Anthropologie / Psychologie Ich frage meine linke Hand

Mareike
Mareike
Mitglied

Ich frage meine linke Hand
geschrieben von Mareike
Ich frage meine linke Hand

Dieser Tage berichtete Edita im Thread: Worüber habe ich mich heute gefreut, geärgert oder auch nur gewundert? Nr.2 von ihrer „himmlischsten, und zugleich aber auch teuflischsten Tochter aller Töchter“.

Ich schrieb daraufhin:

„Edita,

ich bin immer wieder beeindruckt, wie Du Deine "Lebensaufgabe" meisterst!

Da ich mich immer wieder neu für Kommunikation interessiere, sowohl im realen wie im virtuellen leben, war ich heute mit Folgendem gedanklich beschäftigt:
1. Man kann nicht nicht kommunizieren.
2. Der Mensch ist auf Kommunikation angewiesen.

Beim Recherchieren fand ich diese Seite:
Kommunikation ... was bedeutet das für mich?

Magst Du uns mehr darüber erzählen, wie sich die Kommunikation mit Deiner Tochter gestaltet?


http://community.seniorentreff.de/forum/board/Worueber-habe-ich-mich-heute-gefreut-geaergert-oder-auch-nur-gewundert-Nr-2;tpc5,332442,88#__

Wir haben uns ein wenig ausgetauscht und in Absprache mit Edita eröffne ich dieses Thema unter Anthropologie, in der festen Überzeugung, dass diese besondere Tochter und ihre außergewöhnliche Mutter vieeeeeeeeeeel zu erzählen haben.

Vorab schon mal einen Mausi-Spruch, der maßgebend war für den Threadtitel:

" Was ich weiß entscheide ich! Ich kann nur sagen, was ich weiß, wenn ich nicht weiß entscheidet meine linke Hand, sage ich aber auch, ist halt so, ich bin so geboren, und das ist nicht mein Problem! "

Und in der Fortsetzung:

" Jaha, ich war immer als erstes dran, jetzt nicht mehr, jetzt bin ich in der richtigen Reihe, und meine linke Hand hat akzeptiert! "

DAS SIND LEBENSWEISHEITEN! HUT AB FÜR MUTTER UND TOCHTER!

Und kleinlaut stelle ich mir die Frage: Wie könnte mein rechter Zeh Kontakt kriegen zum linken Finger meines Gegenübers? Nur mal so bildlich gesprochen.

Ich bin sehr gespannt !!!

Herzlichst

Mareike
Edita
Edita
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von Edita
als Antwort auf Mareike vom 03.05.2014, 12:32:16

Und kleinlaut stelle ich mir die Frage: Wie könnte mein rechter Zeh Kontakt kriegen zum linken Finger meines Gegenübers? Nur mal so bildlich gesprochen.
Mareike


Ich glaube den Ehrgeiz solltest Du vergessen, Mareike, das wirst Du nie schaffen !
Die gesamte linke Körperhälfte meiner Tochter war für sie schon immer etwas Besonderes, man durfte sie nie, z.B. beim Laufenlernen, an der linken Hand anfassen, ich habe das aber als Spleen abgetan, und dem keine besondere Bedeutung beigemessen, ihn aber trotzdem geachtet, so alt wie sie jetzt ist, sie ist noch nie, z.B. beim Schlafen, auf ihrer linken Seite gelegen, das z. B. ist mir erst auch nach Jahren aufgefallen!
Erst als sie, jetzt vielleicht vor 15 Jahren ihre linke Hand personifiziert hat, nämlich als ihr " falsches, zweites Ich ", kann man überhaupt erst mit ihr kommunizieren, vorher hatte sie kein großes Bedürfnis dazu, bis dahin hat sie die meiste Zeit stillschweigend beobachtet, obwohl sie auch da schon reden konnte, das war ihr wohl nicht gar so wichtig !
Aber sie hat damals schon, heute hat sie das perfektioniert, die Menschen, die ihr begegneten, in Sekundenschnelle abgescanned und in ihrem Hirnspeicher abgelegt, und irgendwann, das kann auch nach 10 Jahren oder noch mehr sein, holt sie das Bild hervor und fragt mich " weißt Du noch ?" Meistens weiß ich nix mehr, weil wir ganz viele Leute davon nur einmal gesehen haben!
Was das Sprechen anbelangt, so hat sie, zwar enorm zeitverzögert, so mit ca. 6 J erst mal nur die Begriffe gesammelt, die ihr wichtig erschienen, mit 8 J hat sie dann einen Wortschatz von ca. 50 Wörtern gehabt, den sie dann bis ca. 20 - 25 J auf ein einigermaßen Normallevel, aber dennoch niedrig, angehoben hat!
Dann bekamen wir ein Hundebaby, einen Bouvier des Flandres, und sie hat die ersten zwei, drei Nächte mitbekommen, wie das Hundbaby nach seiner Mutter geweint hat, und tagsüber aber immer zu ihr gekrochen kam, und ausgerechnet bei ihr " Schutz gesucht " hat, das hat sie gespürt und hat angefangen mit ihm " ganz normal " zu reden!
Irgendwann muß ihr aufgefallen sein, oder wußte sie es schon früher, und sie hat das nur nicht gestört, daß wir noch anders reden, und dann hat sie angefangen, sich jeeedes Wort, jeeeden Begriff den sie kannte, erklären zu lassen, ein Wort und mindestens 20 Fragen, von jeder Seite aus beleuchtet, mit all seinen Schattierungen, ob groß, klein, traurig, fröhlich, muß oder kann, wann muß oder kann, Pflicht oder Vergnügen, also den Wortschatz, den sie jetzt hat, und da kann sie jetzt mit Jedem mithalten, da hat sie mir zu jedem Begriff mindestens 100 Fragen gestellt, einschließlich mit der
" Rückwertsprobe "!
Mein Fazit aus der ganzen Sache ist : Ich habe sie immer so akzeptiert wie sie war, ich habe mich nie, bis heute nicht, für sie geschämt, wir haben sie überall hin mitgenommen, ich habe sie aber therapeutisch nie vergewaltigt, da gab es Ende der 70-ger Anfang der 80-ger Jahre, als der Autismus als solcher diagnostiziert wurde, sie gehört mit zu den ersten, bei denen dies der Fall war, " die Festhaltetherapie " nach Nikolaas Tinbergen, eine angebliche Möglichkeit, durch intensives aggressionsfreies Festhalten, Bindungsstörungen des Kindes zu beseitigen, das hat mir so widerstrebt, ich konnte es nicht, zumal ich gespürt habe, daß sie das nicht gewollt hat, sie hat sich nie in meine Arme gekuschelt, ich durfte ihr nie ein Küßchen geben, aaber.........ich habe das akzeptiert, und sie hat sich ganz vertrauensvoll mit der geringsten Möglichkeit der Körperberührung, in meine Arme legen lassen, sie hat gespürt, daß ich sie trotzdem liebe und nicht frustriert bin!
So bin ich bis jetzt ihr ganzes Leben mit ihr verfahren, im Groben gesehen, es gab aber auch Wut und Verzweiflung und auch " das kriegst du jetzt aber zurück " oder " das zahle ich dir heim " aber diese Sachen nur angedacht.........und schon ging es weiter, manchmal sogar mit einer anderen Idee!
Nein, ich bin keine Übermutter, Millionen von Tränen können das bezeugen!

