten und uns versicherten, damals sei es besser gewesen; die Jungen bestätigten es uns durch ihr Verhalten, da gerade bei ihnen die HJ-Erziehung einen erschreckenden Zynismus zeitigte, und die Ungarn und Japaner lebten uns die andere Möglichkeit vor. Einem japanischen Lager in unserer Nähe gelang, was mit Deutschen nie durchzusetzen war; daß die Russen die Verteilung des Verdienstes auf die gesamte Lagerbelegschaft  nicht verhinderten. Die japanische Gemeinschaft fiel unter der politischen Versuchung nicht auseinander. Die zuchtvolle Art, in der japanische Soldaten ihren Offizieren gegenüberstanden, hat mir immer wieder Eindruck gemacht und stach so sehr ab von der plebejischen Achtungslosigkeit, mit der deutsche Landser ihre entthronten Offiziere meinten behandeln zu müssen. ... So war denn 'Deutscher, hüte dich vor den Deutschen!' ein nicht unbegründetes geflügeltes Wort in den Lagern.
 
Ein böses Wort, von manchem so heftig ausgerufen, als wolle er damit nach der bisherigen Selbstverherrlichung der Deutschen eine negative Rassenlehre aussprechen. Sollte das Übel wirklich in der deutschen Art liegen? Sollte sie schlechter sein als die der anderen? In der gleichen Zeit haben mich genug Gegenbeweise getröstet. Wie oft ist mir das Herz warm geworden über dem einfachen deutschen Menschen! Was für ein Fundus von Treue und Beständigkeit ist in unserem Volk noch erhalten! Wie brach immer wieder die Lust zur Arbeit, zum Schaffen von Werten durch mitten im Sklavendasein! Wieviel einsamer Mut auch zu verantwortlicher Entscheidung für das als recht Erkannte! Wieviel Chef-Naturen hat dieses Volk in allen seinen Schichten, begabt zu Leitung und Überblick! Wie konnte man auch dem Rohesten immer wieder das Herz für den Schwächeren rühren und das Bessere in ihm wachrufen, wenn man ihn besonders nahm! Welch zartem Respekt vor den religiösen Überzeugungen anderer bin ich auch bei den Entkirchlichten immer wieder begegnet! So viele Beispiele knechtischer Beflissenheit, so viele Beispiele aufrechter, trotziger Gesinnung! Nein, sie waren sicher nicht schlechter als die anderen, es könnte vielleicht gerade aus ihrem Holze etwas besonders Gutes wachsen, wenn - ja wenn...! Was wäre hier nicht alles zu nennen, was dazu nötig wäre!" (S. 76 - 77 des Buches) ...
 
 
 
 
Über den  Autor:
 
"Helmut Gollwitzer,   geb. 1908 in Pappenheim (Bayern), studierte Theologie und Philosophie in München, Erlangen, Jena und Bonn. Die für ihn wichtigsten theologischen Lehrer waren G. Merz, F. Gogarten, P. Althaus, besonders aber Karl Barth. Nach dem ersten theologischen Examen (1932) war er Vikar in München und Schloßprediger in Österreich. Anschließend übernahm er das Referat für den theologischen Nachwuchs der Bekennenden Kirche, zuerst beim thüringischen, dann beim altpreußischen Bruderrat. Promotion 1937 bei Karl Barth in Basel mit einer Arbeit über die altlutherische Abendmahlslehre. Ab 1938 vertrat er den verhafteten Martin Niemöller in dessen Gemeinde Berlin-Dahlem und war Dozent an der damals illegalen Hochschule der Bekennenden Kirche in Berlin. 1940 Ausweisung aus Berlin und Redeverbot, Einziehung zur Wehrmacht, 1945 bis 1949 russische Gefangenschaft. 1950 bis 1957 Professor für Systematische Theologie in Bonn, seither an der Freien Universität Berlin."   (Text: Rückseite des Buchdeckels; wie oben) 
 
 
"1975___Vor der Emeritierung die letzte Vorlesung 'Einführung in die Evangelische Theologie', 1978___als Buch unter dem Titel: 'Befreiung zur Solidarität'  ... 1986___Am 1. Oktober Tod von Brigitte Gollwitzer.  ... 1987/1988___  Noch einmal theologische Vorlesungen an der FU über Luthers Kleinen Katechismus. Seminar über die Lehre von der Allversöhnung.  ... 1993___Am 17. Oktober Tod in seinem Berliner Haus. Am 29. Oktober Dankgottesdienst in der Jesus-Christus-Kirche und Beisetzung auf dem St.-Annen-Friedhof  in Berlin-Dahlem."  (Aus: "Helmut Gollwitzer - Es geht nichts verloren  1908 bis 1993; herausgegeben im Auftrag der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste und der Kirchengemeinde Berlin-Dahlem von Wolfgang Brinkel. Lamuv Verlag   ISBN 3-88977-380-X )

 

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"The passion of his life was his fight for the individual against the authoritarian state." Londoner Times,  21. 10. 1993
 
 
"Ein zorniger Mann, ein frommer Mann! So provozierend sein Aufbrausen sein konnte, so anrührend seine Frömmigkeit. Als der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann im Sterben lag, saß sein Freund Helmut Gollwitzer bei ihm und sang ihm zum Troste Lieder aus dem Gesangbuch vor. Wer hätte ihm selber ein solcher Begleiter sein können?" (Robert Leicht   in: Die Zeit, 22. Oktober 1993)
 
 
 
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Bild oben: Buchdeckel des vorgenannten Buches
 
 
Ich danke dem Beauftragten der Erben des Urheberrechts von Helmut Gollwitzer für die Möglichkeit, Originalgedanken aus dem o.g. Buch hier im Blog veröffentlichen zu dürfen. 
 
 
 
 
Liebe STler*innen,
 
ich wünsche einen schönen und geruhsamen Tag
zwischen den Jahren 2018/2019
 
Angeli44
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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Kommentare (2)

silesio

Liebe Anjeli,
danke von Herzen für deine Initiative. Die evanglische Kirche hat rein formal keine Heiligen. Aber Bonhoeffer kann ich nicht andern betrachten als Märtyrer und Heiligen.
Gern hätte ich etwwas von ihm, etwa sein unerschütterliches Vertrauen: Von guten Mächten  wunderbar getragen erwarten wir gestrost, was kommen soll.
Ein einzigartiger Mensch! Ein Vorbild!
            Silesio

Angeli44

Guten Morgen Silesio, vielen Dank für deinen Kommentar! Über Bonhoeffer habe ich bisher noch keinen Blog erstellt. Ich weiß auch nicht, ob das noch geht. Das Alter fordert seinen Tribut, und vieles geht immer langsamer und seltener.

Aber ich kenne natürlich sein Gedicht - und die letzte Strophe davon:  "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Er hatte  das Gedicht verfasst, als er schon in der Todeszelle saß. Und dieses Gedicht ist heute noch für viele ein Zeichen für Trost und Zuversicht. Ich habe gerade bei Google gesehen, dass es oft zu Weihnachten und zum neuen Jahr gelesen oder gesungen wird. - Hier noch die letzte Strophe: 

"Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag."

Dir einen schönen Tag und ein gutes neues Jahr 2019

Angeli Rose 
 


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