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Plaudereien "Dialektische" Mißverständnisse

navallo
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"Dialektische" Mißverständnisse
geschrieben von navallo
Zentralthüringer antworten zustimmend oft mit "norr" statt mit "ja" auf eine Frage. Die Herkunft des Wortes liegt im Dunkeln. Die Bedeutungsbreite von "norr" läßt sich kaum durch ein gleichwertiges deutsches Wort übersetzen. Vielleicht kommt "ja gern" oder "selbstverständlich prima" dem Sinn noch am nächsten. Es wird aber auch am Ende einer Aussage als rückfragende Bekräftigung, auf die man keine Antwort erwartet, im Sinne von "nicht wahr" gebraucht, ist vielleicht auch daraus entstanden. "Skommt Schtorm off, norr!" heißt dann "Es kommt Sturm auf, nicht wahr!" Es läßt sich zudem in Denkpausen als akustische Untermalung anstelle von "äh", als mitgesprochener Punkt am Satzende oder ähnlich dem Amen in der Kirche als Redeschluß verwenden.

Als unser Nesthäkchen, 11-jährig, erstmals in den großen Ferien unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung Angehörige in Bonn besuchte, wollte man dem armen Ostkind viel Gutes tun. Man fragte ihn ob er diese Leckerei, jenes Spielzeug oder ein unterhaltsames Freizeitangebot gern haben möchte. Seine Antwort war immer ein von großen Strahleaugen und leichtem Kopfnicken begleitetes "Norr!". Die Verwandten deuteten das als mundartliches "Nein" oder "nur nicht", rechneten es übertriebener Bescheidenheit zu und fragten sich, womit man dem Jungen überhaupt eine Freude bereiten könnte. Der Knabe wiederum fühlte sich verhöhnt, "weil die immer bloß frachn un nischt gähm". Es dauerte einige Zeit, bis das Mißverständnis nach intensiver Befragung aufgeklärt werden konnte und wieder Harmonie einkehrte. Ich weiß allerdings bis heute nicht, ob nun die guten Onkels und Tanten sich auf die korrekte Bedeutung des "Norr" eingestellt hatten oder der Knabe fortan mit einem "Ja, bitte!" seine Wünsche erfüllt sah, norr.

Wer kennt Ähnliches?
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navallo
silhouette
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Re:
geschrieben von silhouette
als Antwort auf navallo vom 17.07.2008, 17:32:40
Sagen nicht auch die Sachsen "nunu" und meinen Ja?
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silhouette
navallo
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Mitglied

Re:
geschrieben von navallo
als Antwort auf silhouette vom 17.07.2008, 17:38:57
Stimmt!
Zumindest bei den Westsachsen bedeutet „Nu“ Zustimmung – Ich vermute, es hat den gleichen Ursprung wie das Thüringer „Norr“. In Niederschlesien (gibt’s hier überhaupt noch Leute von dort? Wo ist Wanda abgeblieben?) existierte so was Ähnliches im „Nieworni“ ( = nicht war, nicht?) als zur Bestätigung auffordernde Floskel oder Denkpausenfüllsel.
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navallo

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wolfgang38
wolfgang38
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Re:
geschrieben von wolfgang38
als Antwort auf navallo vom 17.07.2008, 18:00:33
Ich habe Freunde in Oberfranken. Da bedeutet "No" auch ein zustimmendes, bestätigendes "Ja"
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wolfgang38
uki
uki
Mitglied

Re:
geschrieben von uki
als Antwort auf navallo vom 17.07.2008, 18:00:33
Im Ruhrgebiet als bejahender Zusatz gerne am Ende eines Satzes benutzt: Datt war abber heut widder schön, ne.
(das e offen ausgesprochen)

Datt mag´se nich, ne?

Antwort: Nee! (geschl. ausgespr.)

Nee, sach ma, datt meinze doch nich in echt, ne?

PS So viel ich weiß, hatte Wanda im alten Forum entschieden, sich hier nicht anzumelden.
Stimmt doch, ne?