Edita braucht jetzt eine Ziggi
beresina
beresina
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von beresina
als Antwort auf Edita vom 03.05.2014, 18:04:15
liebe edita,
du bist die stärkste frau hier weit und breit.
ich rauche eine mit und lass die tränen kullern.

lg beresina

Anzeige

myrja
myrja
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von myrja
als Antwort auf Edita vom 03.05.2014, 18:04:15
Liebe Edita,

jetzt brauchte ich auch erst mal eine Zigarette. In meinem Kopf wirbelt alles durcheinander.

Mir war schon lange klar, dass Du eine ganz besondere Frau bist. Deine Liebe, gepaart mit Deiner Stärke, mit Geduld und Deinem Einfühlungsvermögen - Mausi hätte es mit Dir als Mutter nicht besser treffen können!

Ganz liebe Grüße zu Dir und zu Deiner tollen Teufels- und auch Engelstochter und dass Du trotz aller Widrigkeiten immer Deinen Humor behältst, auch wenn es manchmal sicherlich eher Galgenhumor ist.

Myrja
pschroed
pschroed
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von pschroed
als Antwort auf Edita vom 03.05.2014, 18:04:15
Liebe Edita.

Meine Hochachtung, vor diesem Beitrag kann man soviel positives aufsaugen, sowie sich persönlich mal die Frage stellen wenn man wieder mal glaubt in irgendeiner Weise im unserem täglichem Egoismus nicht zu unserem gekommen zu sein.

Ich bewundere deine Mausi und vor allem dich, deine Energie sowie deine Ausdauer, welche man nur mit sehr viel Intelligenz und Geduld sowie einer Bescheidenheit eines gewaltigem Maßes überstehen kann.

Hut ab, Philippe
Edita
Edita
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von Edita
als Antwort auf pschroed vom 03.05.2014, 18:21:53
Kinners, wenn ihr das gerne gelesen habt, ich habe nur nach dem Gedankensprudeln geschrieben, freut mich das, aber bitte, bitte nicht auf die Tränendrüsen drücken, sonst kann ich nichts mehr lesen! und rauche eine nach der anderen, wollt ihr das ?

Edita

Anzeige

Mareike
Mareike
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von Mareike
als Antwort auf Edita vom 03.05.2014, 18:28:32
Danke Edita für Deinen ersten sprudenden Bericht!
Ich bin froh, dass ich den Mut hatte, darum zu bitten.

Alles Liebe
Mareike

PS: Kennst Du die autobiographische Geschichte des Christy Brown?
Als zehntes von zwölf Kindern wird er mit dem unschönen Schicksal einer zerebralen Kinderlähmung geboren. Die Ärzte hätten ihn aufgegeben, doch die Mutter folgte ihren Ratschlägen nicht.
Mein linker Fuß
old_go
old_go
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von old_go
als Antwort auf Edita vom 03.05.2014, 18:28:32
Liebe Edita

mit Worten kann ich nicht zum Ausdruck bringen,wie gross meine Hochachtung vor dir,deiner Leistung
und mein mütterliches Mitgefühl
für alles ist,was du schicksalhaft gemeistert hast
und täglich leistest!

Lass dich einfach mal in den Arm nehmen!

Gudrun
Gillian
Gillian
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von Gillian
Liebe Edita, ich wollte auch spontan eine Huldigung auf dich und deine besondere Tochter formulieren ... aber Beresina, Myrja und Phil konnten es besser, und ich schließe mich voll Hochachtung an!
Liebe Grüße,
Gi.
Klaro
Klaro
Mitglied

Re: Ich frage meine linke Hand
geschrieben von Klaro
als Antwort auf Edita vom 03.05.2014, 18:04:15
Du bist eine starke Frau Edita, ich habe alle Achtung vor dir.
Schön, dass deine Tochter dich als Mutter hat.

Klaro

Anzeige