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uki
adam
adam
Mitglied

Re:
geschrieben von adam
als Antwort auf navallo vom 17.07.2008, 17:32:40
Hallo Navallo

Ähnlichkeiten zu Deinem "norr" bietet das schwäbische "hanno!!" Es wird in mehreren Variationen angeboten und kann, je nach Gespräch, Zustimmung als auch Ablehnung oder beides nicht oder doch bedeuten. Berichtet ein Schwabe z.B. einem Freund: "Dr Dokter hat mer mei Viertele verbiete welle. Dem habbi abber was verzählt!", so antwortet sein Freund mit bestätigender Entrüstung "Hanno!!", was soviel bedeutet wie: "Des hätt`em au gsaat, i tät mei Viertele au weiter saufa!". Im umgekehrten Fall wird dem Schwaben vielleicht berichtet, daß man einen Dieb der Polizei übergeben hat und wieder antwortet der Schwabe mit "Hanno!!", was heißen soll "Scho recht, abber i hät koi Bolizei braucht, i hätt`en v`rschlage un renne lasse. Der tät nimme stehla!"
Überhaupt brilliert der Schwabe bei Abkürzungen. Entschuldigt sich ein Rempler bei seinem Opfer mit den Worten "Entschuldigen sie, ich habe sie übersehen, es war keine Absicht!", lüpft der Schwabe den Hut und sagt, dasselbe meinend, "Oppala!" Diese Gewohnheit der Abkürzung ist dem Schwaben lieb und teuer und er legt sie selbst in romantischer Atmosphäre nicht ab. Erkundigt sich der zärtliche Ehemann in der Hochzeitsnacht nach deren "Aua!" bei seinem Schatz "Hab ich dir weh getan Liebling?" so bestätigt der Schwabe den Vollzug mit einem kurzen "Etzertle!!"

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adam

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silhouette
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Mitglied

Re:
geschrieben von silhouette
als Antwort auf adam vom 17.07.2008, 19:18:06
Als Urschwäbin kann ich deine Definitionen von hanó annähernd bestätigen. Es ist ein sehr weit einsetzbarer Ausdruck des Erstaunens, angenehm überrascht oder renitent gemeint.

Auch an der Wortkargheit ist was dran, Deutlichkeit ergibt sich aus dem Grad der Grobheit, die nicht bös gemeint sein muss. Siehe auch die vielen "Goagäwitz".

Aber Mit dem Etzetle hat es noch eine andere Bewandtnis: Ein frisch verheiratetes Paar kommt nach Hause. Der Bräutigam: "Sodele", und nimmt seine Frau auf die Arme, um sie über die Schwelle zu tragen. Im Schlafzimmer vor dem Bett setzt er sie ab: "Etzedle". Nach erfolreich abgeschlossener Fortsetzung kommentiert er: "Heidenei", was immer und eindeutig (im Gegensatz zu Hanó) ein Ausdruck des bewundernden Erstaunens ist.
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silhouette
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Re:
geschrieben von silhouette
als Antwort auf uki vom 17.07.2008, 18:47:38
Ich bin der Martin, ne?
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silhouette
Medea
Medea
Mitglied

Re:
geschrieben von Medea
als Antwort auf navallo vom 17.07.2008, 18:00:33
Ninna und ich sind wohl die einzigen hier noch verbliebenen geborenen Niederschlesier. Das Wort "nieworni" ist mir nicht bekannt, wahrscheinlich oberschlesisch gg -
Niederschlesier legen - ebenso wie die Franken, die nicht mit den Bayern verwechselt werden wollen - großen Wert auf ihre niederschlesische Herkunft und korrigieren sofort, sollte sich da mal jemand vertun. gg
Ich kenne das Wort "gell" am Ende eines Satzes, das quasi noch einmal eine Bestätigung des Gesagten sein soll. Kann auch am Anfang eines Satzes stehen etwa so: Ja gelle, das hast du mir jetzt nicht geglaubt? Aber auch: Nu? Als Fragewort, aber mit offen gesprochenem "u".
Und ein Fünf-Pfennig-Stück wurde "enn Biehma" genannt, das war aus dem Böhmischen
rübergerettet.

Medea

NB: und was "Etzertle" bedeutet lieber Adam kann ich mir leider auch bei all meiner Fantasie nicht vorstellen .....
Linta †
Linta †
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Re:
geschrieben von Linta †
als Antwort auf Medea vom 17.07.2008, 19:49:06

Das kann ich nur so bestätigen.

ninna

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